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Full text of "Allgemeine Orographie: Die Lehre von den Relief-formen der Erdoberfläche"

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DIE LEH RE 



von den 



RELIEE-EORMEI DER ERDOBERELAOHE 



•..if- 






von 



CAMTSONKLAR EDLeS VON INN8TÄDTEN 

K. K. OBERST 

Comthnr des k. k. Franz Joscph-OrdenH, Ritter des k. k. Ordens der Kiaernen Krono und BesitKcr der k. k> 
goldenen Medaille fUr Wissenschaft und Kunst, correspondirendes Ehrenmitglied der k. geographischen Gesell- 
schaft zu London, correspondirendes Mitglied der k. Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, der k. k. geologischen 
Kelchsanstalt und der k. k. Landwirthschaftsgesellschaft in Wien, Ehrenmitglied des Ferdinandenms an 
Innsbruck, Mitglied der Gesellschaft degli Agiati zu Boveredo, correspondirendes Mitglied der k. k. mfthrisch- 
schlesischen Gesollschaft' für Landwirthschaft, Natur- und Landeskunde, sowie des Werner-Vereins zu Briinn, 
Mitglied der k. k. geographischen Gesellschaft, äw Deutscheu und Oesterreichischen Alpenvereins, 
Professor der Geographie an der k. k. Militilr- Akademie zu Wiener-Neustadt. 



Mit 57 Holzschnitten. 



WIEN 1873. 

WILHELM: BE A.IJM:"triL.LER 

k. k. Hof. und Universitätebuchhändler. 









• * 



VON soN klar: 



ALLGEMEINE 0R06RAPHIE, 



297547 



SEINER EXCELLENZ 



DEMHEBRN 



K. K. FELDMARSCHALL-LIEÜTENANT 



UND 



REICHSKRIEGSMINISTER 



nm Mimi m m iiiiii) 



SEINER K. K. APOST. BfAJESTAT WIRKLICHEN OEHEIMEN RATHE 

Grosskreuze des k. k. österreichischen Leopold-Ordens, Oommandenr des Maria Theresien-Ordens, 
Ritter des Ordens der Eisernen ELrone (K.-D.); Besitzer des Militär-Yerdienstkrenzes (K.-D.) und 

Inhaber des k. k. Infanterie-Regiments Nr. 17 
etc. etc. etc. 



IN EHRERBIETUNG GEWIDMET 



Ton dem 



Verfasser. 



VORWORT. 



Ich übergebe den Freunden der Geographie das vor- 
liegende Werk als eine Frucht vieljähriger Studien und 
eben so langer Erfahrungen in der Natur. Ist aus dem 
Buche das geworden, was ich aus ihm zu machen die 
Absicht hatte, dann kann es dem Lehrer der Geographie 
als ein willkommener Lehrbehelf, dem Neophyten dieser 
Wissenschaft aber, sowie dem Gebirgsfreunde und Touristen 
als Vorschule für das Studium der Urographie, d. h. für 
jenen Abschnitt des geographischen Stoffes dienen, den ich 
als das wichtigste Element der physischen und politischen 
Erdbeschreibung zu erklären keinen Anstand nehme. — Ich 
wäre glücklich, wenn mir für diese Arbeit der Beifall des 
kundigen Lesers zu Theil würde. 

Wiener-Neustadt, Ende Mai 1872. 

Ca/tl van Sonklar, 

k. k. Oberst. 



INHÄLTSYBRZBICHNISS, 



Einleitung Seite 1 

I. Oroplastischer Theil- 

A. Von der absoluten und relativen Höhe S.25. Vergleichs-Horizont 
S. 2Ö. Absolute Höhe S. 26. Relative Höhe S. 26. Grösste und geringste absolute 
Höhen des Erdfesten S. 27. Verzeichnisse von Höhen der tiefsten Gruben, des 
tiefsten Bohrlochs und der negativen absoluten Höhen der Erdoberfläche S. 27. 

B. Von den Grundformen des Bodenreliefs S. 29. Ebene, Berg- 
land 8. 29. Tiefebene, Hochebene S. 30. Tiefland S. 30. Verzeichniss der wichtigsten 
Tiefländer der Erde S. 30. Höhengrenze des Tieflandes S. 31. Unebenheiten des 
Tieflandes S. 32. Flachland, Landschwellen, Landrücken S. 32. Geognosie der 
Tiefebenen 8. 33. Hochebene im Allgemeinen S. 34. Formen der Hochebene, Plateau, 
Terrasse S. 34. Tafelland, Terrassenland S. 34. Tafelländer der Erde S. 35. 
Plateaux im engeren Sinne in Europa S. 37. Terrasse und Terrassenland S. 38. 
Aufzählung von Terrassenländern S. 39. Ränder der Plateaux, Tafelländer, Terrassen 
und Terrassenländer S. 40. Geognosie der Terrassen und Terrassenländer S. 41. 
Begriff des Berges S. 42. Hügelkette, Gebirgskette S. 43. Hügelgruppe, Berggruppe ; 
Hügelland, Bergland, Gebirgsland S. 44. Plastischer Charakter des Berglandes S. 44. 
Hochland; eine irrige Ansicht über Hochland S. 45. Begriff des Gebirges S. 47. 
Randgebirge S. 48. Begriff des Gebirgssystems S. 49. Aufzählung von Gebirgs- 
Sjstemen S. 50. Verzeichniss der wichtigsten Gebirgssysteme der Erde nach ihren 
Längen 8. 51. Gebirgsgruppen 8. 52. 

C. Von den Detailformen des Bodenreliefs 8.53. Ufer, Küste 8. 53. 
Klippen, 8chären, Riffe 8. 53. Flachküsten, Strand 8. 54. Dünenbildung, Uferwälle, 
Dünen 8. 54. Marschland 8. 55. Höhe der Dünen, Nehrung 8. 55. Steilküsten, 
Gestade, Unterklippen 8. 55. Fjorde 8 56. Hügelformen, Bodenwellen, Terrain- 
wellen 8. 67. Theile des Berges 8. 58. Gipfel der Berge, Gipfelformen 8. 58. 
Absolute und relative Höhe des Gipfels 8. 63. Rumpf des Berges, Gehänge, Gehäng- 
formen 8. 64. Classification der Gehänge nach ihren Neigungswinkeln 8. 64. Berg- 



X 

fuss und Formen desselben S. 65. Trümmergebilde im Allgemeinen S. 66. Sturzkegel und 
Schutthalden S. 66. Schutt- oder Schwemmkegel S. 67. Gebirge, Gebirgsrücken, 
Gebirgskamm, Eammlinie S. 68. Sättel und ihre Formen S. 69. Mittlere Kamm- 
höhe S. 70. Culminirender Gipfel S. 70. Verzeichniss von Eammhöhen, höchsten 
Gipfelpunkten und Passhöhen in Europa S. 70. Kammformen S. 73. Gehängformen 
in ihrer Abhängigkeit von der Geognosie des Gebirges S. 74. Bergterrassen S. 78. 
Mittlerer Neigungswinkel der Kammgehänge S. 79. Gliederung des Gebirges und 
Gliederungsformen; lineare Gliederung S. 79. Parallele Gliederung S. 80. Trans- 
versale Gliederung, Gebirgsknoten S. 81. Diagonale und divergente Gliederung S. 82. 
Radiale Gliederung, Radialknoten S. 82. Stockförmige Gliederung S. 82. Unter- 
scheidungen der Gebirge nach Höhe, Länge und Breite S. 84. Mittlere Gipfel- und 
Sattelhöhe, mittlere Schartung S. 84. Eintheilung der Gebirge nach ihrer Höhe S.85. 
Charakteristik des Niedergebirges S. 86. Charakteristik des Mittelgebirges S. 87. 
Charakteristik des Alpengebirges S. 89. Charakteristik des Hochgebirges S. 91. 
Höhenregionen des Gebirges S. 95. Eintheilung der Gebirge nach den Verhältnissen 
von Länge und Breite S. 96. Haupti'ichtungslinien des Gebirges, longitudinaleAxeS. 97. 
Kammlinie und Streichungslinie der Schichten, geognostische AxeS. 98. Linie der Was- 
serscheide S. 99. Grenzlinien der Gebirgsformationen S. 101. Karst-Gebirge S. 101. 
Vulkane, Eruptionskegel, Erhebungskegel S. 103. Krater S. 104. Absolute Höhen der 
wichtigsten Vulkane S. 105. Eintheilung der Vulkane S. 105. Schneegrenze, Schnee- 
berge S. 107. Höhen der Schneegrenze S. 107. Gletscher, Firnfeld, Eiszunge, 
Länge der Gletscher S. 108. Gletscherspalten, Eisnadeln, Moränen S. 110. Ver- 
breitung der Gletscher S. 111. Steinwälder S. 112. Erdpyramiden S. 112. 

D. Von den hohlen Formen des Bodens S. 113. I. Landbecken S. 113. 
1. Strombecken S. 115. 2. Stufenbecken S. 115. 3. Landsenken S. 115. 4. Fluss- 
seebecken S. 116. 5. Continentalräume S. 116. — IL Die Thäler, Begriff und Be- 
deutung derselben S. 116. Thalsohle und Thalhänge S. 118. Thalsohle und Ufer- 
Terrassen S. 118. Thalformen, Regenrisse, Gründe, Racheln, Mulden S. 119. Schutt- 
kaare, Eiskaare S. 120. Schlucht, Schlund S. 120. Erosionsschlund, Canons S. 120. 
Thalkehlen, Thalengen, Pässe, Clausen S. 121. Klamm S. 122. Thalbecken, Thal- 
Ebenen S. 122. Circusthäler, Kesselthäler S. 123. Stromthal, Dollinen, Maare S. 124. 
Die Thäler im Längenprofil S. 125. Hintergehänge des Thaies S. 125. Gefäll der 
Thäler S. 127. Thalterrassen, Thalstufen S. 129. Thallängen, Verzeichniss S. 131. 
Haupt- und Nebenthal, Seitenthal S. 131. Längen-, Quer- und Diagonalthäler S. 133. 
Längen- und Quersättel S. 133. Querthäler der 1., 2. und 3. Ordnung, Durch- 
bruchthäler S. 135. Doppelseitige Querthäler, S. 136. Divergente und Radial- 
thäler S. 136. Verlauf der Thäler S. 136. Gebirgsdurchbrüche S. 137. Charak- 
teristik der Längenthäler S. 139. Charakteristik der Querthäler S. 141. Geologische 
Eintheilung der Thäler S. 142. 

E. Vom Gewässer des Landes 8.144. Warum hier abgehandelt S. 144. 



XT 

Von den Quellen, Bächen und Flüssen S. 145. Grundwasser und Seihwasser. 
S. 145. WuTzelsystem und Arten von Quellen S. 146. Thermen, Heilquellen S. 146. 
Stärke der Quellen S. 147. Riesel, Bach, Fluss, Strom, Zwillingsstr5me S. 147. 
Küstenflüsse, Steppenflüsse S. 148. Flussbett, Rinnsal, Thal weg S. 148. Zuflüsse, 
Stromsystem S. 148. Stromgebiet S. 149. Verzeichniss der Stromgebiete S. 149. 
Wasserscheide S. 150. Portagen S. 152. Bifurcationen S. 152. Continentalflüsse S. 153. 
Stromentwicklung S. 153. Längenentwicklung der Flüsse und Verzeichniss von Lauf- 
längen S. 153. Directer Abstand S. 154. Ober-, Mittel- und Unterlauf der Ströme S. 155« 
Gefäll der Flüsse S. 168. Stromschnellen und Wasserfälle S. 160. Mündungsformen 
der Flüsse S. 161. Wassermasse der Flüsse und Ströme S. 162. Von den Seen und 
Sümpfen S. 164. See, Tümpel, Teich S. 164. Flussseen, Quellseen S. 164. Binnen- 
und Steppenseen S. 164. Tief landseen S. 165. Hochlandseen S. 165. Eisseen S. 167. 
Süsswasserseen, Salzseen S. 168. Seenverzeichniss S. 169. Sümpfe und Moore S. 171. 
Süsswassersümpfe S. 171. Küstensümpfe, Lagunen S. 172. 

IL Orometrischer Theil. 

Orometrie S. 175. 1. Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhöhe, Schartung und Kamm- 
höhe, Methode der Berechnung für einzelne Kämme und ganze Gebirge S. 177. 

2. Mittleres Gefäll der Kammgehänge für einzelne Kämme und ganze Gebirge S. 183. 

3. Mittlere Höhe und mittleres Gefall der Thäler, einzeln und für ganze Gebirge ; mittlere 
Sockelhöhe des Gebirges S. 185. 4. Volumina des Sockels und der Kämme, Total- 
Volumen des Gebirges und Höhe des massiven Plateau' s S. 188. Programm der 
Arbeiten zur orometrischen Bearbeitung eines Gebirges S. 190. 

m. Orogenetischer Theil. 

A. Allgemeines S. 195. Gebirge sind Erhebungsmassen, Theorien S. 198. 
Bückzug der erkaltenden Erdkruste nach Dana S. 199. Beaumont und Hopkins 
S. 200. Saeculare Hebungen und Senkungen S. 201. Form des gehobenen Landes S. 203. 

B. Entstehung von Land und Gebirgen S. 205. 1. Hebungen S. 205. 
Schwierigkeit geologischer Interpretation S. 205. Entstehung einzelnerBergeS. 206. Ent- 
stehung der Gebirgsketten, Eruptive Ketten S. 208. Spaltungsketten S. 208. Kristallinische 
Oentralmassen S. 208. Verwerfungsketten S. 210. Gewölbketten S. 212. Entstehung 
der Kettenzonen, Massengebirge, Kettengebirge, Tafelländer und Continente, Allge- 
meines S. 213. Bildung der Kettenzonen S. 214. Entstehung der Massengebirge 
S. 215. Durch vulkanische Eruptionen S. 215. Durch plutonische Massen, typho- 
niscbe Stöcke , plutonische Massen in untergreifender Lagerung mit und ohne 
Denudation S. 215. Beschreibung des Tafellandes von Bolivia und der Anden bei 
Copiapö S. 218. Beschreibung des Himalaya S. 219. Beschreibung des Alpen- 
Systemes S. 220. Entstehung der Kettengebirge S. 221. Entstehung der Tafelländer 
und Continente S. 221. 2. Entstehung der hohlen Bodenformen^ 1. Entstehung 



XII 

der Thiler S. 222. a* Entstehung der Spaltenthäler S. 228. b) Der Yerwerfongs- 
th&ler 8. 225. c; Der Sattelthaler S. 226. d) Der Einstarzthller viilkanischeii und 
nicht mlkanischen Ursprungs, Ringwälle, Circiisthäler, Thalbecken S. 226. e) Ent- 
stehung der negativen Thäler S. 232. f) Der Erosionsthäler S. 232. 3. Von der 
Erosion. Allgemeines S. 232. — A. Atmosphärische Erosion Yerwittenuig der 
Gesteine; wichtigste Processe S. 233. Verwitterung der Mineralcomplexe S. 236. 
Die hydrochemische Erosion S. 237. Wirkungen der chemischen und hydro- 
chemischen Erosion, der Pfahl im Böhmerwald, Denudationen etc. S. 238. — B. 
Erosion des fliessenden Wassers, Wasserspülung, Stoss- und Tranaporikraft des 
Wassers S. 239. Schuttkegcl, SchlammstrOme , Yennuhrungen S. 240. Schratten 
oder Karronfelder und Erdpjramiden S. 241. Fortsetzung von den ErosionsthJUem, 
Bildung der Regenrisse S. 241. Erosionsschlündc, Cafkons S. 242. Einwände gegen 
die neptnnisehe Entstehung der grossen Längen- und QuerthSler des Qebirges S. 848. 
Bildung der Seitentliäler durch Erosion S. 246. Erosion durch Flflsse, Stoas- und 
Leeseite S. 247. Entstehung der Ufer- und Berg-Terrassen S. 247. Serpentinen 
der Flüsse S. 248. Schlammführung der Flüsse S. 249. Erosionen des Meeres S. 850. 
Fjordenbildung S. 250. — C. Erosionen durch Wind, Lawinen, Gletscher und 
Wassereis. 1. Erosion durch den Wind S. 251. 2. Erosion durch Lawinen S. 262. 
3. Erosion durch Gletsclier, Grundmoränen, Schlifffläehen, Gletscherritzen, Bond- 
höcker S. 252. 4. Erosion durch das Eis der Flüsse S. 254. 



Einleitung. 



JJer Erdkörper tritt auf zweifache Weise in den Kreis wissen- 
schaftlichen Interesses. Zuerst nämlich offenbart er sich als ein 
Naturproduct, und dann ist er der Wohnplatz des menschlichen 
Geschlechtes. Hieraus entspringen dfe zwei Haupttheile der Erd- 
wissenschaft — die physische und die politische Geographie. 

In der physischen Geographie begegnen wir nicht minder zwei 
principiell verschiedenen Elementen der Betrachtung, die wir kurz 
als das Thatsächliche und Ursächliche bezeichnen können. Das 
Thatsächliche wird grösstentheils auf dem Wege der Erfahrung erkannt 
werden können, während der Einblick in das Ursächliche nur durch 
Abstraction, durch geistige Arbeit zu gewinnen ist. 

Dadurch ergibt sich eine naturgemässe Theilung der der 
physichen Geographie im Allgemeinen angehörigen Materien in 
zwei grosse Abschnitte, und zwar in die physische Geographie im 
Besonderen und in die physikalische Geographie. 

Die physische Geographie im Besonderen hat es also mit den- 
jenigen Eigenschaften des Erdkörpers zu thun, die unmittelbar durch 
sinnliche Wahrnehmung erkannt werden ; sie ist daher der morpho- 
logische Theil des Wissens von der Erde, die Naturgeschichte des 
Erdkörpers, das Erkenntnissgebiet der materiellen Erscheinungen, 
diese unabhängig von den Bedingungen ihrer Existenz betrachtet. 
Die physikalische Geographie hingegen fasst die Erde von vorne- 
herein als ein durch das Spiel der Naturkräfte nach den in ihnen 
liegenden Gesetzen gewordenes, von ihnen getragenes und gemäss 
derselben sich fortwährend veränderndes Ganzes auf; für sie ist die 

Son'klar, AUg. Orographie. 1 



2 Einleitung. 

Erde ein grosser Organismus, dessen Abhängigkeit von den Gesetzen 
der Natur der Gegenstand ihrer Lehren ist. — In so weit sind alle 
Theile der Erderkenntniss principiell unterscheidbar, wenn es auch 
bei Aufgaben der praktischen Erdbeschreibung nicht immer möglich 
ist, eine Trennung der Materien in diesem Sinne durchzuführen 
oder einzuhalten. 

Die politische Geographie endlich ist nichts weiter als ein 
angewandter Theil der beiden vorerwähnten Abschnitte, der sich 
zu diesen ebenso verhält wie etwa die Optik oder Mechanik zur 
reinen Mathematik. Die politische Geographie stellt nämlich den 
Menschen in jener Abhängigkeit seiner Existenz und seines gesell- 
schaftlichen Lebens dar, wie sie durch die in der physischen Geo- 
graphie beschriebenen Eigenschaften der Erde bedingt ist. Dieser 
letztere Theil der Erdwissenschaft ist daher die unentbehrliche Vor- 
schule der politischen Geographie, ohne welche sie ebensowenig 
denkbar ist, als eben die Optik oder Mechanik ohne die Mathe- 
matik gedacht werden kann. 

Der Mensch bewohnt jedoch vornehmlich das Land, wenn er 
auch mit seiner von Machtgelüst oder Erwerb angespornten Thätig- 
keit alle Meere umspannt, den Luftkreis beschifFt oder die Tiefen 
der Erde durchwühlt. Er wird auf dem Lande geboren und haupt- 
sächlich vom Lande genährt; an diesem haftet, unter örtlicher 
Einschränkung, sein Heimatsgefühl mit allen mächtigen Banden der 
ihm anerzogenen Sprache und Sitte, hier endlich wird er ein Mit- 
glied jener staatlichen Gemeinschaft, die alle materiellen und gei- 
stigen Güter seines Daseins umschliesst und in Schutz nimmt. Hier- 
durch individualisiren sich für den Einzelnen gewisse Theile des 
Landes und gewinnen, nach allen Seiten ihrer äusseren Erscheinung 
und gesellschaftlichen Ordnung , ein erhöhtes Interesse, das bei 
edleren Naturen zu jener mächtigen Empfindung anwächst, die man 
Vaterlandsliebe nennt. Dieses Interesse aber wird ihn antreiben, 
seine engere und weitere Heimat nach jeder Richtung so genau kennen 
zu lernen, als es ihm nach seinem Bildungsgrade und den ihm zu- 
gänglichen Bildungsmitteln möglich ist. Der Geograph jedoch, der 



Einleitung. 3 

geistig die ganze Erde zu seiner Heimat gemacht hat, weil er alle 
ihre Theile mit gleichem Wissensdrange umfasst, wird sich auf einen 
allgemeineren Standpunkt stellen. Für ihn ist jeder Theil der Erd- 
oberfläche, also jedes Land und jedes Volk, sowie jedes Element 
des körperlichen Bestandes der Erde, Bedingendes und Bedingtes 
zugleich. In der Wirkung und Gegenwirkung dieser Theile aufein- 
ander erkennt er nicht nur die gegenwärtige Organisation des Erd- 
körpers, sondern auch die Ursachen und Grundlineamente jener 
Erscheinungen, die unter dem Namen Geschichte , ein von der Natur- 
wissenschaft viel zu entfernt gehaltenes Wissensgebiet bilden. 

Diese letzte Frucht geographischen Studiums ist es, welches 
Carl Ritter irrig „vergleichende Erdbeschreibung" genannt hat, und 
die er vielleicht besser als „geographische Begründung der Ge- 
schichte" oder mit einem arideren ähnlichen Worte hätte bezeichnen 
sollen. Aber der Name thut nichts zur Sache. Mit überzeugender 
Klarheit hat der grosse Geograph die Geschicke der Völker auf 
die geographischen Bedingungen ihrer Existenz zurückgeführt und 
gezeigt, wie die Natur des Bodens als die letzte Ursache der 
ganzen historischen Entwickelung des Menschengeschlechtes an- 
gesehen werden müsse. Er hat dadurch eine wissenschaftliciie Dis- 
ciplin geschaffen, die wol noch einer grösseren Entwickelung fähig 
und bedürftig, bereits eine nicht unbedeutende Pflege gefunden hat. 
Und was die Würdigkeit dieser Disciplin betrifft, da brauchen wir, 
um sie zu belegen, nur Ritters eigene Worte, die er als Frage vor- 
legt, zu wiederholen: „Sollte es nicht der Mühe verlohnen, um der 
Geschichte des Menschen und der Völker willen, auch einmal von 
minder beachteter Seite, von dem Gesammtschauplatze ihrer Thätig- 
keit aus, der Erde, in ihrem wesentlichen Verhältnisse zum Men- 
schen, nämlich der Oberfläche der Erde, das Bild und Leben der 
Natur in ihrem ganzen Zusammenhange so scharf und bestimmt, 
als einzelne Kräfte es vermögen, aufzufassen, und den Gang ihrer 
einfachsten und am allgemeinsten verbreiteten geographischen Gesetze 
in den stehenden, bewegten und belebten Bildungen zu verfolgen?" *) 

♦) „Einleitiingzur allgemeinen vergleichenden Geographie'*. Berlin 1852, pag. 6. 

1* 



4 Einleitung. 

Zu den wesentlichsten Bedingungen des menschlichen Daseins 
im Grossen wie im Kleinen gehören zunächst die festen For; 
men der Erdoberfläche, dann das Meer. Jene, die festen Formen 
nämlich, reflectiren sich hauptsächlich in den wagrechten Erstreckun- 
gen, wie sie uns als Grundrisse der Erdtheile und Ländergestalten 
in den Karten entgegentreten und als horizontale Gliederung 
zusammengefasst werden, sodann in den Reliefformen des Bodens, 
welche begriflflich als vertikale Gliederung ausgedrückt worden 
sind. Das Meer, die grosse Wasserbedeckung des Erdkörpers 
oder der Ocean, die dritte grosse Hauptform der Erdoberfläche, die 
wegen ihrer Ausdehnung und Flüssigkeit die Figur der Erde am 
reinsten darstellt, trennt die verschiedenen grossen Theile des Erd- 
festen, und wird schon deshalb zu einem der wichtigsten physischen 
und humanitären Coefficienten des Weltlebens. 

Wenn wir in die Bedeutung des Oceans etwas näher ein- 
gehen wollen, so müssen wir zuerst erwähnen, dass er fast drei 
Viertheile des Erdkörpers bedeckt und das grosse Wasserreservoir 
darstellt, aus dem in letzter Quelle alles Wasser stammt, welches 
in Dunstform die Atmosphäre erfüllt, als Regen zur Erde r^ieder- 
fällt, in Quellen aus der Erde bricht und in Bächen, Flüssen .und 
Strömen wieder zum Ocean heimkehrt. Der Thau, der die Blume 
benetzt, das Wasser, mit dem wir unsern Durst löschen, der 
Wasserstrahl, den wir in den verheerenden Brand schütten, die 
stürzende Fluth, die unsere Mühlen treibt, alles das sind nichts 
anderes als kleine, zu speciellen Geschäften im Dienste der Natur 
und der Menschen ausgesendete Theile des Oceans. Durch diesen 
Kreislauf werden Ocean und Wasser zu identischen Begriffen, und 
der Ocean somit zur Existenzbedingung der gesammten organischen 
Natur. Auf dem* Lande spielt das Wasser aber noch eine andere 
wichtige Rolle. Von der Schwere mit besonderen Fähigkeiten aus- 
gerüstet, wird es zu einem der wichtigsten Principien sowol für 
die gegenwärtige als für die künftige Plastik der Erdoberfläche, wo- 
durch es auch für den Zweck der vorliegenden Arbeit eine ausser- 
ordentliche Bedeutung erlangt. Mit Millionen Zähnen nagt es seit 



Einleitung. 5 

Millionen Jaliren unablässig an den festen Formen der Erdrinde, 
reisst hier erdige Theile von ihren Lagerplätzen hinweg, wirkt dort 
auflösend und zersetzend auf andere, erniedrigt dadurch die Berge, 
füllt die Tiefen aus und sucht im nimmerruhenden Spiele von 
Wirkung und Gegenwirkung den unerreichbaren Zustand des Gleich- 
gewichts auf. Das Wasser ist es, das auf diese Weise den un- 
erschöpflichen Gestaltenreichthum der nicht organisirten Erdober- 
fläche bedingt, das hier dem Hügel so wie dem Gebirge, dort dem 
Flachlande die Form gibt, und überall, in der Zusammenstellung 
der von ihm modellirten Bodenelemente, die Landschaft heraus- 
bildet; das Wasser ist es, das hier das kleine Rinnsal des Bäch- 
leins, dort das Bett des mächtigen Stromes, hier die einfachen 
' Runsen und Thalbecken, dort wieder die vielfach zusammen- 
gesetzten und abgestuften, oft ganze Reiche umschliessenden Fluss- 
gebiete grosser Ströme aus der Oberfläche des Erdkörpers heraus- 
gemeisselt hat und das alle diese Bildungen noch fortwährend um- 
bildet. Auch hierdurch greift das Wasser in alle Sphären des 
menschlichen Daseins bedingend ein. Aber in den Strömen und 
noch mehf im Meere wird es auch noch zu einem verbindenden 
Elemente, das ein Volk mit dem anderen, das alle Erdtheile unter- 
einander, ungeachtet der starren Scheidung ihrer Massen, un- 
geachtet aller klimatischen Gegensätze von Nord und Süd und aller 
geistigen Gegensätze von Ost und West, zu einer grossen Völker- 
gemeinschaft vereinigt. 

In der horizontalen Gliederung des Landes sprechen 
sich, ausser der geographischen Lage und Grösse der Erdtheile, 
die relative Stellung derselben sowie ihrer Theile zu einander, die 
Vertheilung der Formen und Massen, die Verhältnisse von Stamm 
und Gliedern, von Binnenland und Küstenland aus. Hierdurch wer- 
den sich die Hauptrichtungen , nach welchen die Ländergestaltung 
(im wagrechten Sinne) überhaupt auf die Entwickelung der Mensch- 
heit Einfluss nimmt, erklären lassen. 

Die noch übrige Hauptbedingung aller physischen Verhältnisse 
der Erdoberfläche und aller menschlichen Zustände, die Relief- 



6 EinleituDg. 

formen des Landes, sind der Gegenstand dieser Abhandlung. 
Aber was ich hier dem freundlichen Leser biete, ist nichts weiter 
als eine allgemeine Betrachtung dieser Formen nach den zwei 
oben definirten Hauptrichtungen der physischen Geographie, und 
zwar einerseits nach ihren morphologischen Verhältnissen und anderer- 
seits nach dem Ursächlichen ihres gegenwärtigen formellen Bestan- 
des. Die Arbeit zerfällt hiernach in folgende drei Abschnitte: 

Der erste Abschnitt oder der oroplastische Theil umfasst 
die Darstellung der Grund- und der Detailtypen, sowol der er- 
höhten als der hohlen Formen des Bodens, d. h. eine möglichst 
vollständige Morphologie der Erdoberfläche, oder was dasselbe 
heisst, eine Naturgeschichte derselben, so weit sie mit den Sinnen, 
durch Anblick, Messung und Vergleichung erworben werden kann. 
Oskar Peschel hat irgendwo, nicht mit Unrecht, die Bemerkung 
gemacht, dass keine Wissenschaft in dem Grade wie die Urographie 
einer präcisen, genau bestimmten Terminologie entbehre. Diesem 
Mangel habe ich hier nach Kräften abzuhelfen und meine, durch 
langjährige Studien unterstützten Erfahrungen in dieser Richtung 
zu verwerthen gesucht. Einen Anhang dieses Abschnittes, bildet die 
Lehre vom Wasser, eine kurze allgemeine Hydrographie, nach der 
Bedeutung des Wassers einerseits als Bodenform des Landes und 
andererseits als eine der wichtigsten Ursachen der gegenwärtigen 
Plastik der Erdoberfläche. 

Der zweite Abschnitt oder der orometrische Theil enthält 
die Lehre über die Art und Weise, wie aus den vorhandenen 
hypsometrischen Daten, nach einer logisch richtigen Methode jene 
mathematischen Mittelraaasse und Gesammtwerthe abzuleiten sind, 
durch welche die Gebirge nicht bloss nach ihren orographischen 
Eigenschaften, nach ihren Höhenverhältnissen und Maassen unter- 
einander vergleichbar werden, sondern durch welche nicht minder 
manche ihrer geologischen Merkmale sich erklären lassen. Das zu 
diesem Ende aufgestellte System der Berechnung ist der erste 
Versuch, die numerischen Einzelwerthe in rationell ermittelte Ge- 
sammtwerthe zu vereinigen, die auf schwankenden und unsicheren 



Einleitung. 7 

Schätzungen beruhenden Angaben zu beseitigen, die Gebirgsmessung 
auf eine wissenschaftliche Q-rundlage zu stellen und auf solche Art 
eine vergleichende Urographie zu ermöglichen. 

Der dritte Abschnitt endlich oder der orogenetische Theil 
begreift die Lehre von der Entstehung der verschiedenen Relief- 
formen der Erdoberfläche. Auf dem Wege durch dieses dunkle 
Gebiet hat es die Forschung oft mit Dingen zu thun, deren Werden 
kein menschliches Auge gesehen, und die, in ihrem Wesen nicht 
selten bis zur Unentwirrbarkeit verwickelt, eine Deutung gewöhnlich 
nur durch eine den Gesetzen der Natur nicht zuwiderlaufende 
Hypothese gestatten. Hier ist es, wo der Verstand, trotz aller 
Behutsamkeit in der Anwendung von Urtheilen und Folgerungen, 
nur zu leicht straucheln und manches Gedachte bloss deshalb für 
wahr halten mag, weil er es gedacht und der eigenen Befangenheit 
nicht gewahr geworden. Möge mir deshalb für diesen Abschnitt die 
Nachsicht des geneigten Lesers zu Theil werden; das Streben war 
mindestens ein redliches. — So viel über Zweck und Plan des vor- 
liegenden Werkes. 

Und nun sei es mir gestattet , die Frage zu beantworten, 
worin denn eigentlich die Bedeutung des Gebirges liege, damit 
sich eine Abhandlung über dasselbe, von dem Umfange der- 
gegenwärtigen, der Mühe verlohne. Die Beantwortung dieser Frage 
wird nicht nur meine eigene Arbeit (einen gewissen Werth der, 
selben vorausgesetzt) rechtfertigen, sondern auch den Ansichten 
einiger Geographen begegnen, die im ebenen Lande zu Hause und 
den Einfluss des Gebirges auf Natur und Menschen ohne Zweifel 
nur nach den Hügeln des deutschen Mittelgebirges abschätzend, 
das fliessende Gewässer an Bedeutung obenan stellen, und hiernach 
die Eintheilung der Erdoberflache in natürliche Ländergebiete voll- 
ziehen. Als ob die Flüsse nicht viel eher Mittel der Verbindung 
als der Trennung wären! 

Wir wollen uns bei dieser Darstellung zuerst an die rein 
physischen Einflüsse des Gebirges halten und dann erst zu den 
Wirkungen desselben auf menschliche Zustände übergehen. 



g !^inleitung. 

So sind es zunächst die Gebirge, welche die Ausdehnung und 
Form der Continente und Inseln bestimmen. Sind doch kleinere 
Inseln nur die Spitzen und grössere die plateauartigen, über den 
Meeresspiegel emporragenden Ausbreitungen unterseeischer Gebirge. 

Die iberische Halbinsel wird in ihren Umrisslinien durch das 
iberische Gebirgssystem, Italien durch den Apennin, die türkisch- 
griechische Halbinsel durch das gleichnamige Gebirge bestimmt. Die 
Hebung dieser Massen hat durch das Maass der Erhebung den 
Umfang des über das Meer aufragenden Landes bedingt. Hier- 
durch aber hat das Gebirge auf die Gliederung der Continente und 
auf alle davon abhängigen physischen und humanitären Verhältnisse 
Einfluss genommen. 

Durch ihre Höhe und Lage machen sich die Gebirge auch in 
klimatischer Beziehung geltend. Sydow nannte die Kette der Kar- 
pathen treffend die „grosse osteuropäische Wettersäule". Es ist be- 
kannt, welchen Einfluss ein grösserer Höhenzug auf die Richtung 
der Winde ausübt, besonders wenn derselbe quer über der Rich- 
tung der herrschenden Luftströme liegt. Wie deutlich sich dieser 
Einfluss selbst bei geringeren Höhen aussprechen kann, das zeigt 
die Erzählung eines Reisenden, der, auf dem nur 2700 Fuss hohen 
Diana Peak der Insel St. Helena stehend, ein Zündhölzchen an- 
standlos anbrannte, während er dem von unten heraufdringenden 
Brausen des Sturmes lauschte, der die Schiffe im Hafen in die 
heftigste Bewegung versetzte *). Derselbe Einfluss offenbart sich 
durch die Ungeheuern jährlichen Regenmengen im cumb er ländi- 
schen Gebirge Nord-Englands **) , dessen höchster Gipfel, der 
Scawfell, wenig über 3000 Fuss absolute Höhe hat, während die- 
selbe Regenmenge in den östlichen Theilen des Landes nur auf 
etwa 25 Zoll im Mittel steht. Hier findet der mit Wasserdampf 
beladene, regenbringende Südwestpassat kein Gebirge, an dessen 
kalten Wänden sein Dampfgehalt zum Regen sich condensiren 



*) Siehe „Die Insel St. Helena« im „Ausland** pro 1870, Nr. 34, pag. 798. 
**) Es fallen hier in The Stye 198.19, in SeatwaitelöO.ll, in Borrowdale 
134.00, in Longdale 118.50 englische Zoll Regen per Jahr. 



Einleitung 9 

könnte; auch hat er in den westwärts gelegenen Gebirgen einen 
grossen Theil seines Wassergehalts bereits verloren. 

Da aber Temperatur und Dunstdruck, Feuchtigkeit und Regen 
für jeden Ort nur als Functionen der Windrichtung angesehen 
werden können, so ist es klar, dass ein jedes von Ost in West 
streichendes Gebirge zwischen seinen beiden Gehängen klimatische 
Unterschiede erzeugen muss, die weit grösser sind, als jene, welche 
durch die Differenz der geographischen Breiten allein (bei gleicher 
absoluter Höhe) hervorgebracht würden. Der hohe Bergwall lässt 
die warmen und feuchten Südwinde nicht so leicht auf die nörd- 
liche, und die kalten und trockenen Nordwinde nicht so leicht auf 
die südliche Seite übersetzen, wodurch das nördliche Gehänge 
klimatisch aus mehrfachen Gründen gegen das südliche in 
Nachtheil geräth. Auf diese Weise ist es erklärbar, warum 
z. B. in Innsbruck die mittlere Jahreswärme nur auf 7, in Bozen 
aber schon auf 8^/2 Grad R. steht, während der Temperatur- 
Unterschied zwischen beiden Orten, aus dem Argumente der geo- 
graphischen Breite allein, nur etwa Y,q Grad R. betragen sollte. 
So ist es gekommen, dass der Verfasser auf einer Frtihjahrsreise 
nach Südtirol das Innthal noch unter fusstiefem Schnee liegend, 
verliess, in Brixen aber die Pfirsichbäume blühend und den Früh- 
ling in voller Herrschaft fand. Noch deutlicher tritt dieser rasche 
Klimawechsel von einer Seite des Gebirges zur anderen am 
St. Gotthard hervor, wo der Reisende in wenigen Stunden aus 
dem klimatischen Gebiete Mittel-Europas in die Region der Wall- 
nussbäume und Kastanien, der Mandel- und Feigenbäume übergeht. 
Aus demselben Grunde gedeiht zu Genua, am Südfusse des ligu- 
rischen Apennin, die Palme und zu Malaga, am Südfusse der Sierra- 
Nevada und der Alpujarras, das Zuckerrohr. Und so kommt es 
denn überhaupt, dass alle höheren Gebirge, besonders wenn sie von 
Ost nach West sich erstrecken, zu wichtigen pflanzen- und zoogeogra- 
phischen Grenzlinien werden und Gebiete des Pflanzen- und Thier- 
reichs trennen, die so verschieden sind, als ob sie anderen Erd- 
theilen angehörten. 



10 Einleitung. 

Auf diese Art scheidet der Alpengiirtel die Flora Central- 
Europas von der des Mittelmeeres. Die Alpen bilden aber auch 
noch die Grenze zwischen den vorherrschenden Sommerregen auf 
der nördlichen und den vorherrschenden Frühjahrs- und Herbst- 
regen auf der südlichen Seite, wodurch eben der durchgreifende 
Unterschied der Vegetationsverhältnisse zwischen dies- und jenseits 
erst recht begründet ist. Diese Regenvertheilung ist aber eben 
wieder hauptsächlich das Werk des Gebirges* Von daher also 
das Absein natürlicher Wiesen auf dem südlichen Gebiete, die in 
die Augen springende und die Physiognomie des Landes total ver- 
ändernde Verschiedenheit in der Art des Feldbaues da und dort, 
die Nothwendigkeit künstlicher Bewässerung und in deren Folge 
die Errichtung ausgedehnter und viel verzweigter Canalsysteme in 
Italien und Spanien u. dgl. m. Aehnliche Differenzen werden auch 
in Nord- Afrika durch das Atlasgebirge hervorgerufen, das hier die 
subtropische Vegetationszone von der tropischen trennt, die sich 
südlich, in einem Umfange von mehr als 100.000 Quadratmeilen, als 
regenlos einstellt und deshalb eine glühende, traurige und nur 
durch eine Zahl tiefliegender Oasen dürftig unterbrochene Wüste ist. 

Welchen wichtigen Einfluss diese grossentheils durch das 
Gebirge bedingten Verhältnisse auf die Cultur- und gesellschaft- 
lichen Zustände der betreffenden Völker ausüben müssen, ist, wie ich 
glaube, nicht schwer abzuschätzen. Den Bewohner der Sahara, den 
Araber der Wüste, den Turkomanen von Chowaresm, den Mon- 
golen der Gobi drückt die aus der plastischen Configuration des 
Bodens entspringende Unfruchtbarkeit seiner heimatlichen Erde in 
die Existenz eines Nomaden herab und hält ihn vom Ackerbau 
ferne, in dem allein das Princip des Eigenthums und der Gesetz- 
mässigkeit eingeschlossen liegt*). Aber auch bei den keine solchen 
extremen Zustände aufweisenden Völkern Europas wird die ge- 
schilderte Verschiedenheit der Vegetation und des Landbaues eine 
andere Lebensweise, andere Sitten, eine andere Art der Ernäh- 



*) ^Grundzüge der Länder- und Völkerkunde" von Alb. v. Roon. Einleitung, 
pag. 143. 



Einleitung. 1 1 

rung, andere Communaleinrichtungen und eine andere Güter- 
bewegung bedingen. 

Im Uebrigen werden auch anders orientirte Gebirgszüge, z. B. 
solche, die von Nord in Süd streichen, wenn sie nur ausgedehnt 
und hoch genug sind, eine oft sehr bedeutende und verschiedene 
Einwirkung auf die beiden ihnen zur Seite liegenden Länder ausüben. 
So erzeugt das skandinavische Gebirge auf seinem westlichen oder 
norwegischen Abhänge ein oceanisches Klima mit reichlichem Regen, 
häufigem Nebel und relativ geringen Temperaturunterschieden, wäh- 
rend die schwedische Seite sich durch die Gegensätze von all' dem, 
d. h. durch wenig Regen, heitere Witterung und hochgespannte 
WärmedilFerenzen auszeichnet. So haben ferner die südamerikani- 
schen Cordilleren die Wüste von Atacama und die höheren Aus- 
läufer des pyrenäischen Gebirgssystems die weiten steppenartigen 
Paramos im mittleren Spanien verschuldet. Die Wirkungsweise 
der genannten Gebirge ist in dieser Hinsicht dieselbe wie die der 
cumberländischen Gruppe in Nord-England. 

Eine kaum minder wichtige Bedeutung besitzen die Gebirge 
für die Bewässerungsverhältnisse der angrenzenden Flachländer, 
und zwar nicht bloss deshalb, weil sie die Quellbezirke der meisten 
Flüsse sind, sondeni auch in Folge der grösseren Regenmenge, 
welche die kalten Kämme des Gebirges den warmen Winden, 
einerseits durch unmittelbare Condensation der von ihnen herbei- 
getragenen Wasserdämpfe und andererseits durch Erzeugung secun- 
därer Luftströmungen, entlocken. Von den Thälern werden diese 
Niederschläge gesammelt und in die Ebenen hinausgeleitet, wo sie 
auf die mannigfaltigste Art den Zwecken der Natur und der Men- 
schen dienstbar werden — der Natur auf die oben bereits an- 
gegebene W^eise, den Menschen, indem sie ihre Aecker und Wiesen 
benetzen, als Wasserkraft in ihren Mühlen und Fabriken arbeiten 
und in den Wasserstrassen ihre Flösse und Boote tragen. Sind die 
Gebirge hoch, so halten sie einen Theil der atmosphärischen Nieder- 
schläge als Schnee zurück, verwandeln ihn in Eis und senden 
das Schmelzwasser desselben im Sommer, also dann erst in das 



1 2 Einleitung. 

Tiefland hinaus^ wenn dieses, unter den sengenden Strahlen der 
Sonne schmachtend, des belebenden Elementes am dringendsten 
bedarf. So rollen die Wogen des Ganges und Brahmaputra, des 
Indus, Euphrat und Tigris, des Nil, der Donau, des Rhein und des 
Po zur Sommerzeit am höchsten, wenn andere Flüsse von minder 
hoher Abkunft in ihrer tiefsten Ebbe stehen. 

Diese Flüsse kommen jedoch nicht rein von den Bergen 
herab; bei ihrem starken Gefälle innerhalb des Gebirges beladen 
sie sich mit Geschieben aller Art, mit Sand und Schlamm, den sie 
im Flachlande wieder absetzen, wodurch sie dem letzteren fort- 
während neue Stoffe zuführen. Freilich geschieht dies nicht selten 
in der Form ausgedehnter Rollkieselbetten, die für die Fruchtbar- 
keit des tieferen Landes nur von negativem Werthe sind. Dasselbe 
haben in alter, geologischer Zeit an unzähligen Orten die Riesen- 
gletscher des Diluviums gethan, und eine ähnliche Locomotion erdiger 
Stoffe vom Gebirge gegen die Ebene vollführen langsam und mit 
einem für ein Menschenleben vielleicht unmerklichen Erfolge, die 
abrieselnden meteorischen Wässer und die transportirende Kraft des 
Windes. Und so wird denn auch die Vegetationsdecke des Flach- 
landes in ihrer mineralogischen Zusammensetzung ebenfalls vom 
Gebirge, zu dessen hydrographischem Systeme es gehört, abhängig sein. 

Wenn wir nun zu den unmittelbaren Wirkungen, die das 
Gebirge auf den Menschen ausübt, übergehen, müssen wir vorerst, 
und zwar wol nur für den Laien unserer Wissenschaft, constati- 
ren, dass solche Wirkungen überhaupt vorhanden sind. Ich glaube 
jedoch kaum, dass es einen denkenden Menschen geben mag, der 
dies leugnet, wenn er sich auch über die Art dieser Wirkungen 
nicht immer klar geworden ist. Wer von uns kennt nicht z. B. die 
Gegensätze zwischen dem Süden und Norden Deutschlands? Wer 
weiss es nicht und hat es nicht oft selbst empfunden, wie in 
dem geselligen Verkehr der Menschen untereinander, dort, im 
Süden nämlich, ein offenes, oft phantasie- und gemüthvoUes, Ver- 
trauen gewährendes und ansprechendes Heraustreten des inneren 
Menschen aus dem Rahmen seiner Persönlichkeit im Allgemeinen 



Einleitung. 13 

sich kund gibt, während hier, im Norden Deutschlands, eine 
vorsichtige, kluge, die conventioneile Form nicht leicht durch- 
brechende, der Skepsis zugewandte und oft auch von übertriebenem 
Selbstgefühl getragene Haltung die persönlichen Berührungen 
beherrscht und einschränkt? — Wer weiss es nicht, dass im Süden 
Deutschlands der Katliolicismus , im Norden der Protestantismus 
vorwaltet? — Jeder von uns kennt die Thatsache, dass die Priester- 
herrschaft nirgends einen so festen Halt in den Gesinnungen der 
Menschen gefunden, und der Geist 'provincieller Absonderung 
nirgends so tiefe Wurzeln geschlagen, als eben in einem Lande, 
das, von Hochgebirgen bedeckt, es am meisten nöthig hat, die 
Schwierigkeiten materieller Verbindungen durch die grössere Zahl 
der geistigen unschädlich zu machen. Und ist es in Spanien nicht 
ebenso, und ist der Unterschied zwischen dem geschwätzigen, lebens- 
gewandten, fröhlichen Franzosen und dem stolzen, rachsüchtigen, 
in Kleidung, Spiel und Sitte absonderlichen Spanier nicht so gross 
und vielartig, als läge ein Welttheil zwischen ihnen? Sollen alle 
diese Eigenthümlichkeiten der Volksstämme und Völker bloss nur 
der Ausdruck ihrer angeerbten Individualität, „ihrer ursprünglichen, 
vom Schöpfer bestimmten , durch nichts Irdisches vollständig 
erklärten Naturanlage '^ sein, wie hoch auch dieses Princip für die 
Herstellung der jedem Volke anhaftenden Eigenart veranschlagt 
werden mag? Sind sie nicht vielmehr, wenigstens grossentheils, eine 
Wirkung des Bodens, auf welchem die Völker leben? 

„Land und Volk," sagt Roon, „verhalten sich gleichsam wie 
Körper und Geist." Der Körper ist fest und unwandelbar, der 
Geist ist flüssig und muss sich der Form anbequemen, in die er 
gegossen wird. Deshalb liegen in der Natur nicht nur viele der 
ersten Wurzeln der geistigen, moralischen und gesellschaftlichen 
Constitution der Völker, sondern in weiterer Instanz auch der 
grösste Theil der Ursachen, die ihre nachmalige Entwickelung zur 
Folge hatten. Aber die Natur ist in ihren Combinationen ausser- 
ordentlich vielartig, auch hat sie nicht bloss durch ihre vorhan- 
denen Eigenschaften gewirkt, sondern negativ auch durch den 



14 Einleitung. 

Örtlichen Mangel gewisser Elemente Einfluss genommen. Darum ist 
die Untersuchung keine leichte; die Einwirkung der Natur im All- 
gemeinen und des Gebirges im Besonderen lässt sich nicht in 
Zahlen fassen, und da sie überhaupt von so vielen einander modi- 
ficirenden, vorhandenen und fehlenden Attributen des Bodens 
abhängig ist, wird sie speciell schwer zu ermitteln sein. Was ich 
hier, meine Arbeit einleitend, versuchen will, kann sich demnach 
nur auf eine übersichtliche, in breiten Zügen verzeichnete Dar- 
stellung von dem Einflüsse des Gebirges auf die Menschen beziehen. 

Es ist mir mehrmal vorgekommen, dass Leute im Gebirge 
die Frage an mich stellten, aus welchem Grunde ich mir die nach 
ihrer Ansicht unbegreifliche Mühe nehme, ihre Berge zu besuchen, 
da es draussen im flachen Lande doch weit schöner sei; dort, sagten 
sie, gebe es fruchtbares Land in Fülle; dort seien Brot und Wein 
billig, dort hätten die Menschen Platz genug neben einander, und 
der Weg von einem Dorfe zum andern gehe nicht über hohe Joche 
wie hier in den Bergen, die so wild und finster dreinsähen, als 
wollten sie sich in jedem Augenblicke ins Thal herabstürzen. So spra- 
chen diese einfachen Natursöhne, nicht wissend, dass sie vor Heim- 
weh zu Grunde gingen, wenn man sie zwänge, fern ' von diesen 
wilden, finsteren Bergen zu leben. In ihren Worten offenbarte sich 
nur die Mühsal des täglichen Lebens, nicht aber die Macht des 
heimatlichen Gefühles , die unbewusst in ihrer Empfindung ruht, 
und nur in der Entbehrung oft bis zur Tödtlichkeit sich breitend 
macht. Bekanntlich war den Soldaten der ehemaligen Schweizer 
Regimenter in Frankreich das Singen oder Spielen des Kuhreigens 
bei Todesstrafe verboten, wenn nicht Desertionen in Masse erfolgen 
sollten. Woher rührt nun dieses tiefe, übermächtige Heimatsgefühl 
aller Bergvölker? Ist es vielleicht auch eine Aeusserung der Natur- 
anlage, und kommt das Heimweh nicht bei dem Tschetschenzen 
aus Daghestan und dem Rumänen aus den siebenbürgischen Alpen 
so gut vor wie beim Steirer, Tiroler und Schweizer? 

Sehen wir einmal zu, in welchem Verhältnisse der Bewohner 
der Ebene und der des Gebirges sich seiner engeren Heimat gegen- 



Einleitung. 15 

über befindet. Der Mann des ebenen Landes sieht von seiner Heimat 
wenig mehr als die Stelle, auf der er lebt, und dieses Wenige 
bietet ihm nichts an landschaftlichen Dingen, an denen sein Auge 
mit Freude haften und die seine Phantasie nachdrücklich zu 
beschäftigen vermöchten; vor seinem Blicke liegt vielmehr die 
Feme endlos ausgespannt, und diese ist es, die ihn beschäftigt, die 
er mit den Gestalten seiner Einbildungskraft bevölkert und nach 
der seine Sehnsucht verlangt, damit er endlich erfahre, was diese 
sichtbare Ferne ihm verbirgt. Dadurch aber erweitert sich die Vor- 
stellung seiner Heimat und bekommt einen gleichsam mit Kaum 
verdünnten Inhalt, durch dessen Breite die Innerlichkeit verloren 
geht. — Anders ist das Alles bei dem Bewohner des Gebirges. 
Diesem ist die Heimat von den engen Grenzen seines Thaies um- 
schränkt, über welche hinaus sein Blick nicht dringen kann. Die mäch- 
tigen Bergwände und Felshörner, auf denen der Nebel seine phan- 
tastischen Gaukeleien treibt und das innere geheimnissvolle Leben 
des Gletschers sich in lautem Krachen und blitzenden Eisstürzen 
verkündigt, von denen im Frühjahr unter den Tritten böser Geister 
die Lawine sich löst und zu Thal donnert, durch deren Runsen 
bei heftigen Regengüssen die zerstörende Schlammfluth sich nieder- 
wälzt und seine materielle Existenz in Frage stellt, von deren Fels- 
hängen er im Sommer das kärgliche Wildlieu herabholt und auf 
denen dann ein einziger Fehltritt, ein einziger lockerer Stein, den 
er festsitzend geglaubt, ihn zerschmettert in die Tiefe wirft, von 
denen die Wasserfälle im endlosen Spiele ihrer Wogen, ewig wech- 
selnd aus unbegreiflichen Gründen und doch immer dieselben, ins 
Thal herabrauschen, auf deren Hochtriften die Alphütte liegt, wo 
er in freiester Selbstbestimmung Wochen und Monate voll emsiger 
Thätigkeit wachend verträumt — alF dieses und noch vieles andere 
mehr, mit einer Welt voll Mühe und Gefahren, voll Beschränkung 
und Einsamkeit, staut seine Gedanken und Wünsche zurück in die 
eigene Brust, macht ihn ernst und träumerisch, fromm und unwelt- 
läutig, bieder und verlässlich, kraftvoll und muthig, der Freiheit 
gewohnt und ihrer bedürftig. Es gibt aber auch seinem Heimats- 



16 Einleitung. 

geftlhle ein condensirtes Substrat, das an den Bergen mit allen 
Wurzeln seines körperlichen und geistigen I^ebens hängt und das 
sich, wenn ihm Gewalt angethan wird, durch eine das physische 
Dasein zerstörende Sehnsucht kundgibt. 

Derselben Quelle entstammt denn auch die tiefe Religiosität 
der meisten Bergvölker. Dort, wo der Mensch in höherem Grade 
den Kräften der Natur, die er nicht mit Unrecht als den Ausdruck 
des göttlichen Willens erkennt, sich unterworfen sieht, und gegen 
welche seine eigene Kraft und Vorsicht keinen zureichenden Schutz 
gewährt, da wird er gerne von der eigenen Ohnmacht weg auf die 
Allmacht Gottes recurriren und von dieser die nöthige Hilfe sich 
erflehen wollen. Daher auch der mächtige Einfluss des Priester- 
standes bei allen Völkern im Gebirge — eines Standes, der den 
Gläubigen zu allen Zeiten und an allen Orten der berufene Ver- 
mittler der göttlichen Gnade schien. So sehen wir schon bei den 
Griechen die Götter mit den Bergen in Verbindung gebracht; der 
Olymp war der Thron Jupiters und der Parnass der Aufenthalt 
Apollons und der Musen; so galt den alten Indiern ein Hochgipfel 
im Himalaya als der Sitz Indra's. Darum ist Tibet jetzt noch ein 
Priesterstaat und die Zahl, der Reichthum und die Macht der dor- 
tigen Klöster überschwenglich ; darum war auch Schamyl nicht 
bloss Sultan, sondern nach dem Tode Kasi-Mollah's auch Ober- 
priester und Prophet seines Volkes, und aus derselben Ursache 
leben in den Urkantonen der Schweiz, in Tirol und in Spanien 
die alten religiösen Ansichten und Einrichtungen in kaum geschwäch- 
ter Kraft fort und wehren sich mächtig gegen die von allen Seiten 
in die Berge eindringende Cultur, welche die elementaren Gewalten 
in der Natur so gut wie in den Köpfen der Menschen durch den 
Geist zu bewältigen sucht. 

In den oben ausgesprochenen Sätzen ist aber auch das bei 
allen Bergvölkern in so hohem Grade ausgesprochene Gefühl und 
Bedürfniss der Freiheit zur Erwähnung gekommen. Die Berge lei- 
den den Zwang nicht. Der Gebirgsbewohner, einsam in seinem 
Gehöfte lebend, auf seine eigene Kraft stehend und die Hilfe 



Einleitung. 17 

Anderer wenig ansprechend, begreift das Recht nicht leicht, mit 
dem sich selbst die herkömmliche Staatsgewalt in seine Angelegen- 
heiten mischt. Noch weniger aber wird er bereit sein, das Recht 
eines fremden Eindringlings anzuerkennen, besonders wenn er 
Neues, und sei es auch Besseres, an die Stelle des Altgewohnten 
zu setzen sich unterfängt. Die Stabilität alles dessen, was ihn um- 
gibt, flösst seinem Geiste die Meinung von der Unveränderlichkeit 
aller menschlichen und göttlichen Satzungen ein. Daher die furcht- 
bare Energie, mit welcher die Gebirgsvölker zu allen Zeiten über- 
triebene oder unüberlegte Forderungen der Staatsgewalt zurück- 
zuweisen oder eines fremden Eroberers sich zu erwehren suchten. 
Wer denkt da nicht an den hundertjährigen Kampf der Samniter 
und an den späteren der Celtiberer gegen Rom, der Griechen gegen 
die Türken, der Tiroler gegen Bayern, der Tschetschenzen gegen 
Russland, der Kabylen gegen Frankreich u. s. f. 

Dieser trennende, individualisirende , dafür aber die Heraus- 
bildung der Eigenart befördernde Einfluss des Gebirges hat nicht 
minder fast bei allen Gebirgsvölkern die Entwickelung demokrati- 
schen Geistes, freilich oft mit aristokratischen Elementen sonderbar 
verquickt, zur Folge gehabt. Der Mann im Gebirge, der auf seinem 
Hofe als Herr und König waltet, wird sich in seinem Selbstgefühle 
nicht leicht den Forderungen der Gesellschaft unterwerfen, inso- 
ferne er nicht selbst das Maass dieser Forderungen bestimmen hilft. 
In dem engen Kreise seines Daseins und seiner Ideen bedarf er 
der Gesellschaft kaum, auch zerstreut das Gebirge die Interessen 
der Einzelnen und ist ein hinderndes Moment der Vereinigung. 
Daher regelmässig die Zersplitterung der Bergvölker in kleine 
Republiken, die Schwäche der Staatengebilde und die lockeren 
Staatenbünde. So war es in Griechenland, in Klein-Asien, in Italien, 
im Alpenlande und in Spanien, bis entweder ein übergewältiges 
Schicksal alle diese kleinen Staaten verschlang oder eine höhere 
politische Cultur sie in festere Gemeinschaften verband. 

Wir haben in den vorstehenden Absätzen das Gebirge als ein 
Princip der Absonderung hingestellt, das ist es aber auch mit Rück- 

S o n k 1 a r, Allg. Orographie . 2 



18 Einleitung. 

sieht auf die Fortsehritte der Cultur. Diese bedarf der Expansion, 
um sich zu entwickeln; sie braucht eine fortwährende innige 
Berührung aller Theile des Volkes untereinander, die wie ein wol- 
thätiger Luftstrom die Samenkörner des Fortschrittes so dicht aus- 
streut und so weit trägt wie möglich ; sie braucht eine dichte 
Bevölkerung, von der ein Theil, unabhängig vom Feldbau, sich der 
Pflege von Kunst und Wissenschaft widmen, die Hilfsmittel der 
Bildung sammeln, die Schätze der letzteren in kleine Münze um- 
setzen und diese Münze leicht und in zureichender Menge ver- 
theilen kann, Sie bedarf der Wissenschaft, um die Kräfte der Natur 
den Zwecken des Fortschritts dienstbar zu machen, der Menschen, 
um die Eohproducte des Bodens unter Steigerung ihrer Werthe in 
Kunstpro ducte zu verwandeln und des Handels, mit air den mannig- 
faltigen Mitteln des Verkehrs, um die Früchte des eigenen Fleisses 
in anderen Ländern abzusetzen und durch Einfuhr fremder Erzeug- 
nisse den Genuss und die Güter des Lebens zu mehren ; sie bedarf 
der Flüsse und des Meeres, um auf dem Wege der SchifFfahrt das 
eigene Volk als Eing in die Kette der Weltbewegung einzuführen, 
die besseren Einrichtungen der Fremde kennen zu lernen und zum 
Besten des heimatlichen Landes zu verwerthen u. s. f. Diese Art 
Expansion liegt nicht in der Naturanlage des Gebirges, und darum 
sind die Ebenen, Flachländer und Küsten immer die wahren Schau- 
plätze der Kultur, der Städtebildungen und des Aufblühens der 
Gewerbe gewesen. So ging die Civilisation der griechischen Welt 
hauptsächlich von Athen, Syrakus und den grossen Handelsplätzen 
der Jonier in Klein- Asien, jene Italiens von der römischen Campagna, 
von Venedig, Genua und der lombardischen Ebene, jene Deutsch 
lands von seinem Flachlande an der Donau, am Rhein und Main 
aus; und ebenso flössen in den älteren Perioden der Geschichte 
die Quellen der Cultur am reichlichsten aus Egypten, aus Tyrus 
und Sidon, aus Babylon und Ninive, aus dem Tieflande am Ganges 
und aus jenem China's. Die Kultur gleicht einem Schatze von 
schwerem Golde, der sich ohne die rechten Wege nicht leicht ver- 
führen lässt. Das Gebirge aber enthält dieser Wege weniger; die 



Einleitung. 19 

Kämme sind hoch und steil; die Thäler sind eng und rauh und oft 
stehen noch andere Hindernisse vor den Mündungen der letzteren 
und hüten sie vor dem Eindringen des schnöden, die Geistes- 
armutb verscheuchenden Metalles. 

Im Alpenlande ist das freilich schon anders und besser gewor- 
den; in der Schweiz, in Vorarlberg, in Tirol, in Kärnten, Steier- 
mark und Nieder-0 esterreich ist die Industrie bereits tief in die 
Thäler eingedrungen, und insbesondere haben sich a,n vielen Orten 
in den östlichen Alpen einige bodenbeständige Gewerbe, wie sie 
Bernhard von Cotta nennt, zu grosser Blüthe emporgehoben. Auch 
die Verkehrsmittel haben sich hier seit längerer Zeit ausserordentlich 
vermehrt. Die Eisenbahn über den Mont-Cenis durchbohrt mit 
ihrem wunderbaren Tunnel die Hauptkette der westlichen Alpen, 
eine andere Schienenlinie übersetzt den Brenner, eine dritte windet 
sich durch die Defil^en bei Altenmarkt, Rottenmann, Judenburg 
und Würzen und eine vierte endlich überquert den Semmering; 
eine grosse Zahl herrlicher Strassen verbindet beide Abhänge der 
Alpen und die Theile dieses Gebirges untereinander, so zwar, dass, 
wie Ritter sagt, ^das imponirende Alpensystem kein isolirender 
Naturtypus mehr für seinen Erdtheil ist; es ist kein wildes, öde 
aufstarrendes, unwirthliches Polarland in der Mitte der gemässigten 
Zone, wie die hohe Wüste Gobi auf dem Plateau der Mongolei 
.... denn überall führen, theils zu den Seiten, theils mitten hin- 
durch Stromthäler, Thalschluchten, Pässe und die verschiedenen 
Arten natürlicher und künstlicher Communicationen. Es vereinigt 
das Maximum der Erhebungen mit dem Maximum der Passagen^. 
— Dennoch ist im Alpenlande die relative Anzahl der Verbin- 
dungen weit geringer als in der Ebene und das Gebirge deshalb 
ein Hinderniss des Verkehrs, in mercantiler Beziehung so gut wie 
in geistiger. Weit mehr aber ist dies bei anderen Gebirgen der 
Fall, wie z. B. bei den Pyrenäen, bei den Gebirgen der türkisch- 
griechischen Halbinsel, beim Kaukasus, beim Himalaya, bei den Cor- 
dilleren u. a. m. 

In dieser Qualificution des Gebirges als Verkehrshinderniss 



20 Einleitung. 

liegt endlich auch seine Bedeutung in politischer und militärischer 
Beziehung. So sehen wir die Gebirge, wo dies immer angeht, die 
Grenzen der Staaten gegen einander bilden. Die Pyrenäen trennen 
Frankreich von Spanien; die Westalpen Frankreich von Italien; 
die Vogesen Frankreich von Deutschland; der Böhmerwald, das 
Erz- und das Riesengebirge liegen zwischen Oesterreich und Deutsch- 
land, die Karpathen trennten einst Ungarn von dem Königreiche 
Polen, das kurdische Gebirge scheidet Persien von dem osmanischen 
Reiche u. s. f. Aber der Werth der Gebirge liegt in diesen Fällen 
nicht immer blos darin, dass sie flir grosse Heere, aus militärischen 
und administrativen Gründen, schwer zu übersetzen und für den 
angegriffenen Theil leicht zu vertheidigen sind, sondern es ist 
dieser Werth auch noch darin zu erblicken, dass der Angreifer, 
wenn er das Gebirge überschritten, sich nur schwer auf die Hilfs- 
mittel des eigenen Landes stützen kann. Die militärische Sprache 
sagt in diesem Falle, die Basirung des eigenen Heeres ist eine 
schwierige, weil es dann mit den Resourcen des eigenen Landes 
nur durch den dünnen Faden eines langen, beschwerlichen Defil^es, 
der vom Feinde leicht durchschnitten werden kann, zusammenhängt. 
Dieser Umstand wird um so gefährlicher sein, als hohe Gebirge 
gewöhnlich die Grenzmarken grosser Nationalitäten bilden, von 
denen die angegriffene zur Vertheidigung des eigenen Herdes die 
ganze Volkskraft aufbieten und verwenden, der Angreifer aber 
stets nur mit einem Bruchtheile seiner Streitmittel wirken kann. 

Aus diesem Grunde bilden Gebirge wichtige politische Bar- 
rieren, die der eine Theil nur bei übergrosser Machtfülle und selbst 
da nicht immer ohne Bedenken überschreiten darf. So erlag 
im sogenannten Halbinselkriege das übermächtige, mit seiner Basis 
nur ungenügend verbundene französische Heer dem allgemeinen, vom 
wildesten Hasse geschürten und unterhaltenen Aufstande des spani- 
schen Volkes. Mit ähnlichem Misserfolge kämpften die deutschen 
Kaiser um die Herrschaft über Italien, und aus demselben Grunde 
war vielleicht auch die Stellung Oesterreichs in diesem Lande auf 
längere Dauer unhaltbar. Noch Hessen sieh mehrere andere, hierher 



Einleitung. 21 

gehörige Beispiele anführen, die jedoch dem geschichtskundigen 
Leser so gut wie mir zu Gebote stehen. 

Wie aber kam es, dass die Gebirge zu solchen Landmarken 
der Völker wurden? Die Ursache lag eben wieder in der dem 
Gebirge innewohnenden Fähigkeit zu trennen und abzusondern, 
und zwar sowol in natürlicher als in politischer Hinsicht. Als die 
europäischen und asiatischen Völker in der Schwärmzeit der Völker- 
wanderung, und theilweise auch noch früher und später, die Stätten 
für ihren bleibenden Aufenthalt suchten, als sie diese Stätten endlich 
fanden und sich auf ihnen häuslich und staatlich einrichteten, ging 
es für einen solchen Volksstamm nicht leicht an, sich dies- und 
zugleich jenseits eines hohen Gebirges anzusiedeln. Er hätte durch 
diese Trennung seine Kraft geschwächt, weil einer der Theile den 
Angriffen eines mächtigen Nachbars ausgesetzt gewesen wäre, ehe 
der andere Theil zu seiner Hilfe hätte herbeieilen können. Darum 
ist jeder wandernde Volksstamm bei seiner endlichen Niederlassung 
sicher nur auf einer Seite des Gebirges sitzen geblieben. Auch 
mag ihm in vielen Fällen, bei dem Mangel geeigneter Communi- 
cationen, die Uebersetzung mächtiger Gebirgsketten unmöglich 
oder gefährlich erschienen sein. So sehen wir die Heeresmassen der 
Cimbern und Teutonen, gefolgt von ihren Familien und Heerden, 
zuerst in Noricum erscheinen, wo sie den Consul Papirius Garbo aufs 
Haupt schlugen, worauf sie, den Uebergang über die Julischen 
Alpen scheuend, längs dem ganzen langen Nordfusse der Alpen 
westwärts zogen und sechs Jahre später wieder in Helvetien auf- 
traten. Von hier aus überschritten die Cimbern das Gebirge und 
wurden von Marius auf den Campis Raudiis bei Vercelli vernichtet, 
welches Schicksal später die Teutonen und Ambronen bei Aquae 
Sextiae in fast gleichem Grade ereilte. So blieben ferner in den 
Zeiten der Völkerwanderung die Ostgothen und später die Longo- 
barden nur jenseits, die Bojuwaren, Sueven und Burgunden nur 
diesseits der Alpen. Die Westgothen hielten in ihrem Zuge 
vorerst diesseits der Pyrenäen inne, bis sie nachher ganz und gar 
über dieselben nach Iberien wanderten u. s. f. War aber einmal 



22 Einleitung. 

ein Volk diesi^eits und ein anderes jenseits des Gebirges sesshaft 
geworden, so verhinderte dies selbstverständlich die Verschiebung 
der Grenzen, und so konnten die Völker zu beiden Seiten, ent- 
weder wie in Italien die vorhandenen Elemente der Civilisation in 
sich aufnehmen und fortwirken lassen, oder sie konnten neue und 
volksthümliche Formen der Cultur aus sich heraus entwickeln 
und die Eigenart zur vollen Entfaltung bringen. Darum trennen 
die Alpen heutzutage nicht blos den Himmel, die Lüfte, die Flora 
und Fauna Hesperiens und Mittel-Europa's, sondern auch das ger- 
manische Element vom romanischen, die Sprache und Sitte, die 
moralischen und socialen Zustände, sowie die Staatenbildungen der 
Germanen und Romanen. 



I. 



OßOPLASTISCHEE THEIL. 



A. Von der absoluten und relativen Höhe. 

1. Die Oberfläche des Erdkörpers stellt sich uns in zwei 
gegensätzlich verschiedenen Formen dar. Die eine dieser Formen 
ist rigid nnd heisst Land, die andere ist flüssig, wir nennen sie 
Wasser und in ihrer Gesammtheit Weltmeer. Jene erscheint in 
einigen grossen und vielen kleinen Massen angeordnet und nimmt 
von der Oberfläche der Erde etwa den vierten Theil ein; diese 
umgibt das Land und nimmt von der Erdoberfläche nicht ganz 
drei Viertheile für sich in Anspruch. Von den kleinen Wasser- 
ansammlungen auf dem Lande, die im Ganzen verhältnissmässig 
ohnehin nur sehr unbedeutend sind, wollen wir an diesem Orte absehen. 

Die Obei*fläche des Weltmeeres oder der Meeresspiegel 
ist zugleich jene Fläche, welche die Form des Erdkörpers am 
reinsten darstellt. Sie steht an jedem Orte senkrecht auf die Rich- 
tung der Schwere, und wenn wir alle Punkte dieser Fläche als 
gleich weit von dem Mittelpunkte der Erde abstehend annehmen, 
so erhalten wir jenen kugelförmigen Wasserhorizont, der uns für 
alle Unebenheiten der Erdoberfläche als ein allgemein verständ- 
licher und natürlicher Vergleichshorizont, als „Nullpunkt der 
Scala auf- und abwärts zur Messung und Vergleichung der Her- 
vorragungen und Einsenkungen der Erdrinde" dienen, und nach 
dem wir sonach alle Betrachtungen von Hoch und Tief beginnen 
und alle Höhenwerthe ermitteln können. 

2. Die Höhenverhältnisse der äusseren Theile der rigiden Erd- 
form sind es, welche das Auftreten derselben hier als Land in 
Continenten und Inseln, dort als Meeresgrund, d. h. vom flüssigen 
Elemente bedeckt, bedingen. Jene sind weiter vom Mittelpunkte 
der Erde entfernt als der Meeresspiegel und können also vom 
Flüssigen nicht überfluthet sein; diese hingegen stehen dem Mittel- 
pimkte der Erde näher als der Wasserhorizont und liegen dess- 



26 Oroplastischer Theil. 

halb unter demselben. Dies zeigt, wie wichtig die Höhenverhält- 
nisse des Erdfesten für die Vertheilung von Land und Wasser 
sind und führt uns zugleich auf die geometrische Beziehung eines 
jeden Punktes zur Meeresfläche, gemäss welcher er seine Lage 
über oder unter derselben hat. Diese in bestimmten Maassen aus- 
gedrückte Beziehung nennen wir die absolute Höhe. 

Aber selbst auf dem Lande offenbart sich die ganze un- 
ermessliche Mannigfaltigkeit der Formen nur durch die Verschieden- 
heit der absoluten Höhen. In dieser Verschiedenheit liegt das 
Gesetz eingeschlossen^ nach welchem die Massen im Räume ver- 
theilt sind. Zur Ermittlung dieser Verschiedenheit werden die 
Höhen jener Massen auf einander zu beziehen sein. Wir werden 
nämlich eine der Höhen über dem allgemeinen Vergleichshorizont 
mit einer anderen analogen Höhe vergleichen müssen, um die 
Frage zu beantworten , welche von beiden Höhen die grössere und 
wie gross der Unterschied dieser Höhen ist. Diesen Höhenunter- 
schied nennen wir die relative Höhe. 

8. Absolute und relative Höbe. Suchen wir nach einer 
strengeren Definition beider Begriffe, so werden wir sagen: die 
absolute Höhe eines Ortes ist gleich der Entfernung dieses 
Ortes von dem Mittelpunkte der Erde vermindert um die Ent- 
fernung des Meeresspiegels von dem Mittelpunkte der Erde. Mit 
anderen Worten: die absolute Höhe eines Ortes ist die verticale 
Entfernung dieses Ortes von dem bis unter oder über den Ort 
fortgesetzt gedachten Meeresspiegel. 

^. , Es sei z. B. in der nebenste- 

Fig. 1. 

henden Figur AB ein Theil derErd- 
yi. f, Oberfläche, a der Meeresspiegel, 

-^r — m^^^"""^/ -N---^^^ ^ ^^^ Erdmittelpunkt und mn der 

\ / '>. l ^^ Sinne der sphäroidalen Krüm- 

\ / / x\B mung der Erdoberfläche fortgesetzt 

\ / gedachte Meeresspiegel, so ist die 

\ / absolute Höhe 

\ / ^^^ ^^^ Punkt b =z ob — oa = bd 

\ / fy )) 7) c = oc — oa ^=: ce 

\ / ^^^ demnach die relative Höhe 

\/ oder der Höhenunterschied der 

• Punkte b und c = ce -- bd. 

Wenn also die absolute Höhe angibt, um wie viel irgend ein 
Punkt den allgemeinen Vergleichshorizont, d. h. den Meeresspiegel 



Von der absoluten nnd relativen Höhe. 27 

überhöht, so wird die relative Höhe lehren, um wie viel ein Punkt 
höher ist als ein anderer. 

Betrachten wir nun die absoluten Höhen, der obigen Defini- 
tion gemäss, als positive Grössen, so werden wir die gleich- 
namigen Höhen aller derjenigen Punkte, die unter dem allgemeinen 
Vergleichsniveau liegen, d. h. deren Entfernung vom Erdmittel- 
punkte kleiner ist als die des Meeresspiegels, als negative 
Grössen erhalten. Jene werden wir demnach mit dem +, diese 
mit dem — Zeichen ausdrücken können. Auf dieselbe Weise werden 
ja auch die östlichen und westlichen geographischen Längen oder 
die östlichen und westlichen Abweichungen der Magnetnadel von 
der Mittagslinie unterschieden. — Negativ sind also die absoluten 
Höhen aller Punkte des Meeresgrundes, und dasselbe ist bei den 
Böden vieler Landseen der Fall. In Bergwerken und bei Bohr- 
löchern wird gar nicht selten bis auf mehr oder minder bedeutende 
negative absolute Höhen hinabgegangen. Doch nicht genug! es gibt 
selbst auf der Oberfläche der Erde eine nicht unbeträchtliche An- 
zahl oft sehr ausgedehnter Strecken von negativer absoluter Höhe. 
So liegt z. B. der über 6200 geographische Quadratmeilen umfas- 
sende Spiegel des Kaspisees, das Thal des Jordanflusses mit dem 
Todten Meere zusammen 36 Meilen lang, die grosse nordöstliche 
über 60 Meilen von Ost nach West sich erstreckende Depression 
der lybischen Wüste und andere Gegenden mehr, unter dem Niveau 
des Meeresspiegels. 

4. Ich lasse hier etliche Verzeichnisse der hervorragendsten 
absoluten Höhen positiven und negativen Zeichens folgen: 

a) Die grösste absolute Höhe der Erd- 
fes le ist der Gaurisankar oder Mount Eve- 

rest im Himalaya mit + 27212 P. F. 

Die bisher entdeckte geringste abso- 
lute Höhe des Erdfesten ist die von 
Ringgold im atlantischen Ocean gelothete 
Tiefe des Meeresgrundes mit — 39700 „ 

b) Der tiefste (seit langer Zeit ersäufte) 
Schacht scheint der bei Kuttenberg in 
Böhmen zu sein. Derselbe geht bis auf 3546 F. 
unter Tag; liegt nun das Mundloch dieses 
Schachtes 1000 F. über Meer, so beträgt die 

absolute Höhe des Schachtendes circa . . — 2545 „ 
Die tiefste gegenwärtig im Betrieb befind- 



;> 



,, Oberen-Sees — 

u. 8. w. 
d) Die bisher bekannt gewordenen Einsen- 
kungen der Erdoberfläche mit nega- 
tiven absoluten Höhen sind folgende: 

das Todte Meer in Palästina, 23*3 geogra- 
phische Quadratmeilen gross, mit — 1236 

das mittlere und untere Jordanthal mit 
dem See Genesar eth, 15 Meilen ober- 
halb des Todten Meeres; der See 
Genesareth — 

der Assal-See im Somali-Lande mit . — 

die Oase Bir-Ressam in der nordöstlichen 
Sahara mit — 

das Salzbecken Assali und des Raguali- 
Flusses, südöstl. von Massaua-Afrika — 

das Todten-Thal (Death Valley) im Di- 
stricte Arizona, Nordamerika ... — 

die Oase Audjila in der nordöstlichen 
Sahara mit — 



1} 



28 Oropl astischer Theil. 

liehe Grube ist die Eow Bridge-Grube bei 
Wigan in Lancashire; die absolute Höhe des 

Grubenortes ist . — 2424 P. F. 

Das tiefste Bohrloch ist jenes zu 
Sperenberg bei Berlin, welches im Jahre 1870 
bereits bis zur Tiefe von ööOO F. unter 
Tag getrieben war. Beträgt nun die Seehöhe 
jener Ortschaft 470 F., so hat das untere 
Ende des Bohrloches die absolute Höhe von — 5030 
c) Die grössten negativen Höhen von See- 
böden sind: 

des Todten Meeres — 

„ Lago maggiore — 

„ Baikal-Sees — 

„ Caspi-Sees . . — 

„ Lago di Como — 

„ Lago di Garda — 

„ Lago d'Iseo — 

„ Huronen- und Michigan- Sees ... — 
Ontario-Sees — 



2936 




1967 




1940 




1276 




1188 




701 




443 




428 




267 




208 





?7 



700 




600 




320 




200 




175 




160 





160 P. 


. F. 


154 


?; 


154 


97 


95 


M 


78 


» 


70 


44 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 29 

die Oase Such Agerun ebendaselbst mit — 
die Oase Siuah (Siwah) „ „ — 

der Brunnen Morharha „ „ — 

die Oase Djalo „ „ — 

der Kaspisee, der Seespiegel mit . . — 
der Soda Lake in Arizona, Nordamerika — 
Die relative Höhe oder der Höhenunterschied wird meistens 
positiv angegeben, d. h. es wird gewöhnlich die kleinere absolute 
Höhe von der grösseren abgezogen. Bei trigonometrischen Nivelle- 
ments aber, wo die Höhendifferenzen im Vergleiche mit dem Hori- 
zonte des Standortes ausgemittelt werden, wird die relative Höhe 
selbstverständlich dort positiv sein, wo der gemessene Verticalwinkel 
über — und negativ, wo dieser Winkel unter dem Horizonte des 
Standortes liegt. 

Die absoluten und relativen Höhen für alle Theile des Bodens 
genau erkannt, können allein uns ein richtiges Bild über die Ver- 
theilung von Hoch und Tief auf der Erdoberfläche zu Stande 
bringen. Sie allein werden uns dahin führen, die Unterschiede der 
Formen zu erkennen, sie auf bestimmte Typen zurückzuführen, 
und trotz der grossen Unregelmässigkeit dieser Formen in Gestal- 
tung und horizontaler Vertheilung, die Gesetze ihrer Anordnung im 
Räume aufzufinden. Aus diesen Gründen wurde diesen beiden 
Grundbegriffen hier die erforderliche Aufmerksamkeit zugewendet. 



B. Von den Grundformen des Bodenreliefs. 

5. Ebenes Land, Berg land. Die Oberfläche des Landes er- 
scheint uns mit Rücksicht auf ihre verticale Gliederung zunächst 
in zwei Grundformen, als ebenes Land und als bergiges Land 
— Ebene und Bergland. 

Unter einer Ebene verstehen wir eine solche Fläche, bei 
welcher von einem Punkte zu jedem anderen die absoluten Höhen 
nahezu dieselben, demnach die Höhendifferenzen unbedeutend 
sind. Als Bergland hingegen werden wir diejenigen Theile 
der Erdoberfläche bezeichnen, wo sich schon in kurzen Zwischen- 
räumen ein mehr oder minder namhafter Wechsel der absoluten 
Höhen vollzieht, und wo demnach auch die relativen Höhen von 
einem Punkte zum anderen bedeutend sind. In diesen beiden 
Begriffen reflectirt sich der erste und wichtigste, überall, auch 



30 Oroplastischer Theil. 

weitab vom Meere, erkennbare und giltige Gegensatz in den Ver- 
hältnissen des Bodenreliefs. 

Ich halte diesen Gegensatz wichtiger als den zwischen Berg 
und Thal, weil dieser erst im Berglande selbst Geltung erlangt, 
und dann, weil er sich mehr auf specielle, locale und nicht auf 
grosse und allgemeine Verhältnisse bezieht. 

Das ebene Land bildet weitaus die vorherrschende Ober- 
flächenform des Erdfesten, auf dem Lande so gut wie auf dem 
Meeresgrunde. Es ist im nördlichen Asien und östlichen Europa, 
in Nord- und Südamerika, wie auch in Neuholland ausserordentlich 
verbreitet und nimmt nur in Afrika verhältnissmässig geringe 
Räume ein. 

6. Tiefebene, Hooliebeiie. Ebenen können tief oder hoch liegen, 
das heisst, sie werden in dem einen Falle das Meeresniveau nur 
wenig überragen, in dem anderen Falle aber wird ihre mittlere 
absolute Höhe eine mehr oder minder grosse sein. Jene werden 
wir desshalb Tiefebenen, diese Hochebenen nennen. Da sich 
nun die Continente, der Natur der Sache nach, von ihren Rändern 
gegen das Innere hin erheben, so werden die Tiefebenen mehr an 
den Küsten, die Hochebenen mehr im Innern der Festländer zu 
finden sein. Ja es gibt sogar Küstenstriche, die in ziemlicher Er- 
streckung unter dem Niveau des Meeres liegen, was bei Theilen 
von Holland und bei den Umgebungen des Kaspisees der Fall ist. 

7. Tiefland. Die Tiefebene von massiger Ausdehnung wird 
diesen Namen schlechtweg führen; so sind die Ebenen am Po, am 
Arno und in Campanien, jene am Ebro und am Guadalquivir, an 
der Rhone, am Mittelrhein, an der mittleren Donau, an der Maritza, 
am Vardar, an der Salamvria u. dgl. m. Tiefebenen rundweg. 
Verbreitet sich jedoch diese Bodenform zusammenhängend über 
sehr ansehnliche Räume nach Länge und Breite, so dass die Area 
derselben nur nach Tausenden von Quadratmeilen gemessen werden 
kann, so nennt man sie ein Tiefland. In diesem Sinne fasst man 
die ebenen tiefliegenden Flächen des östlichen Europa vom Ural 
bis zur Weichsel als sarmatisches, jene zwischen Weichsel und 
Rhein als germanisches, jene in Nord-Asien als sibirisches, jene 
am Kaspi- und Aralsee als turanisches, die am Indus und Ganges 
als indisches Tiefland zuaammen. 

8. Das nachstehende, dem Handbuche der physischen Geo- 
graphie von Klöden entnommene Verzeichniss zeigt die wich- 
tigsten Tiefländer der Erde sammt ihren Flächen-Inhalten: 



Von den Grandformen des Bodenreliefs. 



31 



In Europa 



das sarmatische Tiefland . 

germanische u. holländische 
Tiefland 

französische Tiefland . 

skandinavische 

eiio;li8chc 
die Halbinseln Kanin und Kola 
das nieder-ungarische Tiefland 



□Meilen 
95640 



j> 



»j 



»» 



11 



11 



11 



6800 
4900 
3500 
2230 
2000 
1800 



In Nord-Amerika 

das arktische Tiefland . . . 

die Savannen des Mississippi . 

„ atlantische Küstenebene . 

In Süd-Amerika 

die Selvas des Amazonas . . 

Pampas des La Plata . . 

westlichen Küsten ebenen 



11 



□Meilen 
. 100000 
. 70000 
. 10000 

. 137250 
. 76000 



• • • • 



>» 



11 



iy 



11 



225000 
32200 
240C0 



In Asien 
das sibirische Tiefland 
turanische 
indische 

die Kirgrhisen-Steppe 18200 

das syrisch-arabische Tielland . 13000 

„ chinesische „ . 10000 

die hinterindisclien Tiefländer . 8000 

dsnngarischen „ . . 3000 



11 



11 



11 



11 



von Chili, Bolivia u. Peru 18000 



Llanos des Orinoco 



16000 



5000 
2550 



das Tiefland des Magdalenen- 

flusses 

„ Tiefland von Guayana . . 

In Afrika 
die Tiefländer am Nil , in 
Senegambien u. a. 

In Australien 
meist im Innern 120000. 



1 70000 ( ?) 



9. Höhengrenze des Tieflandes. Da die Tiefebenen von der 
Küste, als ihren tiefsten Punkten, allmälig nach dor Richtung, 
aus welcher die Flüsse koramen, ansteigen, so wird sich die Frage 
erheben, in welcher absoluten Höhe das Tiefland endigt und das 
Hoch- oder Bergland beginnt. So steigt z. B. die lombardische 
Tiefebene vom Meere weg unmerklich, d. h. ohne irgend eine 
Unterbrechung durch eine Landstufe, derart gegen Westen an, 
Jass sie bei Turin bereits die Höhe von 770 F. erreicht. Auf ähn- 
liche Weise erhebt sich das germanische Tiefland gegen Süden in 
der Art, dass es bei Breslau schon 456 und bei Ratibor gar schon 
864 F. hoch liegt, ohne dass sich irgendwo ein Bodenabsatz vor- 
fände, an welchem die Qualification der Ebene als Tiefland ein 
physisch motivirtes Ende zu nehmen hätte. Die Natur liebt hier 
wie überall die allmäligen Uebergänge und setzt dadurch die 
wissenschaftliche Terminologie vielfach in Verlegenheit. 

Wenn also im Allgemeinen dem Tieflande keine bestimmte 
Höhengrenze nach oben zu setzen ist, so kann dasselbe anderer- 
seits, bei dem Absein einer trennenden Landstufe , doch nicht bis 
auf eine verhältnissmässig übergrosse Höhe ausgedehnt werden, 
weil sonst der Name Tiefland mit der Natur in Widerspruch ge- 
riethe. Humboldt hat die absolute Höhe von 1200 F. als Grenze 
für das Tiefland angesetzt. Ich meines Ortes möchte diese Bestim- 
mung etwas präciser fassen und wie folgt sagen: wenn irgendwo 
eine Bodenstufe in der beiläufigen Höhe von 600 — 700 F. über dem 



32 ' Oroplastischer Theil. 

Meere (die Höhe fiir die Aenderung der Temperatur um 1 Grad R.) 
einen natürlichen Abschnitt darstellt, so hört daselbst das Tiefland 
auf; ist dies aber nicht der Fall, steigt nämlich der Boden ganz 
unmerklich an, so kann das Tiefland ohne Bedenken selbst bis zur 
absoluten Höhe von 1200 F. fortsetzend gedacht werden. 

10. Unebenheiten des Tieflandes. Obgleich es Tiefebenen gibt, 
die bei sehr geringem Gefälle gar keine Unebenheiten zeigen, 
also beinahe vollkommene Ebenen (im geographischen Sinne) sind, 
so ist dies doch nur selten der Fall und es erscheint fast jede Tief- 
ebene, und noch mehr jedes Tiefland, auf die mannigfaltigste Weise 
in seiner Ebenheit gestört. Bald sind es kleine, bald grössere 
isolirte, bald niedrige oder höhere zusammenhängende Höhenzüge 
oder Einsenkungen, welche den normalen Verlauf der Ebene unter- 
brechen und verunstalten. Insbesondere sind es die Wasserscheiden, 
die bei sehr ausgedehnten Tiefländern niemals fehlen, sie in der 
Form von Hügelzügen oder breiten, plateau-artigen, wenn auch im 
Ganzen nur sehr niedrigen Massen durchziehen und sie in Systeme 
von Erhöhungen und flachen Mulden auflösen. Diese Mulden, 
meistens das Ergebniss der Wassererosion, bezeichnen dann auch 
jetzt noch die Richtung der Flussläufe und daher nicht minder die 
Stellen intensivster Bodencultur, oder sie sind, wenn die Neigung 
der Mulde zu gering, oft in weitem Umfange versumpft. 

Solche Höhenzüge besitzt z. B. das englische Tiefland in 
seinen Downs, die, aus einem gemeinsamen Knoten in Somerset 
ausstrahlend, in vier zusammenhängenden Hügelreihen die Ebene 
durchziehen und die Flussthäler der Themse und südlichen Ouse, 
mit den reichen Culturebenen von Middlessex und Bedford, zwischen 
sich nehmen. Aehnliclie Verhältnisse offenbart das germanische 
Tiefland mit seinen isolirten Hügelgruppen in Westphalen und 
Braunschweig und mit seiner Doppelreihe sandiger und theil weise 
seenbedeckter Plateaux, und ebenso auch das sarmatische Tief- 
land, das von den Quellen des polnischen Bug angefangen, bis zu 
den Quellen der Petschora im Ural, von der europäischen Haupt- 
wasserscheide gequert und nebst der finnischen Gneissplatte von 
zwei grossen Erheb ungs Systemen durchzogen ist, zwischen denen 
sich die Niederungen der Weichsel, der Düna, des oberen Dnjepr 
und der mittleren Wolga ausbreiten. 

11. Flachland, Landschwellen, Landrücken. Dies stellt uns die 

Gelegenheit zur Hand, in den Formenverhältnissen des Tief- 
landes zwei Typen zu unterscheiden. Wir nennen Flachland 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 33 

jene Tiefebene, oder jenen Theil derselben, der von einzelnen, unter 
sich nur wenig oder gar nicht verbundenen und durch mehr oder 
weniger breite Strecken ebenen Landes getrennten Höhen, Höhen- 
zügen und Vertiefungen durchzogen ist; jene Höhenzüge aber, 
welche in stetiger Folge zwei ausgedehnte Depressionen des Tief- 
landes scheiden, werden wir als Landschwellen, Landrücken 
bezeichnen. Es ist dabei gleichgiltig, ob diese LaüdschwcUen wirk- 
liche Wasserscheiden darstellen oder von den Flussläufen durch- 
brochen sind, ob sie als Hügelreihen oder als breite flache Plateaux 
auftreten. Sie können hie und da für das Auge sogar schwer 
erkennbar sein; in keinem Falle aber dürfen sie, allenfalls von 
wenigen einzelnen Punkten abgesehen, das dem Tieflande noch 
gestattete Maass absoluter Höhe überschreiten. 

Die eine Ebene zum Flachlande uinstaltenden Ileliefformen 
sind demnach : isolirte Hügel oder Berge, Hügelgruppen, zusammen- 
hängende Hügelzüge oder Plateaux, breite Einsenkungen, mehr 
oder minder tief in den Boden eingeschnittene Flussrinnen, beweg- 
liche Sandwellen, Dünen u. dgl. Rücken diese Unterbrechungen 
ohne Veränderung ihrer relativen Höhenmaasse nahe zusammen, so 
entsteht ein Hügelland. 

12. Geognosie der Tiefebenen. Der Boden der europäischen 
Tiefebenen ist meistens aus diluvialen und tertiären, an vielen 
Orten aber auch aus den Gebilden älterer Formationen zusammen- 
gesetzt. So ist z. B. das niederrheinische, germanische und sarma- 
tische Tiefland, letzteres bis über den Dnjepr hinaus, von den 
erratischen Gebilden des Diluviums bedeckt, mit welchen sich in 
den Niederungen an der Ems, Weser, Elbe, Havel, Oder, Warthe, 
Weichsel, am Narew und Pripet zum Theil fruchtbare AUuvien, 
zum Theil ausgedehnte Torflager verbunden haben. Die provenga- 
lische, oberrheinische, die österreichischen, die beiden ungarischen 
und die lombardische Tiefebene gehören den diluvialen Geschieben 
an, die ebenfalls an vielen Orten von Alluvien verhüllt und von 
miocenen Ablagerungen umsäumt oder inselartig durchbrochen 
sind. Die Ebenen des Ebro und Quadalquivir, das Pariser Becken, 
die rumelische und der grösste Theil der wallachischen Tiefebene 
besteht, abgesehen von den Alluvien in den Niederungen, aus 
miocenen, das Garonnebecken zur Hälfte aus miocenen, zur 
anderen Hälfte aus pliocenen Sedimenten. Die Tiefebenen in Eng- 
land sind aus eocenen. Kreide- und Jura-Gebilden, jene in Skan- 
dinavien aus kristallinischen Schiefern und das grosse sarmatische 

S o n |: 1 a r, Allg. Orographie. ^ 



34 Oroplastischer Theil. 

Tiefland in Finnland aus Gneiss,' in Süd-Russland theilweise aus 
Granit und dann aus den Gliedern fast aller jüngeren Formationen 
zusammengesetzt. Aber selbst da, wo ursprünglich feste Gesteine 
zu ob erst lagen und von Schwemmgebilden nicht verhüllt wurden, 
da hat die Verwitterung jene festen Massen aufgelockert und aus 
den Zersetzungsproducten ein für die Ansiedlung der vegetabilischen 
Natur mehr oder minder geeignetes Substrat geschaffen. Dies hat 
nur dort eine Ausnahme erlitten, wo grosse Kälte oder Wasser- 
mangel dem Wachsthume der Pflanzen entgegensteht, oder wo 
ausschliesslich sandige und salzige Residua jemaliger Meeresbecken 
die Entwicklung einer ergiebigen Vegetationsdecke verhinderten. 
Und so finden wir den Boden der Tiefebenen aus allerlei Gerollen, 
aus losen Steinbrocken, aus Quarz- und Kalksand, aus Thon und 
Pflanzenmoder in mannigfaltigster Mengung zusammengesetzt, und 
stellenweise mit Torf, mit Sümpfen, mit Salzkrusten und sogar, wie 
in Finnland und auf dem Granitplateau Süd-Russlands, mit kahlen 
Felsplatten bedeckt. Hieraus ergeben sich von selbst die verschie- 
densten Grade der Fruchtbarkeit des Tieflandes, vom reichsten 
Ackerboden bis zur öden vegetationslosen Steppe. 

13. Hocliebene. Innerhalb des Begriff'es der Ebene ist der 
Tiefebene die Hochebene entgegengesetzt. Wir bezeichnen mit 
diesem Namen eine ebene Fläche, die nach Obigem, wenn sie 
nämlich die Fortsetzung einer Tiefebene ist, bei 1200 F. absoluter 
Höhe beginnt, sonst aber mindestens 600 F. über dem Meere liegt. 
Ihre Höhengrenze nach oben ist selbstverständlich keiner Schranke 
unterworfen. 

14. Plateau, Terrasse. Bei den Hochebenen werden wir zu- 
nächst zwei Hauptformen unterscheiden können. Macht nämlich 
die Hochebene den höchsten Theil eines Berges oder eines grösse- 
ren Gebirgsmassivs aus, so nennen wir sie ein Plateau oder eine 
Platte; hat sie jedoch ihre Lage zwischen den höchsten Theilen 
des Gebirges und dem Tieflande, so wird sie eine Terrasse oder 
Bergstufe, Gebirgsstufe genannt. Für Plateau wird zuweilen 
auch das Wort Scheitel fläche verwendet. 

15. Tafelland, Terrassenland. Bei sehr grosser Ausdehnung 
in die Länge und Breite erweitert sich das Plateau zum Tafel- 
lande, die Terrasse zum Terrassenlande. 

So werden wir die ebene, räumlich nicht allzu beschränkte 
Oberfläche eines Berges als Plateau, die 7000 F. hohe Hochfläche 
von Anahuac aber auf, der nach Humboldt ein Wagen auch ohne 



Ton den Orundformen des Bodenreliefs. 



Strasse 200 Meilen weit leicht fortbewegt werden kann, 
als eia Tafelland bezeichnen. 

Es ist klar, dass uns bei dem geringen Umfange 
eines Platean's die Ebenheit desselben als ein unent- 
behrliches Erforderniss erscheinen wird. Anders ist 
dies bei einem Tafellande. Ungleich der Strenge in 
der Auffassung des Tieflandes hat hier die Wissen- 
schaft mit Recht eine freiere Ansicht gestattet. Bei 
einein Tafellande tritt nSmlich die Forderung an sein 
Ebensein in dem Maasse zurück, als es an Grösse zu- 
nimmt. Der Begriff echliesst sich hier mehr an die 
grossen, die Form im Ganzen beherrschenden Ver- 
hältnisse an. Denn so wie uns z. B. die Oberfläche 
eines Gartenbeetes, ungeachtet seiner relativ oft nicht 
unbeträchtlichen Unebenheiten, aus einiger Entfernung 
angesehen, im Ganzen dennoch eben genug erscheint, ^ 
ebenso werden bei sehr ausgedehnten Tafelländern, s 
da wir sie im Geiste ebenfalls aus der Ferne betrach- I 
ten, selbst grosse Unebenheiten, wie sie durch Berge « 
und Thäler hervorgebracht werden, den Plateau- | 
Charakter derselben zu stßren nicht im Stande sein. ^ 
Nebenstehendes Diagramm wird die Wahrheit des Ge- 5 
sagten verbildlichen. g 

So werden wir also von einem hinterasiatisehen ■ 
Tafellande sprechen dürfen, obgleich demselben Berg- ■ 
ketten aufgesetzt sind, deren Höhen die der Alpen in 
Europa weitaus übertreffen. Dasselbe gilt von dem 
vorderasiatischen Tafellande, von dem Tafellande von 
Dekhan, von Arabien, Süd-Afrlka u. a. m. Ein Ver- 
hältniss zwischen der horizontalen Ausdehnung des 
Tafellandes und der Höbe der Hervorragnngen, bei 
welcher der Begriff Tafelland noch anwendbar oder 
nicht mehr anwendbar erscheint, ist aufzustellen bis- 
her noch nicht versucht worden. 

16. TafelläudeT der Erde. Die Tafelländer 
der Erde sind folgende: 1. In Europa kann 
keine der vorkommenden Erhehungsmassen als Tafel- 

•) Wird hiar die Ungi, des TarellsudeB mit 50 MellBH sngenanimeii, 
» Bben-Hg«» dls Berge d» mll einer reinen Liole bezeichnete Mlltel-Nlveui 



36 Oroplastischer Theil. 

land bezeichnet werden, da keine die hierzu erforderlichen Dimen- 
sionen aufweist. Am ehesten liessen sich noch die ausgedehnten 
centralen Hochflächen des pyrenäischen Gebirgssystems in Spanien 
und die des skandinavischen Gebirges in seinen nördlichen und 
südliclien Theilen als Tafelländer auflFassen. Aber bei der grossen 
Unebenheit beider ist ihre Area zu klein. 

2. Anders steht es in dieser Beziehung mit Asien, jenem 
grössten der Erdtheile, wo alle natürlichen Typen in höchster Aus- 
bildung und die Gegensätze in ihren schärfsten Contrasten anzu- 
treffen sind. Hier nennen wir: a) Das hohe Tafelland von Tibet 
und des Himalaya, zwischen Indien, der hohen Tartarei und China, 
bei 50000 geographische Q.-Meilen gross, im westlichen Theile (nach 
dem Meridian des Pangong-Sees) 15600 P. F., im Osten, wenn nicht 
höher, doch mindestens eben so hoch, die Kämme mit den höchsten 
Gipfeln der Erde besetzt und mit Pässen bis über 19000 P. F. 
absoluter Höhe, im Innern von den grossen Längenthälern des 
Indus, Tschinab, Satledsch und Brahmaputra durchfurcht und häufig 
aus Hochflächen bestehend, die, von Hügeln und niedrigen Bergen 
durchzogen, oft 20 und mehr Tagreisen lang nicht unter die Höhe 
des Montblanc herabsinken, b) Das Tafelland des Bolor (Tftgh oder 
die Pamir-Steppe, zwischen Ostturkestan und Turan, 60 — 70 Meilen 
lang, 12 Tagreisen oder 30 Meilen breit und im Mittel bei 12000 F. 
hoch, c) Das vorderasiatische Tafelland zwischen Indus und Tigris, 
mit einer Area von 36000 geographischen Q.-Meilen, im Norden und 
Osten höher als im Westen und Süden; bei Kabul und Kelat 8000, 
zwischen Schiras und Teheran 5000 P. F. hoch; an den Rändern 
und im Innern bergig und mit grossen sandigen Wüsten bedeckt. 
d) Das Tafelland von Dekhan in der vorderindischen Halbinsel, 
34000 Q.-Meilen umfassend, 2000—3000 F. hoch, mit hohem West- 
rand und deshalb gegen Osten geneigt, e) Das Tafelland von 
Arabien, in der arabischen Halbinsel, 40000 Q.-Meilen gross, 4000 bis 
5000 F. über dem Meere, im Innern eben und bergig, im Süden vor- 
herrschend wüst. 

3. In Afrika begegnea wir zuvörderst : a) Der über 100.000 
Q.-Meilen enthaltenden Wüste Sahara, die, mit Ausnahme des 
westlichen kleineren Theiles (Sahel) und der oben erwähnten Ein- 
senkungen im Nordosten, der Hauptsache nach ein 2000 — 3000 F. 
hohes, theils sandiges, theils steiniges, von kahlen felsigen Bergen 
und trockenen Wasserrinnen (Wadi^s) durchzogenes Tafelland bildet. 
b) Das Tafelland der Mandingos zwischen Sudan und Senegambien 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 37 

etwa 60 — 70 Meilen lang und breit, wenig bekannt, c) Das süd- 
afrikanische Tafelland oder Hochafrika, circa 200.000 Q.-Meilen 
gross lind im Mittel 4000 F. hoch, mit mehreren grossen 8eebecken 
im Norden und der Wüste Kalahari im Süden, noch grossentheils 
unerforscht. 

4. Der amerikanische Continent, besonders aber Nord- 
Amerika, ist durch seine grossen Massenerhebungen ausgezeichnet. 
Hier finden wir im Westen von Nord- Amerika: a) Das zusammen- 
hängende, 500 Meilen lange, 150 Meilen breite, im Osten von den 
Rocky Mountains und im Westen von der Sierra Nevada und dem 
Kaskaden- Gebirge eingeschlossene Tafelland von Columbia und 
Utah, zum Theil bergig, zum Theil eben, sandig und salzig, von 
grossen Flussthälern und im Süden von wunderbaren Erosions- 
schlünden (Canons) durchschnitten. Die Mittelhöhe beträgt im engli- 
schen Antheile oder in Columbia 2500, in Utah 4000 F. b) Das 
Tafelland von Anahüac, südlich des vorigen und seine Fortsetzung 
bildend, 300 Meilen lang, 100 Meilen breit, 7000—8000 F, hoch, 
im Norden eben, im Süden von hohen Bergen bedeckt, gegen beide 
Meere steil abfallend ; die Heimat des Aztekenvolkes, c) Das Tafel- 
land von Nicaragua, nördlich und östlich des gleichnamigen See's, 
bei 80 Meilen lang und 50 Meilen breit, eine rauhe, schwer zugäng- 
liche Gebirgsmasse von massiger Höhe, d) Das bolivianische Tafel- 
land, vom Vulkan Llullayacu bis Cuzco bei 200 Meilen lang, im 
Parallel von Potosi 60 und in jenem von Cuzco 30 Meilen breit, 
13.600 Q.-Meilen gross und im Mittel 12.000 F. hoch. Hier liegt, 
10.050 F. über dem Meere, der 250 Q.-Meilen umfassende 
Titicaca-See. 

Die orographische Configuration und verticale Gliederung 
Neu-Hollands ist zur Zeit noch nicht so weit bekannt, als dass 
hier Tafelländer von bestimmter Höhe und Begrenzung namhaft 
gemacht werden könnten. 

17. Plateanx im engeren Sinne. Unter den Plateaux im 
engeren Sinne werden in Europa die nachfolgenden als die 
wichtigsten zu nennen sein: 

Die Plateaux von Chinchilla, ßequena, Cuenga, Molina und das 
galizische Plateau in Spanien; 

das Plateau von Gevaudan, Vivarais, Velais, der Auvergne, der 
Mille Vaches, von Gatine und von Langres in Frankreich; 

das der Ardennen in Frankreich, Belgien und Luxemburg; 

die Eifel, der Hunsrück, das Plateau von Kaiserslautern, des 



38 Oroplastischer Theil. 

südlichen Schwarzwaldes, des Taunus, Westerwaldes und Sauer- 
landes, der rauhen Alp, des fränkischen Jura, des Fichtelge- 
birges, des krainerischen, istrischen und kroatischen Karst- 
landes u. a. m. in Mittel-Europa; 
die Dovre Fjelden und Hardanger Vidden in Skandinavien; 
das arkadische Plateau in Griechenland u. s. f. 

Nebenher kann hier noch bemerkt werden , dass man die hori- 
zontalen ebenen Ausbreitungen der Landschwellen des Tieflandes 
ebenfalls als Plateaux oder Platten bezeichnet, weshalb man denn 
auch von einer mecklenburgischen , pommer'schen , preussischen und 
finnischen Seenplatte und von einem südrussischen Steppenplateau etc. 
spricht. In allen Fällen aber wird die Ansicht festzuhalten sein, dass 
man unter Plateau oder Platte die oberste ebene Fläche einer 
erhöhten Bodenform zu verstehen habe. 

18. Terrassen, Terrassenland. Wenn also Plateau und Tafelland 
Terraintypen sind, die sich in dem Begriffe Hochebene ver- 
einigen, so ist dies auch bei der Terrasse und dem Terrassen- 
lande der Fall. Beide erheben sich auf der einen Seite zu noch 
höherem Lande , während sie auf der anderen Seite zu einer 
niedrigeren Terrasse oder zum Tieflande herabsinken. Die Terrasse 
oder Bergstufe vermittelt demnach den Uebergang der höchsten 
Theile eines Berges oder Gebirges zur Tiefebene und ist in den 
meisten Fällen (d. h. nicht in allen) gegen diese letztere ab- 
gedacht. Wo dies nicht stattfindet, da bildet gewöhnlich eine Berg- 
kette den äusseren Rand der Terrasse, die dann als eine Mulde 
auftritt, in welcher die Hauptrichtung des Flusslaufes mit dem 
Rande der Terrasse bis zu dem Punkte parallel läuft, an welchem 
der Fluss den erwähnten Bergrand durchbricht, um auf die tiefere 
Terrasse oder in die Tiefebene herauszutreten. 

Der folgende Holzschnitt (Fig. 3) verbildlicht in einfachster 
Weise die Verhältnisse von Plateau und Terrassen gegen einander. 

aoC und gg* Tiefebenen, dd* das Plateau, hh\ cc* und ff 
Terrassen, die gegen die Tiefebenen abgedacht sind, ee* mulden- 
förmige Terrasse und ä Flusslauf innerhalb derselben, parallel 
mit e'. 

Ist eine Terrasse an Grösse unbedeutend, so wird sie eben sein 
müssen, wenn sie ihrem Namen gerecht bleiben will; bei Terrassen- 
oder Stufenländern hingegen wird, wie beim Tafellande, die Forde- 
rung, dass sie eben sei, vernachlässigt werden dürfen, wenn nur 
die Unebenheiten in ihrem Maasse gegen die horizontale Ausdehnung 



Von den Grundfurmen des Bodeiirelieb. 



der Tcrraase ala verschwindend klein 
oder ala geringfügig anzusehen sind. 
So wird es denn auch Stufeniftnder 
geben, welche von Gebirgen bedeckt 
und von Thülern durchzogen und 
daher nichts weniger als Hochebenen 
in der strengeren Bedeutung des 
Wortes sind. Immer aber wird, nach 
der Reduction aller Unebenheiten 
auf ein mittleres Maass, die in Flg. 3 
bildlich dargestellte Grundform er- 
sichtlich Bein milssen. Die u eben- 
stehende Zeichnung (Fig. 4) zeigt 
diese Reduction bei einem gebirgigen 
; Terrassenlande. 

I aa' Plateau, dd' Tiefebene, 

[ EJ'' gebirgige Terrassen, Äfc'undcc' 
i Niveaux, auf welche ihre Oberflächen 
! reducirt sind. 

: Kleinere Terrassen kommen an 

' den Abhängen der Berge allent- 
; halben vor, aber auch ausgedehnte 
Terrassen und Terrassenländer sind 
häufig ansutrefiFen , da sie in der 
Regel jene Bodenform sind, durch 
welche jedes höhere Gebirge seinen 
Abfall zum Tieflande vermittelt. 

19. TerraBsenländer der Erde. 
Zu den Vorkommnissen dieser Art 
gehören in Europa: Die alt- und 
neueastilische Hochebene und die 
Terrassen von Avila, Soria, Sigtl- 
enza, Jaen, Guadix, Baza, Hues- 
car, von Valencia und Alemtejo 
in der pyrenäischen Halbinsel; der 
nördliche Abfall der Pyrenäen bei 
Pau, Tarbes und Carcassonne , die 
Gausses westlich der Cevennen, die 
Landschaften Limousin, Buurbonnais 
und Nivernais, die Terraase von 






40 Oroplastischer Theil. 

Morvan und andere in Frankreich; die schwäbische, fränkische, 
thüringische, oberpfälzische Hochebene; die böhmische, mährische, 
lausitzisch-schlesische und galizische Terrasse; die schweizerische 
Hochebene; das württembergisch-bayerische Hügelland, die baye- 
rische Hochebene, das österreichische und das steierische Hügel- 
land; die Hochflächen von Sümeg und der Somogy u. a. in Mittel- 
Europa; die grosse skandinavische Seenterrasse in Schweden u. s. f. 
— In Asien kommen solche Terrassen und Stufenländer in 
grosser Ausdehnung vor, wie z. B. nördlich des centralen Tafel- 
landes das muldenförmige, 20.000 Q.-Meilen umfassende, 4000 bis 
5000 hohe Terrassenland von Ostturkestan , so wie die noch weit 
ausgedehntere, 4000 — 6000 F. hohe Mongolei, ferner die grossen 
Stufenländer im südlichen Sibirien (Altai), im westlichen China, in 
Hinterindien (Laos und Burma) u. a. m. — In Afr ika treten 
Terrassen auf der Nordseite des Atlas, in Habessinien, Sennaar, 
Nubien, Senegambien, Ober-Guinea und besonders deutlich im Cap- 
lande auf; nicht minder kann das Land Sudan, vom Fusse des 
Tafellandes der Mandingo bis zu den Gebirgen von Habesch, als 
eine grosse Terrasse der Gebirge und Tafelländer, die dasselbe von 
allen Seiten umgeben, angesehen werden. — In Nord- Amerika 
breitet sich östlich der Rocky-Mountains, 500 Meilen lang und 100 
Meilen breit, die Prairienterrasse aus, und andere kleinere Terrassen 
liegen zu beiden Seiten der Alleghanies. — In Süd-Amerika 
endlich kommen solche Terrassen häufig, sowol im Inneren der Anden 
als auch an ihrem Ostabfalle, bei Quito, Riobamba, Caxamarca, 
Chuquisaca, Mendoza und besonders schön ausgebildet in Pata- 
gonien vor, wo man, vom Meere bis zur obersten Hochfläche , nicht 
weniger als 8 durch steile Abstürze bezeichnete Stufen wahrnimmt. 

20. Ränder der Plateaux und Terrassen, Randgebirge. Die 

Art und Weise, mit welcher die Plateaux in die Terrassen oder 
diese in einander und zum Tieflande übergehen, ist eben so 
verschieden, als die verticalen Abstände der bezüglichen Flächen. 
In einzelnen Fällen und in beschränkter Ausdehnung fällt das 
höhere Massiv mit steilem Talus , und zuweilen sogar wand- 
artig, zum tieferen Niveau herab; in vielen Fällen geschieht dieser 
Uebergang vermittelst eines dem Abfall entlang hinstreichenden 
Randgebirges, das dann entweder steil und gleichsam in 
einer ungebrochenen Flucht abfällt, oder mit langen Nebenketten 
und allmälig das höhere mit dem tieferen Niveau verbindet. Das 
Randgebirge steht dann in beiden Fällen mit dem einen Fusse auf 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 41 

der oberen , mit dem anderen auf der unteren Fläche. Von der 
ersteren Art ist der Abfall der nordtirolischen Kalkalpen zur baye- 
rischen Hochebene, so wie der südlichen Alpen zur lombardischeu 
Tiefebene, des Riesengebirges zur Lausitzer-, des Erzgebirges zur 
böhmischen und der Centralkarpathen und Beskiden zur galizischen 
Terrasse; zur zweit erwähnten Art gehört z. B. der Uebergang 
der österreichischen Kalkalpen zum österreichischen Hügel lande 
oder dos erzgebirgischen Plateau^s in die Terrassen des Voigtlandes, 
sowie in jene bei Chemnitz und Freiberg. — In noch anderen Fällen 
fehlt es an einem solchen Randgebirge, und die höhere Fläche löst 
sich bei ihrem Abstieg zur nächst niedrigeren entweder in eine 
Zahl abfallender paralleler Bergreihen und Thäler auf, oder sie geht, 
ohne wesentliche Aenderung ihres plastischen Charakters, nach und 
nach in die tiefere Stufe über. Die erstere Uebergangsform finden 
wir auf der westlichen Seite der Cevennen, wo sie sich zu den 
sogenannten Causses von Sdverac, Florac, Rhodez und Alby ab- 
senken, und eben so auch in der böhmisch- mährischen Terrasse bei 
Iglau, Datschitz, Deutsch-Brod und Neuhaus ; die zweite Form aber 
ist in den Uebergängen der spanischen Centralplateaux zu den 
castilischen Terrassen , des Ardennen-Plateau's zum Tieflande , des 
Kodscha-Balkan zum nördlichen Tieflande, der Prairicnterrasse zum 
Tieflande des Mississippi ausgedrückt. 

21. Geognosie der Terrassen und Terrassenländer. Der Boden 

solcher Bergstufen oder Stufenländer ist wie das Gebirge selbst 
aus den verschiedensten geognostischen Elementen zusammen- 
gesetzt. Vieles hängt dabei von der plastischen Configuration 
dieser Bodenform ab. Bei grosser räumlicher Ausdehnung und 
Ebenheit sind sie nicht selten sandig, wie die sogenannten 
Llanos estacados und die grosse amerikanische Wüste auf 
der Prairien-Terrasse zwischen dem Platte River und dem Rio 
grände, oder wie die Stufenländer von Ostturkestan und der 
llongolei und viele a. m. Oft sind solche Flächen felsig und thonig 
und dann, bei nicht zureichender Bewässerung, mehr oder minder 
unfruchtbar. Der stärkeren Gefälle wegen, die den raschen Abfluss 
des meteorischen und des aus Quellen herrührenden Wassers 
bedingen, sind fast alle Terrassenländer, die darin vorkommenden 
Flussthäler abgerechnet, durch Wassermangel charakterisirt, was 
nur dort eine Ausnahme findet, wo die Nähe bedeutender Gebirge 
die atmosphärischen Niederschläge vermehrt. Die alluvialen Gebilde 
sind hier nicht häufig und die Entstehung lockeren, die Vegetation 



42 



Oroplastischer Theil. 




0QI 



begünstigenden Erdreichs nur auf die Producte der Verwitterung 
an Ort und Stelle angewiesen, wobei überdies die höhere Lage 

solcher Terrassen den schädlichen Einwirkungen der 
Winderosion freieren Spielraum gestattet. Dennoch 
gibt es unter günstigen Umständen auch sehr frucht- 
bare Terrassen, besonders dort, wo der Fleiss der 
Menschen die mindere Gunst physischer Verhältnisse 
im rechten Maasse zu ersetzen weiss. 

22. Begriff des Berges. Schon Ritter hat in seiner 
Einleitung zur vergleichenden Erdkunde auf die Un- 
bestimmtheit dessen hingewiesen, was man nach dem 
gewöhnlichen Sprachgebrauch unter dem Worte Berg 
versteht. Diese Unbestimmtheit hat ihre Ursache darin, 
dass man irgend eine Bodenerhebung bald im Sinne 
ihrer absoluten, bald in dem ihrer relativen Höhe auf- 
fasst. Um dies zu erklären, denken wir uns den Be- 
schauer auf einem Schiffe, das sich der Küste nähert. 
Eine mehrere Meilen breite Landmasse (Fig. 5) erhebt 
sich vor seinen Blicken; sie ist bei (7 und D von Tief- 
Ebenen eingeschlossen, wodurch sie sich, von der Ent- 
fernung begünstigt, in voller Uebersichtlichkeit dar- 
stellt. Er wird eine Erhebung dieser Art vielleicht 
einen Berg nennen. Nicht ferne davon steigt etwa aus 
dem Meere oder aus dem Tief lande eine isoHrte, kegel- 
förmige Terrainform E auf, von der er ebenfalls sagen 
wird, sie sei ein Berg. Der Beschauer betritt nun die 
Küste, ersteigt die vorgenannte breite Landmasse und 
findet sich hier auf einer weitgedehnten Hochebene, 
aus deren glatter Oberfläche eine ansehnliche, aber 
ebenfalls isolirte Erdmasse F aufspringt; er wird nun 
auch diese Erdmasse, im Gegensatze zur Hochfläche 
ABj als Berg bezeichnen, und dabei wenig daran 
denken, dass er früher dieselbe Hochfläche AB, vom 
Meere aus gesehen, einen Berg genannt hat. 

Eben so wird, dem Sprachgebrauche gemäss, 

eine Erdprominenz, etwa von der Höhe eines Kirch- 

thurms, ein Berg geheissen, so gut wie der Pic von 

Teneriffa oder der Montblanc. Die Juten nennen einen 

1^ 530 F. hohen Hügel bei Horsens den Himminbjerg, 

i Himmelsberg, die Däne^ ihre 200—400 F. hohen Erd- 



\::^ 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 43 

häufen ebenfalls Berge ; die Berliner sprechen von ihrem Kreuzberge, 
der nieht Folle 200 F. hoch, die Ebene nebenan nur um 80 F. überragt, 
und die Königsberger in Ostpreussen rühmen sich gar des Besitzes einer 
preussischen Schweiz in einer der Nehrungen — während die 2000 
bis 2500 F. hohen Gipfel des breiten Erdwalles zwischen Mur und 
Drau bei Marburg nur die Windischen Büheln heissen und ein 
7000 F. hoher Vorberg bei Pregratten in Tirol den Namen Finsterwitz- 
Bühel führt. Der Mensch ist eben, wie Protagoras sagt, das Maass 
der Dinge. Nicht minder wird eine einzelne, nadelartig zugespitzte 
Hervorragung eben so gut ein Berg genannt, als z. B. der über 
eine geogr. Meile lange und mit mehreren Gipfeln gekrönte Rücken 
des üntersberges bei Salzburg. 

Da nun alle eben erwähnten Reliefformen, im Interesse geogra- 
phischer Unterscheidung, unmöglich unter dem Begriffe Berg zu 
vereinigen sind, so wird es nöthig sein, den Inhalt dieses Begriffes 
auf ein auch für die Wissenschaft brauchbares Maass zu beschränken. 
Ohne Zweifel wird hierbei die absolute Höhe das entscheidende 
Moment nicht sein, wol aber werden die horizontalen Abmessun- 
gen begrenzt werden müssen, da wir nach Obigem ein breites 
Plateau eben so wenig als einen langen Gebirgsrücken einen Berg 
werden nennen dürfen. 

Unter einem Hügel oder Berg verstehen wir demnach eine 
wenig ausgedehnte, schwach oder gar nicht gegliederte Reliefform, 
die sich entweder durch isolirte Stellung oder durch mehr oder 
minder tief einschneidende Kammsättel sammt den beiderseitigen 
Kammhängen als eine physisch individualisirte Bodenmasse dar- 
stellt. Beträgt die relative Höhe derselben gegen das angrenzende 
Thal oder Flachland weniger als 600 F., so wird sie ein Hügel, 
bei grösserer Höhe ein Berg zu nennen sein. 

Es werden demnach nicht bloss frei aus ebenem Lande auf- 
steigende Hervorragungen, sondern auch Theile hoher Kämme 
oder Gebirgszüge als Berge bezeichnet werden dürfen. Aus diesem 
Grunde wird man sagen können: der Gaurisankar sei der höchste 
Berg im Himalaya, der Montblanc der höchste Berg in den Alpen; 
deshalb wird auch auf den Schneeberg, den Oetscher, den Dach- 
stein, den Rigi und auf unzählige andere ähnliche Theile des 
Gebirges der Name Berg anzuwenden sein. 

23. Hügelkette, Gebirgskette. Eine Reihe zusammenhängender 
Hügel oder Berge wird eine Hügelkette, eine Gebirgskette, 
ein Gebirgskamm genannt. 



44 Oroplastisüher Tlieil. 

24. MgelgTüppe, Eergginpje; Hfgellancl, Bergland. Mehrere 

nahe nebeneinander titehende, gar nicht oder nur undeutlich ver- 
bundene Hügel oder Berge bilden eine Htigelgruppe oder 
Berggruppe. Jener grössere Theil der Erdoberfläche hingegen, 
welcher in ununterbrochener Folge von Hügeln oder Ber- 
gen, Hügelketten oder Gebirgsketten bedeckt ist, wird als ein 
Hügelland oder Bergland, Gebirgsland bezeichnet. Die 
Vorstellung eines näheren organischen Zusammenhanges dieser 
Theile unter einander ist mit diesen Begriffen nicht nothwendig 
verbunden. Es werden demnach die Worte Hügelland und Berg- 
land auch überall dort anzuwenden sein, wo schlechtweg ein mit 
Hügeln oder Bergen bedeckter Bodenabschnitt, ohne Beziehung 
auf den orographischen Zusammenhang derselben, ausgedrückt wer- 
den will. 

Da die Begriffe Hügel und Berg von der absoluten Höhe 
nicht abhängig sind, so kann auch ein hohes Tafel- oder Terrassen- 
land ebenso gut ein Hügel- wie ein Bergland sein. Dass ein Tief- 
land in der Form eines Flachlandes auftreten kann, ist bereits 
erwähnt worden; hie und da mag es aber auch, ohne Beeinträchtigung 
seines typischen Charakters, als Hügelland ausgebildet sein. So 
sind z. B. das Pariser- und das Garonne- Becken grösstentheils, 
dann das englische und das irische Tiefland, die castilischen 
Terrassen, die Schweizer und die württembergisch-bayrische Hoch- 
Ebene, die schwäbische, fränkische, thüringische, böhmische, mäh- 
rische Terrasse u. a. m. eigentlich Hügelländer; das Plateau der 
Eifel, des Sauerlandcs, Westerwaldes und Taunus sind Bergländer, 
und dasselbe ist in noch weit höherem Grade mit dem himalaya- 
tibetanischen, dem vorderasiatischen, dem bolivianischen Tafellande 
u. a. m. der Fall. — Ebenso können, nach dem Sinne der früher 
gegebenen Definition, die Erdabschnitte zwischen Loire und Allier, 
zwischen Neckar und Main, zwischen Werra und Fulda, mit ihren 
zwar dicht geschlossenen, aber oft regellos neben einander gestellten 
und schwach verbundenen Bergen des V^lais, des Odenwaldes und 
der Rhön, wie nicht minder die Schweiz, Tirol oder Kärnthen, mit 
ihren zu wolgegliederten Systemen geordneten Gebirgskämmen, 
als Gebirgsländer qualificirt werden 

25. Plastischer Charakter des Berglandes. Wie oben bereits 
angedeutet worden, besteht der plastische Charakter des Berg- 
landes darin, dass sich die Höhen Verhältnisse nahe bei ein- 
ander gelegener Punkte nach allen Richtungen rasch und in 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 45 

bedeutendem Maassc ändern. In dem Reliefbilde des Berglandes ist 
demnach alles Unruhe. Hoch und Tief, Berg und Thal folgen sich 
in raschem Wechsel, scheinbar regellos, nur durch das Eingreifen 
des fliessenden Gewässers in bestimmte Abflussgebiete getheilt und 
dadurch in einige Ordnung gebracht. Bei den in ihren Graden 
ausserordentlich veränderlichen Fallwinkeln der Berghänge, und 
bei den grossen Unterschieden der absoluten und relativen Höhen, 
liegen hier auch die Gegensätze zwischen fruchtbarem und unfrucht- 
barem Lande nahe neben einander. Die mit reichen Alluvionen 
bedeckten Thalgründe und sanfteren Thalhänge gestatten nicht selten 
den lohnendsten Anbau des Bodens, während die steileren Gebirgs- 
Abfälle oft nur aus kahlem Fels bestehen, und die Höhen hie und da 
gar unter der Hülle ewigen Eises liegen. Höhere Berge setzen ferner 
den grossen Strömen der tellurischen Luftcirculation sehr wesent- 
liche Hindernisse entgegen, indem sie dieselben aufi*angen, ablenken, 
abkühlen und ihren Dampfgehalt verdichten. Hierdurch, wie auch 
durch die Nachbarschaft von Berg und Thal mit ihren verschieden 
erwärmten Luftmassen und den daraus hervorgehenden localen 
Bewegungen der Atmosphäre, werden die Bergländer zu Regionen 
des reichsten atmosphärischen Niederschlags, zu mehr oder minder 
wichtigen „Wettersäulen", die auf das Klima und die Bewässerung 
der angrenzenden Niederungen den bedeutendsten Einfluss üben; 
sie sind deshalb in der Regel wasserreich und die Geburtsstätten 
aller grossen Ströme. In unzähligen kleinen und grösseren Wasser- 
rinnen sammeln sie den Ertrag der Quellen sowie das abrieselnde 
Regen- und Schmelzwasser und senden es in die Ebene hinaus, 
wo es sich in einem gemeinsamen Bette vereinigt und jene gewal- 
tigen Strom laufe bildet, die für die Entwickelung der Völker, für 
ihre Geschichte und Cultur von so grosser Bedeutung sind. 

26. Hochlaiid. Wie schon der Name anzeigt, ist der Begrifi* 
Hochland zunächst von dem Begriffe der Höhe abhängig, und 
wenn wir bei der Definition dieser Reliefform den Aussprüchen der 
ersten Meister geographischer Wissenschaft folgen, so werden wir 
sagen müssen, dass man unter Hochland ein Land versteht, dessen 
allgemeine (mittlere) Höhe eine bedeutende ist, gleichviel ob seine 
Oberfläche bergig, hügelig oder eben ist. Hieraus werden wir zur 
Schlussfolgerung berechtigt, dass jenes Bergland, welches zugleich 
als Hochland angesehen werden soll, eine compacte, ausgedehnte, 
weder von tiefen Thalspalten noch von tiefen Thalebenen durch- 
brochene Gesaramterhebnng darstellen müsse. — Eine Höhengrenze, 



46 Oroplastischer Theil. 

bei welcher das Hochland seinen Anfang nimmt, kann nicht an- 
gegeben werden, doch muss sie jenseits des noch für das Tiefland 
giltigen Niveau's liegen. 

Der Sprachgebrauch hat in diesem Sinne bereits richtig ent- 
schieden ; so spricht man von einem schottischen Hochlande, das 
wol in keinem Theile eine ebene Hochfläche von einiger Bedeu- 
tung aufweist. So kann man auch mit vollem Rechte grosse Theile 
der Schweiz, von Tirol, Salzburg, Kärnthen u. s. f., wo sich das 
Gebirge gleich wol nirgends zu einem auch nur massig grossen 
Plateau verdichtet hat, als wahre Hochländer bezeichnen. Derselbe 
Ausdruck wird ferner selbstverständlich auch auf alle ebenen oder 
flachen Plateaux, Tafelländer, Terrassen und Terrassenländer ange- 
wendet werden können. 

Hie und da hat sich über die Bedeutung des Wortes Hoch- 
land eine irrige Ansicht ausgebildet, was namentlich aus der Ter- 
minologie des k. k. milit. geographischen Institutes, insoferne auf 
dieselbe aus dem Titel eines Vorlegblattes fiir Situationszeichnung 
geschlossen werden kann, hervorzugehen scheint. In diesem Zeichen- 
muster ist nämlich das Hochland einseitig als eine leichthügelige 
Hochfläche aufgefasst. Diese Ansicht ist unrichtig und auch un- 
nöthig, weil ftlr eine solche Terrainform der weit bezeichnendere 
Name Plateau oder Tafelland besteht. Wenn wir nun über diesen 
Punkt die maassgebenden Autoren zu Rathe ziehen, so werden wir 
folgende Aussprüche zu registriren haben ; so sagt Carl Ritter : 
^Die zusammenhängenden, massigen, von keinen Stromthälern ganz 
durchbrochenen oder durchschnittenen, gemeinsamen, nach allen 
Directionen hin weit verbreiteten Gesammterhebungen der Erde 
über das benachbarte Tiefland oder den Meeresspiegel nennen wir 
Gebirgsganze, Hochländer der Erde" *). Wenn auch diese Erklärung 
nur für die grossartigsten Verhältnisse berechnet ist, so kann daraus 
dennoch erkannt werden, dass die Ebenheit kein Erforderniss für 
das Hochland bildet. Hören wir, wie Naumann diesen Begriff er- 
klärt : ^Unter Hochländern versteht man weit ausgedehnte Land- 
striche, welche in ihrer Gesammtausdehnung eine bedeutendere 
mittlere Höhe haben"**). Auf derselben Seite sagt Naumann: 
„Die Hochländer erreichen zum Theil sehr bedeutende horizontale 
Dimensionen, wie z. B. in Europa das 125 Meilen lange Hochland 



*) Einleitung zur „Vergleichenden Erdbeschreibung". Berlin 1852, pag. 83. 
**) Lehrbuch der Geognosie, von Dr. C. F. Naumann. I. .308. 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 47 

der Alpen". Ebenso spricht Roon : „Das Hochland stellt sich ent- 
weder als thal- und wasserreiches Hochgebirge oder als eine stei- 
nige dürre Hochsteppe dar'^ *) und nennt später Guyana, die 
Berberei und Siebenbürgen Hochländer**). In ähnlicher Weise 
äussert sich Klöden, welcher Siebenbürgen und das Bergland von 
Quito zu den Hochländern zählt***). Es wäre leicht, noch eine Zahl 
gleich oder ähnlich lautender Ansichten anderer verdienstvoller 
Geographen hier anzuführen ; ja es dürfte kaum irgendwo das Hoch- 
land in der oben angegebenen Beschränkung definirt worden sein. 

27. Begriff des Gebirges. Die Vieldeutigkeit des Wortes 
Berg nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche wiederholt sich in 
dem Worte Gebirg. Gewöhnlich ist es mit dem Inhalte dieses 
Begriffes so bestellt wie mit dem einer Zahl. Berg ist die Einheit 
und Gebirg die Vielheit nahe neben einander stehender Berge. 
Dem Geographen C. Ritter gebührt das Verdienst, diesen Begriff 
zuerst wissenschaftlich fixirt zu haben f), und ihm folgen wir haupt- 
sächlich, wenn wir sagen: das Gebirge ist eine gegliederte Er- 
hebungsmasse von ansehnlichem Umfange und bedeutender Höhe, 
bei der man eine wasserscheidende Höhenlinie unterscheiden kann 
und deren Theile nach ihren äusseren und inneren Merkmalen 
(plastischer Zusammenhang und geognostische Zusammensetzung) 
unter sich wol verbunden sind. — üeber die ad minimum gefor- 
derte horizontale Ausbreitung und relative Höhe eines Gebirges 
lassen sich keine bestimmten Maasse aufstellen; etwa 2 — 3 Meilen 
Länge und 700— -1000 F. relative Höhe werden wol als die klein- 
sten Abmessungen anzusehen sein. 

Wenn wir diese Definition des Gebirges etwas näher in's Auge 
fassen, so werden wir erkennen: 1. dass das Gebirge aus einem 
Complex deutlich erkennbarer Theile, d. h. aus Bergen bestehen 
müsse, da eine ungegliederte Masse, und sei sie auch noch so 
gross, immer nur unter den Begriff Berg gehört; 2. dass auch die 
horizontale Ausdehnung eines Gebirges nicht allzu gering sein 
dürfe, weil sonst die Gliederung von selbst wegfällt ; 3. dass das 
Gebirge als Träger einer wasserscheidenden Höhenlinie erscheinen 
müsse, damit nicht etwa schon einer der Abhänge eines grösseren 
Erhebungskörpers als Gebirge angesehen werde ; 4. dass der 



*) Grnndzüge der Erd-, Völker- und Staatenkunde, von Alb. v. Roon. I. 168. 
**) Ibidem U, 421. 
***) Handbuch der physischen Geographie, von Gust. v. Klöden, pag. 94. 
f) Einleitung in die allgemeine vergleichende Erdkunde 74, und Europa 98. 



48 Oroplastisclier Theil. 

plastische Zusammenhang seiner Glieder erforderlich sei, und dass 
diese Glieder unter sich deutlicher verbunden seien als mit den 
Gliedern anderer benachbarter Gebirge, wodurch allein das Ge- 
birge den Charakter einer concreten, mit physischer Deutlichkeit 
individualisirten Reliefform gewinnt, und 5. dass auch der innere 
Bau des Gebirges ein solcher sein müsse, der auf einen für alle 
Theile mehr oder minder gemeinsamen Ursprung hinweist. 

Hier also tritt, wie wir sehen, zum ersten Male ein neues 
Element in den I)ereich der Orographie ein, die Geognosie näm- 
lich, und sie thut dies mit Recht, weil nicht bloss in den meisten 
Fällen von dem inneren Bau des Gebirges seine äussere Form ab- 
hängig ist, und es einer logischen naturhistorischen Eintheilung 
widerstrebt, Dinge , die nach Wesen und Ursprung ungleichartig 
sind, unter einen Begriff zusammenzufassen, sondern weil noch viele 
andere Verhältnisse des Gebirges nur in der Geognosie des- 
selben ihre Erklärung finden. Gebirge bilden demnach die erste 
Reliefform der Erdoberfläche, die wir als ein organisirtes Ganzes 
zu betrachten haben. 

Die Gebirge erheben sich entweder einzeln aus einem Tief- 
lande, einem Tafel- oder Terrassenlande, wie z. B. die Sierra Ne- 
vada de Sta. Martha in Süd-Amerika, der Harz in Deutschland 
oder die Lysa Gora in Polen, oder sie erscheinen als Theile eines 
ausgedehnteren Gebirgslandes. In letzterem Falle sind sie von den 
benachbarten Gebirgen entweder durch tiefe und breite Thäler oder 
Thalebenen oder durch Kammlücken geschieden, welche in das 
Erhebungsmassiv energisch genug einschneiden und deren tren- 
nendes Moment durch geognostische Zuthat nicht selten wesentlich 
gesteigert ist. So nennen wir z. B. die Salzburger Alpen ein be- 
sonderes Gebirge, weil es nicht allein durch den tiefen Einschnitt 
bei Zell, Saalfelden und Lofer von den Kitzbühler und nordtiro- 
lischen Kalkalpen und durch den Salzadurchbruch zwischen Sanct 
Johann und Golling von den österreichischen Kalkalpen getrennt 
ist, sondern weil auch der kreisförmige Schwung seines Haupt- 
kammes ein anderes dynamisches Bildungsprincip anzeigt, als bei 
den drei angrenzenden Gebirgen. Aus ähnlichem Grunde betrachten 
wir die Berner Alpen einerseits und die Urner Alpen andererseits 
und ebenso das Erzgebirge, das Fichtelgebirge und den Böhmer- 
wald als verschiedene Gebirge. 

28. Auf Tafel- und Stufenländern treten Gebirge nicht selten 
als Randgebirge auf und bilden dann den Uebergang des 



Von den Gltindforinen des ßodenreliefs. 49 

höheren Hochlandes in ein tieferes oder zum Tieflande. So sind 
z. B. das Roggeveld-, das Nieuweveld- und das Wintergebir^e im 
Caplande die südlichen Randgebirge des südafrikanischen Tafel- 
landes, mit denen dasselbe zur grossen Earruh-Ebene absteigt, 
während die Kette der Zwartenberge den Uebergang dieser Ter- 
rasse zur Eüstenebene vermittelt. 

29. Geblrgssystem. Mehrere eng verbundene oder nahe bei 
einander liegende Gebirge schliessen sich zu einem Ganzen 
höherer Ordnung zusammen, das wir mit dem Worte Gebirgs- 
system ausdrücken. Ein Gebirgssystem besteht demnach aus Ge- 
birgen, die alle unter sich theils plastisch theils geologisch zusam- 
mengehören , wenn auch die Merkmale , durch welche sie 
verbunden sind, weniger deutlich in das Auge fallen, als dies be- 
züglich der zu einem und demselben Gebirge vereinigten Berge 
der Fall ist. 

Jene Merkmale, durch welche sich die Coordination mehrerer 
Gebirge zu einem Gebirgssysteme ausspricht, sind, wie gesagt, theils 
plastischer Art, d. h. sie Hegen in den räumlichen Beziehungen der 
Gebirge gegeneinander, theils sind sie geologischer Natur, was nichts 
Anderes sagen will, als dasß alle diese Gebirge mit Rücksicht auf 
die Zeit oder die Art ihrer Entstehung einen näheren oder ent- 
fernteren Zusammenhang beurkunden. 

So sind z. B. die Alpen ein Gebirgssystem, das bei einer 
Länge von 150 und einer mittleren Breite von 30 Meilen ohne 
Zweifel aus vielen einzelnen Gebirgen bestehen muss und thatsäch- 
lich besteht. Ein dicht geschlossenes Bergland bildend, d. h. nir- 
gends von allzubreiten Thalflächen oder ausgedehnten Hoch- oder 
Tiefebenen unterbrochen, liegen die einzelnen Gebirge nahe neben 
einander imd sind nur durch tiefe Eammkerben und Querthäler 
oder durch enge und relativ hohe Längenthäler unter sich ver- 
bunden und getrennt. Der wichtigste plastische Zusammenhang 
derselben aber hat sich dadurch geofFenbart, dass sie alle auf einem 
gemeinsamen Sockel aufgesetzt erscheinen, der durch die ganze 
Länge und Breite des Alpengürtels ausgespannt, eine riesige Tafel- 
masse darstellt, deren Mittelhöhe, bloss fUr die Ostalpen über 
3000*), die Mittel- und Westalpen eingeschlossen, sicher über 
4000 F. beträgt. Alle Theilgebirge des Alpensystems sind demnach 
als prismatische, auf einer gemeinschaftlichen Unterlage aufgesetzte 

♦) Siehe „Ausland** 1869 Nr. 1, 2, 3: „Ueber die plastischen und hypso- 
metrischen Verhältnisse der Ostalpen**, von C v. Sonklar. 

S o n k 1 a r, Allg. Orographie. ^ 



50 OropUstischer TheiL 

ReliefTormen anzuseheii, die eben dnreh diese Unterlage weit inniger 
zu einer Gesammtheit verbunden sind, als es äusserlich durch die 
Umrisse jener Formen zu erkennen ist. Aber die Geognosie der 
Alpen beweist nicht minder die Zusammengehöri^eit aller ihrer 
Theile- Schon der erwähnte Sockel deutet durch seine Continuität 
auf eine die ganze Alpenarea umfassende Gesammterhebung, wo- 
durch die an den Rändern des Alpenmassivs gelagerten jüngeren 
Gebilde emporgehoben und, am nördlichen wie am südlichen Rande, 
zu * gleichmässigem und gleichsinnigem Fallen der Schichten (nach 
Aussen hin) genöthigt wurden. 

Als Gebirgssysteme müssen femer in Europa die Gebii^fi 
der pyrenäischen Halbinsel , der Apennin , die skandinavischen 
Gebirge, der Ural, die Karpathen, das hercynische und das snde- 
tische System, der Schwarzwald, das rheinische System, die Ce- 
vennen , das illyrisch - griechische und das Balkansystem (peri- 
apenninisches und antidakisches System Klödens), das schottische 
Hochland, das penninische System in England und die Gebirge 
von Wales erkannt werden. 

In Asien sind der Kaukasus, der Taurus, der Libanon, das 
kurdische Gebirge, der Himalaya, der Mustagh (Karakoram), der 
Bolortagh, der Thianschan, der Jtinling u. a. — in Afrika der 
Atlas, das habessinische Gebirge, das Konggebirge u. a. m. — 
in Amerika die nord- und südamerikanischen Cordilleren, die Alle- 
ghanies, die Gebirgsländer von Guyana und Brasilien nebst anderen 
als Gebirgssysteme zu bezeichnen. 

Aus diesen Beispielen geht wol klar hervor, dass die Täum- 
liche Ausdehnung der Gebirgssysteme zwischen sehr weiten Grenzen 
schwankt. Welcher Unterschied z. B. zwischen dem Gebirgssysteme 
von Wales oder dem des Schwarzwaldes einerseits und jenem der 
Anden in Süd-Amerika oder des Himalaya in Asien andererseits! jene 
25 bis 30, diese Hunderte von Meilen lang; jene im Snowdon und 
Feldborg höchstens 3300 — 4600 F. hoch, diese im Lirima und Acon- 
cagua, im Everest und Kantschindschinga die höchsten Gipfel der 
Erde tragend. Auf welche unendliche Fülle verschiedener Verhält- 
nisse in Form, horizontaler» und verticaler Gliederung, geologi- 
schem Bau, Klima, Producten, landschaftlichem Ausdruck, Bewässe- 
rung, Bewohnbarkeit und Ueberschreitbarkeit lassen diese wenigen 
Zahlen nicht schon schliessen ! Dennoch weiss die Wissenschaft 
das Gemeinsame in so verschiedenen Erhebungsraassen herauszu- 
finden und unter ein Gesetz zu stellen. 



Von den Grundformen des Bodenreliefs. 



61 



em 



30. Dimensionen der wichtigsten Gebirgssysteme. leb lasse hier 

Verzeichniss der Längen der wichtigsten Gebirgs- 





Länge in 
Meilen 


Südamerikanische Cordilleren 


. 1095 


Nordamerikanische ^ 


. 800 


Der Ural 


. 625 


„ Thianschan in Asien . . 


. 488 


„ Nanling in China .... 


. 400 


n Himalaya in Asien . . . 


. 380 


n Küen Lün und Kulkun . 


. 350 


Das skandinavische System . 


. 320 


Die Ostghats in Indien . . . 


. 300 



Systeme der Erde folgen: 

Länge in 
Meilen 

Der Jünling in China 250 

Das Alburs-System in Asien . . 240 

Der Altai in Asien 228 

Die Karpathen 220 

Der Peling in China .... 200 

Das Vindhya-Gebirge in Indien 200 

Die Westghats 180 

Die Alpen 160 

Der Apennin 140 

Noch verdient hier etwas zur Sprache gebracht zu werden, 
was der oben gegebenen Definition der Gebirgssysteme ' zu wider- 
sprechen droht. So sagt einer unserer grössteii Geographen und 
Geologen : ^Die topographische Abgrenzung der einzelnen Gebirgs- 
systeme, die Trennung z. B. zwischen den Alpen und dem Apennin 
oder den illyrisch-ttirkischen Gebirgen, des Schwarzwaldes vom 
Odenwald und Spessart ist keineswegs scharf und scheint der Will- 
kür preisgegeben"*). Aelinliches kann wol auch zwischen dem 
Himalaya, Bolortagh und Hindukoh, zwischen dem Alburs- und dem 
kurdischen Systeme, zwischen diesem und dem Taurus geltend 
gemacht werden. Aber setzt man nur die Grenze zwischen zwei 
solchen scheinbar verbundenen Systemen an die rechte Stelle, so 
wird sich alsbald zeigen , dass , mit dem veränderten Streichen 
eines Systemes gegen das andere, in allen Fällen auch eine ver- 
änderte Plastik oder eine Veränderung in dem inneren Bau des 
Gebirges, d. h. ein anderes Bildungsprincip erkennbar wird. Ein 
Beispiel mag dies erläutern. So liegt z. B. die eigentliche Grenze 
zwischen den Alpen und dem Apennin in der durch die Bocchetta 
bei Genua bezeichneten Querlinie, wenn dies in der geographischen 
Praxis auch anders gehalten wird. Das Gebirge westlich dieser 
Transversalen gehört offenbar noch den Seealpen an, besteht erst 
aus Granit, dann aus Gneiss und erhebt sich schon bei Garessio 
in dem Felskessel des Monte Gioje bis über 8000 F. absol. Höhe ; 
östlich der Bocchetta aber ist der ligurische und toscanische Apen- 
nin durchweg aus den Gebilden der Eocänformation au%ebaut, die 
weit im Süden, bei völlig verändertem Streichen des Systems, 



*) B. Stader: ^Lehrbuch der phjsik. Geographie nnd Geologie*' II. 218. 



52 Oroplastischer Theil. 

selbst bis zur Höhe von 9200 F. (Gran Sasso) aufsteigt, während 
in dieser ganzen Erstreckung die krystallinischen Schiefer sowie die 
Centralraassen der Alpen überall fehlen, und die pliocänen Lager 
am Fusse des Gebirges die Entstehung des Apennin in eine spätere 
Zeit herabrücken. 

31. Gebirgsgruppen. Was wir femer unter Gebirgsgruppen 
verstehen , das ist nichts Anderes als die Ausscheidung ein- 
zelner Gebirge innerhalb eines grösseren Gebirgssystems unter 
besonderen Namen, auf Grund einer etwas deutlicher hervortre- 
tenden plastischen Absonderung, so wie auf Grund geognostischer 
Demarcationen, zur leichteren Uebersicht . der horizontalen Anord- 
nung des Systems und seiner Theile. In solche Gruppen sind der 
Apennin, das pyrenäische System, das französische und deutsche 
Mittelgebirge, die Alpen u. a. m. seit langer Zeit schon geschieden 
worden. Da hierbei immer der orographische Standpunkt maassge- 
bend ist, so scheint mir, dass in CoUisionsfällen, d. h. dort, wo 
die geologischen Grenzen mit den plastischen Absonderungslinien 
nicht gut zusammenfallen^ die geognostischen Belange in die zweite 
Linie der Beachtung gehören. Diesen Ansichten gemäss hat man 
die Alpen in die West-, Mittel- und Ostalpen, in Central-, Nord- 
und Südalpen, und jeden dieser Abschnitte weiter in kleinere Ge- 
birgsgruppen eingetheilt. 

Im gewöhnlichen Sprachgebrauche begegnet man häufig einer 
Verwechslung von Gebirg und Gebirgssystem. So werden z. B, die 
Karpathen, die Alpen, die Pyrenäen, meistens nur als Gebirge 
bezeichnet. Im Allgemeinen hat diese Verwechslung wenig zu 
bedeuten, zumal der Begriff eines Gebirgssystems, d. i. eines plastisch 
und geognostisch zusammengehörigen Erhebungscomplexes, auch in 
dem Begriffe Gebirg enthalten ist. Die Wissenschaft unterscheidet 
jedoch schärfer und deshalb sollte in geographischen Werken nicht 
unbedingt eines dieser Worte für das andere verwendet werden. 

32. Und hiermit hätten wir denn alle Hauptformen der festen 
Erdoberfläche der Reihe nach aufgezählt und nach ihren wesent- 
lichen Attributen zu charakterisiren versucht. Aus Tiefebenen und 
Tiefländern, Plateaux und Tafelländern, Terrassen und Terrassen- 
ländern, Hügeln, Bergen und Bergländern setzen sich, unter gehöriger 
Auswahl, die kleinsten Inseln wie die grössten Continente zusammen, 
zuerst im Allgemeinen geformt durch die hebenden Kräfte des Erd- 
innern, dann umgeformt und modellirt durch die mit den mannigfal- 
tigsten Eüstzeugen der Zerstörung unermüdlich arbeitende Erosion. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 53 



C. Von den Detailformen des Bodenreliefs. 

33. Ufer, ElLSte. Die Linie, längs welcher sich Land und 
Wasser gegenseitig begrenzen, wird das Ufer, beim Meere die 
Küste genannt. — In der Küste erreicht die Oberfläche des Erdfesten 
den Nullpunkt der Höhe, und von ihr angefangen, setzt sich die 
Erdoberfläche einerseits in ihrer starren Form als Land und ander- 
seits in ihrer flüssigen Form als Wasser oder Meer fort. Die Küste 
ist demnach die „Lösung der Gegensätze des starren und des flüssigen 
Elementes" und ihre Gestaltung in horizontalem wie im verticalen 
Sinne das Resultat der zerstörenden oder bildenden Thätigkeit beider. 

Unablässig drängt nämlich das Meer gegen die seine Herrschaft 
begrenzenden und einengenden Küsten, sein Salzgehalt wirkt auf- 
lösend auf die Gesteine die es bespült, zur Zeit der Fluth wirft es 
sich mit Macht auf das Gestade, mit der Ebbe und mit seinen 
Strömungen spült es die aus dem Zusammenhang gebrachten Stoffe 
von der Küste weg und schafft sich dadurch neue Angriffsflächen, 
in Stürmen endlich stürzt es seine Wogen erschütternd und zer- 
malmend auf das Land, das dann nur in dem passiven Wider- 
stände seiner Cohäsion ein Mittel der Abwehr findet. Dennoch 
sieht das Land nicht so ganz unthätig den Angriffen seines uralten 
Gegners zu. Mit seinen fliessenden Wassern führt es fort und fort 
ungeheuere Massen fester Stoffe in das Meer, die sich zumeist vor 
der Küste absetzen, erst breite Barren, dann Sandbänke bauen und 
sich allmälig in Strand- und Deltabildungen und zuletzt in festes 
Land verwandeln. Auch der vom Lande kommende Wind wirft, 
besonders wenn seine Richtung eine stetige ist, den Sand der 
Wüsten und alle übrigen verkleinerten Producte der Verwitterung 
in das Meer hinaus, fällt hier entlang der Küsten den Grund auf, 
und bringt ähnliche Gebilde wie die früher erwähnten zu Stande. 
So kämpft das Land dem Meere die verlornen Gebiete wieder ab. 

34. Klippen, Riffe. Die ersten festen Formen, denen wir hie 
und da bei der Annäherung an das Land begegnen, sind kleine 
kahle Felsinseln, die oft nur wenige Fuss aus dem Wasser empor- 
ragen und die, wenn sie vereinzelt oder in unregelmässigen Gruppen 
auftreten, Klippen oder Schären, wenn sie in Reihen geordnet 
sind, Riffe heissen. 

Die Küsten sind entweder flach und eben oder hoch und steil 
^ Flachküsten; Steilküsten. 



54 Oroplastischer Theil. 

35. Flachküsten. Bei Flachküsten verschneidet sich die 
Oberfläche des Erdfesten mit dem Wasserspiegel unter sehr kleinen 
Winkeln, wodurch es kommt, dass manche Küsten für grössere 
Schiffe unnahbar sind. Von dieser Art ist z. B. die Westküste 
von Jütland, die aus diesem Grunde die Eiserne Küste heisst. Aus 
demselben Grunde kommen dann auch am Küstensaume oft weite 
Strecken vor, die zur Fluthzeit vom Wasser bedeckt, zur Ebbezeit 
aber von ihm unbedeckt sind; solche Strecken werden Strand 
genannt. Sind sie dabei, wie in der Nord- und Ostsee, an Orten 
mit geringer Fluthhöhe, von einem feinen thonigen oder sandigen 
Schlich überlagert, so heissen sie Watten. 

36. DünenbUdnng. Diese Strandflächen bieten das Material 
zur Dünenbildung, die demnach nur an Flachküsten vorkommen 
kann. Die Wellenbewegung des Meeres rührt den Sand des Strandes 
auf, der dann von den Wellen auf das Land geworfen wird. Ist 
die Küste flach, so rollt die Woge mit abnehmender Geschwindig- 
keit auf das Land hinaus, bis sie in Folge der Reibung mit dem 
Grunde endlich zum Stillstande gebracht wird. In diesem Augen- 
blicke lässt sie alle grösseren Steinfragmente so wie einen Theil 
des mitgeführten Sandes auf den Boden fallen, während der grössere 
Theil dieses Sandes von dem Wasser der gebrochenen Woge wieder 
in das Meer zurückgetragen wird, um im nächsten Augenblicke von 
einer neuen Woge erfasst zu werden, Ist auf diese Weise der An- 
fang der Düne vorgezeichnet, so wird jede folgende, gleich grosse 
oder selbst noch etwas grössere Woge bei ihrer Brandung an der- 
selben Stelle innehalten und an der Vergrösserung des entstehenden 
Sandwalles thätig sein. Alle kleineren, zwischen dieser neuen Düne 
und dem Meere gelegenen Dünenanfänge aber werden von den 
Wogen weggeschwemmt und theilweise zur Verstärkung des Haupt- 
walles verwendet werden. Zu allen Zeiten aber wird der Wind, 
komme er von der Seite des Meeres oder von der des Landes, zur 
Erhöhung der Düne beitragen. Aller schwerere Sand, der so leicht 
nicht in die Luft emporgehoben werden kann, wird sich auf der 
Erde fortbewegen, an dem Sand walle versammelt und quer über 
seine Abdachung bis auf die Krone und die Leeseite des Walles 
fortgerollt werden. — Bildungen dieser Art nennt man, wenn sie 
vorherrschend aus grobem Sand oder aus kleineren Steinstücken 
bestehen, Uferwälle, wenn sie hauptsächlich aus feinem Sande 
zusammengesetzt sind, Dünen. 

Es ist einleuchtend, dass solche DünQn an strandigen Küsten 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 55 

überall vorkommen müssen, dass sie unter sich zusammenhängen 
und nur hie und da, etwa von Flussmüadungen, durchbrochen sind. 
So sind z. B. das Bordelais in Süd-Frankreich, die Küsten von 
Holland, Nord-Deutschland, Jütland, der dänischen Inseln, Egypten, 
der südfichen Staaten Nord-Amerikas u. a. m. von continuir- 
lichen Dünenwällen eingesäumt. Häutig liegen mehrere solcher 
Wälle hinter einander, und nicht selten kommen sie auch tief im 
Lande, d. h. einige Meilen von der Küste entlegen, vor. — Das 
zwischen . dem Mqere und der Düne oder zwischen den Dünen 
liegende, und wegen seiner tiefen Lage meist feuchte Land wird 
Marschland genannt und ist zur Wiesenkultur und Viehzucht vor- 
züglich verwendbar. 

Die Höhe der Dünen ist sehr versphieden und hängt von den 
ihre Bildung begünstigenden Umständen (ausgedehnter Strand, liohe 
Fluthen und hoher Wellengang) ab. Als ihre mittlere Höhe wird 
10—50 F. angegeben; doch erreichen sie bei Bordeaux stellenweise 
eine Höhe von 100—150, in Holland sogar von 185 F. und siüd 
dabei oft eine halbe und selbst eine ganze Meile b;:eit. Ln Allge- 
meinen ist ihre Abdachung gegen die See steiler als gegen das 
Land; doch verändern sie unter der Einwirkung des Windes ihre 
Gestalt fortwährend und breiten sich durch dieselbe Ursache auch 
in das Land hinein aus, das sie dann auf lange Zeit für die Kultur 
unbrauchbar machen. 

An vielen Küsten hat die Dünenbildung die alten Fluss- 
mündungen verlegt, hierdurch den Abfluss des Wassers gehemmt 
und durch die Anstauung desselben die Bildung von Seen in den 
Niederungen vor der Düne herbeigeführt. Solche Seen werden 
Lagunen, Strandseen, in Norddeutschland Haffe genannt. Die 
zwischen Meer und Haff liegende Düne stellt sich in der P^orm einer 
schmalen, langgestreckten Landzunge dar und heisst Nehrung, in 
Italien Lido, in Russland Peressip. 

37. Steilküsten. Steilküsten erheben sich unter hohen 
oder selbst rechten Winkeln über den Meeresspiegel. Die allge- 
meine Bezeichnung für ein hohes Ufer ist Gestade, das die Fran- 
zosen Falaise nennen, wenn es felsig ist. Durch solche Steilküsten 
erhebt sich das Land gleichsam sprungweise über das Niveau des 

Meeres, und ihre Höhen sind verschieden, le nachdem das Küsten- 

• ' ^ . ......... . '•'-. .. 

land ein Tief- oder ein Hochland ist. So steigen z. B. die Ränder 
des pontischtin Tieflandes bei Akkjerman 110, die Falaises unfern 
der Seinemündung bei 800, die Kreidewände bei North Föreland 



56 OroplasÜscher Theil. 

über 200 und jene des Beachy Head bei Dungeness 550, die Fels- 
gestade der Hebriden bei 700, jene bei Trafalgar in Spanien 300 
bis 800, bei Gibraltar 1440, am Nord-Cap 943 endlich die der 
Faröer, so wie die Einfassungen der norwegischen Fjorde 1000 bis 
2000 F. über den Meeresspiegel empor. 

Ist die Steilküste aus lockerem Erdreich zusammengesetzt, so 
sind die Zerstörungen derselben durch den Wellenschlag oft ausser- 
ordentlich gross; so ist z. B. der nördliche Küstensaum des 
Schwarzen Meeres stellenweise in einer Breite von 1000 bis nahe 
an 3000 F. mit den Trümmern des eingestürzten Gestades bedeckt; 
die Russen nennen solche Stellen Obruiwi. Bei Helgoland, in Nor- 
wegen, im westlichen Schottland, in Irland, in der Bretagne, in 
Dalmatien, Albanien und Griechenland u. a. a. O. starren die Küsten 
von Klippen, die der Andrang der Meereswogen vom Lande all- 
mälig abgelöst hat. Je nach dem Bodenmateriale und der Schichten- 
stellung ist hierbei die Wirkung der See eine verschiedene. Am 
grössten erscheint sie dort, wo die Straten horizontal liegen und 
irgend eine der tieferen Schichten vom Meere leichter erodirt wird. 
Das überhängende Land stürzt dann oft in grossen Massen in die 
Tiefe und bedeckt mit seinen, in wilder Unordnung gelagerten 
Bruchstücken von jeder Grösse den seichteren Meeresgrund. Ragen 
diese Trümmer über den Wasserspiegel auf, so werden sie in Eng- 
land Unterklippen (undercliffs) genannt*). 

38. Fjorde. Eine eigen thümliche Küstenbildung endlich bilden 
die Fjorde, wie sie typisch in Norwegen, und auch an anderen 
gebirgigen Küsten der gemässigten und kalten Zone vorkommen. 
Fjorde sind schmale, gewöhnlich vielgewundene, von steilen oder 
senkrechten Felswänden eingeschlossene und oft viele Meilen weit 
in das Land eindringende Meeresbuchten, von denen nicht selten 
andere secundäre und kleinere Fjorde in die Nebenthäler des Ge- 
birges auslaufen. Die ausgezeichnetste Erscheinung dieser Art ist 
wol der Sogne^ord unfern Bergen in Norwegen; er erreicht in 
keinem Punkte die Breite einer geographischen Meile, ist in seinen 
oberen Theilen meist kaum eine halbe Meile breit, zählt 14 — 15 
Nebenfjorde und greift 25 Meilen weit in die höchsten Theile des 
skandinavischen Gebirgssystems ein. Der Drontheimi^^^^ t^* ®^^® 
Länge von 22, der Hardangeri^^^d von 17, der Porsangeri^^^d von 



*) Siehe die schöne Zeichnung im Handbuche der physischen Geographie 
Y. Klöden. Seite 92. 



Von den Detailformen ^-des Bodenreliefs. 57" 

1^ ußd d&t I»e§orcl von 13 geographischen Meilen. Als mit Wasser 
ausgefüllte Thäler angesehen, wird von ihnen später nochmals 
umständlicher die Rede sein. • 

39. Hügelformen. Hügel sind die ersten und unbedeutend- 
sten Abweichungen des Bodens von der Ebene und wir kennen 
bereits jene Höhengrenze ; bei welcher der Begriff Hügel aufhört 
und der des Berges beginnt. So wenig als es möglich ist, die Höhe 
einer Erhebung durch den Augenschein genau zu bestimmen, so 
wenig ist es nothwendig, an jener Grenze pedantisch festzuhalten. 
Nicht minder ist uns bereits bekannt, was man unter Flachland 
und Hügelland zu verstehen habe. 

Die Hügel im Tieflande gehören in der Regel den jüngsten 
Formationen der Erdrinde an, und sind, vom Winde gebildete Sand- 
hügel abgerechnet, wie bereits erwähnt, hauptsächlich Producte der 
Wasserspülung. Da die Materialien, aus denen sie bestehen, meist 
von lockerer, den Angriffen der Erosion leicht zugänglicher Art 
sind, so werden ihre Oberflächen gewöhnlich sanft geneigt und 
Böschungen von mehr als 10 Grad selten sein. GeröUe und 
comprimirter Sand werden dabei meist etwas steilere Gehänge 
bilden als Thon- und Mergelboden. Grössere Neigungswinkel als 
der angegebene kommen dort vor, wo Wasserläufe die Füsse der 
Hügel benagen, die Flussbetten eintiefen und das Erdreich an den 
Ufern zu oft wiederholten kleinen Einstürzen nöthigen. 

Sind die Böschungen der Hügel sehr sanft und deshalb die 
vertieften Zwischenräume sehr flachmuldig, so pflegt man eine Folge 
solcher Erhebungen auch als Bodenwellen, Terrainwellen zu 
bezeichnen. 

In Dünen- und anderen Sandgegenden sind die Hügel in Form 
und Lage je nach der Richtung und Stärke des Windes veränder- 
lich. Fegt gelegentlich ein Sturm über solche Flächen hin, so hebt 
er den Sand wirbelnd in die Luft, der Horizont scheint, von der 
Ferne gesehen, wie von einer riesigen, missfilrbigen, unheildrohen- 
den Courtine verhängt, und hat sich der Wind gelegt, so ist auf 
dem Sande alles anders wie vor und eine bestimmte Stelle nicht 
wieder zu erkennen. Die Langseiten der neugebildeten Sand- 
hügel stehen dann gewöhnlich senkrecht auf die Windrichtung und 
sind unter sich parallel; die Abdachungen auf der Luvseite sind 
sanft, auf der Leeseite steil und die Verschneidungen der Flächen 
oft so scharfkantig, wie bei getriebenem Schnee. 

Die Mannigfaltigkeit der Formen im Hügellande ist nicht 



i 



58 Oroplastischer TheiL 

gross, und was hierüber gesagt werden kann, wird bei den Bergen 
und Gebirgen zur Sprache kommen. 

40. Bergtheile. Bei einem Berge unterscheiden wir zunächst 
den Gipfel , den Fuss und was zwischen beiden liegt — 
den* Rumpf. 

41. Gipfel der Berge und Gipfelformen. In dem Gipfel des 
Berges verliert sich die horizontale Dimension des Rumpfes 
und bleibt nur die verticale übrig; von ihm beginnen die den Rumpf 
auf allen Seiten einschliessenden und auf die verschiedenste Weise 
gebogenen, verkrümmten, sich verschneidenden und abgedachten 
Flächen. Er steht zum Fuss in gegensätzlichem Verhältniss, denn 
dieser ist der Nullpunkt, jener das Maximum der relativen Erhe- 
bung des Berges. 

Aber auch der Gipfel ist sehr verschieden geformt und führt 
demgemäss verschiedene Namen. Die deutsche Sprache ist übrigens 
nicht eben reich an Bezeichnungen für verschiedene Gipfelformen; 
insbesondere ist es die spanische Sprache, die sich nach Humboldt 
einer grossen Menge entsprechender Bezeichnungen für allerlei 
Bergformen erfreut. Auch die französische Sprache ist nach Elis^e 
Reclus nicht arm an Namen dieser Art*). Der berührte Defect der 
deutschen Sprache rührt offenbar davon her, dass die Schriftsprache 
unseres Volkes vornehmlich aus flachem oder hügeligem Lande 
stammt, wo das Bedttrfniss nach Ausdrücken zur Bezeichnung ver- 
schiedener Bergforraen weniger gefiihlt wurde. In den oberdeutschen 
Dialecten bestehen derlei Ausdrücke ohne Zweifel in grösserer 
Anzahl, und man hätte nur in diese Dialecte zu greifen, um 
die wissenschaftliche Terminologie entsprechend zu bereichern. 
Dies ist mitunter wol auch geschehen, was durch die jetzt allge- 
mein giltigen und verständlichen Worte: Grat, Kogel, Kofel, Fluh, 
Schneide, Tobel, Runs, Muhr, Schrofen, Klamm u. dgl. m. — Worte, 
die wol sämmtlich den in den Alpen herrschenden Mundarten ent- 
nommen sind, bewiesen werden kann. Wir werden unsererseits im 
Nachfolgenden versuchen, die in der orographischen Terminologie 
des bezüglichen Bereiches vorhandenen Lücken, so weit sie uns 
erkennbar, mit solchen und anderen passenden Namen auszufüllen. 

Wir unterscheiden unter den Gipfelbildungen nachfolgende 
Formen und Bezeichnungen**): 

* 

*) „La Terre** von Elis^e Reclus, pag. 146. 

**) Es muss übrigens bemerkt werden , dass fast jeder Öipfelj von- verecbie- 
denen Seiten angesehen, verschiedene Formen zeigt.. ... 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



69 




Fig. 7. 




Fig. 8. 



1. Der einfache aufrechte Kegel, auf allen Seiten unter glei- 
chen oder nahezu gleichen Neigungswinkeln mit dem Horizonte 
abfallend und von beliebiger 
Höhe — Spitze, Spitz, 
französisch Pic. (Ortler, Ciraa 
di Nardis, Adamello u. a.) 

2. Der einfache schiefe 
Kegel, bei welchem der Ab- 
fall auf einer Seite merklich 
steiler ist als auf der anderen 
— Schiefe Spitze. (Wies- 
bachhorn, vom Süden aus ge- 
sehen, der Hochfeiler und 
viele a. m.) 

3. Die pfeilartige Spitze, 
bei welcher der Abfall zu 
oberst am steilsten ist und 
sich gegen die Tiefe hin er- 
mässigt, so dass die Seiten 
des Verticalschnittes gegen den 
Berg eingebogen sind — Hörn, 
französisch Dent; eine zier- 
liche und bei grösserer Höhe 
sehr auffällige Gipfelform. 
(Grossglockner, Grossvenedi- 
ger, Finsteraarhom, Piz Li- 
nard u. a.) 

4. Die oben etwas abge- 
rundete oder stumpfe Spitze — 
Kuppe, Ko gel, Kofel, Kopf 
eine häufig vorkommende 
Form. (Der Oetscher, derGr.- 
Buchstein, der Pyrgas u. s. w.) 

5. Ist der Gipfel breit ab- 
gerundet und sind seine Ab- 
fälle zu beiden Seiten gleich- 
förmig und steil, ist seine ab- 
solute Höhe wenigstens relativ 
gross, so dass er seine Nach- 
bargipfel überragt, so heisst er 




Fig. 9. 




Fig. 10. 




OropIastiBober Tb eil. 



ein Dom, eine Kuppel oder Glocke, in den Vogesen Ballon 
oder Belchen. (Similaun, Königspitze, Card alto bei Tione , die 
Riesenkoppe, der Kasbek im Kaukasus u. a.) 

p^ j, 6. Unregelmftssig abge- 

rundete und breite Gipfelmas- 
sen werden inKärathen sowie 
im angrenzenden Tirol Nock 
genannt. 

7. Ein auf allen Seiten mit 
grosser Schroffheit aulsteigen- 
der, hochragender, oben flach 
abgestutzter Gipfel heisst ein 
Thurm. Ein vielbewundertes 
Exemplar dieser Art ist das 
Matterhom (Mont Cervin) bei 
Zermatt im Canton Wallis ; 
andere Beispiele sind der 
Floitenthurm im Zemmthale, 
der Pateriolspitz unfern des 
Arlberges, beide in Tirol n, a. 
8. Ist der Gipfel oben breit abgeschnitten, die Form dadurch 
plateauartig ausgebreitet, und sind dabei die Seitenböscbungen 
BchrofT, so ist es ein Tafelberg. Als Prototyp kann der Tafelberg 
am Cap der guten Hoffnung gelten. Derlei Formen kommen im 
Kalkgebirge sehr häuäg vor 




Fig. 13. 




(Hohe Wand bei Wr .-Neustadt, 
Raxalpe, Scbneealpe — diese 
beiden als Berge vielleicht 
etwas zu gross — die Zeller 
und Aöenzer Starritzen bei 
Aflenz in Steiermark u. a. m.) 
9, Ist ein Gipfel von un- 
gleich starkem Gefäll, auf der 
steileren Seite eingebogen, auf 
der sanfteren aber ausgebogen, 
oder auch umgekehrt, so heisst 
er ein Krummborn ; der 
zweite Fall dürfte jedoch nur 
selten vorkommen. Von der 
ersten Art ist z. B. der Brenn- 



Von den DetalUormeii des Bodenreliefi. 



61 



kogel bei Heiligenblut von N. geBehen, der Wildgall bei Autholi:, 
der Kriwan in der Hoben Tatra u. v. a. Von der zweiten Art iat 
die Glockerin, wie sie aicb im Kaprunerthale darstellt. 

10. Eine halbkugelfOrmige, anf allen Seiten sauft abgedachte 
Masse werden wir einen Bergbuckel nennen. Diese Form darf 
wol nur im Hügel- oder nie- p,^ ^ 

drigen Berglande gesucht wer^ 
den, wo sie häufig genug vor- 
kommt. 

11. Ist ein spitz-, bom- 
oder thurmartiger GÜpfel oben 
schief abgeschnitten, so ent- 
steht eine auf der Höhe scharf- 
kantige Form, die den ta- 
rnen Schneide f^hrt; hier- 
her werden auch jene Falle 
gehören, wo ein Gipfel in 
einen kurzen felsigen Orat 
auslauft, der dann gewöhnlich 
mit kleineren Zinken und 
Zacken besetzt ist — eine in 
den höheren Gebirgen aller 
Formationen häufig auftretende 
Gipfelform, die jedoeh mit dem 
Grat, der eine Eammform ist, 
nicht verwechselt werden darf. 
Nach der ersterwähnten Form 
ist z. B. der Ganot hei Eals 
und dieHoho Dpck imFuscher- 
thale, nach der zweiten sind 
unzählige Gipfel gebildet. 

12. Ist der Abfall des 
Gipfels anfänglich auf beiden 
Seiten und bis auf ungefUhr 
gleiche Tiefen herab massig, 
and dann erst schroff oder 
steil, 80 könnte man den 
Gipfel vielleicht nicht unzweck- 
mässig eine Giebelspitze 
oder ein Glebelho 




62 



Oroplästischer Theil. 



Fig. 19. a) 




Fig. 19. b) 



(Hochschober bei Kais, Edlenköpf in Rauris, die Cima di Brenta 

in Süd-Tirol aus W. gesehen u. a.) 

13. Theilt sich eine Gipfelmasse nahe der Höhe in zwei 

gleiche oder ungleiche Spitzen oder Hörner, mit einem schmalen 

oder niedrigen, in dem letzte- 
ren Falle aber nicht allzubrei- 
ten Sattel, der sie trennt und 
verbindet, so entsteht ein 
Doppelspitz oder ein Dop- 
pelhorn. Ist der erwähnte 
Sattel allzu breit, so wird aus 
der Masse ein Kamm mit zwei 
Gipfeln. Ein vielbekanntes 
schönes Doppelhom ist der 
Watzmann bei Salzburg; an- 
dere Formen dieser Art sind : 
der Qrossglockner aus N. ge- 
sehen, der Hochtenn im 
Fuscherthale, die Wildspitze 
bei Fend, der Zefall im Martell- 
thale u. a. 

14. Liegt jedoch ein 
zweiter oder dritter Gipfel 
nicht im Hauptkamme, son- 
dern auf einem mehr oder 
minder rasch zu Thal nieder- 

(Querprotii.) Streichenden Nebenkamme, ist 

er also vom Hauptgipfel ziemlich weit entfernt und daher auch mei- 
stens bedeutend niedriger als dieser, so wird er eine Rückfalls- 
kuppe, Rückfallsspitze oder rückfallende Spitze genannt 
In der nebenstehenden Zeichnung stellt a den Hauptgipfel, b eine 
Rückfall sspitze und c eine Rückfallskuppe vor. 

15. Setet sich die Spitze 
nur auf einer Seite in tieferem 
Niveau horizontal eine kurze 
Strecke weit fort, so dass er 
ein kirchenähnliches Gebäude 
darstellt, so scheint mir der 
Name Schultergipfel oder 
geschulterter Gipfel 




Fig. 21. 





Von den DetAÜfannen dÄ Bodenreliafs. 8S 

(Spitze, Hom) pasBend. Gipfelbiltlungen von dJeBer Form kommen 
in jedem Gebirge in Menge vor. 

16. Endet der Gipfel breit, unregelmässig, massig, d. h. gibt es 
der Kuppen mehrere und sind sie dabei flach oder stehen sie 
gruppenweise neben- und hin- fu, jj. 

tereinander, so entsteht jene 
Form, die in der Schweiz ein 
Stock genannt wird; ihre 
Plastik ist im Detail ausBer- 
ordentlieh mannigfaltig. Der'' 
Monte Kosa ist ein solcher 
Stock. Am häufigsten kommen sie in den Kalkgebirgen vor und in 
deüEelben ist der Schneeberg ein nahe liegendes Beispiel. 

Wenn die hier vorgeführten Bezeichnungen auch weitaus noch 
nicht für alle in der Natur vorkommenden Gipfelgestalten ausreichen, 
so ist das eben ein Mangel der Sprache, dem mit einem Male und 
sogleich nicht Abgeholfen werden kann. 

42. Die wichtigsten Elemente in der natürlichen Beschaffenheit 
eines Berges ist die absolute und die relative Hßhe seines Gipfels; 
von jener hängen in den meisten Fällen die geognostische Zusammen- 
setzung des Berges, die allgemeinen Verhältnisse seiner Steilheit 
und Wegbarkeit, seines Klimas und seiner Pflanzenbedeckung — 
von dieser, d. h. von der relativen Höhe hängen seine Masse, 
seine Bedeutung als Verkehrsh indem iss und sein landschaftlicher 
Werth ab. Je höher nämlich der Gipfel in das Luftmeer taucht, 
desto weniger werden mit grosser Wahrscheinlichkeit die jüngeren 
Bildungen der Erdkruste au seiner Zusammensetzung Tbeil nehmen, 
desto compacter werden in der Regel seine Gesteine und desto 
schroffer seine Abfölle sein; aus demselben Grunde wird auch sein 
Klima kälter, seine Vegetation ärmer, die Angriffe der Verwitterung 
erfolgreicher und seine Gehänge auch deshalb rauher, felsiger und 
unwegsamer sein. Uebersteigt dabei der Gipfel eine gewisse Höhen- 
grenze, so wird nach Umständen ewiger Schnee ihn bedecken, der 
beinahe absolut jedea päanzliche und tbierische Leben ausschliesst. 
Es ist nicht minder klar, dass die scheinbaren Höhen und die Volumina 
zweier gleich hoher Berge ganz andere sein müssen, von denen der 
eine, wie 2. B. der Pic von Teneriffa, frei vom Meere weg auf- 
Bteigt, der andere aber einem mehrere Tausend Fuss hohen Plateau 
aufgesetzt ist, wo der eigentliche Berg nur aus der Masse besteht, 
welche das Niveau jener Hochebene überragt. 



64 Oroplastischer Theil. ^ 

43. Bnmpf, BTunpfformen, Berggehänge. Der Rumpf oder 

Körper des Berges ist auf allen Seiten von den Flächen ein- 
geschlossen, die den Gipfel mit dem Fusse verbinden. Der Verlauf 
dieser Flächen, die wir das Gehänge des Berges nennen^ ist nur 
in seltenen Fällen glatt und eben. Die Gehänge sind vielmehr, wie 
oben erwähnt, auf die mannigfaltigste Weise gequält, verbogen, 
gekantet und gebrochen. In der Art und Weise der Anordnung 
jener Flächen spricht sich der individuelle topographische Charakter 
des Berges aus, und derselben gemäss erhalten auch die Gehänge 
und ihre Theile verschiedene Namen. So wird ein ziemlich ebenes, 
nicht allzu steiles Gehänge eine Lehne, ein Hang oder eine Fluh, 
ein kantiger, schmaler, meist felsiger, mehr oder minder rasch abfal- 
lender Theil des Gehänges eine Berg rippe, eine schmale nur seicht 
in den Grund eingegrabene Wasserrinne eine Siefe, und wenn sie 
tief in das erdige Gehänge einschneidet, ein Wasserrias oder eine 
Rachel genannt. Mulden sind breite, schalenförmige Vertiefungen 
im Gehänge; ein Runs ist eine tief in den Gebirgskörper ein- 
gegrabene, steil niedersteigende Falte, die einem kleinen Wasser- 
laufe als Rinnsal dient und den Namen Tobel erhält, wenn 
sie von Gerollen und wüstem Felsgetrümm bedeckt ist. Eine sehr 
steile und deshalb meist' felsige Partie des Gehänges heisst ein Ab- 
sturz, und ist sie noch weit steiler, ja mitunter sogar lothrecht, 
und hat sie dabei eine ansehnliche Höhe, so nennt man sie eine 
Wand. Die auf Abstürzen und Wänden vorkommenden Felsen 
führen in Tirol den Namen Schrofen. 

Einige dieser Geföllsgradationen sind durch Angabe der Nei- 
gungswinkel näher bestimmt worden; so liegen diese Winkel 
bei einer Lehne zwischen und 15 Grad, 
^ einem Hange „ 15 „ 25 „ 

^ ^ Abstürze ^ 25 ^ 45 „ 

„ einer Wand „ 45 „ 90 „ 

Diese Neigungswinkel sind von dem Materiale abhängig, aus 
welchem das Gehänge besteht. Viele Gneisse und Urschiefer, viele 
kristallinische Massengesteine, Kalk- und Sandstein, die der Ver- 
witterung gut widerstehen, werden sich unter steileren Abfallswinkeln 
erhalten können, als thonige und mergelige Gebilde, als GeröUe, 
Sand- und Trümmermassen. Deshalb sieht man an den Bergen, 
die aus den erstgenannten Gesteinen bestehen, oft sehr steile und 
nicht selten verticale Wände und Abstürze. Ich erwähne in dieser 
Beziehung nur die furchtbaren und fast schon allgemein bekannten 



Ton den Debdlformen des Bodenreliefa. 



65 



FelewäDde der Zwieselsteitier Schlucht im Oetzthale, dann der 
Bomauberger Klamm bie zum Karlstege im Zemmtbale, ferner des 
Taminaschlundes bei Pfeffers, der Viala mala und der berühmten 
Canons deB Colorado iu Nordamerika. Herabbröckelnde FelstrUmmer 
(in Starzhaldeo, siehe unten) erhalten sich in einzelnen Fällen 
unter einer Neigung von 39 Grad, gewöhnlich aber nur von 35 bis 
30 Qrad. Vom Wasser herabgetragener Schutt (in Schuttkegeln) 
erreicht hOchBtens eine Neigung von 35 Grad, hält sich aber im 
Mittel auf nur 16(lrad; Gerolle, Sand und Lehm bilden im Grossen 
immer nur sanfte Lehnen, die in seltenen Fällen eine Büschung 
von 30 Grad erreichen ; an frisch angebrochenen Stellen erhalten sie 
sich auch wol unter steileren Winkeln, die sich jedoch unter dem Ein- 
flüsse der Atmosphärilien sehr bald ermässigen. Lockerer Sand endlich 
kann sich, wenn frisch aufgeschüttet, unter Winkeln von 25, im All- 
gemeinen aber höchstens unter einer Neigung von 15 Grad erhalten. 

44. BfiTgfoBS. Der Bergfuss ist die untere Begrenzuugslinie 
des Rumpfes, wo der Berg aufhört und die Ebene oder Tbal- 
sohle beginnt, die Verbindung aller Nullpunkte der relativen Höhe. 
Der Bei^usB ist nicht häufig mit Sicherheit bestimmbar, weil das 
von den Berghängen abrollende Erdreich die Fnsspunkte des Berges 
verhüllt. Nur wenn ein Gewässer dicht an den Berg herantritt, 
wird sich der Bergiuss mit vollständiger Klarheit darstellen. 

Dort allein, wo das Ge- pig ua 

hänge als glatte und ebene 
Fluh den BergfiisB erreicht, 
wird dieser eine gerade Linie 
bilden. In den meisten Fällen 
aber ist er, übereinstimmend 
mit den Gehängflächen, viel- 
fach ein- und auBgebogeu. Wo 
Runse, Tobel, Mulden oder 
andere Hohlformen des Gehän- 
ges einfallen, wird der Bergfuss 
gegen den Körper des Ber- 
ges, bei gewölbten Formen 
wird er gegen die Ebene 
oder das Thal vorgreifen. Ist 
ein vorspringender Theil des 
GehängcB breit und sanft ge- 
böscht^ so nennt man ihn Zehe 

SoDklsr, A\[g. Orognplile. 




ßß Oroplasüscher Theil. 

oder Schleppe, ist sein Abfall steil und dieser in einiger Höhe 
abgesetzt, so heisst er Nase, und ist er sehmal , felsig , steil und 
weit in das Thal vorspringend, so wird er Sporn genannt. In dem 
vorstehenden Diagramm stellt A eine Zehe, B eine Nase und 
C einen Sporn vor ; die beigefügten Durchschnitte verdeutlichen die 
Formen näher. 

45. Traminergebilde im Allgemeinen. Als secundäre Formen der 
Berghänge mögen gleich hier die sogenannten Sturzkegel und 
Trtimmerhalden, sowie die Schutt- oder Schwemmkegel zur 
Erwähnung kommen. 

Unter beiden Ausdrücken versteht man Ansammlungen von 
Felsfragmenten, welche unter verschiedenen Formen vorkommen 
und theils an die oberen, theils an die unteren Parthien der Berg- 
hänge angelehnt sind. Diese Felstrümmer werden durch Verwit- 
terung, Frost, Blitzschläge, Lawinen u. dgl. von ihren ursprünglichen 
Lagerstätten abgelöst, sind von sehr verschiedener Grösse und 
ordnen sich, wenn sie einfach dem Zuge der Schwere folgen oder 
durch fliessendes Wasser fortgetragen werden, an den tieferen 
Theilen des Gehänges in bestimmten Formen an. 

46. Sturzkegel, Trümmerlialden. Die Sturzkegel, Sturz-, 

Schutt- oder Trümmerhalden *) entstehen auf trockenem 
Wege durch Anhäufung des Felsschuttes, theils in schmalen Fel»- 
rinnen mit conischer Ausbreitung in den unteren Theilen, theils in 
wannenförmigen Mulden, deren Seiten und Sohlen sie oft ganz mit 
wüstem, missfärbigem Trtimmerwerk bedecken und die im höheren 
Gebirge Schutt kaare heissen, theils in ebenen, stark geneigten 
Flächen, die sich am Fusse schroffer Felsabstürze, oben in alle 
Einschnitte derselben eingreifend, nicht selten weithin fortziehen und 
in allen Fällen zur Verwüstung des nutzbaren Bodens viel beitragen. 
Derlei Sturzhalden haben gewöhnlich eine sehr starke Neigung 
gegen den Horizont^ ja oft die grösste, die sie annehmen können, 
weshalb es zuweilen geschieht, dass das Betreten derselben sie in 
Fluss und den unvorsichtigen Wanderer in ernste Gefahr bringt **). 



*) Von H. Hogard in den „Recherches sur les Glaicers et sur les Formations 
erratiques des Alpes de la Suisse.** pag. 1 13 C ö u e s oder nappes d^^boulement 
genannt. Er gibt ihre grössten Neigungen , wenn sie aus Kalk, Mergel , Thonsand- 
stein und Geschieben bestehen, mit 26y2, bei Granit mit 35 Gr. an. 

**) Der Verfasser selbst ist einmal 1857 im Kalkgebirge bei Innsbruck mit 
genauer Noth dem Verschüttetwerden durch einen solclien in Gang gerathenen 
Sturzkegel entgangen. 



Van den Detail formen des BodRnreliefa. g7 

Der grösBte hier Torkommende Neigungswinkel ist mit 39 Grad 
beobachtet worden. Im Hochgebirge entstehen diese Giebilde häufig 
durch Gletscher, die auf den Abdachungen der Gebirgskamme 
liegend und endigend, den herabgetrogenen Moränenschutt unterhalb 
ihrer Enden oft in breiten Halden über das Gehänge herabscbUtten. 
AUfiB höhere Gebirge zeigt Beispiele von Sturzkegel und Sturzhalden 
in grosser Menge. In den Ostalpen kommen sie in den nördlichen 
Thälem der Hohen Tauem (Kötschacb, Anlauf, Eaprun, Stubach 
u. a.), dann südlich im Dössenthalo bei Ober-Vcllach und im 
Zirknitzthale bei Döllach, ferner im Zillergrondo und in der Hunds- 
kehle der Zillerthaler-Alpen, im Oetzthale, sowie in den Ealkalpen 
und unter diesen besonders in den BUdtirolischen Dolomitalpen, sowie 
in den julischen Alpen nicht selten in großartiger Enwicklung vor. 
47. Schutt- oder SchwemmkegeL Die Schutt- oder Schwemm- 
kegel *) hingegen haben ihre Lage stets am Fusse der Berg- 
hänge und werden durch Hochwässer gebildet, welche Tbeile 
der höber gelegenen Sturzhalden und andere über den Gehäng- 
flächen angesammelte Felsfragmente in die Tiefe ftlbren, und sie 
im Thale in der Form eines halben Kegels ablagern. Die Spitze 
dieses Halbkegels liegt allemal an der Mündung des Nebenthals, 
aus welchem die Flutb hervorgebrochen, die Grundfläche des Kegels 
bedeckt die Sohle des Hauptthaies, und die Mantelfläche zeigt 
regelmässig oben ein stärkeres Gefäll als unten, wesshalb auch, wie 
bei den Sturzhulden, die grösseren Felsbrocken, die bei ihrem Ab- 
rollen die Reibung mit dem Boden leichter überwinden, am Fusse 
des Schuttkegels liegen. Häuäg ist die ganze Form sanft thalabwä rts 
gekrümmt, so dass sie etwas länglich wird 
und eine schräg liegende Capitallinie ent- 
steht, längs welcher der etwa vorkommende 
Bacb über den Schuttkegel binwegläuft. 
, Siehe Fig. 24 nebenan. Es gibt Schuttkcgel, 
die noch vom Diluvium herstammen; die 
meisten sind jedoch, wenigstens was ihre 
Oberflächen anbelangt, neuerer Entstehung, ^-^ ^ 

manche aber so alt, dass sie begrast, bewaldet 

und mit allerlei Culturen, ja selbst mit Ortschaften bedeckt smd 
Auch ihre Grössen sind sehr verschieden; viele smd klem, bej 

*) Beavmoiit nennt sie tnlus d'entrainement, H. Hogftrd d^jectiona 



68 Oroplastischer Theil. 

anderen raisst der Umfang bis zu einer Meile und darüber, wie 
z. B. der aus dem Piestingthale hervorgegangene diluviale Scliutt- 
kegel von Wiener-Neustadt, der einen Umfang von 5 Meilen hat*). 
Die Neigung ihrer Oberflächen gegen den Horizont beträgt bei 
grösseren Exemplaren 5 bis 10 Grad; kleinere haben gewöhnlich 
eine stärkere Neigung. Der erwähnte Wiener-Neustädter Schutt- 
kegel hat kein grösseres Gefall als 35 Minuten im Mittel, während 
der Verfasser im Krimmler-Achenthale ein Gefäll von 35 Grad 
beobachtete**). 

Noch muss hier die hin und wieder vorkommende falsche 
Verwendung des Wortes Muhr oder Murre für Schuttkegel gerügt 
werden. Das Wort Muhr ist provinciell und bedeutet in Tirol 
schlechtweg eine jede durch Hochwässer abgelagerte Schuttmasse, 
welche Form diese Ablagerung auch immer haben mag. So sagt 
der Bauer, wenn ihm z. B. der Hauptbach einen auf der Sohle des 
Thaies liegenden ebenen Wiesen- oder Ackergrund mit einer Geröll- 
schichte überdeckt hat: „Die Wiese, der Acker ist vermuhrt" oder 
„die Muhr liegt auf der Wiese, dem Acker". In anderen Fällen 
sagt er: „Die Muhr hat mir das Haus verschüttet" u. s. f. Es ist 
also mit dem Worte Muhr nicht sowol eine bestimmte Form von 
Schuttablagerung als vielmehr diese selbst verstanden. 

48. Gebirge, Gebirgsrücken, Gebirgskamm, Kammlinie. Was man 

unter einem Gebirge nach wissenschaftlicher Auffassung versteht, 
ist oben bereits umständlich erörtert worden. Das Gebirge besteht 
hiernach aus Bergen, die durch den plastischen Verband schon fiir 
das blosse Auge, durch ihre mineralogische Beschaffenheit und 
Structur aber auch auf dem Wege der Induction als zusammen- 
gehörig erkannt werden. 

Eine Reihe engverbundener Berge, oder nach Klöden „der 
gemeinschaftliche Stamm, welcher die einzelnen mannigfaltigen 
Glieder zu einem Ganzen zusammenhält" wird ein Gebirgsrücken 
oder Gebirgskamm genannt. Wenn wir uns ferner den Kamm 
als Wassertheiler vorstellen, d. h. als eine nach zwei Seiten abge- 
dachte Terrainform, welche die Wässer, die nach verschiedenen 
Seiten abfliessen, trennt, so nennen wir jene Linie, an welcher die 
Scheidung der Gewässer (hier insbesondere die meteorischen be- 



*) „Der grosse Schuttkegel von Wiener - Neustadt" von C. von Sonklar : 
Sitzungsberichte der k. k. Akademie d. Wissenschaften, Band 43, pag. 233. 

**) Siehe „die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" v. C. von Sonklar, pag. 63 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 69 

trachtet) stattfindet, die Kammlinie. Dieselbe Linie kann man ideell 
auch dadurch erhalten, dass man sich den Kamm von unzähligen Quer- 
profilen durchschnitten und alle höchsten Punkte dieser Querprofile 
durch eine Linie verbunden denkt. Die Kammlinie ist es ferner, 
die das Gebirge, von der Ferne angesehen, gegen das Firmament 
abgrenzt. 

49. Gebirgssättel und ihre Formen. Die Kammlinie besteht 
aus einer Folge von auf und niedersteigenden Kurven, zwischen 
welchen sich nur selten ein horizontales Linienstück einfinden wird. 
Die aufsteigenden Kurven werden durch die Gipfel , die absteigenden 
durch die Sättel ' gebildet. Sattel ist die allgemeine Bezeichnung 
für alle Einschnitte im Kamme, insbesondere für die tiefsten Punkte 
derselben ; sie führen verschiedene Namen. So versteht man in den 
Alpen unter Joch einen Sattel im hohen Gebirge*), unter einer 
Scharte einen solchen Einschnitt, der tief und enge in einen fel- 
sigen Kamm eingreift; unter einem Pass einen Sattel, der als Ueber- 
gang benützt wird. In einer Abtheilung der östlichen Alpen wird mit 
Tauern, dem Volksgebrauche gemäss, ein hoher im Hauptkamme 
des Gebirges liegender Uebergang verstanden. Ist der Sattel un- 
gewöhnlich tief, die Abfälle daher nach beiden Seiten sanft und 
flach und der Sattelpunkt oft schwer erkennbar, so wird er 
Seh ei deck genannt. Im Französischen wird Col für Sattel und Joch, 
Port für Pass gebraucht. — Die Wichtigkeit der Sättel ist einleuch- 
tend, denn nicht allein dass sie die einleitenden Anfänge der beider- 
seitigen Quer- oder Längenthäler sind und durch ihre Tiefe und 
Gestalt die Physiognomie des Gebirges bestimmen helfen, so sind 
sie auch gleichsam die Brücken, über welche die Verbindungen der 
Menschen unter einander das grosse Hinderniss des Gebirges über- 
setzen; die Pforten alles Verkehrs zwischen hüben und drüben, 
die Richtungspunkte derFusssteige und Staumwege so gut wie die der 
Strassen und Eisenbahnen und oft auch die Grenzmarken verschiedener 
staatlicher, nationaler und klimatischer Gebiete. Ist diese Bedeutung 
der Sättel schon im niedrigen und mittelhohen Gebirgen von grossem 
Belange, so ist sie es im hohen Gebirge noch ungleich mehr, weil 
hier die Zahl der brauchbaren , zur Herstellung bequemer Ueber- 
gänge geeigneten Sättel um vieles geringer und der Bau der Strassen 
und Eisenbahnen kostspieliger ist; weil hier die Elementargewalten 

• 

•) Die Ausdehnung des Begriffes J o c h auf einen ganzen transversalen Neben- 
kamm , oder gar auf den Hauptkamm (siehe Naumann : Lehrbuch der Geognosie I.) 
als Hauptjoch, ist in den Alpen unbekannt. 



70 Oroplastischer Theil. 

der Natur weit mächtigerwirken und es der ängstlichsten Sorgfalt 
und aller Mittel der Technik bedarf, um jene Verkehrsmittel zu 
schützen und brauchbar zu erhalten. Der Mont Gönfevre , der Mont 
Cenis, der Simplen, der Set. Gotthard, der Splügen, der Brenner 
und der Semmering sind in den Alpen die wichtigsten Pässe dieser Art. 
Von der Höhe und Form der Gipfel und Sättel und von der 
Neigung der Gehänge hängt in allen Fällen der individuelle Cha- 
rakter der Gebirgskämme ab. 

50. Mittlere Eammllölie. Aus der zu einer Function ver- 
einigten Höhe der Gipfel und Sättel ergibt sich die allgemeine Höhe 
der Kammlinie, die wir als mittlere Kamm höhe bezeichnen. Sie 
ist jene Höhe, die der Gebirgskamm erhielte, wenn wir die Gipfel 
abtragen , die Sättel ausfüllen und den Kamm dadurch in ein drei- 
seitiges Prisma mit horizontaler Oberkante oder Kammlinie ver- 
wandeln könnten. Es ist klar, dass die mittlere Kammhöhe eben 
so gut von der Höhe der Gipfel als von der Tiefe der Sättel ab- 
hängig ist. Wie das aus den einzelnen Höhendaten zu entwickelnde 
Mittelmaass der Kämme und Gebirge aufzufinden ist, wird in dem 
zweiten oder orometrischen Theile dieser Abhandlung einer umständ- 
lichen Erörterung unterzogen werden. 

51. Culmlnirender Gipfel. Der höchste Gipfel eines Gebirges 
wird der culminirende Gipfel genannt und es ist seine 
Höhe, in Ermanglung der mittleren Kammhöhe, ein wichtiges Ar- 
gument für die Beurtheilung des ungefähren Maasses dieser letzteren. 
Sie ist aber auch in geologischer Beziehung wichtig , weil sie einen 
Schluss auf die Intensität jener Kräfte erlaubt, die einst das Ge- 
birge emporgehoben haben. 

52. VerzeichBiss von Kaimnliölieii, Gipfelpunkten und Passhöhen. 
Ich gebe hier drei kurze Verzeichnisse der wichtigsten bisher 
berechneten mittleren Kammhöhen, höchsten Gipfelpunkte 
und namhaftesten Sättel. 

Ä. Mittlere Kammhöhen. 



P. F. 

Die Alpen (nach Humboldt) . . 7200 

„ Ostalpen , Hauptkamm . . 7503 

„ » centraler Theil . 7084 

„ „ Oetzthaler Gruppe 9260 

„ „ Stubayer „ 8613 

^ „ Zillerthaler Alpen 8262 

« „ Hohe Tauern . . 8388 

n Nordalpen 5000 



P. F. 

Die Südalpen 5756 

„ Pyrenäen 7500 

Der Kaukasus 7950 

Der Himalaya 14700 

Die Anden 11100 

„ Venezuela-Kette 4500 

„ AUeghanies 3360 



Von den Detailfonnen des Bodenretief». 



71 



B. Höchste Gi 



Europa. 
Alpen; 
Cim& de Oelaa (See-A.) . 

MonvUo (cotüache A.) . 

I^c de» Eirins (Oiaana 

Houtblsnc (graj. A.) . 

Monte Boss ) 

Gr»bhom I 

Rlieiuwaldliorn (Lepont. A. 

Pia Beruina (rhät. A.) . . 

Galeikatoek (I/miT A.) . 

Finsteraarhorn {Bemer A.] 

THdi (Ted! Kett«) . . . 

WiUspitze (Oetathal. A.) 

ZuckerhttU (Stab. Qr.) . . 

Hochfeiler (Zillerth. A.) . 

r.rüsssl.)i-ki]cr (H. Tauen») . 11714 

GroHS Venediger , „ .11307 

Ortler (Ortler A.) 12004 

„ KfiDigswand (Orüer A.) 11S67 
, AdameUo (Adamello Gr.) 10947 
„ Hocca marmolata (ä. 

Dolomit A.) 103BO 



P. F. 
9815 
11827 

13099 



. 14050 
. 14030 

.) . 10465 
12564 
111173 
13160 
lUlG 
11625 
10802 



. f. 
Pyrenäen: Pic de Nethon k 



10722 



Montperdu | ^^'' 10482 

PeÖadePeäaranda (cantb. O.) 10320 

gumbre de Mulahacenl 8. 11000 

Picacho de Veleta / Nev. 1072S 



Aetna (Sicilieii) 
Gran SasBO (Abru 



Lomnitzer Sp. (Tatra) 



8131 



Törk. griech. Geb.: 

Olymp «754 

Rilo-Dagh 9235 

Skandin. Syst: 

Yines E^eid 8017 

Ural: Töll-pos-Ifl ÖÜ98 

Kaukasus: 

Elbrus 17426 

Dych Tau 16857 

Kaabeck 15524 



pfelpunkte. 

Asien. 

P. V. 

Himalay» — Mustagh (36 Gipfel) 
Qanrisankar (Mt. Everest) . . 27212 
Dapaang — Mustagh . . . 26533 
Kaiitsdiinäcliiiiga 1. Gipfel . 26419 
K^utäi^lii [iBchiii^a 2. Gipfel . 26084 
Dliawi,lai;iri 1. Gipfel . . .25171 
Naiiga P;trli,it ....... 249S8 

Dhawalagiri 2. Gipfel . . . 24682 
Dschawahir (Nanda Dewi) , 24100 

Rahipusohi 23984 

Ibi Gamin - . . 23807 

Dschunnu 23743 

Scbneegipfel im Musta^h , . 23517 

MHsfherbr.lrH 23457 

Gya 1. Gipfel . . 23438 

Dapsn.ig •. Gipfel 22849 

P,i.jkt XXVI d. engl. TriJlDg. 22813 
Ibi Gamin 2. Gipfel .... 22709 
Punkt XIV d. engl. Triarg. . 22538 

Rubra . 22533 

Ibi Gamin 3. Gipfel . . . 22519 

Aling-Gangri 22619 

Tschumalari 22468 

Dayabung 22296 

Punkt XIX d. engl. Triang 22116 
XX » „■ ^ . 22000 

Nqu Kun 22000 

8er 21963 

Pascht-i-Kar 21905 

Mer 21^28 

Punkt XXVII d. engl. Triang. 21824 

Badrinath 21778 

Pauhanri 21755 

Sarga Ruer . - 21493 

Punkt XXIV d. engl. Triang. 21479 

„ XVIIA., , „ .21418 

Kidarnath 2133Ö 

Hindnkoh: 

Hindukusch 19520 

Tutukan Mutkani 19216 

Kond 18608 

Alburskette: 

Demawend ...... . 1S7OT 

KurdiBches Geb.; 

Alwend .... 10000 



72 



Oroplastischer Theil. 



Asien. P. F. 

Taurus u. Armenien: 

Grosser Ararat 16871 

Alagös 12606 

Kleiner Ararat 12056 

Arghidagh (Argäus) . . . .11917 

Libanon: 

Höchst. Gipfel 10200 

Thian-schan: 

Tengri-Chan 20000 

Altai System: 

Bieluga 10380 

Kamtschatka: 

Kliutschewskaja Sopka . . . 15040 
Korjazkaja Sopka ... . 11090 

Afrika. 

Atlas System: 

Miltsin 11400 

Habessinien: 

Ras Detschen (Aba Jared) . 14200 
Buahit 13500 

Süd-Afrika: 

Kilima Ndscharo ...... 18827 

Mongoma Lobah (Camerun G.) 13760 
Compassberg (Capland) . . . 10250 

Canarische Inseln: 

Pico de Teyde (Teneriffa) . . 11394 

Amerilia. 

Anden: 

Aconcagua 21584 

Sahama 20970 

GiiaUtieri 20604 



Ameriica. P. F. 

Parinacota 20670 

Viejo-Pomarape 20500 

Chtmborazo .... ... 20100 

Nevado de Sorata 19974 

r, n Ilimani 19843 

V. V. Arequipa 19065 

Antisana 17956 

Mexico : 

Popocapetl 16626 

Citlaltepetl (P. v. Orizaba) . 16302 

Rocky Mountains: 

Mount Hooker 15670 

„ Murchison . . . . 14815 

Cascaden-Gebirge : 

Mount Hood 17220 

Pic Fairweather 16970 

Mount Baker 14085 

AUeghanies: 

Black Mount . 6076 

Sierra NevadadeStaMartha 18000 

Parime System 

Mavaraca . 8000 

Australien. 

Neu-Holland: 

Mount Kosziuszko 6733 

Neu-Seeland: 

Mount Cook 12385 

Sandwich-Inseln: 

Mauna Kea ....... 12804 

Mauna Loa 1261JI 



C. Kinige der w^ichtigeren Passhöhen in Kuropa. 



In den Alpen: P. F. 

Mont G^n^vre 5740 

„ Cenis 6360 

Kl. . St. Bernhard 6580 

Simplon 6470 

St. Gotthard 6600 

Lukmanier 5950 

Bemhardin 6580 

Splügen 6510 

Maloja • 5700 

Stilfserjoch 8560 

Tonale 6820 

Reschenscheideck ..... 4620 



In den Alpen: P. F. 

Brenner 4400 

Radstädter Tauern 5060 

Katschberg 4890 

Neumarkter Sattel 3080 

Semmering 3020 

Arlberg 6160 

Toblacherfeld 3710 

Loibl 4190 



In den Pyrenäen: 

Col de la Perche 
Somosierra . . 



4800 
4649 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



78 



Im Apennin: P. F. 

Col di Tenda 6740 

La Bocchetta 2400 

Pietramala 2810 



In den Karpathen: P. F. 

Jablunkapass 1950 

Duklapass 1600. 

In der Türkei: 




Trajanische Pforte 2490 

und andere mehr. 

53. Besondere Kammformen. Was die Form des Kammes 
im Ganzen anbelangt, so unterscheiden wir zuerst zwei Haupt- 
typen, und zwar 1. den Btlcken, wenn der obere Theil' des 
Kammes sanft gewölbt oder bei massiger Breite eben ist, und 
2. den Grat, wenn die beiden Gehängflächen in der Kammlinie 
sich unter scharfen Winkeln schneiden. 

Innerhalb dieser zwei Hauptformen gibt es eine grosse Zahl 
von Nebenformen, die immöglich alle bezeichnet und benannt wer- 
den können. Doch mögen einige dieser Formen hier Erwähnung 
finden. 

a) erhebt sich der Rücken (im Längenprofil betrachtet), etwa 
von seinem Ende angefangen in aufsteigenden Stufen, wobei es 
freilich selten mit geometri- 
sch er Regelmässigkeit ablaufen 
wird, so entsteht ein ab- 
setzender, abgesetzter 
oder Absatzrücken. 

b) Dasselbe kann auch, wiewol selten, bei einem Grat vor- 
kommen, wodurch er zu einem absetzenden, abgesetzten oder 
Absatzgrat wird. 

c) Ist ein Rücken bei relativ geringer Breite horizontal und 
eben, so heisst er ein Flachrücken; er hat dann ungefähr die 
Form eines Dammes. 

d) Ist ein Kamm auf einer oder auf beiden Seiten von einer 
nicht allzu tief unter der Kamm- f>»- 26 
linie liegenden und nicht allzu 
breiten Terrasse begleitet, so nen- 
nen wir ihn einen Rampenkamm. (Querprofii) 

e) Ist ein schroffer felsiger Grat von vielen, nahe neben ein- 
ander liegenden Scharten durchbrochen und die Kammlinie demnach 
in eine Reihe von Thürmen ^^e- 87. 
und Felszinken aufgelöst, so 
wird er ein Sägegrat ge- 
nanntr A 

(Längenpr ofil.'^ 



(Längenprofil.) 





74 Oroplastischer Theil. 

f) Ist bei einem längeren Kammstücke die Kammlinie gerade 
und horizontal, und bilden dabei die Gehänge eben so lange und 
glatte Flächen, so nennt man das einen Berg- oder Kammfirst. 
Der hohe Bergwall östlich des Steinerjoches gegenüber von Schwaz 
in Tirol ist ein auffallendes Beispiel dieser Kammform. 

54. GeMngfomien. Die Gehänge eines Gebirgskammes 
sind mehr noch als die eines einzelnen Berges auf die mannig- 
faltigste Weise gestaltet und begreiflicherweise im Hochgebirge 
mannigfaltiger als im mittelhohen und niederen Gebirge. Bald liegt 
nämlich die Kammlinie dem einen Fusse des Gebirges näher als 
dem anderen, wodurch die allgemeine Neigung der beiden Gehänge 
ungleich wird — bald ist das Gefäll in den oberen, bald in den 
unteren, bald in den mittleren Theilen des Gehänges am stärksten — 
bald ist es wol auch, wenngleich nur im Niedergebirge und auch hier 
nicht häufig, von der Kammlinie bis zum Fusse herab gleichförmig 
und glatt. Dabei ist gewöhnlich, selbst bei gleich grossem mittleren 
Gefälle, die Form der Gehänge auf den beiden Seiten ganz ver- 
schieden. Bald ist das Gefälle ein continuirliches, wenn auch 
stellenweise im Grade verschiedenes, bald sttlrzt das Gehänge 
plötzlich mit furchtbaren und lothrechten Wänden, oft mehrere 
hundert oder tausend Fuss tief, auf eine niedrigere Bergstufe herab, 
um sich terrassenförmig auszubreiten, als wollte es sich hier, auf 
grünem Wiesengrunde, von den Mühen eines so raschen Abstiegs 
erholen. Bei dieser ausserordentlichen Vielgestaltigkeit der Natur 
wird es nicht leicht sein , bestimmte Gesetze zu ermitteln , nach 
denen sich die Gehängformen in ihrer anscheinenden Willkür be- 
wegen. Was sich in dieser Beziehung erkennen lässt, beschränkt 
sich auf Folgendes: 

1. Der Neigungswinkel der Gehänge ist im Allgemeinen von 
der Höhe der Kämme und von dem Material, aus welchem sie 
bestehen, abhängig. Hochkämme und feste, nicht leicht verwitternde 
Gesteine werden steilere Gehänge zeigen als Kämme von geringer 
Höhe und anderen Felsarten. 

2. Kristallinische Massengesteine (Granit, Syenit, Granulit, 
Grünstein, Porphyr, Melaphyr, Basalt) sowie Gneiss und alle Ur- 
schiefer bilden, zu geringen Höhen emporgehoben , Hügel und 
Berge mit sanften Böschungen. 

3. Ganz andere Formen aber nehmen alle diese Gesteine, 
wie auch die Kalke und Sandsteine an, sobald sie zu höheren 
Bergen aufgethürmt sind. Die Festigkeit ihrer Massen und ihr 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



75 



Fig. 28. 




Flg. 29. 



Widerstand gegen manche Einflüsse der Erosion gestatten ihr Auf- 
treten in pralligen Wänden, scharfen GrateD, nadelartig zugespitzten 
Hörnen, stachligen Bergrippen und tiefeingerissenen, hohlen Gassen 
gleichenden Thälem. 

4. Der Gneis s bildet Hochkämme von scharf ausgeprägten 
Formefii mit breiten, seicht in die Kammlinie einschneidenden 
Sätteln, grotesken Gipfelbildungen und 
tiefen, schluchtartigen Seitenthälem. Die 
typische Form eines Gneisskammes im 
Querdurchschnitt ist aus der nebenstehen- 
den Zeichnung zu entnehmen. Der Grat 
ist zugeschärft, die Kanten bei a und b 
sind eckig und die unteren Theile der Gehänge bei ac und bd sind 
schroff imd felsig. 

5. Beim Glimmerschiefer, ürthonschief er und beiden 
meisten anderen Gliedern der Urschief erfamilie, wird zwar die 
normale Form des Querschnittes eine der 
vorigen ähnliche Gestalt besitzen, nur ist 
hier, wegen der geringeren Festigkeit der 
Gesteine, der Grat in der Regel minder 
schneidig, die Kanten bei a und b sind 
weniger vorspringend und die unteren 
Parthien der Gehänge nicht so schroff als beim Gneiss. Nur der 
Chloritschiefer und der Kalkglimmerschiefer, welche der 
atmosphärischen Erosion besser widerstehen , zeigen schroffere For- 
men, hohe Felswände und kühnere, zerrissenere Gipfelbildungen. 

6. Kalksteine, Dolomit und Sandsteine stellen sich im 
höheren Gebirge häufig als plateauartig ausgebreitete Massen dar • 
die Abfklle zu Thal sind steil, stachlig 
und oft auf das wildeste zerklüftet ; 
doch kommen auch schneidige Säge- 
grate, bizarre verwegene Gipfelformen 
und, wegen der Sprödigkeit der Ge- 
steine, gewöhnlich auch riesige Sturzhalden und Schuttkegel vor. 

7. Thonige, der Verwitterung und Zerstörung stark unter- 
worfene Gebilde (Thonschiefer, Mergel, thonige Sand- 
steine, Kreide, Conglomerate, Gerolle) haben selbst im 
höheren Gebirge meist sanfte, felsenfreie Gehänge. So kann man 
z. B. in den aus Thonschiefer zusammengesetzten Bergen oft stun- 
denlang herumwandem, ohne ein anstehendes Gestein aaiwÄx^^^^^L. 




Fig. 30. 




76 Oroplastischer Theil. 

In den Gebirgen dieser Art haben die Kräfte der Erosion ihr 
freiestes Spiel, und desshalb sind hier Schlammströme und Mur- 
brtiche am häufigsten und gefährlichsten und die von daher rüh- 
renden Gehängformen am besten ausgeprägt. 

8. Granit, Syenit, Granulit setzen dort, wo sie zu hohen 
Bergkämmen emporgehoben sind, gewöhnlich Formen von erstaun- 
licher Kühnheit und Grossartigkeit zusammen. Die TatrA, die 
Berner Alpen (zum Theil), der Montblanc-Stock, der Himalaya u. a. 
bestehen aus Granit oder Syenit. Bei der grossen Festigkeit der 
meisten Varietäten dieser Gesteine erhalten sich die Gipfel, Kämme 
und Gehänge unter hohen Winkeln und bilden Homer und Nadeln, 
Sägegrate, überhängende Klippen, schroffe, von unwegsamen Trüm- 
mermassen bedeckte Gehänge, sturzdrohende Wände und finstere, 
spaltartige Thalschlünde. Zuweilen sind aber auch sehr hohe Gipfel 
als breite majestätische Dome ausgebildet. Die Kammform im Profil 
gleicht der des Gneisses. 

9. Porphyr- und Melaphyr-G ebirge, besonders erstere, 
zeigen die Form breiter, unebener Plateaux, als Folgen der oft 
deckenartigen Ausbreitung eruptiver Massen. Die Kampenform ist 

„, „, nicht selten und eben so oft kommen 

grössere ausgebreitetere Terrassen vor. 
Auf den Hochflächen erheben sich 

höhere Kämme und einzelne schwach 

j f^~^ verbundene Hügel und Berge. Da 

^ ^ ^E beide Gesteinsarten leicht verwittern, 

so sind die Gehänge brüchig, mit Sturz- 
halden bedeckt und dabei häufig von tiefen, steilrandigen Erosions- 
furchen durchzogen. Die Zeichnung nebenan gibt das Bild eines 
Porphyrgebirges im Querprofil. 

10. Basalt und Trachyt bilden allerlei Formen, von sanften 
Buckeln bis zu langen, flachen Rücken oder felsigen und gezähnten, 
in wilder Unordnung aufstarrenden Kämmen und Graten. Die höch- 
sten Gipfel der Cordilleren in Amerika bestehen aus Trachyt. Ist 
die Basaltmasse auf einer Seite abgebrochen und liegen hier die 
bekannten säulenförmigen Absonderungen dieses Gesteins zu Tag, 
so ist das Gehänge an dieser Stelle ein schroffer Absturz. 

11. Der relative Steilheitsgrad beider Gehänge ist, 
sowie die Gipfelbildung, bei geschichteten Gebirgen von dem Strei- 
chen der Schichten mit Rücksicht auf das Streichen der Kammlinie 
abhängig; wird diese von den Schichten senkrecht gekreuzt, so 



^ 

^ " — 




Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



77 



fitllt das steilere G-ehäage der Gipfel von den Structurflächen des 
Gesteines weg (Pig. 32) und die eingeschnittenen Seitenrnnse folgen 
mehr oder weniger den Schichtflächen. Die Steilheit der beider- 




seitigen Gehänge aber wird keine namhaften Unterschiede aufweisen. 
Wird jedoch die Kammlinie von der Schichtung schief geschnitten, 
so wird sowol das Gehänge des Kammes als das der Gipfel auf 
jener Seite steiler sein, auf welcher die Schichten gehoben sind. 
(Fig. 33.) 

12. Auf diese Art wird es kommen, dass mehrere parallel 
neben einander liegende Kämme ihre steileren Abfälle auf derselben 
Seite haben, wenn sie von den p,^ ^^ 

Strueturfiäehen des Gebirges 
gleichartig schief geschnitten sind, 
und dass die Seite der Steilabfälle 
wechselt, wenn die spitzen oder 
stumpfen Winkeln auf die anderen 
Seiten der Kämme übergehen *). 
(Fig. 34.) 

13. Aus den oben beschrie- 
benen und anderen Ursachen wer- 
den Kämme von sehr verschiedener Höhe im Qnerprofll auch verschie- 
dene Formen annehmen müssen. So versteht es sich z. B. von 
selbst, dass im niederen oder mittelhohen Gebirge die Höhendiffe- 
renzen nicht 90 bedeutend sein können, als im Hochgebirge, wo 
viele Theiie des Gebirgsmassivs oft auf enorme Höhen emporge- 
hoben und zwischen ihnen Spalten von eben so grosser Tiefe auf- 
gerissen wurden. Aus den gehobenen Massen haben sich im Laufe 
der Zeit die heutigen Gebirgskämme und aus den Spalten die 
jetzigen Thäler herausgebildet. Im niederen Gebirge werden daher 
die Höhen meistens Each und rundlich und die Gehänge vorherr- 
schend sanft abgedacht sein. Im Mittelgebirge wird sich der Kern 
der gehobenen Masse schon deutlicher durch grössere Höhe und 

^Gebirgagriippe der Hohen 




78 



Oroplastischer Theil. 



Fig. 35. 




Qnerprofil. 



Fig. 36. 




Querprofil. 



steileres Gefälle aussprechen. Aber hier hat die Erosion — die- 
selbe Erosionsdauer vorausgesetzt — verhältnissmässig tiefer in 

den Gebirgskörper hinab- 
greifen können als im 
höheren Gebirge , wess- 
halb dort nicht selten 
breite Terrassen in den 
unteren Theilen des Ge- 
hänges anzutreffen sind. 
14. Alle die geschilderten Typen machen sich jedoch nur in 
der Mehrzalil der Fälle geltend und schliessen andere Formen 

durchaus nicht aus. Dies folgt schon 
aus der oben angedeuteten, ausser- 
ordentlichen Mannigfaltigkeit in der 
Gestaltung der Gehänge. Die Dia- 
gramme nebenan repräsentiren drei oft 
vorkommende Kammformen, unter 
denen die dritte in Kalkgebirgen 
häufig beobachtet werden kann. 

55. Bergterrassen. An vielen Orten 
des mittleren und höheren Gebirges 
findet man in den untersten Thei- 
len der Gehänge meist wenig breite 
Terrassen, die oft stundenlang das 
Thal auf beiden Seiten begleiten, sich 
hüben und drüben an Höhe entspre- 
chen, mit der Thalsohle parallel verlaufen, dabei mannigfach mo- 
dellirt und von den Seitenthälern und Runsen in Theile zerschnitten 

sind. Wir nennen sie Bergter- 
rassen; in Tirol werden sie 
allgemein Mittelgebirg genannt. 
Diese Bergterrassen (a, a'), 
die mit den Hochterrassen (6) 
nicht zu verwechseln sind, stellen 
in der Regel ein älteres Niveau 
der Thalsohle dar und bestehen meist aus tertiären, dem eigent- 
lichen Gebirgskörper nicht ursprünglich angehörigen, sondern ihm 
erst später angelagerten Gebilden, in welche sich der Fluss all- 
mälig sein gegenwärtiges Bett eingegraben hat. Sie kommen in der 
Schweiz und in den östlichen Alpen stellenweise in der schönsten 




Querprofil. 




Querpro fll. 



Fig. 37. 



(C 



CL 



^_^ 




Querprofil. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 79 

Entwickelung vor, sind oft viele Meilen lang, bis zu einer halben 
Meile breit, gegen das Hauptthal abgedacht, von Dörfern und Ge- 
höften mit ihren Culturen bedeckt und oft mehrere hundert, selten 
jedoch mehr als tausend Fuss ttber der gegenwärtigen Thalsohle 
gelegen. Wir erwähnen hier dieser Bergterrassen deshalb, weil sie 
eine wichtige Nebenform des Kammgehänges bilden. 

56. Mittlerer Neigungswinkel der Kammgehänge. Unter dem 
mittleren Neigungswinkel des Kammgehänges verstehen 
wir den Winkel, den eine Linie mit dem Horizonte ein- 
schliesst, welche von einem Punkte der Kammlinie senkrecht auf 
diese zu einem Fusspunkte gezogen wird. Sie wird leicht durch den 

Ausdruck tang a = ^ gefunden, wo a den zu suchenden Winkel, 

n die relative Höhe des betreffenden Punktes der Kammlinie und 
m die horizontale Entfernung dieses Punktes vom Fusspunkte des 
Kammes bedeutet. Es ist klar, dass die gefundene Grösse nur für 
jene Stelle Giltigkeit hat, für welche sie gesucht wurde. Durch ra- 
tionelle Verbindung vieler solcher Winkelmaasse erhält man den 
allgemeinen, d. h. für den ganzen Kamm giltigen mittleren Nei- 
gungswinkel seines Gehänges. 

JEs ist erfahrungsgemäss nicht leicht, den Neigungswinkel des 
Gehänges auch nur für eine einzelne Stelle mit annähernder Rich- 
tigkeit abzuschätzen. Die Sache bedarf vieler üebung und einer 
genauen Kenntniss der Fehlerquellen, zu denen hauptsächlich die 
Stellung des Beobachters vor dem Gehänge, die vom Gebirge oft 
verdeckte Lage der Falllinie, partielle Abstürze des Gehänges von 
grosser Schroffheit, die das Urtheil so leicht irrefiihren, ein trübes 
Wetter u. dgl. m. gehören. Die Schätzung wird aus diesen Ur- 
sachen gewöhnlich über das richtige Maass hinausgreifen. Noch 
schwieriger aber ist die Bestimmung des allgemeinen mittleren 
Neigungswinkels für einen längeren Kamm oder ein grösseres Ge- 
birgsganzes. Dieses orometrische Element kann nur durch Rechnung 
ermittelt werden, worüber im folgenden Abschnitte das Nöthige 
erwähnt werden wird. 

Im Ganzen ist der allgemeine Steilheitsgrad der Kammgehänge 
weit geringer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. So 
wird das mittlere Gefälle der Gehänge im niederen Gebirge zwi- 
schen 10 und 15, im mittelhohen zwischen 15 und 20 und im hö- 
heren Gebirge zwischen 20 und 30 Grad liegen. 

57. Gliederung der Gebirge und Gliederungsformen. Aus einer 

Zahl von Gebirgskämmen , wie wir sie eben beschrieben, setzt 



30 Oroplastischer Theil. 

sich das Gebirge zusammen, und man versteht unter der Glie- 
derung des Gebirges die Art und Weise, wie in demselben 
die verschiedenen Theile äusserlich angeordnet und zu einem Ganzen 
verbunden sind. 

Wenn wir nun dem Leser hier die verschiedenen Haupttypen 
der Gebirgsgliederung vorführen, so geschieht dies unter der Be- 
merkung, dass sie gleichsam nur als die Mittelpunkte grosser Ab- 
schnitte einer überlangen Reihe von in einander tibergehenden 
Formen anzusehen sind, und dass es zuweilen schwer fallen wird, 
irgend ein gegebenes Gebirge in eine dieser Typen unterzu- 
bringen. Die Wichtigkeit dieser letzteren aber wird von geologischer 
Seite am Besten gewtirdigt werden, weil sie Schlüsse auf jene 
Principien gestatten, die der Entstehung des Gebirges zum Grunde 
liegen. Diese Typen sind : 

1. Die lineare Gliederung (Längengliederung), bei welcher 
mehrere Kämme in einer geraden oder etwas gekrtimmten Linie 

p. 3g neben einander liegen und durch 

kleine Intervalle geschieden sind. 

— ä — 1 "T" U Die tibereinstimmende Richtung die- 
ser Glieder a, b, c, d und vielleicht 

auch ihre übereinstimmende geognostische Beschaffenheit, erklären 

sie als zu einem und demselben System gehörig. Beispiele : Vihorlat 

in Ungarn, deutscher Jura u. a. 

2. Die parallele Gliederung; sie findet dann statt, wenn 
die Glieder oder Theile des Gebirges einander parallel zur Seite 
liegen, was jedoch auf verschiedene Weise vorkommen kann, je 
nachdem nämlich die Hauptrichtung, nach der die Glieder ange- 

Fig. 39. 

a 



/ 
/ 






ordnet sind, mit diesen selbst parallel läuft oder sie unter Winkeln 
schneidet und dabei gerade oder gekrümmt ist. — Die vorstehen- 
den Holzschnitte illustriren vier solcher Fälle. Der Schweizer und 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



81 



Fig. 40. 



französische Jura, die nördlichen Kalkalpen, sowie die Bergreihen in 
Türkisch- Croatien, in der Herzegowina und in Bosnien sind hervor- 
ragende Beispiele der Form a ; die in der Provence liegenden 
Theile der See-Alpen und die Gebirge Nord- Griechenlands u. a. ge- 
hören der Form h an ; das sudetische Gebirge zwischen Oder und 
Elbe und die nordwestlichsten Theile der Karpathen (Gr.-Beskid, 
Jablunka-Gebirge , weisse und kleine Karpathen) sind nach der 
Form c ; die Matra-Gruppe endlich sowie die des Schardagh u. a. 
sind nach der Form d angeordnet, üeberhaupt ist es das Kalk- 
gebirge, in welchem die parallele Gliederung vorherrscht, ohne jedoch 
demselben ausschliesslich eigen zu sein. 

3. Die transversale Gliederung (Quergliederung) ist 
jene Gliederungsform, bei welcher an einem inneren, gewöhnlich 
auch durch grössere Höhe sich auszeichnenden Kamm eine Zahl 
anderer senkrecht von ihm ablaufender Glieder, wie die Rippen 
an das Rückgrat, angeheftet sind. Jenes innere, die Stelle des Rück- 
grates vertretende, Glied heisst 
der Haupt kämm, die anderen 
heissen die Nebenkämme oder 
Seitenkämme des Gebirges; __ 
die Punkte aber, an welchen die 
letzteren an den Hauptkamm sich 
anschliessen , werden Gebirgs- 
knoten genannt. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Anschluss 
zweier einander gegenüber liegender Seitenkämme an demselben Punkte 
des Hauptkarames erfolgt, wodurch das Gebirge das Ansehen gewinnt, 
als bestände es aus einem Systeme paralleler, von dem Hauptkamme 
gekreuzter Ketten, was jedenfalls eine unrichtige Vorstellung ist. — Die 
Transversalgliederung gehört zu den am häufigsten vorkommenden 
Gliederungsformen ; sie wird in allen mächtigeren, insbesondere in den 
aus den Gesteinen der Urformation und aus plutonischen Eruptiv- 
massen zusammengesetzten Gebirgen, wie z. B. in den centralen 
Alpen, in den Pyrenäen, im skandinavischen Gebirge, im Kaukasus, 
Himalaya, zuweilen aber auch in den Kalk- und Sandsteingebirgen 
(Lechthalergebirge und Waldkarpathen) angetroffen. 

Es kann hier nebenher bemerkt werden, dass die culmini- 
renden Gipfel eines Gebirges nicht allemal im Hauptkamme 
stehen ; zuweilen werden sie von Nebenketten getragen, wenn auch 
jener im Ganzen der höhere ist und er die Neigungsverhältnisse des 
Gebirges beherrscht. So erhebt sich z. B. der Montblanc eigentlich 

S o n k 1 a r, Allg. Orographie . ^ 



32 Oroplastischer Theil. 

aus einer parallelen Nebenkette der grajischen Alpen, deren cen- 
trales Hauptglied vom Iseran gegen den grossen Set, Bernhard 
streicht und bei Courmayeur von der Dora Baltea durchbrochen 
ist. Ebenso stehen der Ortler, der Grossglockner und der Hoch- 
Alpenspitz, die culminirenden Gipfel ihrer bezüglichen Gruppen, 
der Pic de Nethou in den Pyrenäen, sowie der Elbrus, Dychtau 
und Kasbek im Kaukasus, ausserhalb des wasserscheidenden Haupt- 
kamraes. 

4. Die diagonale oder divergente Gliederung ist der 
vorigen verwandt und findet dort statt, wo die Richtung der Neben- 
ketten schief auf die des Hauptkammes fällt, oder wo sich dieser 
selbst in zwei oder mehrere äquivalente Zweige gabelförmig spaltet. 
Sie kommt im Kleinen häufig, im Grossen nur selten in deutlicher 
Ausbildung vor. Eines der schönsten Beispiele dieser Art liefert 
der südliche Ural, der sich bei Slatoust in drei fast gleich hohe 
Kämme : das Ilmengebirge, die Irendykkette und den eigentlichen 
Ural theilt. Andere grössere Diagonalgliederungen sind : die des 
Rhodope-Gebirges zuerst am Rilo-Dagh und dann ein zweites Mal 
am Kruschowaberge, die der nordgriechischen Gebirge am Vul- 
garaberge, die der Abruzzen am Monte Vettore, des römischen 
Apennin am Monte Catria u. a. m. 

o. Die radiale Gliederung wird jene genannt, bei welcher 
mindestens 5 Gebirgskämme aus einem Punkte, d. h. aus einem 
einzigen Berge, oder auch aus einem gemeinschaftlichen grösseren 
Kerne strahlenförmig auslaufen. Das Gebirge der Auvergne am 
Plomb de Cantal mit 13, das Vogelsgebirge mit 12, der südliche 
Theil des Schwarzwaldes mit 7 — 8, die penninischen Alpen am 
Monte Rosa mit 8, die Oetzthaler Alpen an der Weisskugel 
mit 12 Fächerketten zeigen die radiale Gliederung in ausgezeich- 
neter Ausbildung. Vulcanische Gebirge und krystallinische Central- 
massen sind am meisten geneigt, diese Gliederungsform anzu- 
nehmen. 

Die Vereinigungsstelle aller dieser radial angeordneten Kämme 
nennen wir den Radialknoten, der von einem gewöhnlichen 
Gebirgsknoten wol leicht zu unterscheiden ist. 

6. Die stockförmige Gliederung endlich ist diejenige, 
bei welcher der Gebirgskörper in eine Zahl entweder linear ange- 
ordneter oder gruppenweise neben einander liegender, meist kurzer, 
unter sich nur schwach verbundener Massen zersprengt erscheint. 
Das Gebirge bietet hier den Anblick einer lockeren Zusammen- 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 83 

Stellung einzelner Berge, die durch tiefe Thäler oder Spalten gänz- 
lich getrennt oder durch tief liegende Sättel nur undeutlich ver- 
bunden sind, und zwischen denen die Thäler nach allen Richtungen 
hindurch schwärmen. Immer aber springt die Zusammengehörigkeit 
aller dieser Stöcke theils durch ihre Nebenstellung, theils durch ihre 
geognostische Identität klar hervor. 

Wieder sind es die Kalkgebirge so wie auch jüngere Eruptiv- 
massen, bei welchen die stockförmige Gliederung am häufigsten 
(wenn nicht ausschliesslich) anzutreffen ist. Was die letzteren an- 
belangt, so tritt sie bei den Basalt-, Trachyt- und Phonolyth-Durch- 
brüchen im nördlichen Böhmen, in Nord-Ungarn und Siebenbürgen, 
in der Auvergne, in Süd-Italien u. s. w. auf. Mächtiger aber ist 
ihre Ausbildung in den Kalkgebirgen, und insbesondere sind es die 
Alpen, wo die stockförmige Gliederung mehrfach in typischer 
Vollkommenheit angetroffen wird. So beginnt z. B. der stock- 
förmig gegliederte Theil der östlichen Nordalpen erst recht mit den 
Salzburger Alpen, die eigentlich ein grosser, von allen Neben- 
gebirgen vollständig getrennter, selbst wieder aus drei bis vier isolirten 
Massen bestehender Kalkstock sind; hierauf folgen gegen Osten, in 
gruppenmässiger Nebenstellung, die Stöcke des Tännengebirges, des 
Dachstein^ des Höllengebirges, des todten Gebirges, des Grimming, 
des Pyrgas, des Gr.-Buchstein, des Tamischbachthurms, der Vor- 
Alpe, des Dürnstein, des Oetscher, des Tonion, der Schnee-Alpe, der 
Rax-Alpe und des Schneeberges — fast durchaus kurze, kastenartig 
aufsteigende^ oben meist zu Plateaux ausgebreitete, unter sich 
theils ganz getrennte, theils nur schwach zusammenhängende Kalk- 
massen. Noch grossartiger, wenn auch räumlich weniger aus- 
gedehnt, offenbart sich die Zersplitterung des Gebirges in den süd- 
tirolischen Dolomit-Alpen, wo mehrere dieser Stöcke bis zur abso- 
luten Höhe von 10.500 F. sich aufthtirmen und wegen der furcht- 
baren Schroffheit ihrer Abstürze oft nur schwer ersteiglich sind. In 
kaum geringerer Wildheit erscheint diese Gliederungsform ferner 
noch in den julischen Alpen, so wie in vielen Theilen des türkisch- 
griechischen Gebirges, namentlich in der Herzegovina, in Dalmatien, 
Albanien und Griechenland; in milderem Maasse ist sie aber auch 
in anderen Theilen der Alpen, im Jura, in den Pyrenäen und in 
den schottischen Hochlanden anzutreffen. 

Im Allgemeinen kann noch bemerkt werden, dass in einem 
und demselben Gebirge nicht selten zwei oder mehrere der erwähn- 
ten Gliederungsformen vorkommen. 



84 Oroplastischer Theil. 

Bei Parallelgliedern werden diejenigen Glieder, welche einem 
inneren, durch Höhe oder geognostische Merkmale als Hauptkamm 
qualificirbaren Gliede mittel- oder unmittelbar zur Seite liegen, 
oft auch die Vorlagen und bei der Quergliederung die trans- 
versalen Nebenkämme auch die Widerlagen jenes Hauptkammes 
genannt. 

58. Unterscheidmigen der (rebirge nach Höhe, Länge und Breite. 

Wir kommen nun zu den Unterscheidungen der Gebirge nach ihren 
dreifachen Abmessungen: Höhe, Länge und Breite. 

Die Gebirge sind bekanntlich sehr ungleich hoch. Wie bei 
den Gebirgskämmen wird auch bei ganzen Gebirgen die mittlere 
Kanimhöhe der rationelle, durch Rechnung ermittelte Ausdruck der 
allgemeinen Erhebung sein. Aber der sinnliche Eindruck, den das 
Gebirge auf den Beschauer macht, wie nicht minder manche seiner 
physischen und politischen Belange, ist nicht lediglich von jenem 
abstracten Maasse seiner Höhe abhängig. Bei gleicher mittlerer 
Kammhöhe kann sich irgend ein Gebirge, von der Feme angesehen, 
als ein sanft undulirter, d. h. fast allenthalben gleich hoher, Auge 
und Phantasie nur wenig ansprechender Wall darstellen, während 
die Kammlinie eines anderen Gebirges in raschen Sprüngen auf- 
und niedersetzt, neben hohen vielleicht in ihrem Eiskleide schim- 
mernden Spitzen und Hörnern tief einschneidende Sattelkerben 
zeigt und durch seinen Farben- und Formenreichthum das äussere 
Auge erfreut und das innere zum Nachdenken nöthigt. Diese kurze 
Erwägung lehrt, dass für die Würdigung der Höhenverhältnisse 
eines Gebirges die Kenntniss der mittleren Kammhöhe allein nicht 
ausreicht und dass hierzu noch die Gipfel- und Sattelhöhe noth- 
wendig ist. Gerade so wird die Einsicht in die klimatischen Ver- 
hältnisse eines Ortes dann erst eine vollständigere sein, wenn nebst 
dem Temperaturmittel des Jahres noch die Mittel der Sommer- 
und der Winterwärme vorliegen. 

59. Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhöhe, Schartung. Aus den be- 
kannten Höhen aller Gipfel wird die mittlere Gipfel-, und aus 
der aller Sättel die mittlere Sattelhöhe durch Rech- 
nung leicht gefunden. Die mittlere Schartung endlich ist der 
Unterschied zwischen der mittleren Gipfel-, und der mittleren 
Sattelhöhe, und dieses ebenfalls fictive Maass ist es, das uns eine 
richtige Vorstellung über den Grad der Geschlossenheit oder Zer- 
rissenheit des bezüglichen Gebirges liefert. Auch über diese Dinge 
wird im zweiten Abschnitte umständlich die Rede sein. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 85 

Wie verschieden sich die Gebirge in dieser Beziehung ver- 
halten können, zeigen z. B. nachfolgende Daten: die Oetzthaler 
Alpen in Tirol, dann die Brucker und Stainzer Alpen in Steier- 
mark haben eine gleiche Schartung u. z. 680 W. F., aber die 
Kammhöhe steht bei jenen auf 9515, bei diesen nur auf 4585 F. 
Eben so ist die mittlere Schartung in den julischen und in den 
Sulzbacher Alpen bei Cilli gleichfalls nahezu dieselbe, 1150 und 
1140 F. (also fast noch einmal so gross als bei den beiden früher 
genannten Gruppen) und doch beträgt die mittlere Kammhöhe bei 
den julischen Alpen nur 3900, bei den Sulzbacher Alpen 5245 F. 
Anderntheils ist die mittlere Kammhöhe bei den Kitzbttchler Alpen 
6485 und bei den Salzburger Alpen 6400 F., also nahezu gleich, 
während die Schartung dort nur auf 710, hier aber auf 1200 F. 
steht. Bei etwas eingänglicher Untersuchung dieser Zahlen lässt 
sich erkennen, wie entscheidend der Einfluss des Gebirgsmaterials 
so wie der Gliederungsform auf diese orometrischen Werthe ist 
und dass dieser Einfluss demnach ziffermässig nachgewiesen wer- 
den kann. 

60. Eintheilung der Gebirge Dach ihrer Höhe. Auf Grund 

der mittleren Kammhöhe hat man eine Eintheilung der Ge- 
birge auf folgende Art vorgenommen; man nennt nämlich die 
Gebirge : 

1. Niedergebirge, bei einer Mittelhöhe bis zu 2000 F. 

2. Mittelgebirge, bei einer Mittelhöhe zwischen 2000 und 
4000 F. 

3. Alpengebirge, bei einer Mittelhöhe zwischen 4000 und 
6000 F. und 

4. Hochgebirge, bei einer Mittelhöhe über 6000 F. 

Diese Zahlen dürfen jedoch nicht mit pedantischer Strenge 
festgehalten werden. So wird z. B. ein Mittelgebirge diese Quali- 
fication nicht verlieren, wenn sich auch hie und da einzelne seiner 
Kämme über 4000 F. Mittelhöhe erheben, oder wenn andere unter 
die Höhe von 2000 F. herabsinken. 

Oben wurde bereits nachgewiesen, dass von der absoluten 
Höhe eines Gebirgskammes in den meisten Fällen auch seine Con- 
figuration im Quer- und Längenprofil abhängt. Es werden sich 
demnach die verschiedenen, nach Höhenstufen classificirten Gebirge 
in vielen Beziehungen wesentlich von einander unterscheiden und 
es wird in diesen Unterschieden eine weitere Berechtigung filr d\^ 



86 Oroplastischer Theil. 

oben gegebene Eintheilung der Gebirge nach ihrer Höhe geiunden 
werden. 

61. Charakteristik des Niedergebirges. Immer muss bei der 
oben angegebenen Höhe des Niedergebirges von 2000 F. an- 
genommen werden, es sei dasselbe einer Tiefebene oder einer 
niedrigen Hochebene aufgesetzt, da es sonst zu einem blossen 
Hügellande herabsinkt, von welchem hier nicht die Rede ist. Viele 
Theile des französischen und deutschen Mittelgebirges : die Gebirge 
des CharoUais und Beaujolais, die Cotes d'or, das Plateau von 
Langres, der Hochwald und Hundsrück, die Ardennen, Argonnen und 
die Eifel, der Odenwald, Spessart, Taunus, Westerwald, das Sauer- 
land, und die hessischen Berge, der fränkische Jura und Franken - 
wald, der Eichwald, das Wesergebirge, das Voigtland, und die 
meisten der im Innern des böhmischen Kessels liegenden Gebirge, 
das Tamowitzer Plateau und die Lyssa gora, ferner das sogenannte 
österreichische Hügelland, das steierische Hügelland, der Bakonyer 
Wald, das Pilis- und V^rtes- Gebirge, die kroatischen und slavoni- 
sehen Berge, erstere nördlich der Kulpa u. a. m., gehören dem 
Niedergebirge an. 

Der allgemeine plastische Charakter des Niedergebirges ist 
vorherrschend der der sanften Wellenformen, welcher nur im Kalk- 
und Sandsteinterrain oft ziemlich namhafte Ausnahmen erleidet. 
Die Kämme bilden im Längendurchschnitte langgestreckte Bogen- 
linien, mit breiten, flachen Kuppen und Sätteln. Die Querprofile 
zeigen sanfte Gehänge mit entschiedenem Vorherrschen der Ram- 
pen- und Terrassenformen. Felsige Stellen sind im Allgemeinen 
selten und kommen häufiger wieder nur im Kalk- und Sandstein- 
gebirge vor, wo dann der Abfallswinkel der Gehänge auch oft das 
oben verzeichnete Maass von 10 — 15 Grad übersteigt. Die herr- 
schende Gliederung ist die transversale, nur in altvulkanischen 
Gegenden kommt auch die stockförmige und im Kalkterrain die 
parallele vor. Die Thäler bilden in der Regel wenig tiefe, breite, 
schwach geneigte und sanftrandige Mulden, in welchen die Flüsse 
häufig mehr oder minder tiefe Rinnsale ausgenagt haben. 

Im Niedergebirge ist im Allgemeinen der Widerstreit der 
Naturkräfte gering: der den Boden fast überall verhüllenden 
Humus- und Pflanzendecke wegen ist die Thätigkeit der Verwitte- 
rung auf ein bescheidenes Maass reducirt; bei der Sanftheit der 
Gehänge ist die Schwere, sowol in ihren erodirenden Einflüssen an 
sich, als auch in der von ihr bedingten Fallthätigkeit des fliessenden 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 87 

Wassers nicht minder beschränkt, und auch das Klima weist, bei 
den geringen Höhendifferenzen, keine besonderen, den Betrieb der 
Landwirthschaft wesentlich beschränkenden oder modificirenden 
Unterschiede auf. Der Mensch hat sich hier überall die Natur unter- 
worfen, wesshalb das Land allenthalben, auf den Plateaux, Terrassen 
und Gehängen, cultivirt, mit Ortschaften und einzelnen Gehöften 
bedeckt und von Communicationen jeder Art überzogen ist. 

62. Charakteristik des Mittelgebirges. Bei dem Mittel-Ge- 
birge ist die absolute und relative Höhe der Kämme grösser; 
die Thäler sind tiefer, die Gehänge steiler, und desshalb auch alle 
auf die Zerstörung des Gebirges abzielenden Kräfte der Natur 
intensiver als im Niedergebirge. Hieraus geht die grössere Ab- 
wechslung in den Formen der Kämme, Gehänge und Thäler her- 
vor. Die Gipfel, obwol gewöhnlich noch breit und rundlich und 
nicht selten sogar noch plateauartig abgeflacht, steigen dennoch in 
höheren, schärfer markirten Bögen auf und nicht selten mengt sich 
sogar eine spitzige oder schroffe Form in die Umrisslinie des 
Kammes. Die Entblössungen des inneren Felsgerüstes der Berge 
werden häufiger, die Kämme sind auf der Höhe oft mit Trümmern 
bedeckt, und hie und da zeigen sich felsige Grate, schroffe Wände, 
Abstürze und Sturzhalden. Die Einschnitte in die Gehänge werden 
tiefer, und diese selbst nicht bloss steiler, sondern auch ungleich- 
förmiger in den Graden ihrer Steilheit; noch charakteristischer aber 
ist das Herabweichen der Terrassen von den Höhen , wo sie 
gewöhnlich im Niedergebirge vorkommen, auf den unteren Theil 
der Gehänge (etwa wie in Fig. 35). Auch die Thäler sind jetzt 
tiefer und enger, bei gelegentlicher grösserer Steilheit der untersten 
Partien des Gehänges selbst schluchtartig, und an breiteren Stellen 
nicht selten durch Schuttkegel verunstaltet. Noch wichtiger als 
beim Niedergebirge ist für die Formen des Mittelgebirges das 
geognostische Material der Kämme. So zeigt z. B. der Böhmerwald, 
der aus Granit und Gneiss besteht, schmale mit gewaltigen Blöcken 
übersäete Felskämme neben breiten moorigen Hochflächen, beide 
oft mit steilen Wänden und Abgründen zu tiefen, felsigen, sumpfigen 
und menschenleeren Thälern sich absenkend. Aehnliche wilde und 
groteske Formen bieten der Harz und das Riesengebirge, welche 
theil weise derselben geognostischen Bildung angehören wie der 
Böhmerwald. Nicht minder rauh sind manche Kalk- und Sandstein- 
gebirge von der in Rede stehenden Höhenentwicklung, wofür die 
Berge westlich von Wiener-Neustadt (die lange Wand, dürre Wand, 



gg Oroplastischer Theil. 

der Unterberg, der Oeller, Gippel, die Reis- Alpe u. a.) als Belege 
dienen können. 

Die Gliederungsform des Mittelgebirges kann jede der oben an- 
gegebenen sein. Wegen der oft schon bedeutenden Höhe der Kämme 
und Steilheit ihrer oberen Gehänge sind die höheren Theile des Mittel- 
gebirges nicht mehr leicht bewohnbar. Sie sind deshalb häufig mit 
Wald bedeckt, oder sie werden als Weideland benützt. Ragen doch 
einzelne Gipfel und Kammtheile sogar schon in die aus örtlichen 
Gründen oft stark deprimirte Alpenregion auf, wie dies z. B. bei 
der Schneekoppe (5045 F.) und im ATtvatergebir^e der Fall ist. 
Erst die unteren Terrassen und Kammgehänge sind der Bodencultur 
zugänglich, und bieten geeignete Orte für menschliche Ansiedlungen 
dar. Die Communicationen im Mittelgebirge sind ebenfalls weit sel- 
tener als im Niedergebirge, und wenn die Pässe sich auch nicht 
durch grosse absolute Höhe auszeichnen , so ist hier im Allgemeinen 
das Bedürfniss nach solchen Verbindungen doch geringer und die 
Herstellung und Erhaltung der Strassen weit kostspieliger. 

Zu den Mittelgebirgen zählen in Europa, u. z. in der pyre- 
näischen Halbinsel: das galizische Bergland, die Idubeda-Kette, 
das nord- und südvalencianische Gebirge grösstentheils , die cen- 
tralen Plateaux von Soria, Sigüenza, Guadalajara, Cuen9a und 
Requena, die Sierra de Antequera und Ronda, die Gebirge von 
Estremadura, Guadalupe, Montanches und Ossa, die Sierra Morena 
mit ihrer westlichen Fortsetzung bis zum Cabo de Säo Vicente, so 
wie viele der südlichen Vorlagen der eigentlichen Pyrenäen. In 
Frankreich: die Cevennen, das Lyonais-, V^lais-, Forez- und 
Marg^ride - Gebirge, das Plateau der Auvergne, die Mont Dore- 
Gruppe, das Plateau de Mille Vaches, das Limousin- Gebirge, die 
Vogesen, der Jura, die meisten Kalkvorlagen der Westalpen, d. h. 
Theile der savoyischen Kalkalpen, die Berge des provengalischen 
Marquisates, die Montagnes des Maures und das Estdrel-Gebirge. 
In Mitteleuropa: der Schwarzwald, die rauhe Alb, der Thüringer- 
wald, der Harz, der Böhmerwald, das Erzgebirge, der grösste Theil 
des sudetischen Systems; von den Alpen grosse Theile der nörd- 
lichen und südlichen Kalkalpen in Ober- und Nieder-0 esterreich, 
in Südsteiermark, in Kärnthen, Krain und in der Lombardie; von 
den Karpathen der grösste Theil, mit Ausnahme der Tatra, 
der Liptauer Alpen, der Marmaroser Gebirge und der transsylva- 
nischen Alpen. In Italien: ebenfalls der grösste Theil des Apennin, 
mit Ausschluss der ligurischen Alpen, von Theilen des toskanischeu 



Von den Detailformeu des Bodenreliefs. 39 

Apennin, der apuanischen Alpen und der Abruzzen. In der 
türkisch-griechischen Halbinsel nicht minder der grösste Theil 
des Berglandes, ausgenommen die Cmagora, der Schardagh, einige 
Theile von Hellas und Morea, die Olympkette, der Rilo und Pe- 
rindagh. In Russland das taurische Gebirge und der Ural; in 
Grossbritannien alles Gebirge in Wales, Nord-England und Schott- 
land, und in Skandinavien endlich das lappländische Gebirge. 

63. Charakteristik des Alpengebirges. Die Höhe des Alpen- 
gebirges liegt nach Obigem zwischen 4000 und 6000, demnach 
im Mittel in 5000 F. absoluter Höhe. Doch wird es dem Charakter 
dieser Ciasse von Gebirgen keinen Eintrag thun, wenn sie in ein- 
zelnen Theilen niedriger als 4000, in anderen höher als 6000 F. 
sind und dabei einzelne ihrer Gipfel eine Elevati'on von 7000 F. 
und selbst die Grenze des ewigen Sclmees erreichen. 

Abgesehen von der angegebenen Höhe versteht man unter dem 
Worte Alpengebirge überhaupt auch noch jenes Gebirge, das sich, 
ohne noch in die Kategorie der eigentlichen Hochgebirge zu fallen, 
über die Grenze der kontin uir liehen Baumvegetation , d. h. in jene 
Höhenzone erhebt, in der nur mehr Gras und Alpenkräuter ge- 
deihen, und die daher zur Sommerzeit als Weidegrund und zur 
Sennwirthschaft mit Vorifheil benützt werden kann. Da nun in un- 
seren Breiten der Waldwuchs in compacten Beständen, mit 5000 
bis 6000 F. absoluter Höhe sein Ende findet, so ist damit auch für 
Gebirge von dieser Höhe der Name Alpengebirge oder Alpenland 
gerechtfertigt. 

Im Alpensysteme feilt die Höhe der Kalkalpen, d. h. sowol der 
nördlichen als südlichen Kalkvorlagen der centralen Alpen, grössten- 
theils mit der für das Alpengebirge festgesetzten Höhe zusammen, und 
von daher kommt es, dass die plastischen Formen dieser Kalkgebirge 
als Attribute des Alpengebirges überhaupt angenommen worden sind, 
wie dies z. B. aus den Zeichenvorlagen des k. k. milit. geogra- 
phischen Institutes, die als „Alpengebirge" überschrieben sind, 
deutlich zu entnehmen ist. Jene Annahme ist jedoch nach meinem 
Dafürhalten irrig, denn erstens ist das erwähnte Zusammenfallen 
(der für das Alpengebirge statuirten Höhe mit der Höhe sehr vieler 
Kalkgebirge) nicht so ganz allgemein, während doch die Formver- 
hältnisse dieselben sind; so gehören z. B. die Rauhe Alb, Theile 
des Jura, das Bergland von Idria zu den Mittelgebirgen, hin- 
gegen die Bemer Alpen von der Jungfrau angefangen westlich, 
Theile von Montenegro, der griechischen Gebirge und der Abruzzen^ 



90 



Oroplastischer Theil. 



wie nicht minder sehr ansehnliche und zum Theil mit ewigem Schnee 
bedeckte Regionen der nördlichen und südlichen Kalkalpen, dem 
Hochgebirge an, und zweitens gibt es gerade nicht wenige Alpen- 
gebirge, die nicht aus Kalk bestehen, und daher oft nichts weniger 
als die plastischen Merkmale der Kalkgebirge an sich tragen, wie 
z. B. der grösste Theil der aus Gneiss und kristallinischen Schiefern 
zusammengesetzten steirischen Central- Alpen, die meist aus Urthon- 
schiefer gebildeten Kitzbüch 1er Alpen , die aus Porphyr bestehenden 
Sarnthaler Alpen u. a. Gebirge Süd-Tirols. Es ist demnach unrichtig 
die plastischen Eigenthümlichkeiten der Kalkalpen auf das Alpen- 
gebirge (als orographischer Höhenbegriff aufgefasst) allgemein über- 
tragen zu wollen. 

Der, nach Obigem als irrig gerügtem Vorgange, für typisch 
erklärte Charakter des Alpengebirges scheint speciell von den grossen 
Kalkstöcken abgeleitet, die im Systeme der Alpen so häufig vor- 
kommen und von denen bei der stockförmigen Gliederung der Ge- 
birge bereits umständlich die Rede war. Es sind das oft riesige, 
auf allen Seiten schroff aus dem tieferen Lande aufsteigende, oben 
zu breiten, welligen oder hügeligen Plateaux ausgestreckte Massen, 
deren Oberflächen nach einer oder nach zwei Richtungen sanft ab- 
fallen und daher eine Art Kammbildung nicht ausschliessen. Die 
Plateaux sind mit Felstrtimmern bedeckt und häufig auch karstartig 
gestaltet, d. h. von einer Zahl grösserer und kleinerer Löcher oder 
kurzer geschlossener Thal er, mit bankartigen zerbröckelnden Kalk- 
hügeln dazwischen, und zuweilen auch mit breiten offenen Gras- 
ebenen bedeckt. Hochflächen dieser Art zeigt die Rax-Alpe, Schnee- 
Alpe, die Hochschwabgruppe, das todte Gebirge, der Dachstein, das 
Tännengebirge , das steinerne Meer, der Caninkofel, die Gebirge des 

Fig. 41. 




Querprofile. 

Woch einer Kessels u. a. m. Die obenstehende Fig. 41 a zeigt einen 
solchen Kalkstock ohne, und h einen anderen mit Kammbildung. 
Auch die absolute Höhe solcher Kalkmassen ist nicht unbedeutend: 
so haben z. B. die Plateaux des Hochschwab, des todten und des 
Tännengebirges 5000 — 6000, das steinerne Meer über 6000 und die 
Hochfläche des Caninkofels über 7000 F. absolute Höhe. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 91 

Andere Alpengebirge, selbst solche , die aus Kalk bestehen, 
stellen sich in Form hoher Gneisskämme (Fig. 28) dar. Nur ist im 
Kalkgebirge alles viel wilder, zerrissener, die Gehänge schroffer, die 
ISeitenrunse in tiefe Schlünde und die Thal er oft bis zu ihren ersten 
Anfängen zu wilden, grausigen Abgrtinden ausgenagt. — Bei stock- 
förmiger Gliederung ist das Netz der Thäler verworren; Längenthäler 
und querliegende Durchbrüche bis zu grossen Tiefen sind häufig. 
Im Schiefergebirge sind die Gefälle gemildert und die Hochterrassen 
mit üppigen Alpenmatten überkleidet. Hier, wie auch hie und da 
im Kalkgebirge, ist die transversale Gliederung vorherrschend und 
der Verlauf der Thäler in gewissem Sinne regelmässig. 

Noch mehr als im Mittelgebirge ist hier die Bevölkerung in den 
Thälem, auf den untersten Theilen der Berghänge und auf den früher 
erwähnten Bergterrassen versammelt. Die normale Verminderimg 
der Luftwärme mit wachsender Höhe, die von den höheren Lagen 
des Gebirges herabfliessenden kalten Luftströme und die geringere 
Insolation verwehren den Bodenanbau in grösserer Entfernung vom 
Thalgrunde. Die Gebirgspässe sind hier noch viel seltener, die Sättel 
höher und bei stockförmiger Gliederung im Kalkterrain die fahr- 
baren Communicationen auf die Durchbruchsstellen beschränkt. 

Die europäischen Alpengebirge sind: in der pyrenäischen 
Halbinsel: die Alpujarras, die Sierra sagra, Sierra de Guadarama, 
de Gredos, de Francia und d'Estrelha, das Gebirge der Peiia Golosa 
bei Valencia, die östlichen und westlichen Theile der eigentlichen 
Pyrenäen, das cantabrisch-asturische und nord-portugiesische Gebirge 
(Sierra de Montezinho, de Mamed u. a.). Im Alpenlande: die 
savoyischen Kalkalpen, grosse Theile der Gebirge des Chablais und 
vonFaucigny, die Freiburger, Emmenthaler, Schwyzerund St. Gallner 
Alpen und überhaupt der grösste Theil der nördlichen und südlichen 
Alpen, mit Ausnahme jener äusseren Regionen, die (bereits zum 
Mittelgebirge und jener höheren Parthien, die zum Hochgebirge ge- 
hören, so wie die gesammtensteirischen Central- Alpen. Vom Apennin: 
die ligurischen und apuanischen Alpen, Theile des toscanischen 
Apennin und die Abruzzen; in der türkisch-griechischen Halb- 
insel: die Crnagora, der Schardagh, der Pindus, die höheren Ge- 
birgstheile in Hellas und Morea, im Rhodope- und Witosch-Gebirge 
und im Perindagh. In Skandinavien endlich der centrale Theil 
des gln. Systems: Dovre, Langfjeld und Hardanger-Vidden etc. 

64. Charakteristik des Hocligebirges. Unter Hochgebirgen ver- 
steht man jene grösseren Erhebungen der Erdrinde, deren mitt- 



92 Oroplastischer Theil. 

lere Höhe 6000 F. tibersteigt, und wo daher schon (in unseren 
Breiten) viele Gipfel und Knmmtheile in die Region des ewigen 
Schnees und Eises emporragen. 

Dieses letztere Merkmal ist jedoch nur, wie gesagt, für unsere 
geographischen Breiten giltig, da die Schneegrenze in anderen Ge- 
genden der Erde und selbst bei gleicher Breite sehr verschiedene 
Höhen einhält. So liegt, vorläufig bemerkt, diese Grenze im Hima- 
laja zwischen 12000 und 16000, in Peru nahe bei 15000, im 
Kaukasus 10200, in den Alpen zwischen 8200 und 9000, am Snä- 
hättan in Norwegen 5040, in Island 2900, in Spitzbergen circa 
1000 F. über Meer. Der Begriff des Hochgebirges wird daher haupt- 
sächlich nach dem Argumente der absoluten Höhe zu bestimmen sein, 
wornach schon bei dem Minimum der angegebenen Mittelhöhe von 
6000 F. eine grosse Zahl von Gipfeln und Kämmen die Seehöhe 
von 8000 F. erreichen und überschreiten wird. 

Ich habe an einem anderen Orte den Eindruck, den der erste 
Anblick des Hochgebirges auf den für die Schönheit und Gross- 
artigkeit der Natur empfänglichen Beschauer hervorbringen mag, 
mit Worten darzustellen versucht *). Wie hat er sie da angestaunt 
die gewaltige Erscheinung in allen Stadien ihrer mit jedem Schritte 
wachsenden Grösse : erst die hohen, aus blauer Feme unklar her- 
tiberschauenden Schneedome des inneren Gebirges, dann die rie- 
sigen Bergmassen mit iliren labyrinthisch durch einander laufenden 
Linien, die fort und fort steigende Kühnheit und Mannigfaltigkeit 
der Bergformen ; nachher beim Eintritt in das Gebirge selbst, zu- 
nächst die lange Riesengallerie des Hauptthaies, dann die prallen 
Thalhänge mit ihren Folsenzinnen, die sturzdrohenden Bergwände 
mit ihren brausenden Wasserfällen, die hohlen Gassen der Seiten- 
thäler mit ihren trotzig daher blickenden wilden Hörnern und 
Trümmerhalden, endlich, wo sich ein grösseres Seitenthal öfihet, die 
Giganten des inneren Gebirges mit den weiten blitzenden Schnee- 
mänteln auf den Schultern und den Diademen aus ewigem Eise 
auf den stolzen Stirnen. Aber alle diese, auf den ersten Anblick 
sinnverwirrende, Verstand und Phantasie in gleich hohem Grade 
fesselnde Pracht und Erhabenheit des Hochgebirges hat seinen 
Geist auf die Bahnen des Denkens und Vergleichens geführt und 
er hat nach und nach eingesehen, dass nicht nur die Naturkräfte 
hier in einer, nach Art und Intensität ganz anderen Weise thätig 



•) „Oesterreichische Revue", 1864. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 93 

waren als draussen in der Ebene, sondern auch dass dieses Gebirge, 
mit seinen Ungeheuern Bergwällen, Thalschlünden, Fels- und Eis- 
wüsten, das Leben der Menschen unter ganz andere Bedingungen 
stellen, andere Sitten, Gebräuche, Religionsanschauungen, gesell- 
schaftliche und staatliche Formen erzeugen müsse als die Hügel 
und Berge des tieferen Landes, und dass, in letzter Folge, diese 
mächtige Erhebungsmasse mit allen ihren trennenden Momenten 
einen Abschnitt darstelle für unzählige Bezüge in Natur und Men- 
schenwerk, in Klima, Production, Verkehr und Handel, Politik 
und Krieg. 

Aus den Ausführungen über das Mittel- und Alpengebirge 
war bereits zu entnehmen, dass das Gebirge, von den Tief- und 
Flachländern, die es einschliessen hinweg, sich nicht plötzlich zum 
Hochgebirge erhebt, sondern dass es auf beiden Seiten von einem 
mehr oder minder breiten Streifen niedrigerer Gebirge umgeben 
ist. Meist sind es grosse Längenthäler, die das innere Hochgebirge 
von dem äusseren Alpen- und Mittelgebirge trennen, wenn dies 
auch nicht überall mit Deutlichkeit hervortritt und hie und da breite 
Lücken vorkommen, durch welche sich die allmälig abfallenden 
Nebenketten des inneren Hauptkammes weiter gegen das Tiefland 
vorschieben. So entbehren z. B. die Westalpen auf ihrer östlichen 
und die penninischen Alpen auf ihrer südlichen Seite jedes vorge- 
lagerten, ihren Abfall zum Tief lande vermittelnden Zwischengliedes. 

Da das Hochgebirge vorherrschend aus den Gesteinen der 
Urformation und aus Eruptivmassen besteht, so ist es in der Regel 
transversal gegliedert, obwol im Grossen auch die parallele Glie- 
derung dort auftritt, wo der krystallinische Kern des Gebirges breit 
genug war, um durch weit fortsetzende Längenspalten in zwei oder 
mehrere parallele Massen zerrissen zu werden, wie dies bei den 
Alpen, beim Himalaya, bei den Rocky Mountains u. a. geschehen. 
Doch sind auch in diesen Fällen die Parallelkämme transversal 
gegliedert. Die Kämme sind gewöhnlich als scharfe schneidige Grate 
aasgebildet und zeigen die oben für das höhere Gebirge angege- 
bene Profilform in ihrer ganzen Reinheit. Die Gipfel erheben sich 
oft in hohen, prachtvollen Gestalten; schlanke, nadeiförmig zuge- 
spitzte Hönier wechseln mit stumpferen Spitzen, schroffen Thürmen 
und breiten Glockenformen. Die Schartung ist dennoch im Allge- 
meinen gering, desshalb die Kämme hoch und geschlossen und der 
Fluss der Contourlinien ruhiger und man möchte sagen besonnener 
als im Kalkgebirge. Wo aber dieses auf das Niveau des Hoch- 



94 Oroplastischer Theil. 

gebirges sich erhebt, wie z. B. in vielen Theilen der nördlichen und 
südlichen Kalkalpen, insbesondere der südtirolischen Dolomit-Alpen, 
da erreicht die Wildheit aller Formen ihr Maximum; da ist keine 
Gipfelgestalt zu kühn und zu bizarr, keine Kammlinie zu schneidig, 
zerrissen und sägeartig, kein Gehänge zu schroff und stachlig, kein 
Thalschlund zu tief und abgründig, um nicht hier reichlich vertreten 
zu sein. Aus diesem Grunde ist der malerische Effect der Kalkalpen 
in der Regel weit grösser als der des krystallinischen Hochgebirges, 
welches dafür durch die Ruhe, Breite und Massenhaftigkeit seiner 
Formen imponirt. 

Bei der eben erwähnten, grossen körperlichen Ausdehnung 
der oft zu so bedeutenden Höhen emporgehobenen Massen des Ur- 
gebirges, verdichten sich diese besonders an Knotenpunkten nicht 
selten zu breiten Stöcken und ausgedehnten plateau-artigen Hoch- 
flächen, welche, wenn sie eine gewisse Höhe überschreiten, die, 
nicht selten viele Quadratmeilen messenden Schneefelder tragen, 
aus denen jene prächtigen Eisströme stammen, die als Gletscher 
in alle benachbarten Thäler, Mulden und Runse hinabwachsen. 
Sind diese Gletscher klein, dann hängen sie gleich blauen zer- 
sprungenen Glasflüssen hoch oben auf den Bergkämmen; sind sie 
gross, dann erreichen sie den Thalboden, den sie in der Gestalt 
gefrorner Flüsse oft meilenweit bedecken und durch die Grösse 
und Fremdartigkeit ihrer Erscheinung zu den fesselndsten Objecten 
der Hochgebirgsnatur gehören. — Unterhalb des Schnees und Eises 
oder wo diese fehlen, etwa von 8500 F. an aufwärts, bestehen die 
Kämme und Gehänge aus kahlem Fels, der auch tiefer noch häufig vor- 
kommt und stellenweise jene riesigen Sturzkegel und Sturzhalden 
bildet, die besonders im Granit- und Gneissterrain, wegen der 
Grösse und der in wildester Unordnung über einander gelagerten 
Felstrümmer, für den menschlichen Fuss oft ganz unüberschreitbar 
sind. — Die terrassenartige obere Ausbreitung des Profils (Fig. 28 
und 29 a, h) ist in den Alpen unterhalb jener 8500 F. vom Alpen- 
lande (ini engeren Sinne) eingenommen, das sich in stark undulirten, 
oft in querer Richtung rückenförmig gewölbten, von den Seiten- 
thälern tief durchschnittenen und thalabwärts geneigten Flächen 
ausbreitet. Hierauf folgt, etwa von 6000—6500 F. an abwärts, die 
Region des Waldes, der nun, in dichten Beständen, den Gebirgs- 
körper wie ein dunkles Band umgibt, besonders die steileren und 
felsigeren Gehänge bedeckt, jedoch oben wie unten, je nach der 
Exposition der Bergwände gegen Sonne und herrschenden Wind 



Von den Detailformeti des Bodenreliefs. 95 

und je nach gelegentlicher Ausrodung, in zackige, unsichere Grenzen 
eingeschlossen ist. Die untersten Theile der Gehänge gehen theils 
in Bergterrassen über, theils verbinden sie sich ohne diese mit den 
Thalflächen und sind in beiden Fällen von der Cultur in Besitz 
genommen, die sie mit allen landesüblichen Apparaten menschlichen 
Daseins ausgestattet hat. 

65. Höhenregionen des Gebirges. Aus diesem Bilde ergibt sich 
von selbst die Eintheilung des Gebirges in vier Höhenregionen, 
u. zw. 1. in die Region des ewigen Schnees und der unwirthlichen 
Felsen oberhalb 8500 F. absoluter Höhe; 2. in die Region der 
Alpenweiden zwischen 8500 und 6000 F. ; 3. in die Waldregion 
oder die Region des hochstämmigen Baumwuchses und 4. in die Basis- 
region. Für die zwei letzten Regionen können keine bestimmten 
Höhengrenzen angegeben werden, da diese, je nach der Höhe der 
bewohnten Thäler und der localen Elevation oder Depression der 
Vegetationsgrenzen , innerhalb weiter Grenzen auf- und nieder- 
schwankt. Da aber auch die Grenzen zwischen der ersten und 
zweiten, und noch mehr zwischen der zweiten und dritten 
Region unsicher sind, so kann der Werth dieser, auch sonst 
ziemlich zwecklosen Eintheilung kein anderer als ein problemati- 
scher sein. 

Bei der tibergrossen Ausdehnung des dem Feldbau unzugäng- 
lichen Bodens ist die Bevölkerung aller Hochgebirgsländer an Zahl 
relativ gering. Bewohnt sind nur die Haupt- und grösseren Seiten- 
thäler, wo die Ortschaften in schmalen Streifen hintereinander 
liegen. Die Viehzucht ist die vornehmlichste Nahrungsquelle der 
Einwohner. Die Zahl der Verbindungen ist verhältnissmässig noch 
geringer als im Alpengebirge; die Pässe sind schwieriger, nicht 
selten sogar gefährlich und meist auch schon so hoch, dass (in den 
Alpen) der Uebergang von einem Thale zum anderen gewöhnlich 
einen vollen Tag in Anspruch nimmt. 

Die Hochgebirge Europa^s sind folgende: in der pyrenäischen 
Halbinsel: die Sierra Nevada und die centralen Pyrenäen; im Alpen- 
lande: der grösste Theil der West- und Mittelalpen und von den 
Ostalpen: die Oetzthaler, Stubayer und Zillerthaler Alpen, die 
Hohen Tauern, die westlichen und inneren Theile der tirolischen 
Kalkalpen, Theile der südtirolischen Dolomit- und der carnischen 
Alpen; in den Karpathen: die Tatra und die Fogarascher Alpen. 
In Italien : die Gruppe des Gran Sasso d'Italia und das Majella- 
Gebirge; in der türkisch-gi'iechischen Halbinsel : die Komkette 



96 Oroplastischer Theil. 

und der Olymp und in Skandinavien: die JötonQelden und Juste- 
dalsbräen. 

In anderen Welttheilen gehören zu den wichtigsten Hoch- 
gebirgen : der Hiuialaya^ Mustagh (Koräkoram), Küenlün und Kul- 
kun, der Bolortagh, Thian-schan und Asferahdagh, Theile des Altai, 
der Jünling und Nanling, die Alburs-Kette, das kurdische und ar- 
menische Gebirge sowie der Taurus und Libanon theilweise; — 
das habessinische Gebirge, der marokkanische Atlas, das Cameruns- 
gebirge und die Gruppen des Kilima-Nscharo und Kenia; die Cor- 
dilleren in Süd- und Nord-Amerika, die Sierra Nevada de Sta. 
Martha und das Cascadengebirge ; endlich die Alpen in Neu-Seeland. 

66. Eintheilung der Gebirge nach den Verhältnissen von Länge 

und Breite. Sehen wir bei den Gebirgen von ihrer Höhe gänzlich 
ab, und fassen wir nur ihre horizontalen Abmessungen ins Auge, 
so unterscheiden wir Massen- und Kettengebisge. 

Massengebirge werden jene Erhebungen genannt; deren 
Breite verhältnissmässig nur wenig von ihrer Länge übertroffen 
wird, während bei den Kettengebirgen die Ausdehnung nach 
der Länge entschieden vorherrscht. 

Durch diese Definitionen werden die Grundformen festgestellt; 
aber in der Natur gehen beide Typen in einander über, so dass in 
einem gegebenen Falle die Classification nicht immer leicht ist. So 
sind bei dem Vogelsberge in Hessen und beim Fichtelgebirge 
Länge und Breite einander gleich; beim Schwarzwalde hingegen 
wird die Breite von der Länge anderthalbmal, bei dem Gebirge 
der Auvergne etwa zweimal, beim Erzgebirge dreimal und beim 
skandinavischen Gebirge fünfmal übertroffen. Ebenso schwierig wird 
die Unterscheidung dort, wo das Gebirge zwar eine mehr oder 
minder bedeutende Länge gewinnt, die Breite aber im Verhältnisse 
mit anderen Erhebungen ebenfalls ein ungewöhnliches Maass 
erreicht, wie z. B. bei den südamerikanischen Cordilleren, welche, 
über 1000 Meilen lang, selbst an ihrer engsten Stelle in Chile über 
20, in Bolivia über 80 Meilen breit sind. Da aber bei diesem Ge- 
birge die Längendimension um so Vieles vorwiegt, so wird dasselbe 
dennoch als Kettengebirge zu qualificiren sein. Eine zweite Schwie- 
rigkeit erhebt sich ferner bei der Frage, ob ausgedehnte Tafel- 
länder als Massengebirge betrachtet werden sollen. Nach der oben 
gegebenen Erklärung des Gebirges im Allgemeinen, so gut wie 
nach dem gewöhnlichen Sinne dieses Wortes, kann ein Tafelland 
nicht wol als Gebirge angesehen werden; das Gebirge besteht aris 



Von den Detailformen des Bodenreliefs, 97 

Bergen; beim Tafellande aber ist die Vorstellung einer flachen 
ungegliederten Erdmasse vorwiegend. So klingt es beinahe komisch, 
wenn man z. B. das 200000 Quadratmeilen umfassende Hochland 
von Süd-Afrika ein Massengebirge nennt. Dennoch hat sich der 
Gebrauch dahin entschieden, auch die Tafelländer sammt ihren 
umliegenden Terrassen als Massengebirge oder Gebirgsmassen zu 
betrachten. 

Bei den Kettengebirgen oder Gebirgsketten wird daher die 
Länge um ein Vielfaches grösser sein müssen als die Breite, wenn 
auch diese an und für sich eine bedeutende ist und selbst die Länge 
der kleineren Massengebirge weitaus übertrifl^t. Kettengebirge können 
endlich auch den Massengebirgen aufgesetzt sein oder als Rand- 
gebirge derselben auftreten. 

Zu den Massengebirgen zählen in Europa ausser den oben 
bereits genannten: die Cevennen, Vogesen und Ardennen, die Eifel, 
das Sauerland, der Westerwald und Taunus, die Rauhe Alb, der 
fränkische Jura und das iberische System. Schon ihres hohen 
Sockels wegen möchte ich auch die Alpen als Massengebirge be- 
zeichnen. In Asien sind die Systeme des Himalaya, des Bolortagh 
und Hindukoh, sowie auch grosse Theile des Altai, des kurdischen 
Gebirges und des Taurus, in Afrika das habessinische und das 
Mandingo-Hochland u. a. m. als Massengebirge aufzufassen. 

Das bedeutendste Kettengebirge unseres Welttheiles ist der 
Ural; andere Gebirge dieser Art sind: die Waldkarpathen, der 
Böhmerwald, Bayerwald und Thtiringerwald, die Pyrenäen, die 
Idubeda-Kette , die Sierra de Guadarama, die Sierra Nevada, der 
toscanische und römische Apennin u. s. w. Das längste Ketten- 
gebirge sind die südamerikanischen Cordilleren, auf welche die 
Rocky Mountains und das Cascadengebirge (beides Randgebirge 
des grossen nordamerikanischen Tafellandes) und der Thian-schan 
in Asien folgen. 

67. Hanptrichtungslinien des Gebirges. Da es sich bei der 
Beschreibung eines jeden Gebirges auch um die Bestimmung 
seiner Richtung handelt, diese aber, je nach der plastischen oder 
geogn ostischen Organisation desselben verschieden aufgefasst werden 
kann, so hat schon Alexander von Humboldt nachfolgende Hau pt- 
ricbtungslinien unterschieden: 

1. Die longitudinale Axe des Gebirges, d. i. jene ideale 
Linie, welche die allgemeine Richtung der Erhebungsmasse reprä- 
sentirt. Sie hält sich weder an einzelne Kämme noch an einzelne 

S o n k 1 a r, Allg. Orogp^aphie. '\ 



98 Oroplastischer Theil. 

höhere Gipfelpunkte, sondern zeigt die mittlere Richtung an, nach 
welcher die hebenden Kräfte des Erdinnern im Horizonte neben 
einander lagen. So ist z. B. die longitudinale Axe der Mittel- und 
Ostalpen eine gerade Linie, die von Lyon nach Waitzen gezogen 
wird. Diese Linie geht zwar durch den Set. Gotthard und Luk- 
manier, den Piz Linard und die Fender Wildspitze, den Brenner 
und Gross-Venediger, das Wiesbachhorn und den HochgoUing, lässt 
jedoch alle anderen höchsten Gipfel der genannten grossen Alpen- 
Abschnitte nördlich oder südlich neben sich liegen. Dennoch dürfte 
kaum eine andere Linie geführt werden können, welche besser wie 
diese das Gesammtmassiv der Alpen in zwei gleiche Theile zu 
theilen und die Richtung in der Aufeinanderfolge der grossen He- 
bungscentra des Systems anzuzeigen im Stande wäre. Ebenso lässt 
sich die longitudinale Axe der Westalpen vielleicht am richtigsten 
durch die Linie Martigny — Fr^jus ausdrücken. 

2. Die Kammlinie; sie entsteht aus der Verbindung aller 
auf einander folgenden Gipfelpunkte und ist die Linie des Maximums 
der Höhe. Von ihr ist oben in dem Absätze über das ^Gebirge'* 

. bereits die Rede gewesen und es wurde dort die Lage und Be- 
deutung derselben wie mir scheint, noch etwas schärfer definirt. 
Sie ist eine krumme Linie und hat bei grösseren Gebirgssystemen, 
die aus mehreren Gebirgen bestehen, keinen besonderen Werth. 

3. Die Streichungslinie der Schichten ist diejenige 
Linie, welche durch die Punkte im Horizonte bezeichnet wird, nach 
denen die Structurflächen des Gebirges zu laufen scheinen. Die 
Bestimmung dieser Linie ist nicht immer leicht. Bei grossen Central- 
massen mit parallelem Schichtenbau, wo die Straten vertical oder 
hochaufgerichtet und dabei fächerförmig angeordnet sind, wird die 
Streichungslinie am besten durch die seiger stehende Schichte be- 
zeichnet werden; wir haben diese Schichte die geognostische 
Axe der Centralmasse genannt*). Besteht jedoch das Gebirge nur 
aus einem System einseitig gehobener Schichten (Fig. 42 C), so 
wird die Streichungslinie am richtigsten durch jene Schichte be- 
stimmt werden, die dem Kamme des Gebirges folgt. Bei der 
parallelen Lage der Straten möchte es hier scheinen, als ob es 
gleichmütig wäre, nach welcher Schichte diese Bestimmung erfolgt. 
Sind die Schichten thatsäehlich das ganze Gebirge hindurch parallel, 
so ist dies ganz richtig; da aber ein solcher Parallelismus in der 



*) „Die Gebirgflgruppe der Hohen Tanerii" von C. v. Sonklar, pag. 296. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



99 



Wirklichkeit nur selten besteht, so hat wol die Schichte am Kamme 
den meisten Anspruch, die Streichungslinie im Ganzen zu repräsen- 



Fig. 42. 





Querprofile. 




'/'/yA\ 



tiren. In vielen anderen Fällen werden die Structurflächen den 
Kamm schief durchsetzen und dann ist es so ziemlich einerlei, nach 
welcher Schichte die Lage der Streichungslinie ausgemittelt wird. 
4. Die Linie der Wasserscheide ist nur bei griisseren 
Gebirgssystemen von Bedeutung, da sie bei einzelnen Kämmen 
selbstverständlich mit der Kammlinie zusammenfällt, und kleinere 
Systeme von den Wasserscheiden sogar ganz ignorirt werden. Eine 
genaue Kenntniss der Wasserscheiden ist für die Construction der 
Flussgebiete von grosser Wichtigkeit, und hier ist es somit an der 
Zeit, in die Art der Coordination der zu einem Systeme verbun- 
denen Gebirge etwas näher einzugehen. Vielleicht bei keinem der 
bedeutenderen Gebirgssysteme der Erde bildet der innere, die 
Wasserscheide tragende höchste Theil des Gebirges einen zusammen- 
hängenden Kamm, sondern überall ist der centrale Kern in eine 
Zahl getrennter , oft nur lose und seitlich zusammenhängender 
Ketten aufgelöst, die entweder, sich gegenseitig übergreifend, ein- 
ander parallel, oder selbst, mit völlig veränderter Richtung der 
Kammlinie, quer zur Seite liegen. Siehe das untenstehende Diagramm 
Fig. 43 a und Fig. 43 b. Die einzelnen Hauptglieder stehen dann 



m- 



Fig. 43 a. 



n 



/ 



Fig. 43 b. 

u 



{' 



9 



^. 



iir 



t 



E 



u 



r.^^^ 



w 



X 



meistens durch niedrige Querglieder mit ungewöhnlich tiefen Sätteln 
unter sich in Verbindung. So bestehen z. B. die Pyrenäen (so 
weit sich dies aus den Karten erkennen lässt) aus 8, der Böhmer - 
wald aus 6, das Altvatergebirge allein aus 4, die Alpen, Karpathen, 
der Himalaya, das kurdische System, der Taurus, der Kaukasus, 
die Anden, insbesondere die Rocky Mountains u. s. w. aus v^ten 



100 Oroplastjschor Theil. 

solchen einzelnen, längeren oder kürzeren Theilketten. Es ver- 
steht sich von selbst, dass, wenn hier vom inneren, die Wasserscheide 
tragenden Kerne des Gebirges die Rede ist, die überall zahlreichen 
und vieltheiligen äusseren sedimentären Vorlagen nicht gemeint sein 
können. Ich habe diese Verhältnisse des Alpensystems in einem 
vom „Auslande" 1869 Nr. 1, 2, 3 und 4 publicirten Aufsatze: 
„Ueber die plastischen und hypsometrischen Verhältnisse der Ost- 
Alpen" umständlich auseinandergesetzt und dort auch die Einwirkung 
dieser Gliederungsform auf die Wasserscheide zur Sprache gebracht. 
In dem obigen Diagramm, Fig. 43 a, wird demnach die Wasser- 
scheide von m aus dem Kamme A nur bis n folgen, von hier über 
das niedrige Querglied mit dem Sattel o auf den Kamm B über- 
gehen und sich sofort von p nach c[ bewegen. Auf ähnliche Weise 
wird sie in Fig. 43 b von r ausgehend und über den niedrigen 
Sattel 8 setzend, auf den Kamm D übergehen, diesem aber nicht 
weiter folgen, sondern über den Sattel t sogleich auf den Kamm E 
überspringen, auf welchem sie jedoch nur eine kurze Strecke weit 
von u bis v fortzieht, um dann über den Sattel w in den Kamm ¥ 
einzufallen. Die Wasserscheide folgt in dem ersten Beispiele so 
wenig als im zweiten der Linie des Maximums der Höhe, sondern 
sie schmiegt sich gewissermassen den Zufälligkeiten der Gebirgs- 
gliederung an. — Der in Fig. 43 a verzeichnete Fall kommt in 
den Alpen am Maloja-Passe, zwischen dem Tuxer und dem Zillerthaler 
Hauptkamme am Pfitscher- Joche, zwischen diesem und dem Tauem- 
Hauptkamme an der Birnlücke u. a. a. 0. ; — der in Fig. 43 b 
dargestellte Fall aber kommt in den lepontinischen Alpen zwischen 
der St. Gotthardskette und dem Splügen, in den Ostalpen zwischen 
dem Katschberge und dem Obdacher-Sattel mehrmal u. a. a. O. vor. 
Noch auffallender ist das Verhalten der Wasserscheide in den 
oberungarischen Karpathen. Nachdem sie, vom Westen kommend, 
über die Babagora, auf dem grossen Beskid, bis zu den Quellen 
der schwarzen Arva fortgezogen, fällt sie an der Zelesnica plötz- 
lich von diesem Kamme ab, sinkt südlich auf den sumpfigen, nur 
1800 Fuss hohen, eine breite Hochebene darstellenden Sattel bei 
Pekelnik (westlich von Neumarkt) herab, um bald darauf am Volovetz 
den Kamm der hohen Tatra zu erreichen. Doch nicht genug! 
Nachdem sie diesem Kamme bis zur Wissoka-hora an der Quelle 
des Poprad gefolgt, stürzt sie, ohne noch die Lomnitzer- und Eisthaler- 
spitze, die beiden höchsten Gipfelpunkte desselben Kammes, erreicht 
zu Jiaben, mit einem Male um nicht weniger als 5330 Fuss auf die 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 101 

Hügel von Vasecz herab, über welche die Strasse von der Liptau nach 
Kesmark führt. Die Wissoka-hora ist 7780, die Anhöhe bei Vasecz 
nur 2450 W. F. hoch. Von hier drückt sie sich zwischen der 
Popper und dem Hernad hindurch, ist südlich von Deutschendorf 
im Angesichte der Tatra mit freiem Auge kaum zu erkennen, fällt 
dann in das Leutschauer Gebirge ein und gewinnt mit dessen Hilfe 
den Kamm der Waldkarpathen. — Noch launenhafter aber erscheint 
das Verhalten der Wasserscheide auf plateau-artigen Massen, wo sie 
sich, wie z. B. auf dem böhmisch-mährischen Gebirge oder auf den 
centralen Hochebenen Spaniens, in den sonderbarsten Windungen 
gefällt, oder auf dem Tafellaode Nordamerikas, wo mehrmal zwei 
nach entgegengesetzten Seiten gewendete Flüsse in Portagen-Nähe 
an einander gerathen. um bald darauf mächtige Bergketten zu 
durchbrechen. 

Dies lässt deutlich erkennen: 1. von welch geringem Belange 
die Wasserscheiden für das orographische Netz des Welttheils oder 
selbst der betreffenden Gebirge sind, und 2. dass die FJussläufe 
nicht das Product der Wasserspülung allein sein können, da manche 
Flüsse es nicht nöthig hatten, hohe Gebirgskämme zu durchbrechen, 
wenn ihnen nach einer anderen Richtung ein unendlich leichter zu 
eröfihender Abfluss zu Gebote stand. Das Gesagte zeigt nicht 
minder, wie unrichtig jene ältere Auffassung der Gebirge war, nach 
welcher man dieselben mit alleiniger Hilfe der Wasserscheiden 
construiren zu können vermeinte. 

5. Die Grenzlinie derGebirgsfo rmati onen, geognostische 
Linien, die dort, wo das Gebirge aus einer einzigen Form ation besteht, 
wegfallen, sonst aber, besonders bei stark gestörten Gebirgen, ein 
krauses Gewebe bilden. Diese Linien in ihrer Gesammtheit belehren 
uns über die inneren Verhältnisse des Gebirgsbaues und berechtigen 
uns zu dem Schlüsse, ob diese und jene Berge oder Kämme, einen 
gewissen plastischen Zusammenhang vorausgesetzt, zu einem Gebirge 
vereinigt werden dürfen. 

„Alle diese Erhebungselemente können unter sich zusammen- 
fallen, oder doch correspondirende Verhältnisse zeigen; sie können 
vielfach auch auseinander gehen, sich sogar mannigfach durch- 
kreuzen"*). 

68. Earstgebirge. Unter dem Worte Karstgebirge**) ver- 



*) „Europa", von C. Ritter. Berlin 1863, pag. 117. 
**) Siehe „Geologische Landschaftsbilder des istrischen Küstenlandes", von 
Dr. Gaido Stäche. «Oesterr. Revue" 1864, II, 192. 



102 Oroplastischer Theil. 

steht man nicht sowol einen geographisch definirbaren Gebirgs- 
abschnitt, als vielmehr eine gewisse Ausbildungsform der Oberfläche 
eines Gebirges, welche an drei Bedingungen geknüpft zu sein scheint, 
u. z. 1. an eine plateau-artige Gestaltung des Gebirges im Grossen, 
2. an eine gewisse absolute Höhe, die nicht unter circa 1000 Fuss 
herabsinken darf, und 3. an das Vorherrschen jüngerer Kalk- 
formationen: Kreide- und Nummulitenkalk. 

Das Karstland zeichnet sich zuvörderst durch Unfruchtbarkeit 
aus; es stellt im Ganzen eine öde, weissgraue, grobfelsige Wüste 
dar, auf der das ermüdete Auge vergeblich nach einem erfrischenden 
Punkte späht. Aber die mit dichtem, kräftigem Wald bestandenen 
höheren Theile des Karstbodens zeigen unwiderleglich, dass seine 
Unfruchtbarkeit keine ursprüngliche und nothwendige Eigenschaft 
desselben ist. Der Unverstand der Menschen hat seine einst um- 
fassenden Waldgebiete zerstört und nun fegt die Bora über den 
Karst hinweg, beraubt ihn seiner lockeren Erdkrume und hindert 
das Aufkommen jeder neuen Waldanlage. 

Der Karst im weiteren Sinne bildet ein in grossen Stufen an- 
geordnetes Terrassenland, das von ausserordentlich vielgestaltigen, 
zerrissenen, klippigen und schrattigen, oft äusserst wilden Bergreihen 
und Kalkstöcken, sowie von allerlei Kesselthälern und Löchern 
durchzogen ist, wobei gewöhnlich Höhenzüge aus eocenem Sand- 
stein ohne Karstbildung die Uebergänge von einer Stufe zur anderen 
vermitteln. Das Ganze ist eine horizontal ausserordentlich aus- 
gedehnte, im Kleinen ausgeführte und oft mit grösster Schärfe 
ausgeprägte stockförmige Gliederung, mit runden und langen, hie 
und da zu kleinen Thalebenen erweiterten Kesselthälern dazwischen, 
nach allen Richtungen von einem oft unbeschreiblich verworrenen 
Netze von Spalten, Klüften und Schlünden durchsetzt und zerrissen 
und die Stöcke selbst meist aus horizontal geschichteten, steil- 
randigen, stachligen, trümmerbedeckten, kleinen und grossen Kalk- 
massen bestehend. Die Kesselthäler sind nicht selten von 1200 bis 
1500 Fuss hohen Kalkwänden eingefasst und von Bächen oder 
kleinen Flüssen bewässert, die aus einer Höhle austreten und nach 
kurzem Laufe wieder in eine Höhle verschwinden. Fehlt eine solche 
AbflussöfFnung, dann sind diese Thäler versumpft. Sie werden von den 
Slaven D ollinen und bei grösserer Ausdehnung Poljen genannt. 

An anderen Orten werden die Formen ruhiger; schmale, bank- 
artige, vorherrschend von NW in SO streichende Riffe bedecken 
das Land und schliessen schmale, trümmererfüllte, kahle und un- 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 103 

wirthliche Thal er ein; zuweilen endlich, besonders dort, wo die 
Hochflächen ebener sind, ist der Boden oft von einer Unzahl dicht 
an einander gereihter, meist regelmässiger, kreisrunder Löcher 
durchwühlt, die von allen Grössen bis zu einem Durchmesser von 
50 Klafter, zum Theil mit Alluvium ausgefüllt sind und einigen Feldbau 
gestatten, zum Theil aber in unbekannte Tiefen fortsetzen und hier 
mit Höhlen oder unterirdischen Wasserläufen in Verbindung stehen. 

Charakteristisch für das Karstland ist endlich sein ausser- 
ordentlicher Reich thum an Höhlen und Kalkschloteu. In Krain 
zählt man z. B. nicht weniger als 60 grössere Höhlen, unter denen 
die berühmte Adelsberger Grotte vielleicht diu schönste und grösste 
aller bisher entdeckten Tropfsteinhöhlen ist. 

Das Karstland erstreckt sich von Adelsberg in Krain angefangen 
bis zum Cap Matapan 180 Meilen weit, und hat in der Herzego vina, 
in Montenegro, bei Cattaro und in einigen Theilen Albaniens seine 
wildeste und abschreckendste Gestalt. In das akrokeraunische 
Gebirge bei Chimara verlegten die alten Griechen aus diesem 
Grunde den Eingang in den Hades und nannten es deshalb auch 
das Gebirge der bitteren Thränen. 

69. Vulkane. Vulkane oder feu er sp e i en d e Berge sind 
jene Berge, bei denen aus Oeffnungen am Gipfel oder an den 
Gehängen die Producte der inneren Feuerthätigkeit der Erde, und 
mit diesen auch Theile des Erdfesten, gewaltsam an den Tag her- 
aufgetrieben werden. Diese Producte bestehen aus Wasserdampf, 
verschiedenen anderen Dämpfen und Gasen, Rauch, Asche, Sand, 
Lapilli, Schlamm und Lava. Die Thätigkeit des Vulkans ist dabei 
entweder eine beständige oder periodische. 

Die am häufigsten vorkommende Form der Vulkane ist die 
eines einfachen, oft ganz regelmässigen Kegels, mit sehr veränderlicher 
Neigung seiner Mantelfläche gegen den Horizont. So haben z. B. 
die beiden grossen Vulkane der Sandwich-Inseln Mauna Kea und 
Mauna Loa eine Neigung von nur 7, der Jorullo in Mexico dagegen 
von 27^/2 Grad. Der grösste bisher beobachtete Neigungswinkel 
beträgt 40, der mittlere ist mit 22 V2 Grad ermittelt worden *). Die 
schönsten und regelmässigsten Kegelgestalten zeigen der Cotopaxi 
in Peru und der Pic von Orizaba oder Citlaltepetl auf dem Plateau 
von Anahuac; beide Vulkane imponiren überdies durch ihre grosse 
Höhe, in Folge welcher ihre Gipfel, die Zeiten der Eruption abge- 
rechnet, beständig mit Schnee bedeckt sind. 

*) Dana: „Manual of Geology", pag. 16. 



104 Oroplas tisch er Theil. 

Es gibt indess auch kammförmig gestaltete Vulkane, wie z. B. 
der Pichincha in Peru. Bei vielen anderen Vulkanen sind die 
Formen mannigfach combinirt: so kommen z. B. Vulkane mit zwei 
nahe neben einander stehenden, an Höhe und Bedeutung äquiva- 
lenten Kegeln vor *) ; auf den Sunda-Inseln bilden viele Vulkane 
nur die höchsten Spitzen grosser Ringgebirge, und in anderen Fällen 
bestehen sie aus zwei oder mehreren, auf breiten, vulkanischen 
oder nicht vulkanischen Gebirgsmassiven aufgesetzten Aufschüttungs- 
kegeln. Jenen Kegel, aus welchem die Eruption des Vulkans statt- 
findet, nennt man den Eruptionskegel. In der Mehrzahl der 
Fälle ist der Vulkan ein einfacher Eruptionskegel, in anderen ist 
er jedoch von einem mehr oder minder breiten Ring walle um- 
geben der, bald höher, bald niedriger als jener, sich hie und da 
ganz und unzerbrochen erhalten hat, häufig aber durch Einsturz 
oder Verschüttung von Seiten des Eruptionskegels, nur mehr theil- 
weise besteht. Man hält ihn jetzt für einen älteren Aufschüttungs- 
kegel , was er seiner Structur nach auch meistens ist, doch haben 
die Beobachtungen unzweifelhaft nachgewiesen, dass einzelne dieser 
Ringwälle die, durch die Eruption, und zwar durch Druck, 
Temperaturerhöhung, metamorphische Processe oder Injection ge- 
hobenen Massen des alten, theils vulkanischen, theils nicht vulkani- 
schen Bodens sind. Hierüber soll später im orogenetischen Theile 
dieser Abhandlung etwas eingänglicher gesprochen werden. 

Die vorgenannten Ringwäile sind von Leopold von Buch mit 
dem Namen Erhebungskegel belegt worden. Die Somma am 
Vesuv ist der Rest eines solchen Erhebungskegels. 

Der wichtigste Bestandtheil eines jeden Vulkans ist der 
Krater, d. i. die obere trichterförmige Oefinung des Eruptions- 
kegels, in welchen jener Canal ausmündet, der hinab in das Innere 
der Erde führt. Die Breite der Krater ist sehr ungleich und liegt 
zwischen 600 F. und drei Viertheilen einer Meile; von ihr hängt 
die gewöhnliche grössere oder geringere Abstumpfung des Eruptions- 
kegels ab. Auch die Höhe der Vulkane ist sehr verschieden, ohne 
dass von ihr im mindesten die Heftigkeit der vulkanischen Aus- 
brüche beeinflusst wäre; so hat z. B. der schreckliche Vulkan 
Cosiguina in Guatemala eine Höhe von nur 470, der eben so 
schreckliche Vulkan Tambora auf Sumbawa von 9017 und der 
Cotopaxi in Peru, der furchtbarste Vulkan der Erde, von 17712 F. 

*) Vulkane Ge(U, Taukuban Prau und Semiru auf Java. „Der indische 
Archipel- von ZoUinofer. Peterm. G. M. 1858, pag. 60. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



105 



70. Verzeichniss der wichtigsten Vulkane. Nachstehendes Ver- 
zeich niss gibt die aboluten Höhen einiger der wichtigsten 
oder interessantesten Vulkane der Erde: 



Aconcagua Amerika . . . 
Gualatieri „ . . . 


Höhe in 
P. F. 

. 21514 
. . 20970 


Antisana „ . . 


. 17966 


Catopaxi ^ 
Mount Hood „ . . 


. 17712 
. 17220 


Tolima „ . . . 


. 17190 


Popocatepetl „ . . . 
Pic von Orizaba „ . . 


. 16626 
. . 16300 


Sangay „ . . 
Kliutschewskaja Sopka, Asien 
Pichincha, Amerika .... 


. . 16080 

. 16040 

. . 16000 


V. von Villarica, Amerika . 


. . 16000 


Demawend, Asien 


. . 13790 


Purac6, Amerika 


. . 13660 


Bindjani, Asien 

Mauua Kea, Australien . . • 


. . 13378 
. . 12804 


Mauna Loa, „ .... 


. . 12613 


V. von Pasto, Amerika . . . , 


. 12610 



Semiru, Java ..... 
V. de Agua, Amerika . . . 
Erebus, autarkt. Polarland 
Guuong Api, Sumatra 
Indrapura „ 

Pico de Teyde, Afrika 
Koriazkaja Sopka, Asien 

Aetna, Europa 

Ged^, Asien 

Egmont, Australien 
V. von Bourbon, Afrika 
Tambora, Asien .... 
Oeräfa, JÖkul, Europa . 
Hekla, Europa .... 
Jorullo, Amerika .... 
Stromboli, Europa . . . 
Cosiguina, Amerika . . 



Höhe in 
P. F. 

. 11910 

11968 

. 11700 

. 11600 

. 11600 

. 11394 

. 11090 

. 10260 

. 9326 

. 8333 

. 7060 

. 9017 

. 6660 

. 4795 

. 4000 

. 2776 

470 



71. Eintheilung der Vulkane. Das Vorkommen der Vulkane 
ist an keine geographische Breite gebunden; es gibt Vul- 
kane zwischen den Tropen, in Island und (wie der Erebus) im 
antarktischen Polarlande. Was jedoch die relative Stellung der- 
selben gegen einander betrifft, so unterscheidet man 1. Central- 
vulkane, welche entweder einzeln oder in scheinbar unregel- 
mässigen Gruppen versammelt stehen, wie z. B. in Island, auf den 
canarischen Inseln u. a. 2. ßeihenvulkane, wenn sie in Reihen 
geordnet sind. Die meisten Vulkane der Erde, gehören, dieser 
Classe an. Ueber die geographische Vertheilung der Vulkane kann 
ferner noch gesagt werden, dass sie meistens in der Nähe der 
Küsten oder anderer grosser Wasserbecken der Erde anzu- 
treffen sind. 

Die wichtigsten Vulkanreihen sind: 1. die ostasiatische 
Reihe, von Kamtschatka durch die Kurilen, Japan, Formosa, die 
Philippinen und Molukken bis zum Westende der Insel Neu-Guinea, 
mit 74 — 76 Vulkanen; 2. die Sundareihe, von der Küste Arracan 
in Hinterindien über die Andamanen, grossen und kleinen Sunda- 
Inseln bis Neu-Guinea, wo sie sich mit der vorigen Reihe vereinigt, 
mit etwa 125 Vulkanen; 3. die australische VulkaiLr^vV^^ \^ 



106 Oroplastischer Theil. 

die Fortsetzung der beiden vorigen von Neu-Guinea über Neu- 
Britannien, Sta. Cruz, die neuen Hebriden und Neu-Seeland bis zum 
antarktischen Polarlande (Victoria-Land) mit 10 — 12 Vulkanen; 
4. die südamerikanische Vulkanreihe, vom Feuerlande bis 
Neu-Granada, durch zwei Intervalle in die chilenische, bolivianische 
und peruanische Reihe getheilt, mit 63 Vulkanen; ö. die mittel- 
amerikanische Vulkan reihe; sie beginnt mit der Cordillere 
von Veragua und reicht bis zur Landenge von Tehuantepec mit 36 
bis 40 Vulkanen; 6. die Reihe der Antillen, mit 7 — 8 und 
7. die, in ihrer Verlängerung quer über das Plateau von Anahuac 
laufende, mexicanische Reihe mit 7 Vulkanen, endlich 8. die 
nordamerikanische Reihe längs der Küste des grossen 
Oceans von Califomien bis zum Westende der Aleuten mit 
36 Vulkanen. 

Wenn schon die Zahl der noch in der Jetztzeit thätigen 
Vulkane eine ansehnliche ist, so ist die Zahl der erloschenen 
Vulkane eine noch viel grössere. Ein Vulkan wird zu den thätigen 
gerechnet, wenn er innerhalb der historischen Zeit in Eruption 
gewesen und Anzeichen vorhanden sind, dass die Feuerthätigkeit in 
seinem Innern noch nicht gänzlich erstorben ist. — Die erloschenen 
Vulkane haben in vielen Fällen ihre "klonische Gestalt bewahrt und 
geben dann den Gegenden, wo sie in grösserer Menge vorkommen, 
ein eigenthümliches, spitzhügeliges Aussehen, deren charakteristisches, 
plastisches Merkmal in der Isolirtheit aller einzelnen Kegelgestalten, 
wie etwa bei mehreren nahe neben einander liegenden Maulwurfs- 
hügeln, besteht. Solche alte Vulkankegel werden in Süd-Frankreich 
Puy's genannt. Sie kommen in der Auvergne, im V^lais, in der 
Eifel, Rhön, im nördlichen Böhmen und Ungarn, in Siebenbürgen 
u. a. a. O. vor. 

Die Vulkane sind nicht nur für die Gegenden, wo sie vor- 
kommen, als Elemente einer specifischen Bodenplastik und als 
Ursachen mannigfaltiger Veränderungen der Erdoberfläche durch 
Lava-Ergüsse, Aschenfall u. dgl , so wie vielfacher Zerstörungen durch 
dieselben Mittel — sondern auch durch ihren Zusammenhang mit 
den Erdbeben wichtig, die, als eine andere Aeusserungsform der 
vulkanischen Thätigkeit der Erde, in furchtbaren Erschütterungen 
Millionen Menschen sammt ihren Werken mit plötzlichem Unter- 
gang getrofi'en, unsägliches Elend angerichtet und eindringlicher als 
jede andere natürliche Erscheinung den Unbestand aller irdischen 
Dinge dargethan haben. 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 



107 



72. Sclmeegrenze, Sclmeeberge. In Folge der allraäligen Ab- 
nahme der Wärme bei wachsender absoluter Höhe, wird es tiberall, 
wo Berge von entsprechender Erhebung vorkommen, eine Höhe 
geben müssen, wo der im Winter gefallene Schnee von der Wärme 
des darauffolgenden Sommers so wie von der Verdunstung nicht 
mehr völlig aufgezehrt werden kann. Die Linie, von welcher an 
aufwärts dieser Fall eintritt, und oberhalb welcher demnach der 
Boden jahraus, jahrein ganz oder theilweise mit Schnee bedeckt sein 
wird, nennt man die untere Grenze des ewigen Schnees oder 
schlechtweg die Schneegrenze; Berge aber, die über diese 
Linie emporragen, heissen, wenn sie mit Schnee überkleidet sind, 
Schneeberge. Es ist begreiflich, dass unter Umständen, deren 
Verschiedenheit theils in der Beschaffenheit des Bodens mit Rück- 
sicht auf seine Exposition gegen Sonne und herrschende Winde, 
auf seine Gestaltung und Wärmeleitungsfähigkeit, theils in der 
veränderlichen meteorologischen Natur verschiedener geographischer 
Breiten, einzelner Jahre und Jahresreihen, die Höhe der Schnee- 
grenze nicht nur in verschiedenen Gegenden der Erde überhaupt, 
sondern auch an demselben Orte in verschiedenen Jahren und 
längeren Perioden veränderlich sein werde. Es ist hier nicht der 
Ort, in die physikalischen Ursachen dieser Variationen näher ein- 
zugehen. 

Ich lasse hier eine kleine Tabelle mit den beobachteten 
Höhen der Schneegrenze in verschiedenen Gegenden der Erde 
folgen: 

Höhe in 
P. F. 

Kuropa. 

Mageröe , Nordcap 2200 

Norwegen in 70^ Breite 3300 

«670 „ 3900 

Island, am Oesterjökul ... 2890 

Norwegen in 60— 620 Br 4800 

Alpen: Westalpen 8200 

Mittelalpen 8460 

Ostalpen, Tirol 8800 

Ostalpen, Kärnthen . . . 9000 

Pyrenäen 8800 

Aetna 8900 

Sierra Nevada, Spanien .... 10500 



Asien. 

Kamtschatka 4930 

Kaukasus 10260 



Asien. 




Höhe in 
P. F. 


Bolortagh 

Altai 


• • 


15960 
. 6590 


Himalaja Nordhang 

Südhang . . . 


• • « 
• 


. 16600 
. 12200 


Afrika. 






Habessinicn 


• • • 


. 13200 


Amerika. 






Rocky Mountains in 43^ Br. . 


. 11700 


Mexico in 19^ ßr. . 


• • « 


. 13900 


Vulkan Tolima 6« N. Br. 


* • 4 


. . 14380 


Quito, 00 Breite . . . 


• • 


. 15000 


Chile, östl. Cordillere 14- 


-180 . 


. 16320 


westl. „ „ 




. 16500 


Magalhaes-Strasse . . 


• % 


. , ?»4&<^ 



108 Oroplastischer Theil. 

Es ist in letzter Zeit von einer Seite die Behauptung aufgestellt 
worden, es existire keine Schneegrenze und diese sei demnach nur 
eine Illusion. Diese Ansicht ist aus dem Umstände abgeleitet worden, 
dass die Schneelinie wegen ihrer Unklarheit in der Natur und ihrer 
vielen auf- und niedersteigenden Sinuositäten , an Ort und Stelle 
schwer oder gar nicht zu erfassen sei , und dass es oft hohe Berge 
gebe, welche im Sommer frei vom Schnee angetroffen werden. Ich 
glaube, diese Ansicht beruht auf einer nicht ganz klaren Vorstellung 
über den physikalischen Begriff der Schneegrenze. Denn dass diese 
Grenze thatsächlich existirt, zeigt im Sommer der erste Blick auf 
einen die Schneegrenze in grösserer Ausdehnung überragenden Hoch- 
gebirgskamm, wenn man ihn aus einiger Entfernung (etwa 2 — 3 
Meilen) betrachtet. Die Schneegrenze schneidet da allemal mit einer 
schnurgeraden, vollkommen horizontalen Linie ab, die an Deut- 
lichkeit und scharfer Abgrenzung nach unten nichts zu wünschen 
übrig lässt. Dasselbe offenbart sich auch bei jedem bedeutenderen 
Schneefall im Sommer , wenn die Schneegrenze , auf die Dauer von 
2 — 3 Tagen, oft um einige Tausend Fuss tiefer herabrückt. Nur 
aus einer solchen Ferne wird daher in einem gegebenen Falle die 
Höhe der Schneegrenze leicht und verlässlich ermittelt werden 
können. Dass dies an Ort und Stelle nicht gut möglich ist, thut 
wol nichts zur Sache, noch weniger aber, dass es oberhalb der 
Schneegrenze Felswände, steile Hänge und hohe Gipfel gibt, die 
nicht mit Schnee bedeckt sind , weil er sich da nicht erhalten kann. 
Denn die Schneegrenze hängt nicht so wol von den Stellen, welche 
schneefrei sind, als vielmehr von jenen Stellen ab, auf welchen in 
grösserer Ausdehnung perpetuirl icher Schnee angetroffen wird. 

73. Gletscher und ihre Bildungen. Aus der allmäligen Vereisung 
des oberhalb der Schneegrenze angesammelten Schnees und durch 
Ausdehnung des dadurch gebildeten Eises entstehen jene unter die 
Schneegrenze herabwachsenden, die Hochmulden und Hochthäler 
in eigenthümlichen Gestalten erfüllenden Decken und Ströme von 
Eis, die im Sommer von Schnee unbedeckt sind und den Namen 
Gletscher führen. 

Es wäre hier nicht am Platze, in die physikalischen Seiten des 
Gletscherphänomens einzugehen, doch darf wol so viel erwähnt 
werden, dass die Gletscher das Mittel sind, dessen sich die Natur 
bedient, um die in den höheren Regionen des Gebirges angesam- 
melten Schneemassen allmälig in die Tiefe und der Zerstörung 
durch die Wärme zuzuführen. Auch bilden Schnee und Gletscher 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 109 

besondere Formen der Gebirgs-Oberfläche und diese Formen sind 
es, deren Besprechung in den Rahmen der vorliegenden Abhand- 
lung gehört. 

Jene ausgebreitete Schneedecke, die gleich einem Mantel in 
weichen Falten auf dem Gebirge liegt, hie und da wol auch von 
kahlen Felswänden durchbrochen ist und dem Eisstrome unterhalb 
die Entstehung giebt, wird das Firnfeld, der Bisitrora selbst aber 
der eigentliche Gletscher oder die Eiszunge genannt. 

Der eigentliche Gletscher stellt sich in der Regel als eine in 
der Mitte etwas gewölbte, je nach der Querdimension des Thaies 
verschieden breite und gewöhnlich mit steilem Abfall endigende 
Eismasse dar. Von dem Firnfelde weg sich verschmälernd und in 
das Hochthal langsam abfallend, übergeht der Eiskörper allmälig 
in den eigentlichen Gletscher , rückt immer tiefer in das Thal herab, 
folgt allen Windungen desselben, zwängt sich alle seine- Engen hin- 
durch, reicht von einer Thalwand zur anderen und hat hier, bei 
einer Mächtigkeit von mehreren Hundert Fuss oft kaum die Breite 
von 100—200 Klafter. 

Kleinere Gletscher, die nur auf dem Kammgehänge liegen, 
ohne das Hauptthal unterhalb zu erreichen, werden Gletscher 
des 2. Ranges, grosse Eisströme hingegen, welche auf obige Art 
die Sohle des Hauptthaies bedecken und, ihres geringen Gefälles 
wegen, erstarrten Flüssen gleichen — Gletscher des 1. Ranges 
genannt. 

Daraus geht hervor, das die Länge der Gletscher eine 
sehr verschiedene ist. Diese Länge hängt von der Grösse des Firn- 
feldes ab, aus welchem der Eisstrom hervorwächst und von dem 
er unterhalten wird; bei kleinen Firnmulden ist sie gering; bei 
grossen Fimfeldern hingegen, deren Area oft eine oder mehrere 
Quadratmeilen misst, wird der Gletscher nicht selten mehrere Meilen 
lang. Die längsten Gletscher hat wol die Mustagh-Kette in den 
Umgebungen des Dapsang, des zweithöchsten Gipfelpunktes der 
Erde, nördlich vom oberen Indus; hier hat 

der Biafo-Ganse*) eine Länge von 8'/2 
„ Biaho- ^ „ „ „77, 

7j Panmah-„ „ „ „ 6V2 

rj Chogo- „ „ „ „ 5V2 



geogr. Meilen**). 



*) Gänse = Gletscher. 
**) Siehe: „On the Glaciers of the Mustagb-Range" von Capit. Godwin- 
Austen im 34. Bande des „Journals of the R. Geogr. Society of London", pag. 19. 



110 Oroplastischer Theil. 

Oberlieutenant Julius Payer spricht von einem 4 Meilen langen 
Gletscher im Franz Josephs-Fjord auf der Ostküste Grönlands, dem 
er meinen Namen beizulegen die Artigkeit hatte *). Wer weiss 
es übrigens, wie lang noch andere Gletscher dieses eisigen Landes, 
z. B. der an seinem Ende 15 Meilen breite Humboldt-Gletscher im 
Smithsunde , sind. — Der längste Gletscher Europas ist der 
3Y4 Meilen lange Gross-Aletsch-Gletscher in der Schweiz und der 
längste in Oesterreich der l^/^ Meilen lange Gepaatsch-Gletscher 
in Tirol. 

Der Winkel, unter welchem die Gletscher gegen den Horizont 
geneigt sind, ist für die Firnfelder der der oberen Theile des Kamm- 
gehänges, für die Eiszungen ist er selbstverständlich bei den 
Gletschern des 1. Ranges weit kleiner als bei denen des 2. Ranges. 
In den Alpen liegt er bei jenen zwischen 8 — 12, im Mustagh un- 
gefähr auf 4 Grad. Bei den Gletschern des 2. Ranges erhebt er 
sich zuweilen bis auf 20 Grad. 

Wo das Gefäll des Firnfeldes und des eigentlichen Gletschers 
grösser wird, da ist der Eiskörper regelmässig von tiefen, quer- 
laufenden Spalten durchrissen, die ihn unbeschreitbar machen. 
Bei noch steileren Stürzen des Eiskörpers ist derselbe oft in ein 
Labyrinth von Wänden, Zacken und Thürmen aufgelöst, die man 
Eisnadeln nennt und die wegen ihrer Pracht und Grossartigkeit, 
einen mit Recht vielbewunderten Bestandtheil des Gletscherphäno- 
mens bilden. 

Eine besondere Eigenthümlichkeit der Gletscher sind die 
Moränen, worunter man theils lineare, theils wallartige Anhäufungen 
von Felsstücken und kleinerem Schutt versteht, welche von den 
Berghängen auf den Gletscher herabfallen, durch die continuirliche 
Bewegung des Eises zu Thal verschieden angeordnet und hiernach 
auch benannt werden. So nennt man Randmoränen jene Schutt- 
linien, die auf den Rändern des Gletschers liegen, Mittelmoränen 
ähnliche Schuttlinien, welche parallel mit den Ufern des Gletschers 
auf der Oberfläche des letzteren hinziehen und End- oder Frontal- 
moränen, mehr oder minder breite Schuttwälle, die dadurch ent- 
stehen, dass die Bestandtheile der Rand- und Mittelmoränen das 
Ende des Gletschers erreichen, über dasselbe herabfallen und sich 
hier bogenförmig aufhäufen. In Hochgebirgsthälern finden sich, 
nicht selten stundenweit unterhalb der heutigen Gletscher, bogen- 

*) Jahrbuch des Oesterr. Alpenvereines in Wien, Band 7, pag. 99: ri^ta 
Innere Grönlands". 



Von den Detailformen des Bodenreliefs. 111 

förmige, oft 50 — 100 F. hohe Schuttwälle dieser Art, mit den con- 
vexen Seiten abwärts gekehrt und aus einer Zeit herstammend, in 
der die Gletscher eine um vieles grössere Ausdehnung hatten, als 
in der Gegenwart. 

Die Seehöhe, bis zu welcher die Enden der Eiszungen herab- 
steigen, ist vom Klima, von der Menge des alljährlich fallenden 
atmosphärischen Niederschlages und von der Grösse der Gletscher 
abhängig. Bei sonst gleichem Klima werden die Gletscher dort 
tiefer in die Thäler vordringen, wo mehr Schnee fällt, und sind 
alle anderen Umstände dieselben, so werden grosse Gletscher 
grössere Tiefen erreichen als kleine. In den Polargegenden schieben 
sich die Gletscher in der Nähe der Küsten gewöhnlich bis zum 
Meere herab, in das, auf seichtem Strande, ihre lasurblauen, oft 
Hunderte von Fuss hohen Wände nicht selten meilenweit vor- 
dringen. Dasselbe ist stellenweise in Norwegen der Fall, nur dass 
hier die Eiszungen, wegen der Tiefe des Meeres in den Fjorden, 
an der Küste abbrechen. Grosse Tiefen erreichen die Gletscher in 
Neuseeland, wo der Tasman Gletscher (in der geographischen 
Breite von Rom) bis auf 2600 P. F. niedergeht *). In den Alpen 
beträgt die Ausgangshöhe für die Gletscher des 1. Ranges 4000 bis 
()000 F., für die des 2. Ranges 6000—7000 F., im Mustagh für jene 
10000—12000, für diese 13000—15000 F. 

Das Gletschei'phänomen ist auf der Oberfläche der Erde in nicht 
geringem Maasse verbreitet. Grönland mit einer Area von vielleicht 
20000 Q.-Meilen ist eine einzige, ununterbrochene Schnee- und 
Eiswüste; ähnliches ist bei Spitzbergen, bei den arktischen Inseln 
Nord-Amerikas und im antarktischen Polarlande der Fall. Grosse 
Eisdecken zeigen ferner Island, das skandinavische Gebirge, Feuer- 
land und die südamerikanischen Inseln jenseits des 50. Parallels. 
In grossem Umfange sind ferner der Mustagh, Küenlün, Himalaya, 
Thianschan, Jünling, die Gebirge in Kamtschatka, die Alpen und 
die Gebirge der Süd-Insel Neu-Seelands — in geringerem Umfange 
die Pyrenäen, der Kaukasus, das Cascadengebirge in Nord- Amerika 
u. a. m. vergletschert. 

74. Zwei, wiewol nur selten vorkommende, durch ihre Absonder- 
lichkeit jedoch sehr auffallende Bodenforraen sind die sogenannten 
Steinwälder und Erdpyramiden. 

*) „Notes on the Mountains and Glacier's of the Canterbury Province, New- 
Zealand" by Dr. Jul. Haast im 34. Bande des „Journals of the R. Geogr. Soc. of 
London", pag. 87. 



112 Oroplastischer Theil. 

Steinwälder. Unter den Steinwäldern versteht man die 
aus ebenen oder welligem Grunde aufragenden, mehr oder minder 
dicht beisammen stehenden, zuweilen Hunderte von Fuss hohen 
und oft ein phantastisches Gewirre bildenden, isolirten Felsformen, 
Reste von Kalk- oder Sandsteinmassen, die durch Erosion und Ver- 
witterung an vielen Orten durchnagt und in einzelnstehende Brocken 
aufgelöst wurden. Ein merkwürdiges und vielbesprochenes Beispiel 
dieser Art sind die Adersbacher Felsen im nordöstlichen Böhmen, 
die eine Fläche von zwei Stunden Länge und einer Stunde Breite 
bedecken, aus mehreren Tausend einzelnen Sandsteingebilden be- 
stehen und die mannigfaltigsten, bizarrsten Gestalten (Pyramiden, 
Kegel, umgekehrte Zuckerhüte, Säulen, Prismen, Cylinder u. dgl.) 
besitzen. Noch grossartiger sind in der Nähe der vorigen die 
Weckelsdorfer und Dittersbacher Felsen, welche von der Erosion 
ebenfalls aus einem Sandsteinflötz ausgearbeitet wurden. Im Altai 
bei Kolywan kommen ähnliche Granitfelsen und im Karstlande hie 
und da Steinwälder aus Kalkstein vor. 

75. Erdpyramiden. Unter den Erdpyramiden endlich werden 
jene säulenartigen Reste von weggewaschenen Thonlagern ver- 
standen, die ihre Existenz dem Regenwasser verdanken. Sie stehen 
ebenfalls meist in grösserer Zahl nebeneinander und es ist jede 
Pyramide mit einer Schiefertafel oder einem Felsblocke bedeckt, 
der das darunter befindliche Erdreich vor der Erosion geschützt 
und auf der ursprünglichen Höhe erhalten hat. Die Erdpyramiden 
auf dem Ritten bei Bozen, deren es auf einem kleinen Räume 
etwa 60 bis 70 gibt, stehen am Fusse einer 100 Fuss hohen Wand, 
mit der eine sandige Thonmasse gegen das Thal abfällt, haben 
unregelmässig conische Gestalten, von denen mehrere, wo der 
schützende Stein herabgefallen, in eine scharfe Spitze auslaufen. — 
Bei Porullena, nördlich der Sierra Nevada in Spanien, hat die von 
mehreren Seiten in ein diluviales Plateau eingreifende Erosion 
fliessenden Wassers ähnliche breitconische Formen zu Stande 
gebracht*). 



*) Siehe Klöden: „Handbuch der physischen Geographie", pag. 392, mit 
einer schönen Zeichnung illustrirt. 



Von den hohlen Formen des Bodens. 113 



D. Von den hohlen Formen des Bodens. 

76. Wir theilen die hohlen Formen des Landes zunächst in 
die Landbecken und in die Thäler ein. 

I. Die Landbecken. 

77. In diese Classe von Hohlformen gehören jene Vertiefungen 
der Erdoberfläche, die sich über grössere Räume verbreiten, gleich- 
viel ob die Einsenkung nur eine relative ist; oder ob sie bis unter 
das Meeresniveau hinabreicht. 

Diese tiefere Lage einzelner Landstrecken kann entweder eine 
ursprüngliche, d. h. in den primitiven Reliefverhältnissen der ersten 
Erstarrungskruste des Erdkörpers begründete sein , oder sie hat 
sich später dadurch gebildet, dass das umliegende Land allein oder 
höher gehoben wurde, oder sie kann die Folge eines partiellen 
Einsinkens, also einer retrograden Bewegung desselben sein, oder 
sie ist endlich ein Effect der Wasserspülung. Es kann nur von Fall zu 
Fall entschieden werden, welches von diesen vier Principien als 
das wahrscheinlichere zu betrachten ist. 

Nach Dana kann der Begriff dieser Hohlformen der Erdober- 
fläche bis auf die Tiefebenen im Innern der Continente und auf 
die flachen Terrassen im Innern ausgedehnter Hochländer erweitert 
werden. So sagt der amerikanische Geologe: „Die Continente 
haben im Allgemeinen hohe bergige Ränder und ein tiefes oder 
beckenartiges Innere"*). Nun, wenn diese Ansicht auch mit. der 
unserigen insoferne übereinstimmt, dass die meisten Tiefländer (mit 
Ausnahme der an der Küste liegenden) als grosse Landbecken 
aufzufassen sind, so ist doch, nebenher bemerkt, der Ausspruch, 
die Continente seien im Allgemeinen von hohen Rändern umgeben, 
nicht durchaus richtig, weil er einerseits das ungeheuere sibirische 
Tiefland, das ein Viertheil von Asien umfasst und die chinesische 
Tiefebene, andererseits das 100.000 geographische Quadrat- Meilen 
grosse arktische Tiefland sowie die atlantische Küstenebene in Nord- 
Amerika, ausser Betracht lässt. 

Diese Auffassung Dana's schliesst in ihrer Allgemeinheit zugleich 
die Vorstellung des gesammten Systems der für die Kenntniss der 
Erdoberfläche so wichtigen Wasserläufe, also die hydrographische 



*) „Manual of Geology." Philad. 1864. pag. 23. 

Souklar, Allg. Orographie. 



114 Oroplastischer Theil. 

Organisation des Landes ein. Jeder Rieselj jeder Bach, Fluss und 
Strom hat sich, vermittelst der dem fallenden oder fliessenden 
Wasser innewohnenden erodirenden Kraft, einen gesicherten Abfluss 
durch die seinen Weg einst sperrenden Hindernisse des Bodens 
erzwungen. Hierdurch ist eine ausserordentliche Menge von Rinn- 
salen zu Stande gekommen, die sich gruppenweise in Fliiss- und 
Stromgebiete zusammensetzen, welche den Ertrag der Quellen, 
sowie der Schneeschmelze und der Regengüsse aufsammeln und 
vereinigt dem Ocean als der eigentlichen Heimat alles Gewässers 
zuführen. Jene Zusammensetzung liefert uns die grossen Einheiten 
der erwähnten hydrographischen Organisation der Erdoberfläche, 
von denen hier, jedoch nur mit Rücksicht auf ihre Plastik, die 
Rede sein soll. 

Betrachten wir femer die Reliefformen solcher Stromgebiete 
im Ganzen, so werden wir alsbald bemerken, dass jedes Individuum 
dieser Art allenthalben die Gestalt einer breiten, mehr oder minder 
gleichförmig und sanft abgedachten Mulde besitzt. Wir werden 
ferner wahrnehmen, dass diese Mulde durch vorspringende Höhen- 
züge hie und da eingeschnürt, an anderen Orten durch das 
Zurückweichen der sie einschliessenden Gebirge wieder ungemein 
erweitert, in ihren Gefälls Verhältnissen verändert und auf diese Art 
selbst wieder in zwei oder mehrere secundäre Mulden eingetheilt ist. 

In anderen Fällen aber ist es dem Wasser unmöglich gewesen, 
sein Abflussgebiet zu vollenden, d. h. sich die Verbindung mit 
dem Meere zu erkämpfen; sei es, dass es nicht die Macht hatte, 
den Widerstand mächtiger, im Wege stehender Landmassen zu 
überwinden und genöthigt wurde, sich als Binnensee auszubreiten 
oder kläglich im Sande zu verrinnen, sei es, dass es grosse Ver- 
tiefungen vorfand, die oft weit unter das Niveau des Meeres hinab- 
reichten, die es nur theilweise auszufüllen vermochte und aus diesem 
Grunde keinen Abfluss fand. In noch anderen Fällen besteht die 
Unfertigkeit der Muldenform darin, dass das Wasser, bei allzu 
geringer Fallthätigkeit, nicht im Stande war, sich ein concretes 
Rinnsal auszunagen, weshalb es in seinem Laufe stocken, sich mit 
der Erde vermengen und zu Sümpfen und Moorbrüchen ent- 
arten- musste. 

78. Dies Alles zeigt, dass die Hohlräume der Erdoberfläche, 
abgesehen von ihrer sehr verschiedenen absoluten Höhe und räum- 
lichen Ausdehnung, auch durch eine sehr verschiedene Plastik sich 
unterscheiden müssen und wir werden es in Nachstehendem ver- 



Von den hohlen Formen des Bodens. 115 

suchen, einige ihrer Formen etwas näher ins Auge zu fassen ; die 
wichtigsten darunter sind: 

1. Die Strombecken: weite, oft über viele Tausende von 
Quadrat-Meilen sich ausdehnende Gebiete, die alF ihr fliessendes 
Gewässer in einen grossen Stromlauf vereinigen; bei bedeu- 
tender Entwicklung sehr flache Mulden bildend, mit ihren 
äusseren Theilen in die Gebirgsländer der Erde hinauf- 
greifend, durch die grossen Nebenflüsse in secundäre Becken 
getheilt, mannigfach gestaltet und abgestuft und hiemach 
individualisirt, bald langgestreckt und schmal, bald in die 
Breite gedrückt, hier mit deutlichen, dort mit unsicheren 
Grenzen von den umliegenden Strombecken geschieden. 

2. Die Stufenbecken der Ströme und Flüsse, durch welche 
ihre Eintheilung in Ober-, Mittel- und Unterlauf begründet 
wird : nicht immer nach diesem Schema klar angeordnet, oft 
eine der Stufen ausfallend, oft deren mehrere vorhanden; im 
Einzelnen durch Einschnürungen des Strombeckens unter 
stärkerem Gefäll, durch veränderte Richtung des Flusslaufes 
und veränderte Natur des Bodens deutlich bezeichnet. Hierher 
gehören z. B. die bayerische Hochebene als Stufenbecken für 
den Oberlauf der Donau, das Wiener Becken, dann die kleine 
und grosse ungarische Tiefebene als Stufenbecken für ihren 
Mittellauf und die wallachische Tiefebene für ihren Unterlauf; 
der böhmische Kessel als Stufenbecken für den Oberlauf der 
Elbe; das Wolgabassin zwischen Twer und Kasänj als oberes 
Stufenbecken der Wolga, das Dnjeprbassin zwischen Brzest- 
Litowsk und Kiew als Stufenbecken für den Oberlauf des 
Dnjepr u. s. f. 

3. Die oft ungemein ausgedehnten Depressionen im Tieflande, 
die mit dem Meere zwar verbunden, zu einem wolgeordneten 
Flusssysteme jedoch nicht ausgebildet und mit umfassenden 
Sumpf- und Moorbildungen bedeckt sind. Ich möchte sie, 
im Gegensatze zu den Land höhen, Landsenken oder Land- 
tiefen nennen. In diese Classe von Hohlräumen gehören: 
die grossen Moorstrecken in Holland, Hannover und Olden- 
burg; die Niederung zwischen dem nördlichen und südlichen 
Höhenzuge des germanischen Tieflandes, mit dem Luch und 
den Moorbrüchen an der Oder, Warthe, Netze, Obra, Weichsel, 
am Bug und Narew ; die Rokitnosenke im oberen Stufenbecken 
des Dnjepr mit den fast 2000 Quadrat-Meilen umfassenden 



116 Oroplastischer Theil. 

Rokitnosümpfen, die Tundren (gefrome Sümpfe) in Nordrussland 
und Sibirien u. a. m. 

4. Die grossen Flussseebecken im Tief- und im Hochlande, 
deren Dimensionen zu bedeutend sind, als dass sie noch als 
erweiterte Thäler angesehen werden dürften. Sie sind selbst- 
verständlich Bestandtheile der Strombecken, bestehen aus 
Einsenkungen von oft sehr ansehnlicher Tiefe und einem 
Umfange, der sie nach Umständen geeignet macht, Gebirgs- 
systeme oder Gebirgsgruppen zu trennen und als Wasser- 
sammler für grosse Landstrecken zu dienen. Hierzu werden 
zu rechnen sein : der Wenern- und Wetter-, der Ladoga- und 
Onega-, der Baikal-, Thungthing- und Poyangsee, der Victoria-, 
Albert Nyanza-, Tanganyika- und Tanasee, die grossen 
nordamerikanischen Seen und noch a. m. 

5. Die continentalen Binnenräurae: theils im Hoch-, theils 
im Tieflande, theils sogar unter dem Niveau des Meeres, mit 
oder ohne Seebildung, die Seen salzig oder brackisch, zu- 
weilen zwei oder mehrere Stromgebiete umfassend und häufig 
auch ohne perennirende Wasserläufe. Zu den wichtigeren 
Beispielen dieser Art gehören : der Binnenraum des Kaspisees 
mit den vier grossen Strombecken des Ural, der Wo Iga, des 
Terok und des Kur; der Binnenraum des Aralsees mit den 
Strombecken des Amu- und des Syr-darja, das Binnenbecken 
des Lob-Noor mit dem Strombecken des Tarim, das des 
Hamun-Sees mit dem Strombecken des Hilmend, die Binnen- 
räume des Balkasch-, des Ike Namur-, des Khuku- und Tengri- 
Noor, des Wan- und Urumiah-Sees sowie des todten Meeres, 
alle diese in Asien; die Binnenbecken des Tsadsees mit dem 
Sehari als Zufluss, der lybischen Oasen und des Ngami-Sees 
in Afrika; des grossen Salzsees, des Humboldtflusses, des 
Titicaca-Sees u. a. in Amerika, endlich die des Eyre-, des 
Torrens- und Gairdner-Sees in Australien. 

II. Die ThSler. 

79. Begriff und Bedeutung der Thäler. Die Vertiefungen 

zwischen Hügeln und Bergen werden Thäler genannt. Ihre Form 
ist 80 vorschioden wie die der Berge und Berghänge selbst. Bald 
sind es regelmässige prismatische Einschnitte in eine Hochebene 
mit gleich hohen und gleiehfi^rmig abfallenden Rändeni, bald seichte, 



Von den hohlen Formen des Bodens. 117 

muldenförmige, zwischen sanft abfallenden Hügeln hinziehende 
Rinnen, bald sind es tiefe, von mächtigen Bergen eingeschlossene 
Hohlräume mit sanften oder schroffen, erdigen oder felsigen Seiten ; 
hier stellen sie sich als weite sonnige Landschaften, dort als eng- 
umgrenzte schattige Räume und an anderen Orten als tiefe, licht- 
scheue Abgründe dar; bald sind sie kurz, bald lang und dabei 
entweder rasch wechselnd in ihren Richtungen, oder sie bilden 
schnurgerade Gebirgsgassen mit dem reizendsten Formenwechsel in 
der Nähe und mit blauen duftigen Bergen in der Ferne. 

Alle diese Gestaltungen hängen von der Natur des Gebirges 
ab, in welches die Thäler eingeschnitten worden sind. Zwischen 
Hügeln und niederen Bergen sind sie einförmig und zahm, im 
höheren Gebirge werden sie rauher und formenreicher, im Hoch- 
gebirge sind sie wild und grossartig wie dieses. Die physische 
Erscheinung des Gebirges ist ja zugleich die des Thaies. Da wir 
femer die absolute Höhe des ersteren nicht wirklich sehen, sondern 
nur die relative, der Thalboden aber der Horizont ist, auf den wir 
in der Natur die Höhe des Grebirges beziehen, so wird uns dieses 
gerade so hoch erscheinen, als das Thal tief Nicht minder sind 
alle landschaftlichen Elemente des Gebirges auch den Thälern in 
ganz gleichem Maasse günstig oder abträglich ; alles, was das Gebirge 
schmückt oder verdüstert: gefällige, kühne oder monotone Berg- 
formen, grüne Berghalden oder wilde Felswände, pulsirende Wasser- 
fälle oder missfärbige Trümmermassen, dunkle Wälder oder grün- 
leuchtende Wiesen- und Alpenmatten, schimmernde Schneefelder 
und blaue Gletscher, verklärender Sonnenglanz oder düstere 
Wolkenschatten, alles dies erhebt oder vermindert auch den pitto- 
resken Effect der Thäler. 

80. Fragen wir aber nach dem Werthe der Thäler für die 
Menschen, so werden wir erkennen, dass dieser Werth in seinem 
Verhältniss zum Gebirge nach dem Maasse steigt, als dieses höher 
wird. Wenn schon im Hügellande oder im Niedergebirge der 
agronomische Werth der Thäler in der Regel grösser ist als der 
der Höhen, so werden im Alpen- und Hochgebirge die Thäler, in 
unseren Breiten wenigstens, fast ausschliesslich die Stätten land- 
wirthschaftlicher Thätigkeit sein; nur in günstigen sonnigen Lagen 
und bei geringen Gefällen der untersten Theile des Kammgehänges 
oder auf den früher erwähnten Bergterrassen, wird sich der Feld- 
bau in massiger Ausdehnung auch auf die dem Thale benachbarten 
Höhen verbreiten. Die Thäler sind die Sammelplätze des fruckt- 



\fikr*:n MhirmmM. 4«». ^n Prodaet 4er Verwineme. darcb Bidie 
nun Ki'rM^L 4nrf:h iUrz^T, and WiDä xu^bl2»i^ tob doi Bci|sen 
b^rabjf^ra^*rfj wjr'i, F*ir j*: <><» — 7Cr» F. wa^kieiidcr absoluter 
\\6\tH uimntx 4':^ mittler^: Jahrefttemperamr bekanntlich «b 1* S. 
Ab, Ufjd e^ )4^t iaifiJi dieii^in eiDfacfaen Datum anschwer m ewtnrhmcn, 
irf#!r bjüM mit d^rr Kritf«^rrmng vom Thale die Wärme anf einen Grad 
herhhniuk^i mwnn, d^r den lohnenden Anbaa der ^voknlichen 
Cultnr[ffliirizen niefat mehr gestattet. Ans die&en Gritnden sind die 
TitüU^r im h^hererj Gebirge vorherrschend die Schauplätze mensch- 
licher ßeniedlung: hier liegen die Dörfer und Städte, die Kirchen 
and Schulen ; die .Strassen und Eisenbahnen: nach den Thaler 
werdf?n die veriicfaiedenen Theile des Landes benannt: nach ihnen 
richtet sich die Abscheid ung in Dialecte, in allerlei Trachten, ab- 
weichende Sitten ^ Gebräuche und althergebrachte Arten des 
Krwerbe». 

81, Thalsoble und Thalhänge. Bei jedem Thale nnterscheiden 
wir ziin/U;hst die Thalhänge und die Thalsohle — Thalelemente 
nämlich^ welche im Querprofile zur Erscheinung kommen. 

I)ie Thalhänge, auch Thalwände oder Thalseiten ge- 
finuuif sind nichts anderes als die beiden Kammgehänge , welche 
das Thal einschliessen; »ie führen diesen oder jenen Namen^ je 
nachdem sie auf Thal oder Gebirge bezogen werden. Eis hat dem- 
nach Alles, was über die Berg- und Kammgehänge (Seiten 64 
und 74;, sowol mit Rücksicht auf ihre Formen im Allgemeinen 
als auch auf die Afihängigkcit derselben von der Höhe und geogno- 
Htischcn ZusainrncnHctzung der Berge und Kämme, gesagt wurde, 
auch hei den Th/ilhängen seine Giltigkeit. 

H2. Thalsohle und Uferterrassen. Die Thalsohle ist der tiefste, 
im Querdurchschnitt horizontale Theil des Thaies, der also weder 
dem einen, noch dem anderen Thalhange angehört. Bei breiten 
Thälern erscheint die Thalsohle häufig als ein ebener Land- 
streifen. DIcho Kbenheit tritt natürlich dort mit typischer Voll- 
kommenheit hervor, wo das Thal, von einem Thalhang zum 
/inderon, mit WasBcr ausgefüllt ist. In vielen Fällen verengt sich 
(li<i Thalsohlf^ zu einer Linie, in der sich die beiden Thalhänge 
unter hohen Winkeln verschneiden. Sanftgeneigte Thäler haben 
gewöhnlich breite, starkgeneigte, enge oder linienförmige Sohlen. 

Selbst auf breiten und ebenen Thalsohlen haben sich die Flüsse 
häufig mehr oder minder tief in den Grund eingegraben, so dass 
sie jetzt von hohen und steilen Ufern eingeschlossen sind. In 



Von den hohlen Formen des Bodens. 



119 



Fig. 44. 




m^jjjm^. 



an deren Fällen hat sich dieses Einnagen des Gewässers im Laufe 
der Zeit zwei oder mehrmal wiederholt, wodurch die sogenannten 
Uferterrassen zu Stande 
gekommen sind, welche die 
nebenstehende Zeichnung zu 
verbildlichen sucht. Die Ent- 
stehung derselben kann theils 
durch die Annahme einer 

grösseren Wassermenge des Flusses in früherer Zeit, theils durch 
die grössere Festigkeit der tieferen Schichten erklärt werden. Hier- 
über mehr im dritten oder orogenetischen Abschnitte dieses Werkes. 

Der Uebergang der Thalsohle in die Thalhänge ist selten 
scharf bezeichnet; der von den letzteren herabrollende Bergschutt 
macht diesen Uebergang meistens zu einem allmäligen. Doch 
kommen, namentlich im höheren Gebtrge, Fälle vor, wo eine felsige 
Thalwand, besonders wenn sie aus festen, zähen und der Ver- 
witterung gut widerstehenden Gesteinen besteht, unter hohen und 
scharfen Winkeln in die Thalsohle einschiesst. Dies kommt gewöhn- 
lich dort vor, wo die Thalsohle einst den Boden eines abgeflossenen 
oder ausgefüllten Sees bildete. 

Was bei der Besprechung der Bergfüsse von den Zehen oder 
Schleppen, Nasen und Sporen (Seite 65) gesagt wurde, hat auch 
auf die Thal er seine Anwendung. 

83. Thalformen. Betrachten wir die Beschaiffenheit der Quer- 
profile eines Thaies in ihrer Aufeinanderfolge, so werden sich uns 
verschiedene Thal formen ergeben, die mit verschiedenen Namen 
belegt werden, so heissen z. B.: 

1. Einrisse des Regen wassers in lockeres Erdreich: Siefen und 
Regenrisse oder Räch ein — oben, Seite 64, bereits er- 
wähnt und beschrieben. 

2. Mehr oder minder breite Einschnitte in eine plateau-artige 
Bodenmasse von geringer Tiefe, mit ziemlich breiter, sanft- 
geneigter Thalsohle und von nahezu gleich hohen Hängen ein- 
geschlossen — Gründe (Plauenscher Grund bei Dresdenu.a. m.). 
In Nieder-Oesterreich ist dieser Ausdruck sehr häufig ver- 
wendet. 

3. Wannenförmige Aushöhlungen der Bergwände, mit oder ohne 
andersgestaltete Fortsetzung nach unten , heissen Mulden 
(Seite 64). Ina höheren Gebirge führen derlei Mulden, mit 
denen die Thäler gewöhnlich ihren Anfang nehmen, wenn 



120 Oroplastischer Theil. 

sie gleich unterhalb des Kammes liegen, den Namen Kaare 
(in Zusammensetzungen auch oft Kor). Sie sind nicht selten 
ziemlich ausgedehnt, und da sie gewöhnlich feuchter sind als 
andere convexe Theile des Gebirges, so enthalten sie die besten 
Alpenweiden, sind aber auch oft bis zum Grunde hinab mit 
Sturzhalden, und bei noch höherer Lage, mit Schnee und Eis 
bedeckt; in diesen Fällen heissen sie Schuttkaare, Schnee- 
oder Eiskaare. 

4. Der Runsen und Tobel ist ebenfalls oben, Seite 64, be- 
reits Erwähnung geschehen. 

5. Tiefer in den Gebirgkörper einschneidende kurze Seitenthäler^ 
mit eben so kurzen Seitenkämmen zu beiden Seiten und, 
wegen ihrer relativ geringen Länge, mit mehr oder minder 
stark geneigten Sohlen, werden Gräben genannt. Diese 
Bezeichnung ist in den' östlichen Alpen sehr gebräuchlich 
(Adlitzgraben am Semmering , Göss- und Radigraben bei 
Gmünd in Kärnthen, Finsinggraben im Zillerthal u. s. f.). 

6. Ein enges, auf beiden Seiten von Bergwänden eingeschlossenes 
Thal ist eine Schlucht; versteilern sich die Gehänge noch 
mehr, so dass sie zu förmlichen Abstürzen werden, und ist das 
Thal dabei sehr enge und tief, so nennt man es einen Schlund. 

7. Ist ein solcher Schlund das Resultat der Wassererosion, so 
kann man ihn einen Erosionsschlund nennen. Freilich wird 
es oft nicht leicht zu entscheiden sein, ob man es in einem 
gegebenen Falle wirklich mit einem derartigen Schlünde zu 
thun habe. In vielen Fällen wird dies jedoch keinem Zweifel 
unterliegen, wie z. B. bei dem Schlimde des Simeto in Sici- 
lien, der sich im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte einen 
50 F. tiefen Canal in eine sehr feste Lava des Aetna eingenagt 
hat, oder in Tahiti, wo von den Bächen 1000—3000 F. tiefe 
Schlünde in vulkanische Massen eingeschnitten worden sind. 
Nicht minder unzweifelhaft ist der Ursprung des Erosions- 
schlundes der Goritnica bei der Flitscher-Klause, einige Meilen 
oberhalb Görz : über einem 300 F. tiefen Abgrunde ist oben 
von einer Wand zur anderen ein einfacher gemauerter Brücken- 
bogen gespannt. Erosionsschlünde von grossartigster Entwick- 
lung aber sind die sogenannten Canons im Colorado-Gebiete, 
am Aravaipa, am Columbia, Fräser, Canadian, südlichen Red 
River und Wisconsin, so wie am Stiken (Alaska), sämmtlieli 
in Nord- Amerika. Unter allen diesen hat der grosse Canon des 



Von den hohlen Formen des Bodens. 121 

Colorado die grösste Berühmtheit erlangt. Er ist 300 englische 
Meilen lang und die Höhe der, diesen riesigen, ewig sonnen- 
losen Abgrund einschliessenden, meist verticalen und oft sogar 
überhängenden Felswände wird mit 3000—6000 E. F. ange- 
geben. Aehnliche Canons haben auch alle Zuflüsse des Colorado, 
die in den grossen Canon einfallen, ausgenagt, so dass inner- 
halb der angegebenen Strecke das ganze Flussnetz aus solchen 
Schlünden besteht. Auch Ijier war es augenscheinlich die 
Erosion, welcher diese Canons die Entstehung verdanken. 
Der Oberlauf des Colorado liegt nämlich auf einer Hochfläche, 
deren Mittelhöhe nicht weniger als 7000 F. beträgt, und es ist 
begreiflich, dass der Abfall dieses Flusses von einer so grossen 
Höhe bis nahe zum Niveau des Meeres, seinen Gewässern 
jene erodirende Kraft verleihen musste, die im Laufe vieler 
Jahrtausende im Stande war, Wirkungen von der beschriebe- 
nen Art hervorzubringen *). 
8. Jene Stellen eines Thaies, an welchen es sich schlucht- oder 
schlundartig verengt, um sich nachher wieder zu erweitern, 
werden, wenn die Verengung von nur geringer Länge ist, Thal- 
engen, bei grösserer Länge Thalkehlen genannt. Diese 
wie jene sind gewöhnlich mit einer Zunahme des Thalgefälles, 
und daher mit jenen Beunruhigungen des Wasserlaufes ver- 
bunden, die sich nach Umständen zu Wasserfällen oder Strom- 
schnellen ausgebildet haben. Bekanntere Beispiele von Thal- 
engen sind die des Donauthales bei Hainburg und am Bisam- 
berg, des Innthales bei Kufstein und Finstermünz, des Drau- 
thales bei Oberdrauburg und Sachsenburg u. a. — von Thal- 
kehlen: die des Donauthales zwischen Passau und Linz, 
Mauthausen und Krems, Gran und Waitzen, Kloster Basiasch 
und Gladowa, die des Rheinthaies zwischen Bingen und 
Koblenz, des Elbethales zwischen Tetschen und Pirna, des 
Eisackthales am Kunterswege bei Bozen, des Drauthales 
zwischen Unter -Drauburg und Marburg, des Savethales 
zwischen Laase (bei Laibach) und Rann u. a. m. Die engsten 



*) Siehe über diesen Gegenstand: J. D. Dana ^Manual of Geology" 1864, 
pag. 638 , mit einer schönen bildlichen Darstellung des Grossen Canons , dann 
„On the Basin of Colorado and the Great Basin of North America", von W. A. 
Bell und „On the Formation of Fjords, Canons, Benches, Prairies and Inter- 
mittent Rivers" von Robert Brown, beide Aufsätze im 39. Bande des „Journals of 
the R. Geogr. Society of London", pag. 95 und 121. 



122 Oroplastischer Theil. 

Stellen solcher Defil^en werden ebenfalls Pässe genannt, 
besonders wenn sie mit Befestigungswerken versehen sind, 
die dann häufig den Namen Klausen führen: Pass Lueg, 
Pass Werfen, Mandling-, Scharnitz-, Leutasch-, Achenthaler- 
Pass — Ehrenberger- , Brixner-, Mühlbacher - Klause u. a. m. 
9. Eine sehr enge, von senkrechten Felswänden eingeschlossene 
Thalenge, besonders wenn sie an dem Ausgange eines Thaies 
liegt, pflegt man in den Ostalpen mit dem Namen Klamm 
zu bezeichnen, z. B. Gasteiner-, Seisenberger-, Zirler-Klamm 
(letztere bei Innsbruck) u. s. f. 
10. Wenn die Thalwände so entschieden zurücktreten, dass dar- 
aus eine auflFällige, runde oder längliche Erweiterung des 
Thalbodens hervorgeht, so entsteht ein Thalbecken. Diese 
Thalform tritt oft an der Vereinigungsstelle mehrerer Thäler 
auf, in welchem Falle es durch die Abstumpfung der Gebirgs- 
Ecken an den Enden der Kämme entstanden ist; derlei Thal- 
becken sind jedoch meistens nur sehr klein. Im Hochgebirge 
kommen an vielen Orten schöne, sehr ebene, langgestreckte 
Thalbecken vor, welche an ihrem unteren Ende gewöhnlich 
klammartig geschlossen, hie und da wol auch versumpft, 
von steilen, schroflF in den Thalboden einfallenden Berg- 
wänden umgeben und überhaupt in einer Art gestaltet sind, 
dass sie mit Sicherheit als die Böden ehemaliger Seebecken 
angesehen werden können. Hierher gehören z. B. neben einer 
grossen Zahl anderer, das schöne 2y2 Meilen lange, bis 
2400 F. breite, fast horizontale Becken von Hofgastein; ferner 
das über eine Meile lange, 4500 F. hohe, beinahe ganz wag- 
rechte und theil weise versumpfte Becken von Kemathen in 
Pfitsch bei Sterzing u. s. f. — Bei Thalbecken von bedeu- 
tender Grösse wird die verhältnissmässig ebenso erweiterte 
ebene Thalsohle eine Thalebene genannt. In keinem Falle 
aber darf der BegriflF des Thalbeckens so weit ausgedehnt 
werden, dass darunter der des Thaies selbst verloren geht. Bei 
einem Thale bleibt imnaer das sichtbare Vorhandensein einer 
in die Länge gedehnten , wenn auch breiten Vertiefung 
zwischen zwei erhöhten Bodentheilen, also die Sichtbarkeit der 
beiderseitigen Thalhänge maassgebend ; aus diesem Gnmde 
können z. B. die bayrische Hochebene, die ungarische Tief- 
Ebene oder der böhmische Kessel als Ganzes betrachtet, keine 
Thalbecken und ihre Sohlen, so weit sie eben sind, keine 



Von den hohlen Formen des Bodens. 123 

Thalebenen mehr genannt werden. — Das Alpenland liefert aus- 
gezeichnete Beispiele schöner Thalebenen und Thalbecken; zu 
ersteren gehören das Grazer Feld, die Laibacher-, Klagen- 
furter-, Villacher- und Salzburger Thalebene ; das Lienzer-, 
Brunecker-, Ampezzaner-, Sterzinger-, Leobner-, Judenburger-, 
Ischler-, Ausseer Becken u. s. w. Eines der ausgezeichnetsten 
Thalbecken, von denen die geographische Literatur zu er- 
zählen weiss, ist das Ingurbecken auf der Südseite des west- 
lichen Kaukasus ; es hat eine Länge von 8— 9, eine Breite von 
3 deutschen Meilen, ist allenthalben von gletschergekrönten 
Hochgebirgskämmen, mit Pässen von mehr als 10.000 F. ab- 
soluter Höhe, eingeschlossen und mit der Aussen weit nur durch 
eine enge, zu Zeiten unpassirbare Thalkehle verbunden *). 
11. Beckenförmige Thalbildungen eigener Art sind die sogenannten 
Circusthäler oder Kesselthäler. Man versteht darunter 
kreisförmige, oft von sehr hohen, steilen oder lothrechten Fels- 
wänden eingeschlossene Gebirgskessel, welche gewöhnlich als 
Anfänge längerer oder kürzerer Thäler auftreten. Sie kommen 
am häufigsten in vulcanischen, aber auch in altplutonischen, 
ja selbst in jüngeren Gebirgen vor und müssen, aus plastischen 
und geognostischen Gründen, in den meisten Fällen als Folgen 
des Einsturzes gehobener Massen angesehen werden, worüber 
im dritten Abschnitte dieser Arbeit Näheres erwähnt werden 
soll. Das hervorragendste Beispiel dieser Art ist die grosse 
Caldera auf der canarischen Insel Palma; sie bildet einen 
Ungeheuern, fast kreisrunden, zwei Meilen im Durchmesser 
haltenden Gebirgskessel, der, in vulcanisches Gestein ge- 
brochen, von einer theilweise 4000 F. hohen verticalen Fels- 
mauer umgeben ist und zuletzt in die tiefe Schlucht des Gran 
Barranco de las Angustias übergeht. Andere Circusthäler von 
ähnlicher Beschaffenheit sind: das von Teoro auf Teneriffa, 
von Valle Hermosa auf Gomera, von Tejeda und Tirajana 
auf Gran Canaria **). Kaum minder gross als die Caldera 
auf Palma ist das Kesselthal des Val del Bove am Aetna, mit 
1000—4000 F. hohen Lavawänden. Hierher gehören ferner 



*) „Journey in the Caucasus and Ascent of Kasbek and Elbrus", von 
Douglas F. Freshfield, im 39. Bande der „Journals of the R. Geogr. Soc. of Lon- 
don", pag. 50. 

**; Siehe: „Reisebilder aus den Canarischen Inseln**, von Dr. Carl Frit-ch, 
£rgänzung8heft von Petermanns „Geogr. Mitth." 1867. • 



124 Oroplastischer Theil. 

die Cirques des Cantal und Mont Dore in Frankreich, die der 
Seen von Albano und Nemi in Italien u. a. — Die Cirques 
oder Oules der Pyrenäen sind Einsturzthäler ähnlicher Art 
in älteren plutonischen Erhebungsmassen ; man zählt hier deren 
sieben blos auf der französischen Seite, unter denen die 
Oule de Gavarnie ihrer Grossartigkeit wegen am berühmtesten 
ist *). Dieser Circus hat einen Umfang von einer halben 
Meile; sein Boden liegt 4400 F. ü. M. und aus demselben 
erheben sich im Kreise die Wände des Granites in verticalera 
Ansteigen noch um 4300 F. höher, bis zu einem terrassen- 
förmigen Absätze empor, auf welchem die Gletscherenden des 
Marbor^ und Montperdu lagern, und über den sie ihre Wasser- 
abflüsse in vielen Cascaden auf den Boden des Kessels hinab- 
schütten; aus dem nahen Hintergrunde aber blicken die 
eisbedeckten Zinnen der genannten Hochgipfel, halb sichtbar, 
halb verdeckt, in den Circus herein. — Noch grossartiger, 
wenn auch typisch weit weniger vollendet, ist der 1^4 Meile 
im Durchmesser haltende Circus von Macugnaga am Ost- 
gehänge des Monte Rosa, als Anfang des Anzasca-Thales, 
dann jener von Breuil am Südfusse des Matterhorn (Mont 
Cervin) am Anfange des Val Tournanche, beide in Piemont. 
B. Studer zählt noch eine Zahl ähnlicher Erscheinungen aus 
den Mittelalpen auf **), die sich bezüglich der vOstalpen noch 
durch mehrere nicht minder giltige Beispiele leicht vermehren 
Hesse ***). 

12.% Wenn wir endlich den Begriff des Thaies, entgegen seiner 
eigentlichen imd engeren Bedeutung, bis dahin erweitem, wo 
er mit jenem eines Strombeckens zusammen&llt, so erhalten 
wir das Stromthal. 

13. Zu den beckenartigen Formen müssen ferner noch die Maare 
sowie die Kesselthäler und Dollinen des Karstlandes 
gerechnet werden. Die Maare sind vulcanische Krater ohne 
Eruptionskegel, Explosionskrater, nahezu kreisrund, mit einem 
Durchmesser von 100 — 2000 F., zuweilen von einem niedrigen 

*^ Siehe: „Die Iandi»chaftlichen Reize der Pyrenäen im Vergleiche zu den 
Alpen**, von Oblt Ruith. „Ausland" Nr. 4, pap. 76. Die anderen sechs Oules sind: 
O. d^Estaub^, de Troümouse, de Bielsa, de la Val de Lys, de Lh^ris und de 
B^dat. 

**) B. Studer: „Lehrbuch der physik. Geographie und Geologie". I. 388. 
***) Dies wird im» 3. Abschnitte geschehen. 



Ton den holilen Formen des Bodens. H& 

Erdwall umgeben, bis zu 300 P. tief und gewöhnlich mit 
Wasser gefullt. Sie kommen am häufigsten in der Eifel (Pulver-, 
Gmündner-, Weinfelder-, Meerfelder- und Uelmenmaar), dann 
auch in Italien, Frankreich, auf der Inael Oesel u. a. a. O- 
Tor. Von den KeBselthälern und Dollinen des Earstlandes ist 
oben, bei der BeBchreibung des Karstlandes bereits gesprochen 
worden, doch werden solche Hohlformen auch in anderen 
Gegenden angetroffen, wie z. B. auf den Plateaux der alpinen 
Kalkstöcke, in Mähren, am Harz, in Jütland, Russland, Sud- 
Frankreieh und am Missouri in Nord-Amerika. 
S4. Thalanfang, ThalgefäUe, ThaUtöhe, Thalläiige. Wir kommen 
nunmehr zu jenen Merkmalen und Verschiedenheiten der Thal- 
bildung, die sich in dem Längenprofile des Thaies aus- 
sprechen. Diese Merkmale sind: der Thalanfang, die Gefalls- 
verhältnisse der Thalsohle, die absoluteHöhe desThales 
und die Thallänge. 

85, Hlntergehänge des Thaies. Wenn wir uns ein Thal als 
von zwei Nebenketten, welche von einem Hauptkamme auslaufen, 
eingeschlossen vorstellen, so bezeichnen wir als das Hinter- 
gehänge des Thaies denjenigen Qehängtheil des Hauptkammes, 
der dem in Rede stehenden Thale angehört. Bas Hintei^ehänge ist 
demnach weder ein Bestandtheil des rechtsseiti- 
gen, noch des linksseitigen Kammgehänges, son- 
dern es gehört einem dritten, d. h. dem Haupt- . 
kämme an, der zwischen jenen beiden Gehängen 
im Hintergrunde des Thaies liegt und dasselbe 
nach oben abschliesst. Ist in dem nebenstehen- 
den schematischen Bilde Fig. 45 Ä der Haupt- 
kamm, und sind B und C die beiden Neben- 
kärame, welche das Thal o p einschliessen, so ist das Dreieck mno 
dasHintergehänge und o ist der Ursprung oder Anfang des 
Thaies op. Der Thalurspmng ist demnach der höchste, von der 
Thatmtlndung (nach dem Laufe der Thalsohle gemessen) entfern- 
teste Punkt der Thalsoble. 

Für einige , später (im orometrischeu Abschnitte) näher zu 
erörternde, nicht unwichtige orographische Bedürfnisse wird es in 
der Natur oft nothwendig sein, den Punkt des Thalursprungs so 
genau als möglich festzustellen. Die Sache ist nämlich nicht immer 
so leicht, als es nach der obigen Zeichnung scheinen mag, und 
dies ist auch die Ursache, wesshalb in dieser Hinsicht verschiedetx.^ 




126 Oroplastiacher Theil. 

Ansichten geltend gemacht wurden. Zunächst lässt sich wol ohne 
Bedenken behaupten, dass irgend ein Punkt nicht einer Thalsohle 
und einem Kamme zugleich angehören kann. Ist dieser Satz wahr, 
so wird es folgerichtig auch nicht gestattet sein, den Anfangspunkt des 
Thaies oder den Thalursprung auf das Hintergehänge des Thaies 
zu verlegen, selbst wenn dieses die Form einer sanft ansteigenden 
Mulde hat. Denn in solchem Falle wird sich sehr oft kein bestimmter 
Ort als natürlicher Anfangspunkt des Thaies darbieten; wer aber 
einen solchen sucht , der wird dann leicht bis auf den Sattel zurück- 
weichen, und eben dadurch zu der oben erwähnten paradoxen und 
unstatthaften Annahme gelangen. 

Wenn nun, wie es sich von selbst versteht, das Gehänge 
physisch zum Kamm gehört, so ist das offenbar auch bei dem Hinter- 
gehänge der Fall; es darf sonach der Thal Ursprung nur am Fusse 
dieses GehäJiges gesucht werden, und der Umstand, dass dieser 
Fuss praktisch nicht immer leicht auszumitteln ist, kann wol der 
Richtigkeit der Theorie keinen Eintrag thuu. 

Nun, in sehr vielen, ja sogar in den meisten Fällen, wird der 
Fuss des Hintergehänges ohne Mühe und ohne wesentlichen Fehler 
zu ermitteln sein. Ich selbst bin, bei meinen zahlreichen hypso- 
metrischen Arbeiten im Hochgebirge, in dieser Beziehung niemals 
einem besonderen Anstände begegnet. An Ort und Stelle hat sich 
durch den Anblick aller drei Gehänge und des Thaies selbst, der 
Ursprungsort des letzteren allemal leicht ausfindig machen lassen. 
Ist jedoch irgendwo die Abdachung des Hintergehänges un- 
gewöhnlich sanft, was nur im niederen, nie aber im höheren Ge- 
birge vorkommen kann, so scheint mir die Bestimmung des Thal- 
anfangs dadurch leicht ausführbar, dass man von einem etwas 
entfernten Thalpunkte durch eine Visur über die Thalsohle hinweg 
und parallel mit dieser, den fraglichen Punkt am Hintergehänge 
bezeichnet. 

Die Form des Hintergehänges ist verschieden; bald ist 
es eine schmale Rinne, die schon als solche beginnt und nur wenig 
verändert den Fusspunkt erreicht, was dort vorkommt, wo zwei 
Kämme unter sehr spitzen Winkeln sich vereinigen und das Hinter- 
gehänge gleichsam verdrücken , — bald ist es eine einfache , kleinere 
oder grössere Mulde, die entweder als solche in den breiten, oder 
zu einer Rinne zusammengezogen in den eben so engen Thalanfang 
übergeht. In vielen anderen Fällen, besonders wenn zwei Neben- 
kämme unter rechten Winkeln von ihrem Hauptkamme auslaufen. 



Von den hohlen Formen des Bodens. 127 

ist das Hiotergehänge eine mehr oder minder breite, dreieckige 
Fläche, die in Mulden und Runse mannigfach getheilt, in der Mitte, 
d. h. in der Verlängerung der Thalaxe, gewöhnlich eingetieft ist, 
und im äussersten Hintergrunde, nämlich am Hauptkamme, eine 
entsprechend tiefe Einsattlung zeigt. Es wäre müssig über alle 
diese unterschiedlichen Ausbildungsformen des Hintergehänges Bei- 
spiele anzuführen. In selteneren Fällen , namentlich aber bei den 
früher erwähnten Circusthälern , erscheint das Hintergehänge als ein 
breiter Halbkreis mit ungetheilten, schroffen oder vertikalen Wänden, 
oder es ist radienartig in eine grössere Zahl von Thalrinnen zer- 
schnitten , wodurch , bei einiger Steilheit der Gehänge und besonders 
wenn die Kämme und Hochmulden vergletschert sind, amphithea- 
tralische Thalschlüsse von überraschender Zierlichkeit und Gross- 
artigkeit zu Stande kommen. Von dieser Art sind z. B. die schönen, 
breiten, vielrippigen, einen Halbkreis umfassenden Hintergehänge 
des Hüttwinkel- und des Seitenwinkelthales in Rauris, dann der 
prachtvolle Eiscirkus des Pasterzengletschers in Kärnthen, ferner 
die grossen Firnbecken des Gomer- (Zermatt-) und des Gross- 
Aletschgletschers in der Schweiz, u. a. m. 

86. GefällsverMltnisse der Tliäler. Die Gefällsverhältnisse 
der Thal er sind nicht minder einer grossen Mannigfaltigkeit unter- 
worfen. Bei manchen Thälern ist das Geftlll schwach, bei anderen 
stark ; bei diesen ist es vom Anfange bis zum Ende ziemlich gleich- 
förmig, bei jenen setzt die Thalsohle gleichsam sprungweise zur 
Tiefe nieder; hier ist das grössere Gefäll auf die höheren, dort auf 
die tieferen Regionen des Thaies vertheilt — alles dies in den ver- 
schiedensten Maassen und Combinationen. 

Was die geometrischen Elemente, die bei der Betrachtung 
der Gefälls Verhältnisse der Thäler von Bedeutung sind, anbelangt, 
so nennt man in der nebenstehenden Zeichnung, die das Längen- 
profil eines Thaies repräsentirt , ac oder die Höhendifferenz zwischen 
dem Thalursprung und p. ^g 

der Thalmündung, die / 

Fallhöhe des Tha- 
ies, y, d. i. das Maass 

des Winkels, den . .,. -.w/^^^^^Jf 

die zu einer geraden 
Linie ausgespannte Thalsohle mit dem Horizonte einschliesst, das 
fhalgefälle. Dieses letztere erhält man leicht durch den Ausdruck 

t 

tang cp = -^. In dem Diagramm ist femer ab die Thakokl^ , l>^ 




128 Oroplastischer Theil. 

die horizontale Projection der letzteren oder die Thallänge, a der 
Thalursprung und h die Thalmündung oder der Thalausgang. 
Anstatt Thalgeftllle kann man sich, bei der angegebenen Ausdrueks- 
weise desselben, auch des Wortes Fallwinkel des Thaies 
bedienen. 

Wie wichtig das Maass sowie die Vertheilung des Thalgefälles 
ist, bedarf kaum einer näheren Auseinandersetzung. Es dürfte wol 
Wenigen unbekannt sein, mit welchen Gefahren für Leben und 
Eigenthum das rapide Gefäll mancher Thäler die tiefer liegenden 
Gegenden bedroht. Die Ueberschwemmuugen sind grösstentheils, 
die verheerenden Schlammströme und Murbrüche sind ausschliesslich 
Wirkungen desselben. Es ist ferner für viele Thäler im höheren 
Gebirge nicht einerlei, auf welche Art das allgemeine Gefäll über 
die Länge des Thaies vertheilt ist. So wird z. B. die Fruchtbarkeit 
und Bewohnbarkeit zweier Thäler von gleichen Anfangs- und Aus- 
gangshöhen eine sehr verschiedene sein, wenn bei dem einen der 
grössere Theil seiner Fallhöhe auf den oberen, bei dem anderen 
aber auf den unteren Theil der Thallänge verlegt ist; jenes wird 
relativ kalt, dem Ackerbau unzugänglich und unbewohnt, bei 
diesem wird von all dem das Gegentheil der Fall sein. 

Im Allgemeinen haben die langen Thäler ein geringes, die 
kurzen ein starkes Gefäll. 

Bei sehr langen Thälern, wie z. B. beim Innthal von seinem 
Ursprünge bis Kufstein, bei dem der Rhone bis Lyon u. Hgl., be- 
trägt das Gefäll im Ganzen nur wenige Minuten, bei kürzeren 
Thälern erhebt es sich auf einige Grade und bei noch kürzeren 
kann es auf 16 bis 18 Grad steigen. Im höheren Gebirge ist die 
Neigung der Runse und Tobel die der Thalhänge selbst. 

Was die Vertheilung des Geftllls auf die verschiedenen Strecken 
des Längenprofils anbelangt, so erscheint dieselbe theils von der 
Länge des Thaies, theils von der Structur des Bodens abhängig, 
welcher von der Thalfurche durchschnitten ist. Lange Thäler 
haben in der Regel ein mehr gleichförmiges, kurze ein mehr ab- 
wechselndes Gefäll. Doch kommen nicht selten Ausnahmen vor. 
So hat der Rhein seinen Fall bei Schaffhausen und seine Strom- 
schnellen bei Laufenburg, Rheinfelden und Bingen, die Donau hat 
ihre Stromschnellen bei Grein und innerhalb ihres letzten Durch- 
bruchs zwischen Basiasch und Gladowa, der Dnjepr seine 13 Porogi 
bei Jekaterinoslaw, der Nil, der Orinoco, der Amazonenstrom haben 
ihre Katarakte, Raudales und Pongos, was alles ebenfalls nur Strom- 



Von den hohlen Formen des Bodens. 129 

schnellen bedeutet. Immer aber finden, derlei rasche oder plötzliche 
Steigerungen des Thalgefälles dort statt, wo das Thal einen quer 
vorliegenden Gebirgswall durchbrochen und der Fluss noch nicht 
hinreichend Zeit gehabt hat, die Sohle des Thaies auszuebnen. 
Dafür haben, unter vielen anderen Querthälern, das Langtauferer- 
und Pitzthal, das Stubay-, Ziller-, Gurk- und Lavantthal, durchaus 
Thäler von relativ geringer Länge, ein auffallend gleichförmiges 
Gefälle. 

Bei allen Thälern, seien sie lang oder kurz und sei die Structur 
des Gebirges in Beziehung auf die Thalrichtung wie sie wolle, ist 
das Gefälle in der Nähe des Hintergehänges am grössten. Hier 
wo die Fallthätigkeit des Wassers beginnt und die Ansammlung 
desselben auf der Thalsohle am geringsten , ist sein erodirender 
Einfluss auf diese letztere am schwächsten. Weiter abwärts hängt 
ihre Gestaltung wesentlich von der Streichungsrichtung der Gestein- 
schichten ab. Fällt diese Richtung mit der der Thalsohle zusammen, 
so wird diese im Allgemeinen einer und derselben Schichte oder 
wenigstens einem und demselben Formationsglied e folgen; die 
Erosionswirkung wird demnach überall dieselbe und das ThalgeföU 
ein gleichförmiges sein. 

87. Thalterrasseil, Thalstufen. Wird jedoch die Thalrichtung von 
den Structurflächen des Gebirges schief oder senkrecht geschnitten, so 
muss die Thalsohle fortwährend auf andere Gesteinschichten übergehen, 
die, durch ihren ungleichen Widerstand gegen die Erosion, hier eine 
langsame, dort eine raschere Ausnagung des Thaies bedingen und 
dadurch eine ungleichförmige und, bei grossen Unterschieden in der 
Gesteinsfestigkeit, oft sogar eine sprungweise Vertheilung des Thal- 
gefälles herbeiführen werden. 

Es sei in dem nebenstehenden Längendurchschnitte eines 
Thaies, mn die Thalsohle, a, a* und a" seien Schichten, die 
das Thal quer durchsetzen p. ^^ 

und der Erosion nur wenig 
widerstehen, h, 6' seien je- ^^ 
doch Schichten , die aus ^ 
festen, von der Erosion \\\\ 

weit weniger angreifbaren ;, \ \\\;,\^ \\\\T\\\ WA\ \V'^^ ' Wv\ WUWV^ 

Gesteinen (Quarz, Serpentin, 

quarz- und hornblendreicher 

Gneiss, Talk und dergleichen) bestehen, so werden diese letzteren 

Straten, offenbar die Ausnagung der oberhalb gelegenen Thalstrecken 

So n klar, Allg. Orographie. ^ 





130 Oroplastischer Theil. 

bis auf das Niveau ihrer Schichtenköpfe (in c und d) von Seiten des 
Baches zulassen, jede fernere Erosion aber verhindern, diese jedoch 
in den unterhalb gelegenen Theil en der Thalsohle nicht verwehren 
können. Dadurch entsteht jene stufenförmige Ausbildung der 
Thäler, die im höheren Gebirge bei den später zu erwähnenden 
Querthälern, wenn sie von den Structurflächen des Gebirges auf 
die angegebene Weise gekreuzt sind, eine gewöhnliche ist und die 
landschaftliche Schönheit derselben nicht wenig fördert. Es ist 
begreiflich, dass die Stufen bei c und d von den Bächen oder Flüssen 
nur in Wasserfällen übersetzt werden, und dass die weitere Austie- 
fung der Thalsohle von der Erosion jener Schichtenköpfe abhängt. 

Wir nennen die durch die erwähnten rapiden Senkungen der 
Thalsohle unterbrochenen, schwachgeneigten und oft auch horizon- 
talen Thal strecken mc, ed und fn Thalterrassen, die Senkungen 
ce und d/* Thal stufen oder Thalabsätze. Die Sohle der Thal- 
terrasse kann breit oder schmal, die Thalstufe gegen den Horizont 
mehr oder weniger geneigt sein; ist diese Neigung gross, so wird 
ein Wasserfall, ist sie gering, so wird ein Katarakt oder eine Strom- 
schnelle entstehen. 

Die Alpen liefern in ihren Querthälern ausgezeichnete Beispiele 
von Stufenbildungen. So macht das Aarthal oberhalb Mey ringen 
jene Stufe, die durch den Handeckfall bezeichnet ist. In den Ost- 
Alpen erleidet z. B. das Pfitscherthal bei Afens einen Sturz, durch 
welchen die obere Thalterrasse von Kemathen auf ein mindestens 
1200 Fuss tieferes Niveau herabsinkt. So ist ferner das nahe an 
6 Meilen lange Gasteinerthal durch vier meist mit prachtvollen 
Wasserfällen ausgestattete Thalstufen in eben so viele Terrassen 
getheilt; zu jenen gehören die berühmten Cascaden von Gastein 
630 und von Lend 200 Fuss hoch, zu diesen die bereits erwähnte, 
mit 18 Ortschaften geschmückte Thalterrasse von Hofgastein. Noch 
ausgezeichneter durch Höhe und Steilheit ist die Stufe des Krimmler 
Achenthaies bei Krimml, die den Fluss zu dem berühmten, über 
1600 Fuss hohen Wasserfalle nöthigt. Gleichartige, ebenso scharf 
markirte Terrassen weisen dasKapruner-, Stubach-, Gerlos-, Pasterzen- 
thal (oberster Theil des Möllthales) u. a. auf. — In anderen höheren 
Gebirgen ist die Stufenbildung grosser Querthäler in noch viel be- 
deutenderem Maasse entwickelt. So spricht Freshfield von einem 
4000 Fuss tiefen Gletschersturze auf der Südseite des Kaukasus*). 

*-) „Joumey in the Caucasus and Ascent of Kasbek and Elbruz'*, von 
D. W. Freshfield. „Journal of the R. Geogr. Soc. of London", Band 39, pag. öO. 



Von den hohlen Formen des Bodens. 131 

88. Länge der Tlläler. Was endlich die Thal länge anbelangt, 
so ist auch diese selbstverständlich ungemein verschieden. Bei 
grossen, stark verlängerten Gebirgszonen, werden diejenigen Thäler, 
welche parallel mit der Längenaxe derselben streichen oft eine sehr 
grosse, die querlaufenden hingegen eine verhältnissmässig geringe 
Länge erreichen. Bei kleineren Gebirgen werden natürlich alle 
Thäler kurz ausfallen. Die längsten Thäler auf Erden scheinen 
folgende zu sein: 

das Thal des Yang-tse ungefähr 400 geogr. Meilen lang 

„ 7, ' Hoang-ho „ 350 „ „ „ 

^ „ „ Brahmaputra „ 300 „ „ „ 

V « 77 Salugn „ 200 „ „ „ 

77 77 77 I^duS „ 150 „ „ „ 

77 77 77 Rio grande „ 150 „ „ „ 

Das längste Thal in Europa ist wol das Rhonethal, bis 
zu seinem Austritte in die Ebene von Lyon 50 Meilen lang; hier- 
auf folgen: 

das Drauthal bis Warasdin 45, 
„ Innthal „ Rosenheim 40, 
„ Savethal „ Agram 30 und 

„ Rheinthal „ Bregenz 25 geogr. Meilen. 
Hier sind überall die eigentlichen Thäler, nicht aber die Strom - 
thäler oder Strombecken verstanden. 

89. Eintlieiluiig der Thäler, Haupt- und Nebenthal. Die Thäler 
werden auf verschiedene Weise eingetheilt. 

Durch die Bezeichnung Haupt- und Nebenthal drückt 
man, wie etwa bei Haupt- und Nebenfluss, das Verhältniss der 
Ueber- und Unterordnung aus. Das Hauptthal wird das grössere, 
längere, oder unter sonst gleichen Umständen, dasjenige sein, welches, 
an der Vereinigungstelle mit dem Nebenthaie, seine bisherige Rich- 
tung entweder gar nicht oder um ein Geringeres als dieses ändert. 
Das Nebenthal wird demnach eben so wie der Nebenfluss seinen 
Namen verlieren. Da das Hauptthal, wie gesagt, das längere ist, 
so wird es gewöhnlich auch das dem Volumen nach bedeutendere 
Gewässer führen und ein geringeres Gefäll besitzen als das 
Nebenthal. 

Aus dem angegebenen Grunde kann irgend ein Thal als 
Nebenthal eines grösseren und zugleich als Hauptthal für ein noch 
kleineres angesehen werden. "So ist z. B. das Lauterbrunnerthal ein 
Nebenthal des Aarthals und zugleich das Hauptthal für das Grindel- 



132 Oroplastischer Theil. 

waldthal; eben so ist in Tirol das Iselthal ein Nebenthal des 
Drauthals, dagegen das Haupthai für das Defereggenthal, dieses 
aber wieder das Hauptthal für das Grünalpen- und das Troyerthal 
so wie für alle anderen kleinen Thäler, die in dasselbe ausmünden. 

In manchen Fällen hat jedoch der Gebrauch unrichtig ent- 
schieden, und für das vereinigte Thal den Namen des kleineren, 
weniger bedeutenden oder von der Seite einfallenden Thaies bei- 
behalten. Dies ist insbesondere dort geschehen, wo sich die Thal- 
sohle mit scheinbar grösserer Evidenz, von der Vereinigungsstelle 
hinweg, in das Nebenthal hinein fortsetzt. So behält z. B. die Isel 
ihren Nanaen oberhalb des Thalzwiesels bei Windisch-Matrei nicht 
nach der Richtung des Tauern-, sondern nach der des Virgenthaies 
bei, und eben so verändert sich der Name des Thaies unrichtig 
oberhalb der Breitlahnerhütte im Zemmthale (Zillerthaler- Alpen). In 
anderen Fällen aber hat der Instinct des Volkes in merkwürdiger 
Weise das Richtige getroffen, wie z. B. bei Gossensass mit dem 
vom Brenner herabkommenden Eisackthale, bei Wald im obersten 
Salzathale, wo die grössere Wassermasse und Länge des Krimmler- 
Achenthales, über die geradlinige Fortsetzung des ersteren gegen 
Ronach und das Verharren desselben auf tieferem Niveau, den Sieg 
nicht davontragen konnte u. s. f. 

90. Es kommen jedoch nicht eben selten Beispiele vor, wo 
zwei sich vereinigende Thäler, in Richtung und Länge, in Breite, 
Gefäll und Wassermenge eine solche Aequivalenz an den Tag legen, 
dass es unmöglich ist zu entscheiden, welches dieser beiden Thäler 
als Haupt- und welches als Nebenthal anzusehen sei. Es blieb da 
wol nichts anderes übrig, als das aus der Vereinigung entstandene 
neue Thal mit einem besonderen Namen zu belegen. So entstand 
aus dem Werra- und Fuldathale das Weserthal, aus dem Brege- 
und Brigachthale das Donauthal , aus dem Fender- und Gurglerthale 
das Oetzthal, aus dem Rofner- und Spiegelthale das Fenderthal, 
aus dem Mittelb erger- ^ Rappenalpen- und Trettachthale das lUer- 
thal, aus dem Zillergrund, Stillup-, Zemm- und Tuxerthale das 
Zillerthal, aus dem Nikolai- und Saaserthal das Vispthal u. a. m. 
Nach dem Vorgange bei Flüssen kann man die erwähnten, gleich- 
werthigen oberen Arme eines Thaies Qu eil thäler oder Ur- 
sprungsthäler nennen. Die Theilung eines grösseren Thaies 
nach oben in zwei äquivalente Arme, und insbesondere den Ort, wo 
dies geschieht, pflegt man als Thalzwiesel zu bezeichnen. 

Das Wort Seitenthal bleibt identisch mit Nebenthal, wenn 



Von den hohlen Formen des Bodens. 133 

es von minderer Bedeutung ist und dem Hauptthal entschieden zur 
Seite liegt. 

Es ist übrigens ein technisches Bedürfniss, den Sinn von 
Haupt- und Nebenthal auf die angegebene Weise zu beschränken. 
Es würde wenig nützen, die Bedeutung dieser Worte etwa auf 
geologische oder andere orographische Merkmale ausdehnen zu 
wollen; man wäre dann genöthigt. das durch jene Worte ausgedrückte 
einfache Verhältniss der Ueber- und Unterordnung durch eine un- 
bequeme Umschreibung zu ersetzen. 

91. Längen-, Quer- und Diagonalthäler ; Längen- und Qnersättel. 

Eine zweite wichtigere Eintheilung der Thäler ist die in Längen-, 
Quer- und Diagonalthäl er. 

Unter Längenthälern werden jene Einschnitte in das Ge- 
birge verstanden, welche mit der longitudinalen Axe desselben 
parallel laufen. Sie kommen in grossen kristallinischen Eruptiv- 
massen so gut als in ausgedehnten zusammengesetzten Gebirgen 
dort vor, wo die transversale Gliederung in die parallele übergeht ; 
in Kettenzonen sind sie selbstverständlich die herrschende Thalform. 
Geologisch genommen sind sie theils longitudinale Einrisse in ein 
langgestrecktes Erhebungsgebiet massiger oder geschichteter Gesteine 
und dabei oft Linien grossartiger Verwerfungen, theils sind sie 
sogenannte Faltungsthäler, hervorgegangen aus der Action eines 
mächtigen Seitendruckes, der eine weite Zone in ein System von 
Falten, die auf die Richtung des Druckes senkrecht stehen, zusammen- 
geschoben hat. 

Aus der Lage der Längenthäler folgt, dass ihre Geftllle in der 
Regel keine grossen sind. Sehr oft liegen zwei oder mehrere 
Längenthäler in einer und derselben geraden Linie, so dass auf 
den Karten, das eine als die Fortsetzung des anderen erscheint. 
Kommen sie sich dabei mit ihren Ursprüngen, oder sonst wie, sehr 
nahe, so sind sie in der Regel durch tiefe Sättel, welche man 
Längen Sättel nennt, verbunden. So streichen in der Schweiz das 
Rhone-, Urseren- und Rheinthal von Martigny bis Chur in einer 
fast schnurgeraden Linie, und sind unter sich durch die relativ 
niedrigen Sättel des Furka- und des Oberalppasses verbunden; das- 
selbe ist mit dem Bergellthale und dem Engadin der Fall, welche 
beiden Längenthäler durch den nur 5700 F. hohen Malojasattel in 
Verbindung stehen. In den Ostalpen bilden ebenso das Gerlos-, 
Salza- und Ennsthal eine gerade Linie, in welcher der Gerlossattel 
(4400 F.) und der Wagrainersattel (circa 4000 F.) die Communica- 



134 Oroplastischer Theil. 

tionen zwischen diesen Thälem vermitteln. Der tiefste dieser alpinen 
Längensättel aber ist das Toblacherfeld, 3700 P. F. hoch; er ver- 
bindet das Drau- mit dem Rienzthal und liegt kaum 100 F. über 
den Ursprüngen dieser beiden Längenthäler. — In den grossen 
Gebirgen Asiens und Amerikas erreichen die Thäler dieser Gattung 
oft eine ausserordentliche Entwicklung. Das längste einigermaassen 
bekannte Längenthal ist das des Yaru-dsang oder Brahmaputra ; bis 
zu seinem Durchbruche durch den Himalaya hat es eine Länge von 
nahe an 200 Meilen; hierauf folgen ungefähr: das des Magdalenen- 
flusses in Süd-Amerika mit 125, des oberen Indus, des Rio grande 
und des Tunguragua (oberer Maranon) mit 120, des Kur mit 80, 
des Tenessee mit 60, des oberen Orangeflusses mit 50, des Setledsch 
mit 40 geogr. Meilen Länge u. a. m. 

Es gibt aber auch kurze und sogar relativ sehr kurze Längen- 
thäler, die wegen ihrer Richtung unbedingt als solche anerkannt 
werden müssen, wie dies z. B. bei dem Urseren-, dem Bergell-, dem 
Gerlosthal u. a. der Fall ist. Von solchen Exemplaren wird natür- 
lich gefordert werden, dass sie die Merkmale ihrer Gattung in hervor- 
ragender Weise an sich tragen, wie z. B. eine Lage dicht an der 
longitudinalen Axe, ein Durchbruch durch einen Querkamm u. dgl. 
— Dass zu den Längenthälern nicht auch die kurzen, in die Neben- 
ketten eingeschnittenen und deshalb mit der longitudinalen Axe 
ebenfalls parallel laufenden Seitenthäler gerechnet werden dürfen 
ist wol an sich klar, da ihre Beziehung zu dem Kamme dem sie 
angehören klar genug vorliegt. Zu den Kriterien eines Längenthaies 
gehört übrigens noch die Art seiner Entstehung, die eine andere ist 
als jene der kurzen Seitenthäler. 

Querthäler nennt man jene grossen Thal einschnitte, welche 
auf die mehrgenannte Axe des Gebirges senkrecht stehen. Sie 
sind demnach mit der transversalen Gliederung nothwendig ver- 
bunden, und werden hier so oft angetroffen, als es transversale 
Nebenkämme gibt. Sie haben ihren Ursprung am wasserscheidenden 
Hauptkamme, sind über diesen hinüber gewöhnlich durch hohe 
Qu er Sättel mit den gleichartigen Thälern des jenseitigen Ge- 
hänges verbunden, haben wegen der Höhe ihres Ursprungs und ihrer 
relativ geringen Länge ein starkes Gefäll, und fallen senkrecht oder 
unter grossen Winkeln in die Längenthäler ein. 

Sie kommen aber auch in den sogenannten Kettenzonen und 
in den parallel gegliederten Theilen von Massengebirgen an jenen 
Orten vor, wo die Parallelketten von der Hebung quer durchrissen 



Von den hohlen Formen dew Bodens. 1 35 

worden sind. Diese Stellen werden von den im Innern des Ge- 
birges entspringenden Gewässern als Abflusswege benützt. Hierher 
gehören unter unzähligen anderen: das Rheinthal zwischen Chur 
und Bodensee, das Reussthal abwärts von Andermatt, das Innthal 
zwischen Kufstein und Rosenheim, das Thal der Kitzbüchler-Achen, 
das Thal der Saal oder Saalach, das Salzathal abwärts von St.- 
Johann, das Ennsthal zwischen Hieflau und Stadt Steyer, ferner die 
vielen Querthäler im Jura, hier Combes genannt, bei Montier, Biel, 
Chaux de Fonds, Locle, Valenzin, Orbe u. s. f. 

92. Kleinere Querthäler, die zwar senkrecht in die Längen- 
thäler ausmünden, jedoch nicht am inneren Hauptkamme, sondern 
in der Gabel eines sich theilenden Nebenkammes entspringen, 
werden wir Querthäler der 2. Ordnung nennen, zum Unter- 
schiede von den früher beschriebenen, die wir als Querthäler 
der 1. Ordnung ansehen. Das Oetzthal, Zillerthal, Fuscher-, 
Rauris- und Gasteinerthal sind Querthäler der 1., das Schlandernaun- 
und Zielthal in der Oetzthaler Gruppe, das Wolfsbach- und Mühl- 
bachthal im Pinzgau sind Querthäler der 2. Ordnung. Zu letzteren 
müssen auch die am Hauptkamme entspringenden und nach kurzem 
Verlaufe in die grossen Querthäler einfallenden, kleineren gerechnet 
werden. — Vereinigen sich zwei grössere Querthäler vor ihrer 
Mündung in das Längenthal, so wird nach Umständen auch das 
kleinere von beiden als Querthal 1. Ordnung angesehen werden 
können; so ist z. B. das Kalserthal eben so gut ein Querthal 
1. Ordnung als das Iselthal, und das Gurglerthal eben so gut ein 
solches als das Fenderthal. Alle anderen kleineren, auf Neben- 
kämmen entspringenden und in die Querthäler der 1. und 2. Ordnung 
austretenden Seitenthäler, lassen sich, wenn nöthig, als Querthäler 
der 3. Ordnung classificiren. 

Es versteht sich übrigens von selbst, dass auch bei parallel 
gegliederten Gebirgen, u. z. innerhalb breit hingelagerter Massen, 
Querthäler aller drei Ordnungen vorkommen können. Die oben 
erwähnten, eine oder mehrere Parallelketten quer durchsetzenden 
und von den Gewässern als Abflusscanäle benützten Spalten werden 
Durch bruchthäl er genannt. 

Als Diagonalthäler endlich werden wir diejenigen Quer- 
thäler auffassen, welche mit der longitudinalen Axe des Gebirges 
einen sehr schiefen Winkel einschliessen. Dies ist z. B. mit dem 
Thale der Enz im Schwarzwalde, mit dfem Gierthale bei St. Etienne 
in Frankreich, mit dem Fleimserthale in Tirol, dem Thale von 



136 OroplastUcher Theil. 

Sfitterndorf zwischen Aussee und der Enns, dem Eisenerzer- und 
Vordernberger-Thale bei Leoben, dem Canalthale zwischen Tarvis 
und Pontafel und vielen anderen der Fall. Greift dabei der Sattel 
sehr tief in das Gebirgsmassiv ein, so entsteht ein doppel- 
seitiges Diagonalthal, wie z. B. bei dem Liesing-Paltenthale 
zwischen Enns und Mur bei Rottenmann, wo der höchste Punkt 
zwischen den beiden Abdachungen des Thaies (bei Wald) mit freiem 
Auge nicht zu erkennen ist; auch das oben genannte Canalthal ge- 
hört hierher. 

Man kann schliesslich durch divergente und durch Radial- 
thäler das, bei der gleichnamigen Gliederungsform des Gebirges 
dem Streichen der Kämme , conforme Verhältniss in der Lage der 
Thal er gegen einander bezeichnen. 

93. Doppelseitige Querthäler. Unter den Querthälern gibt es 
einige wenige, bei denen der Sattel am Thalursprunge so tief in den 
Gebirgskörper einschneidet, dass der Einschnitt selbst auf der Höhe 
des Passes den Charakter eines Thaies nicht verliert und sich 
demnach beinahe unverändert — mit Ausnahme des grösseren 
Gefälles — von der einen Seite des Gebirges auf die andere fort- 
zusetzen scheint. Diesem Verhältnisse hat das Volk hie und da 
dadurch Rechnung getragen, dass es beide Thäler dies- und jenseits 
des Sattels mit einem und demselben Namen belegt hat. So heissen 
das Sillthal nördlich und das Eisackthal südlich des Brenner bis 
Brixen zusammen das Wippthal. Dasselbe ist auch bei einigen 
Längenthälem geschehen, wie z. B. bei dem Drau- und dem Rienz- 
thal , welche zusammen das Pusterthal genannt werden ; bei dem 
Thale von Judicarien, das von Bondo weg einerseits nach Tione 
gegen die Sarca und andererseits nach Condino gegen die Chiese 
abdacht u. a. — Querthäler der beschriebenen Art wollen wir als 
doppelseitige Qu erthä 1er bezeichnen. Andere Beispiele solcher 
Thäler, neben dem oben genannten Wippthale, sind: das Quer- 
thal von Nauders, jenes am Seeberge bei Seewiesen u. a. m. Da 
f^,st alle Querthäler in Wirklichkeit doppelseitig sind, d. h. am 
jenseitigen Gehänge ein correspondirendes Querthal finden, so bleibt 
der vorgeschlagene Name nur für jene Fälle reservirt, bei denen 
der Sattel die angegebenen Eigenschaften besitzt. 

94. Verlauf der TMler. Wenn wir bei der hier vorgeführten 
Analyse der Thäler, die letzteren in Längen-, Quer- und Diagonal- 
thäler eintheilten, dabei aber Theile des Rhein-, Inn-, Salza- und 
Ennsthales als Längen-, und andere Theile derselben Thäler als 



Von den hohlen Formen des Bodens. 137 

Querthäler zu qualificiren genöthigt waren, so liegt darin weder ein 
Versehen, noch eine Unmöglichkeit ausgesprochen, sondern es offen- 
bart sich dadurch die einfache Thatsache, dass die Flussläufe, denen 
der Name der Thäler zu folgen pflegt, sich nicht immer durchweg 
blos an ein Längenthal oder blos an ein Querthal halten, sondern 
dass sie, oft unter wiederholtem Wechsel, z. B. in einem Längen- 
thaie anheben, in diesem eine Weile lang verbleiben, sich dann mit 
einer mehr oder minder scharfen Wendung in ein Querthal werfen, 
um später vielleicht wieder in ein Längen thal überzugehen. Dies 
mag uns zeigen, dass das Furchensystem des Gebirges, aus welchem 
sich später das Thalnetz entwickelte, durch andere Kräfte und Vor- 
gänge vorgezeichnet wurde als durch die Erosion allein, und dass 
das Wasser zur Herstellung seiner Abflusswege abwechselnd jene 
Lang- und Querfurchen benützte, die seiner Fallthätigkeit den ge- 
ringsten Widerstand darboten. So sehen wir z. B. das Thal der 
Salza am Salzachkopf als Qu er thal beginnen, sich bei Ronach in 
ein über 11 Meilen langes Längenthal verwandeln, um zuletzt 
bei Set. Johann, mit einem scharfen Umbuge, als ein enges, von 
steilen Wänden und grotesken Felsbildungen umschlossenes Quer- 
thal sich gegen Norden zu wenden und die den centralen Urschiefern 
angelagerten, hochaufgethürmten Gebilde der Uebergangs-, Trias- 
und Juraformation zu durchbrechen. Aehnliche Verhältnisse zeigen 
alle anderen vorgenannten, und noch sehr viele hier nicht genannten 
Thäler in allen grösseren und kleineren Gebirgen. 

95. Grebirgsdurclibrüolie*). In vielen Gebirgen, insbesondere aber 
in den aus Kalk zusammengesetzten, kommen nicht selten Kamm- 
einschnitte vor, die mehr oder minder weit unter das einem Kamm- 
sattel noch zukommende Niveau in den Gebirgskörper eingreifen, 
oder diesen oft wol auch ganz, d.h. bis auf die Tiefe des nebenan 
liegenden Thaies durchschneiden, und dann von den im Innern des 
Gebirges entspringenden Gewässern dazu benützt werden, um nach 
Umständen in ein mehr nach Aussen liegendes Längenthal oder in 
das Flachland heraus zu treten. Derlei Einschnitte werden Ge- 
birgsdur chbrüche genannt. 

Jene Durchbrüche die bis auf das Niveau des Gewässers her- 
abreichen, die also die vollkommensten sind und von den Flüssen 
und Bächen als Abflusswege verwendet werden, nennen wir die 



*) Siehe hierüber „Einige Gebirgsdurchbrüche in den Südalpen**, von Carl 
von Sonklar, in Amthor's „Alpenfreund", IV. Bd., pag. 1, 



138 Oroplastischer Theil. 

totalen Gebirgsdurchbrüche. Dazu gehören z. B. das Reuss- 
thal zwischen Andermatt und Brunnen, das Rheinthal zwischen Chur 
und Lindau, der Inndurchbruch bei Kufstein, der Durchbruch der 
Kitzbüchler-Achen bei Kössen, der Salzadurchbruch bei Werfen, 
die Durchbrüche der Enns bei Altenmarkt, der Mur bei Brück, der 
Elbe bei Bodenbach, der Popper durch die Tatra, der Aluta beim 
Rothenthurmer Pass u. s. f. 

„An diese totalen Durchbrüche schliesst sich eine Classe von 
Einschnitten an, die zwar das Gebirgsmassiv nicht bis auf seine 
Basis hinab durchschneiden, und desshalb von den Flüssen auch 
nicht als Abflussöffnungen benüzt werden können, die sich jedoch 
der hierzu erforderlichen Tiefe so weit nähern, dass sie den Cha- 
rakter von Kammsätteln gänzlich verlieren, die höchste wasser- 
scheidende Stelle mit freiem Auge kaum mehr erkennen lassen, 
und nach beiden Seiten hin mit so sanfter Neigung abfallen, dass 
sie den Anblick eines gleichartig fortsetzenden Thaies gewähren. 
Diese Art von Durchbrtichen, für welche ich den Namen sub- 
totale Gebirgsdurchbrüche vorschlage, sind nicht sehr häufig, 
kommen jedoch hie und da vollkommen in der geschilderten Weise vor. 
Hierher gehören das Diagonalthal der Liesing-Palten in Steyermark, 
der Durchbruch bei Zell am See im Salzburgischen, von Vigolo 
zwischen dem Caldonazzosee und Matarello an der Etsch, u. a. *). 

„Eine dritte Classe von Durchbrüchen endlich, welche ich als 
geblendete Gebirgsdurchbrüche bezeichnen will, umschliesst 
solche tief eingreifende Gebirgslücken, die zwar, gleich den beiden 
vorigen Classen, die Gebirgskämme quer durchsetzen und dabei so 
tief in den Körper derselben einschneiden, dass an den Durch- 
bruchstellen eine evidente Unterbrechung des Kammes hervortritt 
und dieser dadurch in zwei Kammstrecken zerlegt wird — bei 



*) In diese Classe von Durchbrüchen gehört ohne Zweifel der erst vor 
wenigen Jahren von Dr. Julius Haast in den neuseeländischen Alpen (Südinsel) 
entdeckte Haast-Pass. Dieser merkwürdige Einschnitt, der vielleicht seines Gleichen 
in der Welt nicht hat, durchbricht eine Gebirgskette, deren mittlere Höhe 10000 
bis 11000' beträgt, während er selbst nur die absolute Höhe von 1612 E. F. hat. 
„There is properly speaking no saddle over which a traveller has to go, being only 
obliged to cross from one watercourse to another, ascending a bank of about 
15 feet of loose shingle, thrown across the rent, and arriving on a flat of very 
small slope, covered with open forest, which in half a mile brings him to a 
small watercourse flowing north." Notes on the Mountains and Glaciers of the 
Canterbury Province of New-Zealand, von Dr. Jul. Haast in den „Journals of the 
R. Gg. Soc. of Loudon»*, 34, 87. 



Von den hohlen Formen des Bodens. 139 

denen aber der beide Strecken verbindende Rest des Gebirgskörpers 
einige, wenn auch relativ unbedeutende, Höhe besitzt, um als ver- 
bindendes Glied noch klar erkannt zu werden". Derlei Durchbrüche 
sind in den Alpen nicht selten und wir rechnen dazu : den Fern- 
pass bei Imst, den Seefelder-Sattel bei Zirl, das Achenthai bei 
Jenbach, den Hirschbtihel und den Hallthurmpass bei Berchtes- 
gaden, den Pass Pyhrn bei Lietzen, den Obdacher- und den Neu- 
markter Sattel bei Judenburg, den Durchbruch durch die Gailthaler- 
Alpen bei Weissbriach, jenen der Mesurina bei Höhlenstein, von 
Campolungo bei Araba, bei Mis östlich von Primiero, der Val Am- 
pola bei Storo, bei Nago unfern Riva u. s. f. 

96. Charakteristik der Langenthäler. Die wesentlichen Merk- 
male der grösseren Langenthäler sind: das geringere Gefäll und 
die im ganzen grössere Breite, so wie die Zerschnittenheit oder 
Lückenhaftigkeit der Thalhänge 

Da die Langenthäler mehr in der Tiefe und abseits der Haupt- 
kämme ihren Anfang nehmen, so muss wol ihre totale Fallhöhe 
und, bei ansehnlicher Thallänge, auch ihr Gefäll, verglichen mit 
jenem der Querthäler, unbedeutend sein. So beträgt z. B. beim 
Rhonethale, die Höhe des Thalursprungs am Fusse des Rhone- 
gletschers 5500 und das des Endes bei der Mündung in den Gen- 
fersee 1150, die Fallhöhe demnach 4350 und, bei einer Thallänge 
von 615700 F., das mittlere Thalgefäll nur O^^ 24'. Ebenso steht das 
mittlere Gefäll beim Innthale zwischen dem Silsersee und Kufstein 
auf 0(j 19', beim Salzathale zwischen Wald und Set. Johann auf 
Oq 14' und beim Drauthale zwischen dem Toblacherfelde und Spittal 
auf Oo 19'. 

Diese geringen Fallwinkel haben nicht blos die Mässigung 
der Erosionsthätigkeit des Wassers im Thale selbst, sondern auch 
die Ablagerung der aus den Seitenthälern herabgeführten Geschiebe 
zur Folge. Diese Geschiebe werden von den Flüssen bei Hoch- 
wässern theilweise fortgetragen und zur Auffüllung und Ausebnung 
der Thalsohle verwendet. Desshalb sind die Langenthäler in der 
Regel mehr oder minder breit und die kleinen Thalebenen oft mit 
fruchtbaren Alluvionen bedeckt. So sehen wir das Rhonethal schon 
von Brieg angefangen eine flache Sohle gewinnen, die sich nach 
und nach immer mehr ausbreitet und abwärts von Sitten ein 
Quermaass von 2500 F. erreiclit. Dieselbe Bewandtniss hat es 
mit dem Innthale, das zwischen Ried und Prutz eine ebene Thal- 
sohle von circa 1500, bei Innsbruck von 3000 und abwärts dieser 



140 Oroplastischer Theil. 

Stadt im Mittel von 2400 F. Breite besitzt. Bezüglich des Drauthals 
erinnern wir an die bereits erwähnten schönen Becken und Thal- 
Ebenen von Lienz, Villach und Klagenfurt. Bei ihrer Fruchtbarkeit 
und relativ tiefen, warmen Lage, sind desshalb die Längenthäler 
reich bevölkert und gewöhnlich in rascher Folge mit einer grossen 
Zahl blühender Städte, Märkte, Dörfer und Gehöfte bedeckt. 

Eben desselben geringen Gefälles wegen sind die Längen- 
thäler aber auch die Heimath jener Schlammströme und Schutt- 
kegel, die aus den steil abfallenden kleinen Seitenthälern hervor- 
brechen und ihre Trümmermassen verwüstend über ihre Sohlen 
ausbreiten. Diese Schuttkegel gehören in der That zu den charak- 
teristischen Zügen in den Landschaftsbildern aller grossen Längen- 
thäler des Hochgebirges. Ihre Spitzen ragen oft bis zu 1000 F. 
relativer Höhe an den Thalwänden hinauf, haben nicht selten einen 
Durchmesser von einer halben Stunde, greifen zuweilen wenn sie 
nahe beisammen liegen in einander, sind recht wol im Stande in der 
Tiefe den Durchblick durch das Thal zu beschränken und die 
plastische Anlage desselben zu verhüllen — eine Störung, die 
erst der Anblick des Thaies von einem erhöhten Punkte wieder 
ftlr das Auge beseitigt. 

Die auffallendste Eigenthümlichkeit der Längenthäler aber 
ist die Unterbrechung ihrer Thalwände durch die zahlreich aus- 
tretenden Querthäler, was besonders deutlich in kristallinischen 
Gebirgen mit vorherrschend transversaler Gliederung hervortritt. 
Hier bestehen nämlich die Thalseiten nicht aus den geschlossenen 
Gehängen zweier Gebirgskämme, die beiderseits in stetiger, zu- 
sammenhängender Flucht das Thal einschliessen, sondern sie sind 
aus den, in ihrer Höhe bereits herabgeminderten Enden von Neben- 
kämmen gebildet, die sich von der Tiefe des Thaies angesehen, 
nur wie einzelne Berge darstellen, zwischen denen die Mündungen 
der Querthäler liegen. Aus diesen Mündungen aber blicken nicht 
selten die mit der Entfernung an Höhe und Wildheit wachsenden 
Felshörner und leuchten die Schneefelder, Eiszinnen und Gletscher 
des Hauptkammes und seiner Umgebungen herüber, was begreiflich 
die landschaftliche Wirkung des Längenthaies in hohem Maasse 
steigert, wenn auch das Gehänge des letzteren, seiner Zerstückelung 
wegen oft den Ausdruck der Zerfahrenheit trägt. 

Noch reicher an abwechselnden Gestaltungen wird das Längen- 
thal, wenn es an der Grenze zweier Formationen liegt, und in 
Folge dessen auf der einen Seite z. B. die transversale, auf der 




Von den hohlen Formen des Bodens. 14 1 

anderen die parallele Gliederungsform des Gebirges vorwaltet — 
ein Fall, der bei grossen Längenthälern nicht eben selten ist. So 
wird z. B. das Innthal von Landeck angefangen, südlich von den 
Querketten des Urgebirges mit ihren hohen, in ruhigem Fluss hin- 
ziehenden Kuppen und Domen, im 
Norden aber von den rauhen, zerris- 



senen und wildzerscharteten Parallel- 
kämmen der triasischen und rhätischen 
Kalkgebilde umstanden. Dennoch herr- __^.^u 
sehen auch auf der letztgenannten Seite 

nicht überall die Karamformen des Querthaies vor. Bald unter- 
brechen weite und tiefe Lücken den Zusammenhang der Thal- 
wand, bald ist einer der Parallelkämme weiter entfernt als der 
andere, bald wird ihre Richtung schräge und die Enden mehrerer 
dieser Kämme erreichen nach einander das Längenthal, wie dies 
z. B. nach nebenstehender Zeichnung Fig. 48, zwischen Hall und 
Jenbach, mit vier solchen Parallelkämmen geschieht. 

Das Vorkommen von Thalkehlen ist in Längenthälern nicht 
ausgeschlossen ; doch sind sie nur in seltenen Fällen mit einer 
deutlich ausgesprochenen Stufenbildung verbunden. Die Thalstufe 
bei der Toll unfern Meran und die des Innthales im oberen En 
gadin sind Beispiele dieser Art. 

Das endliche Schicksal der meisten Längenthäler ist ihr 
Uebergang in Qaerthäler, d. i. in rauhe felsige Durchbruchspalten, 
nicht selten erfüllt mit Wasserfilllen, Katarakten und dem Getöse 
des hinab stürmenden Gewässers. 

97. Charakteristik der Querthäler. Um den specifischen Cha- 
rakter eines Querthaies besser zu erkennen, ist es zweckmässig, das- 
selbe von unten nach oben zu durchwandern. Meistens sind es 
tiefe und schluchtartige Kehlen, durch welche wir in das Thal 
eintreten, Kehlen, die sich nicht selten zu furchtbaren Schlünden 
verengen und nicht im Entferntesten ahnen lassen, welche lange 
und reichentwickelte Thalfurche wir zu beschreiten im Begriffe 
stehen. Zuweilen, wenn das Querthal rasch in das Hauptthal ab- 
setzt, ist die Mündung durch einen Wasserfall bezeichnet. Bald 
stehen wir auf der ersten oder untersten Thalterrasse; sie ist zu 
einem langen ovalen Becken erweitert, von Dörfern und Gehöften, 
Aeckem und Wiesen bedeckt und von langen, geschlossenen, theils 
waldigen, theils felsigen Gebirgskämmen umstanden. Nun folgt 
abermals eine rauhe, düstere, rasch ansteigende ThaUsÄbia^ ^'^ 



142 Oroplastischer Theil. 

Sohle ist mit Felstrümmem jeder Grösse bedeckt und der Bach 
tobt brausend und schäumend über sie hinweg. Plötzlich erhebt 
sich vor unseren Blicken eine scheinbar lothrechte, mehrere Hun- 
dert Fuss hohe Thalstufe, über die der Bach erst in einigen kleinen 
einleitenden Fällen und zuletzt mit einem gewaltigen Sprunge 
donnernd herabstürzt. In zahlreichen Windungen führt nun der 
Steig mühsam zur Höhe hinauf wo der Wasserfall beginnt und wo uns 
in kurzer Zeit die zweite Thalterrasse in ihre grüne Breitung auf- 
nimmt. Hier blickt alles viel ernster und alpenhafter. Die Berge 
zu beiden Seiten sind theils schroflfe graue Schieferwände, theils 
steil aufstrebende steinige Grastriften oder wilde Haufwerke von 
Bergschutt und Felsbrocken; immer aber sind es dieselben fest- 
gefügten Bergwände, lückenlos, höchstens hie und da von einer 
Thalrinne durchfurcht, aus der ein kleiner Bach als flatterndes 
Silberband ins Thal herabhängt; aus dem nahen Hintergrunde hebt 
sich ein schimmernder Kranz mächtiger Schneeberge empor und 
schon vermag das unbewaflfnete Auge die blauen Schrunde der 
hängenden Eismassen zu unterscheiden. Nun kommt abermals eine 
wilde Felsenenge, und wieder eine Thalstufe , und wenn wir sie 
erstiegen, umfängt uns die oberste Thalterrasse mit ihrer kalten, 
jede menschliche Nähe gleichsam abweisenden Majestät. Vor uns 
liegt auf ebenem Grunde thurmhoch die umgekehrte Muschelform 
eines langen Gletschers, und über ihr so wie rechts und links er- 
hebt sich das Gebirge in riesigen Wänden von Fels und Eis bis 
zu den Schnee wüsten der Kämme und Firnfelder. 

Dies ist in Kürze das Bild eines Querthals im Hochgebirge, 
mit seiner Folge von Becken und Engen, von Terrassen und Stufen, 
mit seinen massigen geschlossenen Gebirgsketten zu beiden Seiten 
und seinem eisigen Hintergehänge am Hauptkamme. 

Manche dieser Thäler sind auch gegliedert, d. h. sie haben 
Neben thäler; viele sind an ihrer Mündung breit geöffnet; bei einigen 
ist die Stufenbildung nur unvollkommen ausgesprochen oder sie 
beschränkt sich auf eine einzige Stufe. Im Alpen- und Mittelgebirge 
werden auch die Gletscher am Hintergehänge fehlen. Die Abwei- 
chungen von der als Archetypus aufgestellten Form sind zahlreich 
und mannigfaltig und die Natur zeigt ihre Freiheit hier wie überall. 
Dennoch werden die Gründzüge allenthalben dieselben sein. 

98. Geologisclie Eintheilung der Thäler. Ein anderes Argument 
für die Eintheilung der Thäler liegt in der Art ihrer Entstehung, 
ein Eintheilungsgrund der sich physisch dadurch rechtfertigt, dass 



Von den hohlen Formen des Bodens. 143 

Thäler die auf verschiedene Weise entstanden sind, sieh auch pla- 
stisch von einander unterscheiden. Da nun die Entstehungsart der 
Thäler, als ein Theil der Orogenesis, erst im dritten Abschnitte dieses 
Werkes eine nähere Besprechung finden kann, so ^dürfen wir an 
dies em Orte wol nur die letzten Ergebnisse der diesen Punkt be- 
treffenden Untersuchungen vorführen, und uns ihre Begründung für 
den erwähnten Abschnitt vorbehalten. Hiernach werden die Thäler 
wie folgt eingetheilt: 

1. In negative Thäler, worunter wir jene hohlen Räume ver- 
stehen, welche indirect, d. h. dadurch entstanden sind, dass 
der zwischen zwei benachbarten Hebungsgebieten liegende 
Bodentheil nicht mitgehoben wurde und auf seinem ursprüng- 
lichen tieferen Niveau liegen blieb. Solche Thäler können 
rticksichtlich ihrer Entstehung mit den Gassen einer Stadt ver- 
glichen werden, die nur durch den Aufbau der Häuser zu 
beiden Seiten entstanden sind. Als negative Thäler werden 
demnach alle grösseren Stromthäler und überhaupt jene Hohl- 
räume anzusehen sein, die nachweisbar inmitten zwischen 
zwei getrennten Erhebungsmassen liegen, wie z. B. das Ober- 
rheinthal zwischen Basel und Mainz welches zwischen den, ihrem 
Ursprünge nach verschiedenen, Erhebungsgebieten der Vogesen, 
und des Schwarzwaldes liegt. Vielleicht kann diese Entste- 
hungsart sogar für manche Thäler innerhalb eines und des- 
selben Gebirges angenommen werden. 

2. Einsturzthäler; von ihnen ist oben bei den Circusthälern 
bereits die Rede gewesen; sie sind durch den Einsturz ge- 
hobener Massen auf verschiedene Weise zu Stande gekommen. 

3. Spaltenthäler, hervorgegangen aus der Aufsprengung des 
BodcQS gelegenheitlich seiner Erhebung; bald radienförraig, bald 
in zwei rechtwinklig sich kreuzenden Richtungen angeordnet, 
daher ohne bestimmte Beziehung zur Gebirgsstructur und diese 
unter allen möglichen Winkeln durchschneidend; später durch 
die Erosion in die Formen der Gegenwart ausgebildet. 

4. Verwerfungsthäler, eigentlich Spaltenthäler, wobei die 
zwischen zwei Spalten gelegenen Bodentheile, in Folge Seiten- 
drucks, eine Drehung um ihre Langaxe erlitten haben. 

5. Falten- oder Sattelthäler: Wirkungen mächtigen Seiten- 
drucks, durch welchen das Land in weitem Umfange in Falten 
geworfen wurde, die durch Längen thäler getrennt sind. Diese 
Längenthäler werden Sattelthäler genannt. Die Schichten laufen 



144 Oroplastischer The iL 

hier, in den Kämmen sowol als in den Thälern, mit der 
Streichungslinie der Falten parallel und sind dort antiklin, 
hier synklin. 
6. Erosiousthäler: durch die Erosion im weitesten Sinne, ins- 
besondere durch Wasserspülung entstanden. Sie sind im Flach- 
und Hügellande, wo sie fast alle anderen Thalarten ausschliessen, 
weitaus vorherrschend, und bilden auch im höheren Gebirge 
alle sekundären, in unerraesslicher Menge und Mannigfaltigkeit 
vorkommenden Einschnitte (kleinere Nebenthäler, Gräben, 
Rinnen, Tobel, Mulden, Kacheln*, Erosionsschlünde u. s. w.) 
welche die Plastik der Kämme und Thäler im Detail be- 
stimmen. 



E. Vom Gewässer des Landes. 

99. Die am Schlüsse des vorigen Capitels erwähnten Erosious- 
thäler führen uns an einem natürlichen Faden auf das flüssige 
Element des Erdkörpers — auf das Wasser. Dieser Faden enthebt 
uns wol der Antwort auf die sonst nahe liegende Frage, nach dem 
Rechte, mit welchem das Wasser, in einer Abhandlung über die 
Relieflformen der Erdoberfläche, einen Gegenstand der Besprechung 
bilden dürfe. Ist seine Oberfläche, wenn in Ruhe, nicht der 
reinste Ausdruck des absoluten Gleichgewichts der Kräfte, eine 
Ebene im mathematischen Sinne des Wortes, daher ohne eine Spur 
von Relief, der strengste Gegensatz jeder Plastik? 

Das Wasser ist, wie wir vorerst flüchtig gesehen haben, eines 
der wichtigsten Principien für die gegenwärtige Gestalt der Erd- 
oberfläche; und das ist es auch für die künftige. Unablässig nagt 
es an den höheren Theilen der Erdrinde, sucht sie zu erniedrigen 
und mit dem Schutte der Berge die Tiefen auszufüllen. Alle diese 
Wirkungen sind jedoch veränderlich nach dem Maasse, in 
welchem die Fallthätigkeit des Wassers sich äussern kann, nach 
der Grösse des Fallwinkels, dem Wasserquantum, der Dauer der 
Einwirkung und der Festigkeit des Substrates. Zwischen den Form- 
verhältnissen des Landes und dem Wasser besteht ein Zusammen- 
hang, nach welchem eine Erscheinung die andere bedingt und jede 
Wirkung die Ursache für neue Wirkungen wird. Das Land bestimmt 
durch Lage und Höhe die Menge der atmosphärischen Nieder- 
schläge und diese meisseln wieder an den Formen des Landes und 



Vom Gewässer des Landes. 145 

bilden neue Sedimente. Aber die Erosionen des Wassers, so gut wie 
der Schutt, den es an anderen Stellen anhäuft, verändern den Lauf 
der Gewässer, das Niveau des Erdfesten und die Grenzen des Landes 
gegen das Meer. Wer da im Stande wäre, darzustellen, auf welche 
Weise das fliessende Wasser, vom Anfang der Zeiten her bis auf 
die Gegenwart, sich seine Wege gebahnt hat, der würde zugleich 
auch die Geschichte des grössten Theiles der Veränderungen der 
Erdoberfläche liefern. Darin liegt die Bedeutung des Wassers für 
die Urographie. 

Aber das Wasser bedeckt auch bleibend ansehnliche Theile 
des festen Landes, und seine Oberfläche wird an solchen Stellen 
überall als Bestandtheil der Bodenfläche, also als Theil seines 
wechselnden Reliefs, angesehen. In Bächen und Flüssen nimmt es 
die tiefsten Lagen der Thäler ein und in Seen füllt es oft aus- 
gedehnte Hohlräume aus. Wer denkt bei dem Anblick dieser Flüsse 
und Seen viel an die Tiefen, die von ihnen verhüllt werden. Für 
gewisse Fragen der physischen Geographie sind diese Tiefen ohne 
Zweifel von Bedeutung; für viele andere Belange aber sind sie un- 
wesentlich, und für die Urographie an sich ist es wol nur der 
Wasserspiegel allein, der als wichtiges Form-Element in Betrachtung 
kommt. 

Aus diesen Gründen sind die Gewässer des festen Landes auch 
für die Orographie wichtig, und nur im Sinne der durch sie bezeich- 
neten Gesichtspunkte wird die Hydrographie hier in Behandlung 
kommen. 

I. Von den Quellen, Bächen und Flüssen. 

100. Quellen. Quellen sind spontane, d. i. natürliche Ausbrüche 
der unter der Erdoberfläche circulirenden Wässer an das Tageslicht. 
Künstlich eröfiiiete Quellen werden Brunnen genannt. 

101. Grundwasser, Seihwasser. Dasjenige Wasser, welches ent- 
lang von Flüssen und Seen den Boden nach dem Gesetze communi- 
cirender Gefässe, also unter Einhaltung gleichen Niveau's, oft bis 
auf grosse Entfernungen durchdringt, oder welches in tiefliegenden 
alluvialen und diluvialen Ebenen, durch das Einsinken der meteo- 
rischen Wässer so wie der Flüsse und Bäche in das lockere Erd- 
reich, sich im Boden ansammelt, wird als Grundwasser bezeichnet. 
Tritt dieses in natürlichen oder künstlichen Vertiefungen in Folge 
hydrostatischen Druckes hervor, so heisst es Seihwasser, auf- 
quellendes oder aufsteigendes Wasser. Grund- und Seikw«ÄÄ7t% 

S o n k I a r, AUg. Orographie. V^ 



146 Oroplastischer Theil. 

sind die Ursachen jener oft sehr ausgedehnten Versumpfungen 
muldenförmiger Einsenkungen des Bodens, wie sie in Norddeutsch- 
land, Holland, Bayern u. a. vielen a. O. vorkommen. Meistens 
ist damit die Toi'fbildung, d. i. die Entstehung vegetabilischer Sedi- 
mente, zuweilen von ansehnlicher Mächtigkeit und unter Auf- 
wucherung zu Hügelformen (Albemarle- und Dismal-Swamps in 
Nordamerika), verbunden. 

102. Wurzelsysteme und Arten der Quellen. Den Inbegriff aller 

kleinen Wasseradern , deren Wasserertrag vereinigt in einer Quelle 
zu Tag tritt, nennt man das Wurzelsystem dieser Quelle. Je 
nachdem dasselbe gross ist oder klein, wird die Quelle eine starke 
oder schwache, beständige oder periodische sein. — Die 
Bedeutung einer Springquelle ist an sich klar genug (Karlsbader 
Sprudel). Eine intermittirende Quelle nennt man diejenige, die 
in regelmässigem Wechsel bald fliesst, bald nicht fliesst. Hieraus 
ergibt sich von selbst, was unter einer intermittirende n Spring- 
quelle zu verstehen sei. Quellen der letzteren Art sind die schon 
lange bekannten in Island (grosser und kleiner Geysir und Strokhr); 
vor mehreren Jahren wurden mehrere solcher Quellen im Thale des 
Oregon, und erst neuerlich mindestens deren 50, im Thale des 
Madison (Nebenfluss des Missouri) nahe seinem Ursprünge, ent- 
deckt*). 

103. Thermen. Thermen oder warme Quellen sind jene 
Quellen, deren Temperatur höher ist als die mittlere Jahrestemperatur 
der Luft an dem Orte ihres Austrittes. Man pflegt sie dann als 
absolute Thermen zu bezeichnen, wenn ihre Temperatur etwa 
25'^ R. übersteigt, und sie demnach von Jedermann als warme 
Quellen erkannt werden. Die wichtigste thermische Eigenschaft der 
warmen Quellen ist die Constanz ihrer Temperatur. 

Führen Thermen aufgelöste Mineralien in grösserer Menge mit 
sich, was aus naheliegenden Gründen fast immer der Fall ist, so 
heissen sie Mineralquellen, und werden sie zu hygienischen 
Zwecken benützt, so nennt man sie Fleil quellen, Bäder, Ge- 
sundbrunnen; sie erhalten dann specielle Namen nach jenen 
Mineralien, welcher wegen sie besonders benützt werden. In- 
differente Quellen sind jene Thermen, die, bis auf geringe 
Spuren, frei von mineralischen Beimengungen sind; ihre Zahl ist 

*) Sie sind auf einer Fläche von nur 10 E. miles zerstreut und einige der- 
selben drücken durch ihre Grossartigkeit und ihren Umfang jene von Island zur 
ünbedeutendheit herab. Der Entdecker ist Prof. Hayden. „Globus" 1872, Nr. 8. 



Vom Gewässer des Landes. 147 

gering (Luxeuil, Plombieres, Pfeffers, Gastein, Bormio u. a.). — 
Warme Quellen sind für die Plastik der Erdoberfläche theils durch 
ihre auflösenden und metamorphischen Wirkungen im Innern der 
Erde, wodurch Hebungen und Senkungen des Bodens bewirkt 
werde», theils und hauptsächlich aber durch ihre oft sehr bedeutenden 
Ablagerungen mineralischer Stoff^e auf der Erdoberfläche wichtig, 
welche Stoffe sich durch Abkühlung oder Verdunstung des Wassers 
ausscheiden. 

104. Stärke der Quellen. Der Wasserertrag der Quellen ist 
sehr verschieden. Es gibt sehr schwache Quellen, welche tropfen- 
weise fliessen oder mit der hohlen Hand auszuschöpfen sind, wo- 
gegen andere gleich als starke Bäche oder kleine Flüsse an den 
Tag hervorbrechen. Beispiele der letzteren Art liefern besonders 
die Kalkgebirge, die durch ihre tiefgehenden und ausgedehnten 
Zerklüftungen und Höhlenbildungen, die Ansammlung bedeutender 
Wassermassen in einem einzigen unterirdischen Rinnsale ermöglichen. 
Hierher gehören: die Quelle des Timavo bei Duino (Fortsetzung 
der Reka) unfern Triest und die der Laibach (Fortsetzung der Unz 
und Poik) bei Ober-Laibach, welche beide von der Stelle weg 
schiffbare kleine Flüsse bilden* ferner die Quelle der Sorgue bei 
Vaucluse, der Birs bei Tavannes, der Orbe im Waadt, des Loiret 
in Frankreich u. a. m. 

105. Riesel, Bach, Fluss, Strom. Der Abfluss einer schwachen 
Quelle über eine geneigte Bodenfläche bildet einen Riesel; mehrere 
Riesel vereinigen sich zu einem Bache, mehrere Bäche zu einem 
Flusse und mehrere Flüsse zu einem Strome. Ströme werden 
gewöhnlich nur die grössten, wasserreichsten Flüsse genannt, gleich- 
viel ob sie ihren Namen bis zu ihrer Mündung in das Meer behalten, 
oder ob sie sich in einen anderen Fluss ergiessen und dabei ihren 
Namen verlieren. Es wäre z. B. gewiss unrichtig, den Orinoco einen 
Strom und den Madeira nur einen Fluss zu nennen, ungeachtet 
dieser einen um 100 Meilen längeren Lauf besitzt als jener. Der 
Missouri vereinigt sich bei St. Louis mit dem Mississippi und ver- 
liert seinen Namen, ungeachtet er daselbst weit wasserreicher ist 
als dieser und ihn an Länge beinahe um das Dreifache übertrifi^;; 
der Missouri ist dabei auch weit bedeutender als der grösste Strom 
Europa^s — die Wolga. — Welchen Namen ein Fluss nach der 
Vereinigung zweier gleichwerthiger Componenten zu führen habe, 
darüber hat in manchen Fällen wol der Zufall entschieden, der sich 
natürlich weder an die grössere Wassermenge, noch an die gerad- 



148 Oroplasti scher Theil. 

linige Fortsetzung des vereinigten Flusses nach der Richtung des 
einen der beiden Componenten gehalten hat. So ist bei Passau der 
Inn mächtiger als die Donau, bei St. Louis der Missouri mächtiger 
als der Mississippi, und so setzt sich unterhalb Melnik die Elbe 
nach der Richtung der Moldau und unterhalb Lyon die Rhone 
nach der Richtung der Saone fort In vielen Fällen hat man jedoch, 
wie bei den Thälern bereits erwähnt wurde, dem vereinigten Flusse 
einen neuen (dritten) Namen gegeben und nennt dann die Com- 
ponenten Quell flüsse. So sind Werra und Fulda Quellflüsse der 
Weser, Wütschegda und Suchona Quellflüsse der Dwina, Paraguay 
und Parand Quellflüsse des Rio de la Plata u. s. f. 

Zwei Ströme, die sich nahe vor ihrer Mündung in das Meer 
vereinigen, werden Zwillingsströme genannt, wie z. B. Maraiion 
und Tocantins, Euphrat und Tigris, Ganges und Brahmaputra. 

106. Küstenflüsse, Steppenflüsse. Küstenflüsse heissen jene 
Flüsse, die in der Nähe des Meeres entspringen und sich nach 
kurzem Laufe in dasselbe ergiessen. Unter Steppen flüssen aber 
werden jene fliessenden Wässer verstanden, die im Sande der 
Steppen und Wüsten (ohne Seebildung) verrinnen und durch Ver- 
dunstung ein Ende nehmen, wie z. B. der Murghab und Herirud 
in Afghanistan, der Wadi Guir in Marokko, der Rio Dulce, Rio 
Primero und Rio Segundo in Argentina u. a. m. 

107. Plussbett. Bei jedem fliessenden Gewässer unterscheidet 
man nach der Richtung des Flusslaufes ein rechtes und ein linkes 
Ufer. Die ganze Thalbreite, so weit sie ein Fluss bei höchstem 
Wasserstande noch bedeckt, wird das Flussbett und der Hohlraum, 
den es bei gewöhnlichem Wasserstande erfüllt, das Rinnsal ge- 
nannt. Unter demThalwege eines Flusses versteht man' die Linie 
seiner grössten Tiefe, die sich, nach hydrodynamischen Gesetzen, 
auf der Wasseroberfläche durch die grösste Geschwindigkeit der 
Wasserbewegung ausspricht. Der Thalweg ist oft dadurch politisch 
wichtig, dass er als Grenzlinie zwischen Ländern und Staaten 
dient. 

108. Stromsystem und dessen hydrograpMsclie Merkmale. Den 

Inbegriff aller Flüsse und Bäche, die sich mit einem Flusse ver- 
einigen, nennt man die Zuflüsse desselben. Die Unterordnung 
eines Flusses unter einen anderen in den er sich ergiesst, wird da- 
durch ausgedrückt, dass man ihn einen Neben fluss dieses anderen 
nennt. Denkt man sich einen Fluss mit allen seinen Zuflüssen, in 
ihren bestehenden räumlichen Verhältnissen, zu einer Einheit ver- 



Vom Gewässser des Landes. 



149 



banden, so erhält man das Stromsystem oder Flussnetz dieses 

Flusses. 

Die wichtigsten hydrographischen Merkmale eines 

Flusses sind: 1. das Stromgebiet, 2. die Stromentwickelung 

lind 3. die Wassermenge. 

1. 109. Stromgebiet. Das Stromgebiet ist jener mehr oder 
minder ausgedehnte Hohlraum der Erdoberfläche, dessen 
fliessendes Gewässer, stamme es aus Quellen, vom Regen oder 
aus der Schmelze von Schnee und Eis her, sich zuletzt in 
einem und demselben Rinnsale vereinigt. Es ist mit dem 
plastischen Begriffe des Strombeckens identisch. Man hat den 
Umfang des Stromgebietes mit dem Worte Quellen bezirk 
bezeichnet, was mir nicht statthaft scheint; allerdings liegen 
an diesem Umfange lediglich Quellen; bei jedem grösseren 
vielverzweigten Stromgebiete aber liegt sicher die grössere 
Zahl der Quellen im Inneren desselben und weitab von seinem 
Umfange. — Grosse Flüsse haben selbstverständlich grössere 
Stromgebiete als kleine. Es ist klar, dass dieser Begriflf auch 
auf die Nebenflüsse ausgedehnt werden kann; doch sind dann 
die Stromgebiete der letzteren gleichsam nur die Provinzen 
eines grösseren Gebietes. 

110. Verzeichniss der wichtigsten Stromgebiete. Es folgt nun 

ein Verzeichniss über die Flächeninhalte der grösseren und 
wichtigeren Stromgebiete der Erde: 

Area in 
g. Q.-M. 

Indus 17600 

Oriuoco 16750 

Donau 14630 



Area in 
g. Q.-M. 

Amazonenstrom 100000 

Mississippi-Missouri .... 61400 

Obi 67800 

La Plata 66400 

Jenissei 49000 

Lena 37150 

Amur 36430 

Yang-tse-kiang ....... 34200 

Hoangho 33600 

Mackenzie 27600 

Ganges 27030 

Senegal 25600 

Wolga 24840 

Saskatschewan 22500 

Irawaddi • 20700 

St. Lorenz 18600 

Tocantins 17780 



Columbia . , 14170 

Menam 13600 

Colorado 12820 

Euphrat-Tigris 12230 

Amu-darja 12100 

Dnjepr 10600 

Don 10600 

Dwina 66ö0 

Ural . . • 5200 

Newa 4200 

Rhein 4030 

Petschora 3060 

Elbe 2620 



150 Oroplastischer Theil. 

111. Was8ersclieide. Die Grenzen zweier Stromgebiete gegen 
einander werden durch die Wasserscheide gebildet. Da nun 
an der Wasserscheide nicht überall Quellen vorkommen, mit 
deren Hilfe ihre Lage ausgeraittelt werden könnte, so geschieht 
dies, theoretisch wenigstens, dadurch viel genauer, dass man 
die Wasserscheide als jene Linie definirt, an welcher der Abfluss 
der meteorischen Wässer nach zwei verschiedenen Richtungen 
vor sich geht. Jeder Punkt, der auf solche Art den Ort anzeigt, 
an welchem die beiden entgegengesetzten Abdachungen des 
Bodens zusammentreffen, wird ein Wassertheiler genannt. 
Alle Wassertheiler mit einander verbunden geben die Wasser- 
scheide. 

Die Wasserscheide ist demnach allemal der Saum eines 
grossen Hohlraumes (des Strombeckens), dessen Maximum der 
Eintiefung im Rinnsale des Flusses liegt. In so ferne hat die 
Wasserscheide auch einen grossen orographischen Werth, 
wenn sie auch nicht immer , wie dies oben bereits nach- 
gewiesen wurde, mit der Linie der grössten Erhebungen zu- 
sammenfällt (Seite 99). In dieser Beziehung wird es vielleicht 
von Interesse sein, den Gang der Wasserscheide zwischen der 
Donau und dem Rhein etwas näher in das Auge zu fassen. 
Diese Linie beginnt am Septimer in den rhätischen Alpen und 
läuft von da erst über den nordrhätischen Alpenkamm bis zum 
Janithaler Spitz, sinkt dann, nördlich abbiegend, zum tiefen 
Sattel der Bieler Höhe, und eilt nun über das Zeinesjoch und 
den Arlberg in die nördlichen Kalkalpen liinaus, wo sie erst 
die Zürser Alpe quer durchschneidet, von der Rothen Wand 
nördlich streicliend, alle die Parallelketten der Vorarlberger 
und Algäuer Alpen kreuzt und bei Immenstadt hart an die Hier 
herantritt. Sofort fällt sie in das schwäbische Flachland herab, 
umgeht hier in en<^en Windungen die Quellen der Argen und 
Schüssen, betritt bei Triburg den höchsten Theil des Schwarz- 
waldes, verlässt diesen jedoch alsbald wieder, zwängt sich bei 
Villingen zwischen der Brigach und den Neckar-Quellen hin- 
durch, ersteigt das Plateau der Rauhen Alb, geht dann bei 
Bopfingen tief herab auf die Frankenhöhe über, schwingt sich 
hier um die Quellen der Wernitz und Altmühl herum, presst 
sich bei Weissenburg durch den kaum eine halbe Meile breiten 
Isthmus zwischen der Altmühl und den Quellen der Schwarzen 
Rezat hindurch, wird bei Neumarkt von dem Ludwigs-Canal 



Vom Gewässer des Landes. 151 

übersetzt und fällt östlich von Baireuth in das Fichtelgebirge 
ein. — Aehnlich verwickelt und gequält ist der Gang der 
Wasserscheide zwischen Weser und Rhein, Seine und Loire, 
Loire und Garonne, Donau und Weichsel u. s. f. In Russland 
vollends läuft die Wasserscheide, die mächtigsten Strorasysteme 
des Welttheils trennend, erst über die Rokitno -Sümpfe bei 
Brzest-Litowsk hinweg, auf den westlichen Theil der baltisch- 
uralischen Landhöhe, verlässt sie aber schon bei Polozk, ist 
in der Landenge zwischen Witebsk und Orscha, d. h. zwischen 
Düna und Dnjepr, ziemlich unklar, umgeht sodann die Quellen 
der Wolga auf der Waldai-Höhe, sinkt dann wieder in das 
tiefliegende Sumpf land südlich des Ladoga-Sees herab, ver- 
harrt auf diesem, bis es die Quellen der Mologa und Sheksna 
umschrieben, wendet sich dann am Bjelo Ozero südlich und 
drückt sich in den mannigfaltigsten Krümmungen zwischen 
den Quellen der Suchona, des Jug und der Wütschegda einer- 
seits und denen der Kostromä, Unscha und Wetluga andererseits 
hindurch, bis sie endlich am Galsory -Berge den Ural erreicht. 
Dies Alles lehrt, wie seicht oft die grossen Strombecken der 
Erde aus der Oberfläche derselben herausgehoben sind, und 
wie genügsam das Wasser mit Rücksicht auf das Maass des 
von ihm geforderten Gefälles ist. Unter solchen Umständen 
wird wol Niemand mehr behaupten, dass die Gewässer von 
irgend einer Bedeutung für den Gang der Gebirge seien. Am 
Harz läuft die Wasserscheide zwischen Elbe und Weser so 
quer über das Gebirge hinüber, als ob es nicht vorhanden 
wäre. Aehnliche Verhältnisse müssen bei allen sogenannten 
Gebirgsdurchbrüchen vorkommen. Ein solcher Durchbruch ist 
ja eben der deutlichste Beweis, dass die Existenz des Gebirges 
von dem Flusse, der ihn durchbricht, unabhängig ist. In ein- 
zelnen Fällen werden die Gebirge von den Flüssen nicht blos 
durchbrochen, sondern die abgeschnittenen, oft sehr mächtigen 
Gebirgskämme von ihnen umschlossen und inselartig in 
die Mitte genommen. So ist z. B. das gewaltigste Hochgebirge 
der Erde, der Himalaja, einerseits vom Indus und anderer- 
seits vom Brahmaputra bis auf den Grund hinab durch- 
schnitten; die Länge des ungeheuren Gebirgswalles beträgt 
zwischen den beiden Durchbrüchen mindestens 330 Meilen, 
und doch sind die Quellen jener beiden Flüsse nördlich des 
Gebirges nur wenige Meilen von einander entfernt. 



152 Oroplastischer Theil. 

112. Portagen. Wenn aber die Unabhängigkeit der Wasser- 
scheiden innerhalb der Gebirge schon so deutlich hervortritt, 
so ist dieselbe in den Flachländern noch viel auf&Uiger, was 
durch den oben geschilderten Gang der europäischen Haupt- 
wasserscheide im russischen Tief lande zu erkennen war. Am 
deutlichsten aber tritt sie in den sogenannten Portagen und 
Bifurcationen hervor. Portagen oder Tragplätze werden 
nämlich jene Stellen genannt, wo zwei nach verschiedenen 
Richtungen gewendete Flüsse sich so nahe kommen, dass Boote 
und Güter ohne viele Mühe von dem einen Flusse in den 
anderen übertragen werden können. So ist z. B. die Landenge 
zwischen der Düna und dem Dnjepr bei Witebsk nur einige 
Meilen breit und so niedrig, dass im Frühjahr, zur Zeit rascher 
Schneeschmelze und starken Anschwellens beider Flüsse, ein 
Boot von dem einen Flusse in den anderen gelangen kann. 
Dieselbe Möglichkeit bietet zur Regenzeit die Portage zwischen 
dem Michigan-See und dem Illinois dar *). Aehnliche Tragplätze 
kommen in Amerika noch zwischen den Quellen des St. Lorenz 
und des Mississippi, zwischen dem Nelson und Churchill, dem 
Peace und Turnagain , dem Rio Atrato und San Juan in 
Venezuela vor. 

113. Bifurcation. Verschwindet endlich die Wasserscheide 
zwischen zwei Flüssen gänzlich, so dass ein Arm eines Flusses 
in ein anderes Flussgebiet übergeht, so nennt man dies eine 
Bifurcation oder Flussgabelung. Wenn man die diagonalen 
Verbindungen zwisclien Rhein und Maas nicht auch als Ga- 
belungen, sondern blos als Delta- Arme ansehen will, so kommen 
in Europa drei solche Bifurcationen vor, und zwar in der 
schwedischen Provinz Norbotten, wo ein Arm der Kalix-Elf 
bei Tärända in den Torneä ; in Deutschland, wo ein Arm der 
Else in die Werre, der andere in die Haase, und in Italien, 
wo bei Arezzo ein Arm der Chiana in den Arno übergeht. 
Die bedeutendste und berühmteste aller Bifurcationen aber ist 
die des Orinoco bei der Mission Esmeralda. Hier trennt sich 
von diesem Strome ein mächtiger Arm — der Casiquiare — 
nimmt seine Richtung nach Südwesten, übersetzt die Wasser- 
scheide zwischen dem Orinoco und Amazonas und mündet, 
nach einem Laufe von 40 Meilen, m den Rio negro. Aus 



*) Berghaus: „Allgemeine Länder- und Völkerkunde", II, 122. 



Vom Gewässer des Landes. 153 

Asien sind noch die Gabelungen zwischen Irawaddi und Saluön, 
dann zwischen Mekong und Menam bekannt*). 

114. Binnenflüsse, Binnenränme. Bei allen Flüssen, welche 
in das Meer ausmünden, beginnt und endet die Wasserscheide 
am Meeresufer und schliesst demnach eine Fläche ein, die 
sich weiter gegen das Meer hin fortsetzen würde, wenn sie 
an der Küste nicht abgestumpft wäre. Es gibt jedoch auch 
Flüsse, die das Meer nicht erreichen und bei denen die Wasser- 
scheide eine in sich selbst zurückkehrende geschlossene Cürve 
bildet. Derlei Flüsse werden Binnen flüsse oder con- 
tinentale Flüsse und ihre Stromgebiete Binnen- oder 
Continentalräume genannt. Zuweilen sind zwei oder 
mehrere solcher Stromgebiete zu einem Binnenraume vereinigt. 
Der grösste aller Binnenräume der Erde ist jener, dessen 
fliessendes Gewässer sich im Kaspi-See versammelt, und der, 
nebst einer Zahl kleiner, die vier grossen continentalen Strom- 
gebiete des Ural, der Wolga, des Terek und des Kur umfasst 
und, mit Einschluss des Kaspi-Sees, einen Flächeninhalt von circa 
50,000 g. Quadrat-Meilen hat. Andere grosse Binnenräume sind : 
das Stromgebiet des Tarim in Ost-Turkestan , der bei einer 
Längenentwickelung von 270 Meilen den Lob-Noor bildet; des 
Hilmend in Beludschistan mit dem Hamun-See ; des Tsad-Sees 
mit den Stromgebieten des Schari und Komädugu und noch 
viele andere, von denen mehrere oben, bei den continentalen 
Binnenräumen (Seite 116), wo von der Plastik derselben die 
Rede war, bereits erwähnt worden sind. Die Steppenflüsse mit 
ihren Stromgebieten gehören ebenfalls hierher 
2. 115. Unter der Stromentwickelung verstehen wir die räum- 
liche Ausbildung eines Stromgebietes, wie es sich in der 
Lauflänge, im dire cten Abstände, so wie in den Krüm- 
mungen des Flusslaufes, in den Detailverhältnissen des G e- 
fälles und in der Mündungsform ausspricht. 

116. Längenentwickelung der Flüsse und Verzeiclmiss von 
Lauflängen der wichtigsten Flüsse. Die Lauf länge oder 
Längenentwickelung eines Stromes ist seine nach allen 
Krümmungen gemessene Länge von der Quelle bis zur Mün- 
dung. Als die Quelle eines Stromes wird gewöhnlich diejenige 



*) Die letzterwähnte Bifarcation erscheint in den neueren Karten nicht 
mehr verzeichnet. 



154 



Oroplaatigcher Theil. 



angesehen, die von seiner Mündung die entfernte ist. Doch 
hat hierin, wie oben gesagt, der Gebrauch in einzelnen Fällen 
auch anders entschieden. Das nachfolgende Verzeichniss enthält 
die Lauflängen der grössten oder wichtigsten Ströme 
der Erde. 



Lauflänge 
in g. M. 

Mississippi-Missouri .... 948 

Amozonenstrom 835 

Jeninsei 748 

Yang-tse-Kiang 740 

Mississippi 700 

Missouri fallein) 664 

Niger 660 

Nil . . 600 

Amur 595 

Obi 580 

Lena 530 

Irtysch (Zufluss des Obi) . , 530 

Wolga 510 

Hoang-ho 500 

La Plata 500 

Indus 490 

Mackenzie 470 

Irawaddi 460 (?) 

St. Lorenz 430 

Ganges 420 



Laaf länge 
in g. M. 

Saskatsehewan 416 

Donau . . 385 

Euphrat 380 

Amu-daija 350 

Orinoeo 280 

Dnjepr 270 

Kama (Zufluss der Wolga) . 243 

Don 240 

Dwina 216 

Ural 206 

Ohio . . 203 

Theiss 180 

Elbe-Moldau 171 

Rhein 150 

Petschora 143 

Rhone 140 

Loire 130 

Weichsel 130 

Oder 120 



117. Directer Abstand. Unter dem directen Abstände 
hingegen versteht man die geradlinige Entfernung der Quelle 
eine Stromes von seiner Mündung. Er ist dasjenige numerische 
Element, welches uns über die Form des Stromgebietes einen 
Aufschluss gibt. Um die Flüsse in dieser Beziehung vergleichen 
zu können, brauchen wir blos die Verhältnisse zwischen dem 
directen Abstände und der Lauflänge aufzusuchen. Ist dieses 
Verhältniss relativ gross, so wird das Stromgebiet nach der 
Richtung des Flusslaufes gestreckt, ist es klein, so wird es 
nach derselben Richtung zusammengedrückt, also ein mehr in 
die Breite gehendes, minder gut entwickeltes sein. So stehen 
z. B. diese Verhältnisse beim Amazonenstrom auf 0*50, beim 
Mississippi-Missouri auf 0-31, beim Nil auf 0*80, bei der Wolga 
auf 0-28, bei der Donau auf 0*72, beim Rhein auf 0-60, bei 
der Elbe-Moldau auf 0*50 und bei der Theiss auf 0-34. Das 
bestentwickelte Stromgebiet ist, unter den hier genannten, das 
des Nil ; der Amazonas ist besser entwickelt als der Mississippi- 



Vom Gewässer des Landes. X65 

Missouri, die Donau ist der bestentwickelte Strom Europas, 
die Wolga und Theiss sind mangelhaft — der Rhein ist besser 
entwickelt als die Elbe u. s. f. 

118. Eintheilung der Stromläufe in Oberlanf, Mittellauf und 

Unterlauf. Bei grösseren Flussläufen sind es die bereits er- 
wähnten Stufenbecken, nach welchen sie in den Oberlauf, 
Mittellauf und Unterlauf eingetheilt werden. Doch ist 
diese Eintheilung nicht immer leicht möglich, da oft eines der 
hierzu nöthigen Becken fehlt oder deren mehrere vorkommen, 
und zuweilen die Beckenbildung selbst so schwach ausgeprägt 
ist, dass es schwer hält, jene Untertheilung des Stromlaufs 
physich zu begründen. 

Der Oberlauf oder das oberste Stück des Flusslaufes be- 
ginnt an der Wasserscheide und liegt somit nach Umständen, 
wenigstens mit einem Theile, in mehr oder minder hohem 
Gebirge. Dieser Theil trägt demnach, besonders wenn er einem 
Querthale angehört, alle Merkmale des letzteren: Engheit des 
Flussbettes, felsiger Grund des Rinnsals, starkes Gefäll, Wechsel 
von Thalterrassen und Thalstufen und vorherrschende Gerad- 
linigkeit. Hier ist die Region der Stromschnellen und Wasser- 
fälle, der schäumenden und lärmenden Unruhen des Wasser- 
laufes, und der wildesten Zerstörungen durch rasches An- 
schwellen und Vermuhrung. Tritt sodann der Fluss in das 
breitere Längenthal heraus, so mässigt sich zwar sein Gefäll, 
aber noch immer ist seine erodirende Kraft gross genug, um 
sein Bett vielfach zu vertiefen und es von der Thalfläche durch 
hohe Uferränder abzusondern. Von den Schuttkegeln, die von 
den Bergen herabhängen, wird er jetzt abwechselnd bald an 
die eine, bald an die andere Thalwand gedrängt und dadurch 
zu Windungen veranlasst, die in der allgemeinen Thalrichtung 
nicht begründet sind. Die Zuflüsse, die er hier erhält, brechen 
nicht selten mit einem Wasserfalle aus den Querthälern hervor, 
erfüllen sein Bett fortwährend mit neuem Schutt und verändern 
die Gestalt seines Rinnsals unablässig, so dass jede Beschiffung, 
selbst mit Ausschluss der Bergfahrt, wegen des noch immer 
allzu grossen Gefälles, auch bei sonst genügender Wassermenge, 
unmöglich bleibt. Nun folgt gewöhnlich ein enges Durch - 
bruchthal in der Gestalt einer wilden, felsigen Kehle mit 
verstärktem Gefäll und tief eingenagtem Flussbette. 

Mit diesem Durchbruche schliesst das Becken de^ Iää^^^t 



156 Oroplastischer Theil. 

thales und bei weniger umfassend entwickelten Stromgebieten, 
auch der Oberlauf ab. Der Fluss tritt nun in das Flachland 
hinaus und beginnt damit seinen Mittellauf. Nicht selten ist 
dieser Austritt mit einer Seebildung bezeichnet, die meistens 
mit ihrem oberen Ende noch in das Durchbruchthal eingreift, 
mit ihrem unteren Ende aber bereits im Flachlande oder 
zwischen den letzten, niedrigen, rechts und links zurück- 
weichenden Vorbergen liegt. Der See ist daher nach der 
Richtung des Thaies verlängert und die mit Wasser ausgefüllte 
Spalte oft von grosser Tiefe. Bei sehr ausgedehnten Strom- 
gebieten, die mit ihren obersten Stufenbecken noch in das 
Hochland hinaufreichen, kann jedoch, nach Maassgabe der 
plastischen Verhältnisse des gesammten Strombeckens, jenes 
erste Flachland vielleicht noch dem Oberlaufe zugezählt 
werden müssen. 

Wie dem auch sei, der Fluss wird jetzt sein Gefälle noch 
mehr mildern, wenn er auch, in Folge seiner noch immer 
ziemlich beträchtlichen Fallthätigkeit, an der Austiefung 
seines Rinnsals arbeitet, und deshalb meistens zwischen hohen 
Ufergestaden mit raschem Laufe dahin fliesst. Aber sein 
Flussthal ist jetzt breit und das Becken steigt auf beiden 
Seiten , in senkrechter Richtung auf den Flusslauf, oft kaum 
steiler an, als es in der Richtung des letzteren abdacht. 
Deshalb fallen die Zuflüsse jetzt häufig unter spitzen 
Winkeln ein. Mit dem verminderten Gefäll des Flusses ist 
aber auch das Auftreten grösserer Windungen seines Laufes 
(Serpentinen) gegeben, die durch Hindernisse erzeugt werden, 
welche die erodirende Kraft des Wassers nicht mehr tiber- 
wältigen kann und die der Fluss deshalb umgehen muss. 
Die Abnahme des Gefälles hat aber noch eine andere wichtige 
Folge, und das ist die Bildung ausgedehnter Schuttbänke. 
Denn da die transportirende Kraft des Wassers von der Ge- 
schwindigkeit seiner Bewegung abhängt, so muss der Fluss, 
wenn sich sein Gefäll vermindert, allen gröberen Schutt, den 
er jetzt nicht mehr zu bewegen vermag, im Flussbette ablagern. 
Und da er sich hierdurch fortwährend neue Hindernisse der 
Bewegung schafft, so wird er die Lage seines Rinnsals auch 
fortwährend ändern, und so nach und nach jene oft nur mit 
vielen Quadratmeilen auszumessenden Rollkiesellager zu Stande 
bringen, die für alle an höhere Gebirge grenzenden Flach- 



Vom Gewässer des Landes. 157 

länder charakteristisch sind. Nur dort, wo der Fluss vor 
seinem Austritt aus dem Gebirge einen See bildet, welcher, 
gleichsam als Wasserstube wirkend, das Gefäll aufhebt und 
den Schutt auf seinem Grunde zur Ablagerung bringt, ist das 
tiefere Land von jenen Rollkieselbänken verschont (Lombardie). 

Nach einer neuen, und bei grossen Verhältnissen nach 
einer zweiten oder dritten Verengung des Flussthaies, inner- 
halb welcher sich das Geftllle regelmässig und oft bis zur 
Bildung von Katarakten verstärkt, tritt endlich der Fluss in 
seinen Unterlauf ein. Je nach der relativen Lage des noch 
übrigen letzten Stufenbeckens zum angrenzenden Meere wird 
der Fluss nun seine frühere Laufrichtung beibehalten oder 
ändern; in jedem Falle aber wird der Unterlauf senkrecht 
auf die Küstenlinie fallen. Da dieses Becken bereits entschie- 
den dem Tieflande angehört und nur wenige Fuss über dem 
Niveau des Meeres liegt, so ist der Lauf des Flusses träge 
und für das Auge oft kaum wahrnehmbar. Die Ufer sind 
in der Regel flach, die Krümmungen des Flussbettes noch 
häufiger und eben so auch die Bildung von Inseln, Sand- 
bänken, Auen und Ufersümpfen. Die Ebenheit des Bodens 
begünstigt die Ausbreitung des eigentlichen Rinnsals, wess- 
halb grosse Flüsse hier nicht selten ein seeartiges Aussehen 
gewinnen und nicht mehr zu überblicken sind. 

In einzelnen Fällen hat sich die Aushöhlung des Unter- 
laufbeckens so unfertig erwiesen, dass die Flüsse, unter der 
Mitwirkung von Hochwässern oder unbedeutenden Sand- 
anwehungen, ihren Lauf gänzlich geändert haben. So hat sich 
der Amu-darja (Oxus) einst in den Kaspi-See ergossen, bis er 
durch die Bewegung des Sandes der nahe südlich gelegenen 
Wüste Descht-i-Chowar nach dem Aralsee abgelenkt wurde. 
Noch merkwürdiger aber ist die Veränderung, die in dieser 
Hinsicht der Hoang-ho, einer der grössten Ströme der Erde, 
erfahren hat. Dieser durchbrach im Jahre 1851 bei Kai fung 
sein linkes Ufer, nahm ohne Zweifel unter schrecklichen Ver- 
wüstungen seine Richtung gegen Nordost und mündet jetzt io 
den Meerbusen von Petsche-li, in gerader Linie 60 Meilen 
weit von seiner früheren Mündung in das Gelbe Meer. 

119. Um die hier beschriebene Eintheilung eines Fluss- 
laufes durch ein Beispiel zu illustriren, wollen wir den Rhein 
erwählen. Dieser Fluss hat seine entfernteste Quelle aixv 



158 Oroplastiecher Theil. 

Piz Camera, in einem tiefen und engen Querthale, das vor 
Chiamut mit einer steilen Stufe in das Längenthal herabfilllt. 
Dieses Längenthal , das 10 Meilen lang bis Chur anhält, ist 
breit, flach, hat das relativ nicht eben grosse, mittlere 
Gefäll von 50 Minuten und nimmt auf beiden Seiten die aus 
engen, starkgeneigten Querthälern herabkommenden Seiten- 
bäche, worunter den Hinter-Rhein bei Reichenau, auf. Nun 
folgen abwärts von Chur, unter scharfer Abkrümmung des 
Flusses, die Durchbrüche bei Zizers und Balzers, dann das 
grosse und schöne Becken des Bodensees, und nach aber- 
maliger Wendung des Flusslaufes, diesmal nach Westen, der 
Durchbruch des Jura mit dem Wasserfalle bei Laufen und 
den Stromschnellen bei Zurzach, Laufenburg und Rheinfelden. 
Bei Basel ist dieser Durchbruch vollbracht, hier endet der 
Oberlauf und nimmt mit dem Knie des Rhein bei dieser 
Stadt der Mittellauf seinen Anfang. Der Fluss liegt hier 
auf dem breiten, gartenähnlichen Boden des sogenannten ober- 
rheinischen Beckens, hat abwechselnd hohe und flache Ufer 
und ist unzählige Male, auf oft weit ausgebreiteten Rollkiesel- 
bänken, in grössere und kleinere Arme zwischen auigen 
Inseln getheilt. Dies dauert 45 Meilen lang bis Bingen, wo 
das letzte grosse Durchbruchthal, der Rheingau, durch das 
rheinische Schiefergebirge beginnt und bei 20 Meilen lang 
bis Bonn anhält. Hier hat der Mittellauf sein Ende und es 
folgt nun bis zur Mündung in die Nordsee der Unterlauf. 
— Die Donau zählt nicht weniger als 8 Stufenbecken mit 
den 6 dazwischen liegenden Durchbrüchen von Tuttlingen, 
Passau -Linz, Grein -Krems, Klosterneuburg, Hainburg, Gran- 
Waitzen und Basiasch-Gladowa ; der Oberlauf (typisch correc- 
ter durch den Inn repräsentirt) reicht bis Passau, der Mittel- 
lauf von Passau bis Gladowa und der Unterlauf von Gladowa bis 
zum Meere. Der Oberlauf enthält hiernach 2, der Mittellauf 
5 und der Unterlauf 1 Stufenbecken. — Bei der Elbe reicht 
der Oberlauf bis Tetschen, der Mittellauf bis Magdeburg und 
der Unterlauf bis Cuxhafen. — Bei der Wolga kann man 
den Oberlauf bis Kasänj , den Mittellauf innerhalb der Wolga- 
Höhen bisKamyschin und den Unterlauf von da bis Astrachan 
annehmen u. s. f. 

120. Gefäll der Flüsse. Das Gefäll der Flüsse wird ent- 
weder, wie bei den Thälern, durch den Neigungswinkel der 



Vom Gewässer des Landes. 159 

Wasseroberfläche gegen den Horizont oder durch Angabe der 
Fallhöhe des Flusses für eine bestimmte Strecke ausgedrückt. 
In Gebirgsthälern kann das im Wiokelmaass bestimmte Gefall 
der Thalsohle auch für den Fluss gelten. Im Mittel- und 
Unterlauf der P'lüsse, wo der Gefällswinkel ein sehr kleiner 
ist, wird die andere Ausdrucksweise den Vorzug verdienen. 
So fallt z. ß. die Donau von ihren Quellen bis Pressburg 
1*7, von Pressburg bis zur Mündung nur 0*8 Fuss pro Meile; 
der Mississippi fällt im Unterlaufe (273 Meilen) 1*3, und der 
Ganges ebenfalls im Unterlaufe (250 Meilen) 1*8 Fuss pro 
Meile. Weit grösser ist das Gefäll der kleineren Flüsse und 
jenes im Oberlaufe der grossen; so beträgt dasselbe für den 
Oberlauf der Donau (bis Passau) 12*5, für den Mittellauf der 
Elbe circa 6*0 und für den letzten Theil des Neckar-Unterlaufes 
12'5 Fuss pro Meile. — Von dem Gefäll hängt, unter sonst 
gleichen Umständen, die Geschwindigkeit der Flüsse ab. 
An derselben Stelle eines Flussbettes aber wächst die Ge- 
schwindigkeit mit der Wassermenge. Die Geschwindigkeit 
wird gewöhnlich dadurch ausgedrückt, dass man angibt, wie 
viele Fuss das Wasser in einer Secunde zurücklegt. Da jedoch 
das Wasser sich in verschiedenen Entfernungen vom Ufer mit 
ungleicher, und ober dem Thalwege mit grösster Geschwindig- 
keit bewegt, so muss die Ausmittlung der letzteren überall 
auf gleiche Weise, d. h. immer ober dem Thalwege geschehen, 
wenn die gewonnenen Grössen von Werth sein sollen. Die 
Linie der grössten Geschwindigkeit der Wasserbewegung wird 
der Strom strich genannt. Aus dem Gesagten geht hervor, 
dass die Geschwindigkeit bei Gebirgsbächen am grössten, bei 
Flüssen geringer und im Unterlauf der Ströme am geringsten 
sein wird, und dass sie bei Stromschnellen und Wasserfällen 
nach Umständen ein hohes oder sehr hohes Maass erreichen 
muss. Bei Wildbächen, mit einem Gefäll von 6 Fuss auf 100 
Fuss oder von 2^ 26', beträgt die Geschwindigkeit angeblich 
schon 44 Fuss pro Secunde. Die Donau hat bei Ulm eine 
Geschwindigkeit von 7, bei Passau von 5, bei Wien von 3, 
bei Baja von 2 Fuss pro Secunde und im Unterlaufe ist sie 
ohne Zweifel noch geringer. Bei Semlin ist sie, nach des 
Verfassers eigener Wahrnehmung, schon so unbedeutend, dass 
die Bewegung des Wassers nur durch einen schwimmenden 
Gegenstand zu erkennen ist. Bei Stroixv«>Q,\\xv^VV^^ Vjkoxv w^i^ 



160 Oroplastischer Theil. 

die Geschwindigkeit auf 10—12 Foss und noch mehr erheben, 
und bei Wasserfällen ist sie von der Höhe des Falles abhängig. 
Wenn ein Fluss von gewöhnlichen Schiffen zu Berg befahren 
werden soll, darf seine Geschwindigkeit 4 Fuss nicht über 
schreiten. 

121. Stromsclmellen und Wasserfälle. Rasche Versteilerungen 
der Flussbetten in Stromschnellen oder Katarakten und Wasser- 
ftlllen sind bei schiffbaren Gewässern sehr wichtige Hindemisse 
des Verkehrs. Sie sind jedoch im Grade sehr verschieden, 
und von diesem Grade wird es abhängen, ob das flinderniss 
ein unübersteigliches sei. Die eigentlichen Wasserfälle bleiben 
in dieser Hinsicht selbstverständlich ausser Betracht. Schon 
bei Stromschnellen wälzt sich das Wasser mit stark ver- 
grösserter Geschwindigkeit, rauschend, schäumend oder wirbelnd 
und an den felsigen Hervorragungen des Flussbettes sich 
brechend und stauend, über die schiefe Fläche der Unterlage 
hinab. Das Schiff fliegt tanzend und in seinem Geflige knar- 
rend über das Wasser weg, das allenthalben zu kochen scheint 
und mit seinen unregelmässigen, an bestimmten Stellen haf- 
tenden Wogen einen unheimlichen Anblick darbietet. Bei 
dieser Geschwindigkeit der Strömung ist die Steuerung schwierig 
und die Bergfahrt nach Umständen unmöglich. — Die Strom- 
schnellen des Rhein sind, ausser der bei Bingen (wildes Ge- 
fährt), bereits genannt worden. Die Donau hat ebenfalls 
mehrere Stromschnellen, die erste bei Grein und dann noch 
einige innerhalb ihres letzten Durclibruches zwischen Basiasch 
und Gladowa, unter denen die am Islas und das sogenannte 
Eiserne Thor die bedeutendsten sind. Der Dnjepr hat abwärts 
von Jekaterinoslaw, innerhalb einer Strecke von 10 Meilen 
Länge, eine Reihe brausender Stromschnellen (Porogi), worunter 
13 grössere, deren Fallhöhe zusammen 130 Fuss beträgt. Be- 
kannt sind ferner die 10 Katarakte des Nil oberhalb Assuan, 
die Rapids des Missouri oberhalb St. Louis; der Pongo de 
Monseriche, jene Stromschnelle, mit der der Amazonas das 
Gebirge verlässt; die Raudales von Maypures im Orinoco 
(durch Humboldt beschrieben) u. a. m. Unter den Wasser- 
fällen ist wol der Niagarafall der grossartigste und berühm- 
teste; mit ihm wirft sich der hier 2000 Fuss breite St. Lorenz 
plötzlich über eine 150 Fuss tiefe Stufe unter einem Getöse 
hinab, welches 10 Meilen weit hörbar ist. Nach diesem scheint 



Vom Gewässer des Landes. 1^1 

der Zambesi-Fall in Süd- Afrika, 200 Fiiss hoch, der bedeutendste 
zu sein. In Ost-Indien sind die Fälle des Cavery (370 und 470 
Fuss hoch) ausgezeichnet. Der Rheinfall bei Schaffhausen ist 
300 Fuss breit und 60—70 Fuss hoch. Im Gebirge, nament- 
lich in den Querthälern mit scharf ausgeprägter Stufenbildung, 
kommen hohe Wasserfälle in Menge vor. Besonders ragen 
in dieser Hinsicht die skandinavischen Gebirge, die Alpen und 
Pyrenäen hervor. Die höchsten Fälle in Norwegen sind der 
Keelfoss, 2000, und der Böringsfoss, 900 Fusshoch. In den Ost- 
Alpen ist der Krimmlerfall, einer der schönsten Wasserfälle 
der Welt, über 1600, der Gasteiner-Fall 623, und der Verpeil- 
Fall im Kaunerthale (Tirol) in 9 dicht aufeinander folgenden 
Cascaden 2300 Fuss hoch. In den Mittel-Alpen hat der Handeck- 
Fall eine Höhe von 200, dann' der Stoffelbach- und Staubbach- 
Fall von 840 und 900 Fuss. In den Pyrenäen endlich macht 
einer der Zuflüsse des Marbor^ einen Fall, der eine Höhe von 
1250 Fuss hat 

122. Mändungsformen der Flüsse. Die Mündungen der 
Flüsse zeigen vier verschiedene Formen, und zwar: 1. Die 
einfache Mündung, bei welcher der Fluss ungetheilt und 
ohne Erweiterung des Rinnsals in das Meer fällt — Guadiana, 
Ebro, Duero, Sikiang, Colorado d. Westens u. a. Diese Mün- 
dungsform ist bei Flüssen, die sich in das Meer ergiessen, 
nicht sehr häufig und kommt nur bei Steilküsten vor. Bei 
Nebenflüssen ist sie jedoch aus begreiflichen Gründen die 
normale. 2. Das Aestuarium oder negative Delta ist jene 
Mündungsform, bei welcher sich der Fluss vor seinem Aus- 
tritte in das Meer zu einer Art Bucht erweitert, innerhalb 
derselben sich mit dem ihm entgegen kommenden Salzwasser 
vermischt und hier Fluth und Ebbe mit dem Meere theilt. 
Diese Mündungsform ist häufig, und zwar bei grossen wie bei 
kleineren Flüssen: Amazonenstrom, La Plata, St. Lorenz, 
Dnjepr, Elbe, Weser, Loire, Themse u. a. m. Die Aestuarien 
begünstigen das ' sogenannte Rastern, d. i. das Eindringen 
der Fluth und Aufsteigen derselben in den Strom — ein 
wichtiger Umstand, der die Versandung der Flussmündung 
verhindert. 3. Die Haffmündung: Hier erweitert sich der 
Fluss vor der Düne zu einem Süsswassersee, der dann durch 
den Durchbruch der Düne sich seinen Austritt in das Meer 
erzwingt. Derlei Seen werden Haffe od^T Stx«».\^4L^<^i<^i^^isÄ. 

Sonklar, Allg. Orographie. W. 



162 OropUstisoher TheiL 

die zwischen ihnen und dem Meere liegenden Dünentheile 
Nehrungen genannt. Diese Milndungsform kommt weit häu- 
figer vor als es den Anschein hat. Ihr gehören, ausser den 
Mündungen der Oder, Weichsel, des Pregel und Njemen, mit 
dem vielbekannten Stettiner-, Frischen- und Kurischen Haff, noch 
die Porti tze-Mündung der Donau mit dem Rasin-See, die des 
Kuban, die Etangs bei Cette, der Strangford- und Slaney-Lake 
in Irland, der Lijm-, Nissum- und Stavning- Fjord in Jätland, 
der Stagno von Orbetello in Italien, der Menzaleh-, Burlos- 
und Mariut^See inAegypten (Nil-Delta), derPamlico und Al- 
bemarle-Sund als Haffe des Roanoke in Nord-Amerika und 
noch viele andere mehr an. 4. Die Delta-Mündung endlich 
ist diejenige, bei der sich der Fluss vor seiner Mündung in 
zwei oder mehrere Arme theilt und auf diese Art einen Land- 
strich cinschliesst, der die Form eines griechischen A hat. 
Das Delta besteht demnach aus einer oder mehreren, zuweilen 
aus sehr vielen Inseln, die meist niedrig und sandig, sich als 
das Product der von dem Strome mitgeführten und hier ab- 
gesetzten erdigen Stoffe darstellen. Das Delta ist demnach 
nicht blos geographisch, sondern auch als eine besondere Art 
von Sedimentbildung durch Ströme aufzufassen. Die bedeu- 
tendsten Deltas in Europa sind die der Wolga, der Donau, 
des Po, der Rhone, der Maas und des Rhein. Das grösste 
Delta der Erde aber ist das des Ganges, welches nicht weniger 
als 1000 g. Quadrat-Meilen umfasst und den Namen Sanderband 
führt. Andere grosse Deltas sind die des Nil, Mississippi, 
Orinoco, Indus, Mahanaddy, Irawaddi, Menam, Mekong, Niger, 
u. a. m. Im Uebrigen kommen auch Mündungen von Neben- 
flüssen, besonders wenn sie sich in Seen ergiessen, in Delta- 
form vor. 
3. 123. Wassermasse der Ströme. Die Wassermasse der 
Flüsse und Ströme ist im Allgemeinen von der 
Grösse und den hygrometrischen Verhältnissen ihrer Strom- 
gebiete abhängig. ' Bei gleich grossen Arealen der letz- 
teren werden demnach Flüsse , welche durch regenarme 
Gegenden fliessen, weniger Wasser führen als andere, in deren 
Stromgebieten die Menge der atmosphärischen Niederschläge 
eine grössere ist. Aus diesem Grunde ist die Wolga nicht 
nach dem Verhältnisse des Flächeninhaltes der Stromgebiete 
wasserreicher als die Donau, und aus demselben Grunde sind 



Vom Gewässer des Landes. 163 

auch, bei gleich grossen Stromgebieten, dieFltlsse der tropischen 
Zone im Allgemeinen, d. h. nach den hydrographischen Zu- 
ständen eines ganzen Jahres betrachtet, deshalb wasserreicher, 
weil es dort mehr regnet als in höheren Breiten. Ich lasse 
hier ein kurzes Verzeichniss der für einige Ströme ausgemit- 
telten Wassermengen folgen. Es führt nämlich: 

P. Kub.-F. 
der Mississippi pro Stunde im jährl. Mittel 1980.000000 
der Ganges „ „ r n ji 1753.080000 

der Nil „ „ „ „ „ 1267.000000 

die Donau ^ „ „ „ „ 1074.800000 

der Rhein ^ „ r ^ r» 265.000000 

die Theiss „ „ „ „ „ 178.100000 

die Drau v v r> v v 138.200000 

durch das Profil. 

Die Wassermasse der Flüsse ist jedoch im Laufe des Jahres, 
je nach der Vertheilung der Niederschläge in der jährlichen 
Periode und nach dem Maasse des durch die Schneeschmelze 
in hohen Gebirgen gelieferten Wassers grossen Schwankungen 
unterworfen. In der heissen Zone werden die oft in ausser- 
ordentlicher Dichtigkeit fallenden tropischen Regen *) eine ein- 
oder zweimalige eben so bedeutende Schwellung der Flüsse 
hervorbringen; und da es in den Trockenzeiten gar nicht oder 
nur sehr wenig regnet, so werden sie in diesen Zeiten relativ 
sehr arm an Wasser sein. So führt der Nil bei sehr hohem 
Wasserstande in einer Minute 9.526000, bei niedrigem aber nur 
1.267000 P. Kubik-Fuss Wasser in das Meer; für den Indus 
stehen die analogen Werthe auf 26.766000 und 2.450000 K. -F. 
Diese Zahlen verhalten sich zu einander wie wie 8 : 1 und wie 
11:1. In den höheren Breiten haben Flüsse, welche aus Nie- 
der- und Mittelgebirgen herabkommen , gewöhnlich im Früh- 
jahre zur Zeit der Schneeschmelze ihren höchsten und im 
Herbste ihren niedrigsten Wasserstand; bei jenen Flüssen aber, 
die einen grossen Theil ihrer Zuflüsse aus gletscherbedeckten 
Hochgebirgen erhalten, stellt sich im Sommer, wenn die Abla- 
tion der Gletscher durch die Wärme am bedeutendsten ist, 

*) Nach Dalton Hooker, siehe: ^^Himalayan Journals "^^ pag. 283, fielen zu 
Churra, in den Khasia-Bergen , NO. von Calcutta, hlos im Monate August 1841 
264 E.-Zoll Regen und an zwei Tagen täglich 30 Z. In sieben Monaten betrag 
der Regenfall 500 Z. 



164 OroplastUcher Theil. 

noch ein zweites Maximum des Wasserstandes ein, das 
gewöhnlich auf den Juli fkllt. — In höheren Breiten tiberziehen 
sich die Flüsse zur Winterszeit mit einer compacten Eisdecke^ 
die bei Eintritt der wärmeren Witterung aufbricht; das Fort- 
rinnen ihrer Bruchsttlcke wird der Eisgang genannt. 

II. Von den Seen und Sümpfen. 

124. Seen, Tümpel, Teiche. Seen sind nattirliche und dauernde 
Wasseransammlungen von einiger Grösse in den Vertiefungen der 
Erdoberfläche. Sind sie sehr klein, so nennt man sie Tümpel. 
Künstlich hervorgebrachte Wasserbecken werden Teiche genannt. 

Je nach dem Vorhandensein oder Fehlen von sichtbarem Zu- 
und Abfluss, und je nach ihrer Lage, Enstehungs weise und Be- 
schaffenheit ihrer Wässer, werden die Seen auf verschiedene Weisen 
eingetheilt und benannt. 

So unterscheiden >\nr zunächst Seen mit und ohne Abfluss. 

1. 125. Plussseen, Quellseen. Seen mit Zufluss und Abfluss 
heissen Flussseen, wenn sie durch Flüsse gebildet sind, deren 
Wassermenge ober- und unterhalb des Sees nur wenig ver- 
schieden ist. Es ist hierbei gleichgiltig, ob der einfliessende 
und der abfliessende Fluss gleiche oder ungleiche Namen 
führen. Die meisten Seen gehören dieser Classe an, wie z. B. 
der Genfer- und Bodensee, der Lage maggiore, Lage di Como, 
Lage d'Iseo und andere, bei denen der Abfluss eben so heisst 
wie der Zufluss, oder der Lage di Garda^ der Züricher- und 
Chiem-See, der Lddoga-, On^ga-, Wenern- und Wetter-See, 
deren Abflüsse andere Namen führen als die Zuflüsse. Derlei 
Seen aber werden Quellseen genannt, wenn ihre Zuflüsse 
entweder nicht sichtbar sind, d. h. unter dem Seespiegel ver- 
borgen liegen, oder wenn sie aus einer Zahl unbedeutender 
Bäche und Flüsschen entstehen, von denen keiner als die obere 
Fortsetzung des Abflusses betrachtet werden kann. So ist z- B. 
der Caldonazzo-See als Quellsee für die Brenta, der Wselug-See 
als Quellsee für die Wolga, der Latscha-See für die On^ga, 
der Kubinskoje-See für die Suchona, der Torneä-Träsk flir den 
Torneä, der Sarikul im Bolortagh als Quellsee für den Amu, 
der Rakus-Tal für den Setledsch, der Dsaisang-Noor für den 
IrtjTBch, der Tzana-See fiir den blauen !Nil u. s. w. anzusehen. 

2. Binnen- und Steppenseen. Seen mit Zufluss und ohne Ab- 
fluss sind die oben bereits zweimal erwähnten Binnenseen, 



Vom Gewässer des Landes. 1*05 

die nach ihrer Lage und Umgebung theilweise auch Steppen- 
Seen heissen. Der grösste aller Binnenseen ist der Kaspi-See 
oder das Kaspische Meer, worauf der Aral See, der Balkasch- 
Noor, der Grosse Salzsee in Nord- Amerika, der Titieaca See in 
Süd-Amerika, der Khuka-Noor, der Urumia-See, der Lob- 
Noor und andere folgen. — Der Lob-Noor, Ike-Namur-Noor, der 
Hamun-See und die unzähligen kleinen Wasserbecken in der 
Orenburgisehen und Kirgisensteppe, in der Wüste Gobi und 
in Ost-Turkestan, der Cayman-See im Bolson de Mapimi (Wüste 
in Mexico), die Seen in den Pampas des La Plata u. a. m. 
sind Steppenseen. 

126. Eintheilnng der Seen nacli Lage und Entstehnngsart. Mit 

Rücksicht auf ihre Lage, Entstehungsart und Höhe kann man die 
Seen in Tief- und Hochlandseen eintheilen. 

A. Tieflandseen. Tieflandseen werden diejenigen Seen sein, 
welche Depressionen des Tieflandes ausfüllen, wobei sie in 
einzelnen Fällen auch unter dem Niveau des Meeres liegen: 
Wenem-, Wetter-, Lädoga-, On^ga-, Peipus-See, Steinhudermeer, 
Dümmersee u. a. mit positiver — Kaspi-See, Todtes Meer u. a. 
mit negativer absoluter Höhe. 

B. HocUandseen. Hochlandseen, theils in Gebirgsthälern, 
theils auf Plateaux oder Terrassen liegend. Sie können ent- 
standen sein 

a) durch Wasserfüllung von grösseren oder kleineren Hohlfor- 
men der Erdoberfläche, hervx)rgegangen aus dem positiven 
Einsinken eines Bodenstückes, oder aus dem Zurückbleiben 
eines Bodenstückes auf tieferem Niveau, im Vergleiche mit 
anderen im Kreise herumliegenden gehobenen Theilen der 
Erdoberfläche (Titieaca-, Gr. Salzsee, oberer See u. a. m.), 
oder sie sind 

ß) mit Wasser ausgefüllte Thalspalten, welche durch die Er- 
hebung des Gebirges in die Masse desselben eingerissen 
wurden; sie kommen sowol im Innern des Gebirges und auf 
den oberen Theilen ausgedehnter Tafelmassen und Flachrücken, 
häufiger aber an den Ausgängen der Thal er vor, wo sich die 
Zerreissung des Bodens bis in das angrenzende Flachland fort- 
setzte. Zu den Thalseen gehört z. B., nebst unzähligen anderen 
in allen Gebirgen, der erst vor wenigen Jahren entdeckte, 
16 g. Meilen lange, 13070 P. F. hohe PaÄ^OTi'^-^^'^\\fiL\xÄ»^- 



Ißß OroplaatiBcher TheiL 

gebiete *). Zu den Seen auf Tafelmassen und Flachrücken sind 
zu rechnen: der 14310 P. F. hohe, mindestens 5 Quadrat- 
meilen umfassende Rakuslal, der eben so hochliegende, eben 
so grosse und fast kreisrund geformte Tso-Mäpan oder Man- 
sarowar **), so wie der auf der Nordseite des Donkia-Passes in 
der absoluten Höhe von 15950 P. F. liegende Cholamoo-See — 
vielleicht der höchste See der***) Erde — alle drei im Himalaya; 
der 14000 F. hohe Sarikul auf dem Pamir-Plateau u. a. m. 
Die Seen an den Ausgängen der Hochgebirgsthäler sind noch 
zahlreicher als die eigentlichen Thalseen und kommen be- 
sonders häufig im Alpenlande, dann in ganz gleicher Aus- 
bildungsweise und in nicht geringerer Anzahl in den Gebirgen 
der Südinsel von Neu-Seelandf), im skandinavischen Gebirge, 
im Taurus u. a. a. O. vor. Von den Alpenseen dieser Art 
muss bemerkt werden, dass sie in früherer Zeit durchweg 
weit grösser waren als jetzt, und dass sie durch die, von den 
Flüssen herbeigetragenen und auf den Seeböden in der Form 
unterseeischer Schweramkegel abgelagerten Geschiebe auf ihr 
heutiges Maass reducirt wurden. Die alluvialen, vollkommen 
ebenen Thalflächen an den oberen Anfängen der Seen, sind 
nichts weiter als das dem See auf dem Wege der Deltabildung 
abgewonnene Land (Lago die Gar da, Lago die Como, Genfer-, 
Züricher-, Bodensee u. a. m.V Viele dieser Seen sind im Laufe 
der Zeit durch Auffüllung ihrer Becken oder durch Abfluss des 
Wassers, als die Erosion die Ausflussöffnung tiefer legte, 
gänzlich verschwunden. Bei den Thalbecken sind die pla- 
stischen und geognostischen Merkmale dieser alten Seeböden 
beschrieben worden, 
y) Eine dritte Art von Gebirgsseen, welche Oskar Peschel, 
einer der bedeutendsten Geographen der Gegenwart, nach 
meinem Namen zu benennen die grosse Artigkeit hatte, er- 
scheinen als Folge von Bergstürzen oder von raschen Bil- 
dungen mächtiger Schuttkegel in engön Thälern, wodurch die 



■*} „Notes ou the Pangong-Lake, District ot" Ladakh" von Capt. Godwin- 
Austen im 37. Bande der „Journals of the R. Geogr. Soc. of London", pag. 343. 
**) Siehe „Peterm. Geogr. Mitth.«, 1871, XI. 
***) „Himalayan Journals" von J. Hooker, II, 132. 

f) „Notes on the Mountains and Glaciers of the Canterbury Province, New- 
Zeeland**, von Dr. Julius Haast, 34. Band der „Journ. of the R. Geogr. Soc. of 
London", pag. 87 und „Reconnaissance Survey of the Lake-Diatrict of Otago and 
Southland", von Jtunes M 'Kerrow, ibid , pag. 56. 



Vom GewÄsser des Landes. 167 

Wässer abgedämmt und zur Seebildung genöthigt worden. Je 
nach der Grösse und dem Material der Verdammung, so wie 
der Wassermenge des sich anstauenden Flusses oder Baches, 
richtet sich der Umfang des neugebildeten Sees so wie die 
Dauer seines Bestandes. 
ö) Die vierte Art von Hochlaudseen endlich bilden die so 
genannten Eisseen; sie entstehen dadurch, dass sich die Masse 
eines im Hauptthale herabsteigenden Gletschers vor die Mün- 
dung eines Nebenthaies lagert, oder umgekehrt, dass ein aus 
einem Nebenthaie kommender Eisstrom die Sohle des Haupt- 
thales erreicht und bedeckt, und den Bach des abgesperrten 
Thaies zu einem See aufstaut. Solche Seen sind daher allemal 
auf einer Seite von hohen Eiswänden eingeschlossen, von denen 
sich zeitweise mächtige Brocken ablösen und als blaue Eis- 
berge auf dem See herumtreiben. Zuweilen entstehen solche 
Seen auch durch den Abbruch grösserer Eismassen von 
Gletschern, die auf den hohen, schroff absetzenden Seiten- 
gehängen des Thaies liegen, wie dies z. B. schon einige Male 
im Val de Bagne bei Martigny (Schweiz) durch Abbruche 
des G^troz-Gletschers geschah. — Die unter y) und 5) auf- 
geführten Seen sind nicht selten, bei plötzlichen Durchbrüchen 
der Verdammung, für die thalabwärts gelegenen Gegenden 
von verderblichen Folgen gewesen. Mit furchtbarer Gewalt, 
welche Felsblöcke von mehreren Tausend Fuss Kubikinhalt 
zu heben und fortzuschaffen vermochte, stürzte sich der In- 
halt dieser Seen, in eine wilde Schlammfluth verwandelt. Alles 
verwüstend, und Felder, Häuser und Dörfer fortreissend, auf 
die unteren Thalgegenden, hier bei abnehmendem Gefall alles 
von der Fluth erreichbare Land , stellenweise mit haushohen 
Schuttmassen überdeckend. Von dieser Beschaffenheit war 1818 
der Ausbruch des Eissees im Val de Bagne und 1845 der des 
Vernagt-Sees im Oetzthale*). Nochweit schrecklicher aber waren 



*) Die Fluth im Baguo-Thal durchlief einen 3 geoj^r. Meilen langen Weg mit 
der Geschwindigkeit von 77 F. pro Secunde (nach Escher), „sie glich aber nicht, 
einem Wasserstrome, sondern einem furchtbaren, in wüthender Bewegung sich 
befindenden Bergsturz. An einer Thalverengung wurden selbst anstehende Fels- 
schichten von dieser Fluth abgebrochen und weggerissen". Worte Escher's, in 
Studer's Lehrbuch der physik. Geographie und Geognosie, I, iVJ, Die Fluth des 
Eissees im Oetzthale zerstöi*te nicht blos weite fruchtbare Strecken des Thal- 
grundes, sondern riss auch den Weiler Astlen mit sich fort. 



ißg Oroplastischer Theil. 

die Wirkungen einer im Jahre 1841 aus dem Nubra-Thale im 
Indus-Gebiete, in Folge des Ausbruchs eines solchen Gletscbersees 
gekommenen Schlammfluth; sie zerstörte nicht blos eine grosse 
Zahl von Ortschaften bei Iskardo und weiter abwärts, sondern 
trat selbst noch bei Attock^ 60 g. Meilen tiefer, verheerend 
auf, tiberschwemmte hier das Lager Golab Sing's und brachte 
mehreren Hundert Menschen den Tod*). 

Zur Zeit bestehende Eisseen sind: der Märjelen-See am 
Gross-Aletschgletscher, der Mflttmark-See im Saaser Thale, beide 
in der Schweiz, der Langthaler Eissee bei Gurgl im Oetz- 
thale und der Weissensee im Stubachthaie des Tauem- 
gebietes. 
127. Emtheilung der Seen nach der Beschaffenheit ihrer Wässer. 

Bezüglich der Beschaffenheit ihrer Wässer werden die Seen in Süss- 

wasserseen und Salzseen eingetheilt. 

I. Sttsswasserseen werden stets diejenigen sein, welche 
einen Abfluss haben; denn da dieser an salzigen Theilen so 
viel wegführt, als die Zufltlsse zuführen, so wird das Wasser 
solcher Seen in ihrem Salzgehalte keine Veränderung erfah- 
ren und demnach süss bleiben. 
II. Seen ohne Abfluss hingegen werden durch die Verdunstung, 
welche allein ihr weiteres Anwachsen hindert, stets nur 
reines Wasser verlieren, wesshalb sich die von den Zu- 
flüssen herbeigetragenen salzigen Beimengungen fortwährend 
vermehren und die Seen endlich so reich an Salzen werden 
müssen, dass ihre Wässer zum Trinken ungeeignet werden 
und sie selbst mit Recht als Salzseen zu bezeichnen sind. 
Der relative Salzgehalt derselben ist in der That oft weit 
grösser als der des Meeres; ja einige darunter stellen sich 
geradezu als gesättigte Salzlösungen dar. Doch nimmt hier 
nicht immer, wie im Meere, das gewöhnliche Kochsalz (Chlor- 
natrium) den grössten Theil der fixen Stoffe in Anspruch. So 
enthält z. B. das Todte Meer eine übergrosse Menge Chlor- 
magnesium, einige tibetanische Seen führen Bornatrium, die 
Pusztenseen Ungarns Chlor- und Schwefelnatrium u. s. w. 
Die an Kochsalz reichsten Seen sind der Urumia-See in 
Persien, der Elton-, Baskuntschatskoje- und Inderskoje-See in 



*) Siehe „On the Glaciers of the Mustagh -Range", von Capt. Godwin- 
Austen, in den „Journals of the R. Geogr. Soc. of London", Band 34, pag. 24. 



Vom 6kwä:»ser des Landes. 



t^ 



der Oren burgischen Steppe Süd-Hasslands u. a. Der Urumia- 
See enthält unter 100 Theilen fixer Stoffe 86-37, der Elton- 
See 51-3 Theile Chlomatrium. 

las. Seenverzeichlliss. Ich lasse hier ein Verzeichniss der wich- 
tigsten Seen, nach ihren Flächeninhalten rangirt, unter Angabe 
ihrer hydrographischen Qualification, ihrer absoluten Höhen und 
ihrer Tiefen (insoweit sie bekannt sind) folgen : 

Namen 



Oberer See (Lake Superior) 
Aral-See . . . 
Michigan-See . 
Huron-See . . 
Tsad-See . . . 
Baikal-See . . 
Grosser Sklaven-See 
Erie-See .... 
Grosser WinnipegSee 
Grosser Bären-See 
Maracaybo-See . 
Ladoga-See . . 
Ontario-See . . 
Halkasch-Noor 
Onega-See . . . 
Titicaca- oder Chacuito-See 
Nicaragua-See 



Athabasca-See . . . 
Winnebago-See . . . 
Grosser Salz-See 
Dear- (Hirsch-) See (Amer 
Wenem-See . . . 
Kleiner Winnipeg-See 
Khuku-Noor . . . 
Ssaimo-See ..... 
Manitöba-See .... 
Urumia-See . . . 
Dsaisang-Noor . . . 



Wan-See . 
Tzana-See 



Enare-See (Lappland) 
Champlain-See . . . 
Wettern-See .... 



Hydrogr. 






Absolute 






Qualif. 


Areal 


Höhe 


Ti ti 


1 t'e 


• Binnensee 


6200 


Q.M. 


78 


P. F. 


1254 


P. F. 


Flusssee 


1524 


»» 


560 


n 


768 


« 


Binnensee 


1240 


n 


40 


r> 


290 


n 


Flusssee 


1143 


rt 


542 


n 


970 


r^ 


r> 


952 


n 


542 


T) 


970 


n 


Binnensee 


760 


n 


850 


n 




n 


Flusssee 


714 


« 


1333 


r> 


3200 


n 


y» 


560 


n 




n 




n 


v 


457 


n 


530 


n 


805 


n 


V 


420 


T) 


782 


V 


— 


ff 


n 


370 


V 




V 




V 


ff 


368 


n 




n 




T) 


« 


324 


n 


46 


V 




r> 


n 


300 


r> 


218 


n 


485 


n 


Binnensee 


300 


« 




V 




»» 


Flusssee 


229 


» 


222 


n 




r) 


Binnensee 


181 


r) 


1204^ 


V 


720 


n 


Flusssee 














(Quellsee) 


167 


« 


116 


V 




T) 


Flusssee 


150 


yt 


550 


n 




n 


n 


150 


T> 




n 


— 


n 


Binnensee 


150 


n 


3850 


n 




n 


Flusssee 


140 


T) 


' — ■ 


n 


— 


f) 


n 


108.3 


n 


13-4 


V 




n 


n 


108 


r> 


3944 


n 




n 


Binnensee 


96 


n 


4690 


T) 


— 


n 


Flusssee 


95 


n 




r> 


— 


« 


T> 


85 


n 


— 


« 


— 


« 


Binnensee 


81.6 


r> 


— 


n 


46 


f) 


Quellsee des 














Irtysch 


77 


n 




r» 


— 


V 


Binnensee 


66.5 


« 


5016 


n 




w 


Quellsee des 














blauen Nil 


64 


n 


5758 


n 


600 


»» 


Flusssee 


59 


n 


380 


« 


— 


n 


r> 


37.5 


f) 


— 


n 


— 


n 


n 


36-7 


» 


271 


j) 




« 



OropIutiBcher Theil. 



Lulei-See .... 
TodtM Meer . . . 

^Hegoseru-Sep (Biualaiid) 
BielD>:-Ostero (BdBal.) . 
nniBo-See (Himulaud) . 



Mütar 



i-See 



Nguni-Sse (SOdafrika) . 

Platten-See 

Genfer See . . 

Hjelmaren-See 

Boden- See ■ . 

Loagh-Nen^h . 

0>rda-3ee . . 

Longh-Garne . 

Chonib-äee (Irland) . 

Ouhrida-8ee .... Qnellsee dej 

Drin 
La(;" rasggiore . . . Flnnsaee 

Kopais-See _ 

Nenfcbateller See ... . 

Cliiem-See n 

Corner See „ 

Elton-Sae Stoppen-, 

Saliaep 

lapo-Sett FliiRBse« 

ijlljaii-8ee , 

Vierwaldstiidter See , . 
I,sgudiPerugia(tbraBiiDeiii- 

"cher See) , 

Züricher See ...... 

Loch-Lomond 

Zirknibter See 



»-NJHDsa (Afrika) . Quellsee 



Nil 

Alhert-Xjansa (Afrika! . . Flossaee 
TaiipHnyika ^Afrika) . . Binnensee 
Nvassa-Sop (Afrika) . . . Fln».43B« 
T-« Mnpan (Mansaron-Rrl Binnensee 
Rak«a-Tal Quellaee 



Sariknl 



Setlod 
QnellBP 



Vom Gewässer des Landes. 171 

129. Sümpfe und Moore. Sümpfe und Moore sind bleibende 
Meügungen von Wasser und Erde; ist jenes im Uebermaass vor- 
handen, so werden sie Sümpfe, ist diese vorherrschend, so werden 
sie Moore genannt. 

Nach Klöden's treffender Bemerkung sind Seen und Sümpfe 
nur als „verschiedene , in einander übergehende Entwickelungs- 
Stadien eines und desselben Phänomens, nämlich der ausgedehnten 
Wasserbedeckung" zu betrachten. Viele Sümpfe gehen zur Zeit 
der Hochwässer in Seen, und diese nachher wieder in Sümpfe 
über, und je nach dem Auffüllungsgrade jemaliger Seebecken ver- 
mögen die Flüsse, von welchen sie einst mit Wasser vollkommen 
erfüllt wurden, dies jetzt nur mehr theil weise zu thun. Manche 
Regionen werden dabei gar nicht mehr, andere nur auf hydrosta- 
tischem Wege und in geringem Maasse, und wieder andere noch 
immer directe und in grösserer Menge von Wasser durchdrungen. 
Dadurch ergeben sich die verschiedenen Verhältnisse der Vermen- 
gung des festen und flüssigen Elementes, die Qualificationen von 
Moor und Sumpf und die Unsicherheit der Grenzen beider gegen 
einander und gegen das trockene Land. 

Sümpfe und Moore kann man zuvörderst in Süsswasser- 
Sümpfe und in Küstensümpfe eintheilen. Die ersteren, d. i. 
die Süsswassersümpfe, kommen theils in Landsenken, theils in sehr 
flachen Strom-, Stufen- und Flussseebecken vor. Mit Sumpf aus- 
gefüllte Landsenken können wol auch mit dem Namen Sumpf- 
becken bezeichnet werden. 

130. Süsswassersümpfe. In den Sümpfen ist, wie gesagt, das 
Wasser vorherrschend und der Boden derselben höchstens in sehr 
trockenen Zeiten beschreitbar. Die Vegetation der Sümpfe wird 
sich daher meist nur auf Wasserpflanzen beschränken, deren Wur- 
zeln am Grunde haften und deren Blüten entweder auf dem Wasser 
schwimmen, oder sich mit hohen Stengeln über dasselbe erhe- 
ben. Bei Mooren hingegen, wo die erdigen Theile vorwalten, der 
Boden vom Wasser nicht mehr überfluthet ist und einige Festig- 
keit besitzt, wird eine reiche Ciyptogamen-Flora sich entwickeln, 
die den Grund in ein filziges Gewebe von Wurzeln verwandelt, 
seinen Gehalt an Humussäure rasch vermehrt, dadurch neue Vege- 
tationen hervorlockt und auf diese Art jene Anhäufungen von Kohlen- 
stoff bewirkt, wodurch der Moorgrund oft einen hohen ökonomischen 
Werth erhält. Aus dem früher Gesagten geht übrigens hervor, dass eine 
genaue Grenze zwischen Sumpf und Moor nicht leickt -üq^ T»\Rk\Kö.S&v 



172 Oroplastischer TheiL 



. / 



Als das grösste Sumpfland in Europa sind die Tundren oder 
gefromen Sümpfe (Bolsche semelskaja) im russischen Gouver- 
nement Archangel zu verzeichnen; sie sind, bei einer Länge von 
120 Meilen, im Mittel 30 Meilen breit. Die Rokitno- Sümpfe am 
Pripet haben eine Area von nahezu 2000 Quadr. Meilen. Andere 
Theile Russlands, Polen, Nord-Deutschland und Holland sind eben- 
falls reich an Sümpfen und Mooren. In Bayern kommen das Donau- 
Ried, Donau-Moos, das Dachauer imd Erdinger Moos, in Ungarn 
die Sümpfe im Donau- und Theissgebiet vor u. s. f. In Nord- 
Amerika sind die durch ihre gesundheitsschädlichen Ausdünstun- 
gen berüchtigten Swamps in Nord-Carolina, in Afrika die Sümpfe 
am Tsad-See und am Bahr el Ghazal und in Asien die Tundren 
Nord-Sibiriens bekannt. 

131. Küstensümpfe, Lagunen. Küstensümpfe, Maremmen 
und Lagunen sind Sümpfe, die an flachen Küsten durch das Meer 
erzeugt werden, demnach Salzwasser enthalten. Sie sind durch eine 
eigenthümliche Fauna und Flora ausgezeichnet, für die Gesimd- 
heit der Menschen aber noch gefährlicher als Süsswassersümpfe. 
Die ausgedehntesten Sümpfe dieser Art sind die Lagunen des 
adriatischen Meeres, die sich von Monfalcone bei Görz bis Ravenna, 
30 Meilen lang und eine bis zwei Meilen breit, an der Küste hin- 
ziehen und ihre Entstehung theils der tiefen Lage und dem erweis- 
lichen Sinken des Landes, theils den Delta-Bildungen der vielen 
Küstenflüsse verdanken, in Folge welcher das Land fortwährend 
gegen das Meer vorrückt. Als Salzwassersümpfe gelten ferner die 
Maremmen von Pisa. Die Valli di Commacchio und die Pontini- 
schen Sümpfe hingegen gehören, ungeachtet ihrer Lage nahe an 
der Küste, zu den Süsswassersümpfen. Der Wash in England, der 
Biesbosch und einige andere Sümpfe in Holland und Nord-Deutsch- 
land sind theils Salz-, theils Brakwasser-Sümpfe. 

Andere, meist aus Dialekten hergenommene Bezeichnungen 
für Sümpfe und Moore sind: Fenn, Luch, Ried flir Sumpf; Bruch, 
Marsch, Moos für Moor. 

Der dynamische Theil der allgemeinen Hydrographie wird, 
so weit er in den Rahmen dieser Arbeit gehört, im dritten oder 
orogenetischen Abschnitte die entsprechende Erwähnung finden. 



II. 



OROMETßlSCHEßTHEIL 



1. Orometrie. Unter der Orometrie verstehen wir die Aus- 
mittelung jener allgemeinen Abmessungen der Gebirge, wodurch 
dieselben nach ihren räumlichen Verhältnissen unter einander ver- 
gleichbar werden. 

Sie ist demnach von der Hypsometrie, welche sich mit der 
Höhenbestimmung einzelner Punkte beschäftigt, wol zu unterschei- 
den. Da jedoch zur Aufstellung der orometrischen Maasse eine grös- 
sere Anzahl hypsometrischer Daten erforderlich ist, so wird es die 
Aufgabe der Hypsometrie sein müssen, das Gebirge flir orometrische 
Untersuchungen entsprechend vorzubereiten. 

Die aufzusuchenden orometrischen Elemente bestehen: 

1. in der mittleren Gipfelhöhe des Gebirges, 

2. „ „ „ Sattelhöhe „ „ 

3. „ „ „ Schartung „ „ 

4. „ „ „ Kammhöhe „ „ 

5. „ dem mittleren Neigungswinkel der Kammgehänge. 

Diese fünf Werthe werden uns über die allgemeine Höhe 
der Kämme und die Beschaffenheit der Kammlinie, dann über 
die allgemeinen Steilheits Verhältnisse des Gebirges unterrichten; 

6. in der mittleren Höhe der Thäler, 

7. „ dem „ GeMle „ „ 

8. „ der allgemeinen Sockelhöhe des Gebirges, 

9. ,, „ „ relativen Höhe der Kämme. 

Diese vier Grössen zeigen uns die Tiefe und den Neigungs- 
grad der Thäler, so wie die relative Erhebung der Kämme 
über die allgemeine Tafelmasse des Gebirges, auf welcher die 
Kämme als dreiseitige Prismen von bestimmten und ermittelten 
Dimension en aufgesetzt erscheinen. An diese Maasse schliesst sich 

10. das Volumen aller Kämme und das des Gebirgssockels, 

11. das Totalvolumen des ganzen Gebirges und 

12. die Höhe des massiven Plateau'a, d. \v. 4\^ ^(J^ä \^\:^^'^^ "^»^ 



176 Orometrischer Theil. 

der horizontalen Area des Gebirges aufgelagerten Prismas, 

welches aus der Ausgleichung aller Kämme und Thäler auf 

ein gleiches Niveau entsteht. 

Diese rationell aufgefundenen Werthe stellen, sammt der Me- 
thode ihrer Ermittelung, ein System der Orometrie dar, das ich in 
meiner 1860 erschienenen Monographie der Oetzthaler Gebirgsgruppe 
zuerst kurz entwickelt und angewendet habe, und das nachher, so- 
wol im Einzelnen als im Ganzen, mehrfache Nachfolge gefunden. 
Durch dieses System erst werden die Untersuchungen über die 
körperlichen Verhältnisse nicht bloß einzelner KämoMB, sondern auch 
ganzer Gebirge und weitumfassender Gebirgssysteme, und beson- 
ders dieser, sowol im Einzelnen als im Allgemeinen auf einen wis- 
senschaftlichen Standpunkt gestellt und Horizonte der VergleichuAg 
eröflfnet, die mit den bisher bekannten dürftigen Mitteln fiir den 
Geographen und Geologen verschlossen waren. Diese Orometrie 
ist es, die fiir alle wichtigeren räumlichen Merkmale der Gebirge 
die entsprechenden, logisch entwickelten Zahlenwerthe beschafft, 
und auf diese Weise zu einer vergleichenden Urographie 
führt, deren Apparat nicht mehr wie bisher aus incommensurabeln 
Ansichten oder unsicheren Abschätzungen, sondern aus einem Ma- 
teriale besteht, das mit der ganzen Beweiskraft oon'ect au%efun- 
dener Zahlen zu wirken vermag. Leider sind noch zu wenige Ge- 
birge nach dieser Methode bearbeitet worden, als dass sich ihr 
Nutzen für die vergleichende Urographie schon deutlich hätte er- 
weisen können. Bis jetzt sind es das Oetzthaler Gebirge*), die 
Stubayer Gruppe**), die Zillerthal er Alpen***), die Hohen Tauern f) 
und die Hochschwabgruppe ff), also durchaus Theile des Alpen- 
Systems, für welche die oben angegebenen orometrischen Werthe ent- 
wickelt sind, und schon hat die Vergleichung derselben zu Resultaten 
geführt, von denen man früher keine Ahnung haben konnte. 

*) „Die Oetzthaler Gebirgsgruppe" von C. v. Sonklar, Gotha bei Justus 
Perthes, 1860. 

**) „Die Stubayer Gebirgsgruppe" von L. Barth und L. Pfaundler, Inns- 
bruck, Wagner, 1865. 

***) „Die Zillerthaler Alpen" von C. v. Sonklar, Gotha, in einem Ergän- 
zungshefte der geographischen Mittheilungen von Dr. Aug. Petermann, 1872. 

f) „Die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" von C. v. Sonklar, Wien 1866, 
Beck'sche Universitäts-Buchhandlung. 

ff) „Die Gebirgsgruppe des Hochschwab" von C. v. Sonklar, in den Sitzungs- 
heriohten der k. k. Akademie tler Wissenschaften, 1869, Band 34. 



Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhffhe, Schartung und Kammhöhe. 177 

I. Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhöhe, Schartung und Kammhöhe. 

2. Die mittlere Gipfelhöhe eines Gebirgskammes ist das 
arithmetische Mittel aus den absoluten Höhen aller darin vorkom- 
menden Gipfel. 

Sind jedoch in einem Kamme nicht alle Gipfelhöhen gemes- 
sen, und ändern sich dieselben streckenweise bedeutend, was bei 
langen Gebirgskämmen nichts Ungewöhnliches ist, so wird man von 
der höheren Kammstrecke nicht mehr Gipfel zur Mittelziehung ver- 
wenden dürfen, als von einer gleich langen, niedrigeren Strecke, 
und eben so umgekehrt. Die benützten Gipfelhöhen werden also 
ziemlich gleich über die ganze Kammlinie vertheilt sein müssen, 
wenn das Resultat ein richtiges sein soll. Durch Autopsie unter- 
stützt, wird man eine etwa vorhandene Lücke durch Interpolation 
einer Gipfelhöhe leicht auszufüllen im Stande sein, ohne dabei 
fürchten zu müssen, die Richtigkeit des Resultates wesentlich zu 
beeinträchtigen. 

3. Auf dieselbe Weise wird man die mittlere Sattelhöhe 
eines Kammes ausfindig machen. 

Leider werden in den meisten Fällen die gemessenen Gipfel- 
höhen in grösserer Zahl vorliegen als die gemessenen Sattelhöhen. 
Denn die Gipfel sind nicht nui* die weit mehr in die Augen sprin- 
genden, daher das Interesse in höherem Grade anregenden Theile 
des Gebirges, sondern es sind auch die Sättel bei trigonometrischen 
Höhenbestimmungen in der Regel weniger sichtbar und ihre ver- 
lässliche Collimation ohne Aufstellung eines Signals in viel selteneren 
Fällen möglich. Hieraus geht für alle thätigen Freunde des Ge- 
birges eine Art Verpflichtung hervor, bei ihren Messungen den Sat- 
telhöhen eine höhere Aufmerksamkeit zuzuwenden, um dadurch, wo 
möglich, einem Mangel von Höhen-Elementen zu begegnen, die für 
die Orometrie gerade so wichtig sind als die Gipfelhöhen. 

4. Der Unterschied zwischen der mittleren Gipfel- und der 
mittleren Sattelhöhe gibt die mittlere Schartung des Gebirges*). 

Wenn uns also die mittlere Gipfelhöhe die mittlere Erhebung 
der aus der Kammlinie aufsteigenden, und die mittlere Sattelhöhe 
die der absteigenden Kurven angibt, so wird uns die mittlere Schar- 
tung lehren, um wie viel die mittlere Höhe der Sättel unter der 



*) Der Begriff der mittleren Schartung ist von mir zuerst in einem Auf- 
satze „Die Südseite der Zillerthaler Alpen", publicirt in dem Jahrbuclie ijro 1^^^ 
des Oesterreichischen Alpenvereines, aufgestellt y^otä^w. 

So akl ar, Allg. Orographie. VI 



l^g Oroinetrischer Theil. 

mittleren Höhe der Gipfel liegt. Wir erhalten dadurch jenes wich- 
tige orometrische Element, welches uns zifFermässig über den Grad 
der Geschlossenheit oder Zerrissenheit der Kämme und demnach 
auch über die relative Ueberschreitbarkeit derselben unterrichtet 
Nicht minder wird die mittlere Schartung auch einen Schluss auf 
den landschaftlichen Effect des Gebirges gestatten ; denn je grösser 
die Schartung ist, desto höher steigen die Gipfel über die Sättel 
empor und desto kühner und malerischer wird der plastische Auf- 
bau des Gebirges erscheinen. 

Da ferner der Grad der Geschlossenheit oder Zerrissenheit 
der Gebirgskämme einestheils von der Wirkungsweise der hebenden 
Kräfte, denen das Gebirge seine Entstehung verdankt, und anderen- 
theils von dem Widerstände abhängt, den das Material des Gebirges 
den zerstörenden Einflüssen der Erosion (im weitesten Sinne) ent- 
gegensetzt, so wird die mittlere Schartung nicht blos die Intensität 
der hebenden Kräfte auszudrücken im Stande sein, sondern auch 
anzeigen, in welchem Grade sie durch das Gebirgsmaterial modificirt 
wurde. 

5. Durch Mittelziehung aus der mittleren Gipfel- und der 
mittleren Sattelhöhe erhalten wir die mittlere Kammhöhe, oder 
das allgemeine eigentliche Höhenmaass des bezüglichen Kammes. 
Mit den Temperatur- Messungen verglichen, ist die mittlere Kamm- 
höhe das Analogen des Temperatur-Mittels ; die mittlere Gipfelhöhe 
entspricht dem Mittel der positiven — die mittlere Sattelhöhe dem 
Mittel der negativen Extreme und die Schartung der mittleren Am- 
plitude der Temperatur -Veränderungen. 

Da die Schartung nichts Anderes ist als der Unterschied zwi- 
schen der Gipfel- und der Sattelhöhe, so folgt, dass zur Darstellung 
der allgemeinen Höhenverhältnisse eines Kammes die Angabe der 
mittleren Kammhöhe und der mittleren Schartung genügt. Die 
mittlere Gipfelhöhe ist dann gleich der mittleren Kammhöhe mehr 
der halben Schartung und die mittlere Sattelhöhe gleich der mittleren 
Kammhöhe weniger der halben Schartung. Ist zum Beispiel für 
einen beliebigen Kamm 

die mittlere Kammhöhe mit 8500 und 
„ „ Schartung „ 1000 F.. 
angegeben, so wird 

die mittlere Gipfelhöhe = 8500 ^ 500 = 9000 und 
„ „ Sattelhöhe = 8500 — 500 = 8000 F. 
leicht zu berechnen sein. 



Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhöhe, Schartung unA Kammhöhe. l^ft 

Allerdings muss zur Bestimmung der Kammhöhe und Schar- 
tung zuvor die Gipfel- und die Sattelhöhe aufgefunden werden. Es 
bedarf jedoch nicht mehr dreier Zahlen, um die Höhenmaasse eines 
Kammes anzugeben, da sich, wie gesagt, aus der Kammhöhe und 
Schartung die beiden anderen Mittelmaasse, wenn man ihrer benö- 
thigen sollte, augenblicklich entwickeln lassen. Zudem ist wol in 
allen Fällen die directe und evidente Angabe der Schartung nütz- 
licher als die der Gipfel- und der Sattelhöhe. 

Das absolute positive Extrem einer Kammerhebung bildet, wie 
wir wissen, der culminirende Gipfel. Das äusserste negative 
Extrem kann, wenn anders nöthig, im tiefsten Sattelpunkte gefunden 
werden. 

Durch das Verfahren bei Bestimmung der mittleren Kamm- 
höhe wird der Kamm gleichsam in ein liegendes, dreiseitiges Prisma 
mit horizontaler, d. h. allenthalben gleich hoher Oberkante ver- 
wandelt. Der eingeschlagene Weg ist jedenfalls der richtige. Denn 
es bestehe, nach der nebenstehenden Figur 48, der Kamm aus den 
zwei Gipfeln A und B; es seien p. ^g 

m und n die relativen Höhen die- 
ser Gipfel über den Sattel C und 
die Grundlinien der im verti- 
calen Längenschnitte entstehen- 
den Dreiecke einander gleich und 
= Pj welche letztere Annahme man in der Natur nicht umgehen kann 
und sich bei einer grösseren Zahl von Gipfeln auch als annähernd 
wahr erweisen wird — so werden die Flächeninhalte dieser Drei- 
ecke =|>. ^ undp.^ demnach ihre Summe = 2p. -^ — oder 

einem Rechtecke gleich sein, dessen Grundlinie die Länge des 
Kammes und dessen Höhe die halbe Summe der beiden Gipfel- 
höhen ist. Bei 10 Gipfeln wird der zweite Factor selbstverständlich 
der zehnte Theil aller Gipfelhöhen, oder das arithmetische Mittel 
derselben sein u. s. f. Dasselbe gilt auch für die Sattelhöhen, und 
da sofort das Rechteck der mittleren Sattelhöhe auf derselben Grund- 
linie steht wie das der mittleren Gipfelhöhe, so wird jenes Rechteck, 
dessen Höhe der halben Summe der Gipfel- und der Sattelhöhe 
gleich ist, den Flächeninhalt des Kammdurchschnittes mit jener 
Genauigkeit repräsentiren, die bei derlei Dingen überhaupt zu 
erreichen möglich ist und billigerweise auch nur gefordert werden 

kann. 

Vi.* 




180 



Orometri scher Theil. 



Es ist deshalb nicht abzusehen, wesshalb Alexander von 
Humboldt das arithmetische Mittel aus den Höhen aller Gebirgs- 
Uebergänge, also gerade der allertiefsten Sattelpunkte, als den Aus- 
druck fiir die mittlere Kammhöhe eines Gebirges zu betrachten sieb 
bewogen fand. Auf solche Weise hat er dieses wichtigste orome- 
trische Maass ftlr die Alpen mit nur 7200, fllr die Pyrenäen aber 
mit 7500 P. F. aufgefunden*), ein Ergebniss, das nach den ein- 
gehendsten Untersuchungen, die ich hierüber angestellt, ganz sicher 
ein unrichtiges ist. Die Alpen besitzen unzählige Kammeinschnitte, 
welche höher sind als die höchsten Gipfel der Pyrenäen , während 
es in den letzteren überhaupt nur wenige Sättel gibt , welche die 
höchsten mit Fahrstrassen versehenen Pässe der Alpen an Höhe 
übertreffen. Hat sich nun Humboldt bei der Bestimmung der mitt- 
leren Kammhöhen lediglich an die Sättel gehalten, und für die 
Pyrenäen viele der grössten Sättelhöhen benützt, so hätte er dies 
auch bei den Alpen thun sollen, in welchem Falle er für diese eine 
ganz andere, und zwar weit grössere Zahl erhalten haben würde. 
Ist doch der höchste fahrbare Uebergaug über die Pyrenäen — 
der Col de la Perche — nicht höher als 4800 F., und ergibt sich 
doch schon in den Ostalpen, fiir die Oetzthaler, Stubayer, Saren- 
thaler, Zillerthaler Alpen und die Hohen Tauem, also für Ge- 
birge, die an allgemeiner Höhe den mittleren Central-Alpen so 
wie den Westalpen sicherlich nachstehen, eine mittlere Kammhöhe 
von mehr als 8500 P. F. 

6. Betrachten wir nun die bisher entwickelten orometrischen 
Werthe dieser Art, so erhalten wir nachstehendes Bild: 



1 
2 
3 
4 
5 

6 
7 
8 



Oetzthaler Geb. -Gruppe 

Stubayer Geb. -Gruppe 

Zlilerthaler Alpen . . 
Hohe Tauern . . . 

Kleine Tauern . . . 

Hochschwab-Gruppe . 

Nordtirolische Kalk-Alpen 

Südtirolische Dolomit -Alpen 



2« 



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^^^ 
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2 fl ^ 
.21 »: 

QQ.S 









Verhältniss 

der Schartang 

zar KammhShe 



9515 
8850 
8465 
8620 
6420 
4450 
5820 
7100 



680 

850 

762 

740 

710 

1445 

1090 

1090 



9855 
9275 
8845 
8990 
6775 
5172 
6365 
7645 



9175 
8425 
8082 
8250 
6065 
.S728 
5275 
6555 





: 14-0 




: 10-4 




: 10-9 




11-6 




9-0 




3-0 




5-3 




: 6-5 



*) „PoggendorfsAnnalen",Band Xni,pag. 522 undBand LVII,paor. 411 und416. 



Mittlere Gipfelhöhe, Sattelhöhe, Schartung und Kammhöhe. 181 

Aus diesem kleinen Verzeichnisse lässt sich zuvörderst er- 
kennen : 

1. dass die östlichen Central- Alpen von Westen gegen Osten im 
Allgemeinen an Höhe abnehmen; 

2. dass die Hohen Tauem innerhalb dieser Regel eine Aus- 
nahme machen und einen kleinen Aufschwung zu grösserer 
Höhe darstellen; 

3. das die Schartung im umgekehrten Verhältnisse zur Höhe 
der Gebirge steht, d. h. dass sie absolut und relativ bei 
höheren Gebirgen kleiner und bei niedrigen Gebirgen 
grösser ist; 

4. dass sie im Kalk-Terrain weit grösser ist als in Schiefer- 
Gebirgen, und 

5. dass sie bei den, in ihren Structur- Verhältnissen weit mehr 
gestörten äusseren Theilen der Alpen ebenfalls weit grösser 
ist, als bei den inneren, weniger gestörten Gruppen. 

Alle die oben angegebenen orometrischen Maasse beziehen sich 
nicht auf die Hauptkämme allein, sondern auf die Gruppen im 
Ganzen, d. h. auf die Haupt- und Nebenkämme zugleich. 

7. Um nun diese orometrischen Werthe für ganze Gebirge 
aufzufinden, müssen die für die einzelnen Kämme und Schartungen 
gefundenen richtig verbunden werden. So wäre es z. B. gewiss 
fehlerhaft, wollte man die Mittelhöhe eines 20 Meilen langen, sehr 
hohen Kammes mit der eines nur 2 Meilen langen weit niedrigeren 
Kammes zu einer einfachen Mittel ziehung verbinden. Jeder Kamm 
muss also mit seinem specifischen Werth in Rechnung gebracht 
werden und dieser specifische Werth ist seine Länge. 

Um demnach die mittlere Kammböhe und die mittlere Schar- 
tung für ein ganzes Gebirge zu bestimmen, hat man die für die 
einzelnen Kämme aufgefundenen Grössen mit den Längen ihrer 
Kämme zu multipliciren , und die Summe dieser Producte durch 
die Summe der Kammlängen zu dividiren. Ein Beispiel wird dies 
am besten erläutern. Es bestehe ein Gebirge aus 6 Kämmen und 
es seien die Kammhöhen, Schartungen und Kammlängen wie folgt: 

Mittlere Mittlere Kamm- 

Kammhöhe Schai-tang länge 

bei dem Kamme A 9000 F 820 F. ... 10 Meilen 

^ ^ j, B 7650 j, . . . . 880 ,, ... 6 „ 

f) j) D ^ oZOiJ ^ . . . . odü j^ ... 7 ^ 

r, w 7? I^ "7900 „ .... 910 „ ... 5 .^ 



182 



Oro metrischer Theil. 



Mittlere 
Kammhöhe 

bei dem Kamme E 8550 F 


Mittlere 
Sühartuug 

840 F 


Kamm- 
länge 

8 Meilen 


SO ist: 


7i 


F 7300 „ . . . . 


960 j, . . . , 


4 77 


filr den Kamm A 9000 X 10 — 90000 


. 820 X 


10 — 8200 


n 71 


7i 


B 7650 X 6 = 45900 


.... 880 X 


6 = 5280 


7) 71 


71 


C 8200 X 7 = 57400 


.... 830 X 


7 — 5810 


7? W 


77 


D 7900 X 5 = 39500 


. ... 910 X 


5 — 4550 


W 71 


77 


E 8550 X 8 = 68400 


. ... 840 X 


8 = 6720 


7i 7) 


77 


F 7300 X 4 — 29200 


. ... 960 X 


4 — 3840 



Die Summen sind: 40 330.400 40 34400 

Demnach die mittlere Kammhöhe des ganzen Gebirges: 

330400 : 40 = 8260 F. 

und die mittlere Schartung des ganzen Gebirges: 

34400 : 40 = 860 F. 
Sofort ergibt sich 

die mittlere Gipfelhöhe des ganzen Gebirges: 

8260 + 430 = 8690 F. 
und die mittlere Sattelhöhe des ganzes Gebirges: 

8260 — 430 = 7830 F. 
8. Alexander von Humboldt hat, um die Energie und die 
plastischen Verhältnisse der Gebirgserhebungen numerisch darzu- 
stellen, die Kammhöhen mit den Höhen der culminirenden Gipfel 
in Vergleich gesetzt, sich jedoch hierbei der von ihm unrichtig ent- 
wickelten Kammhöhen bedient. Wenn wir dasselbe für die in ihren 
orometrischen Dimensionen verlässlicher eruirten Gebirge thun, so 
erhalten wir nachstehende Tabelle. 



Mittlere 
Kammhöhe 



= a 



Höhe des 
culminiren- 
den Gipfels 
= b 



a : h 



1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 



Oetzthaler Geb.- Gruppe 
Stubayer Geb.-Gruppe 
Zillerthaler Alpen . . 
Hohe Tauern .... 
Kleine Tauem .... 
Hochschwab-Gruppe 
Nordtirolische Kalk-Alpen 
Südtirolische Dolomit- Alpen 



n 



n 



9515 F. 
8860 
8465 

8620 „ 

6420 „ 

4450 „ 

5820 „ 

7100 „ 



11946 F. 

11100 „ 

11124 „ 

12010 „ 

9030 „ 

7175 „ 

9598 „ 

llOöO „ 



1-26 
1-24 
1*30 
1-39 
1-41 
1-58 
1-63 
155 



Mittleres Gefäll der Kammgehänge. 183 

Es ist also auch hier, wie bei der Schartung, das Verhältniss 
dör Höhe des eulminirenden Gipfels zur Kammhöhe: 1. um so 
kleiner, je höher das Gebirge ist, 2. es ist in den Kalkalpen weit 
grösser als in den minder gestörten kristallinischen Schiefem und 
3. es ist im Allgemeinen kleiner als das von Humboldt angegebene 
Verhältniss wie 1 : 2. Nach dem Ergebnisse diesef Untersuchung 
ist anzunehmen, dass es sich bei höheren Gebirgen noch mehr von 
diesem Verhältniss entfernen werde. 

2. Mittleres GefSII der Kammgehänge. 

9. Dieses orometrische Maass ist aus mehreren Gründen von 
grosser Wichtigkeit. In orographischer Beziehung bestimmt es zu- 
nächst das Volumen des Gebirgskammes und drückt auch den 
Grad der Schwierigkeit aus, mit welcher derselbe zu überschreiten 
ist. Der Neigungswinkel der Gehänge wird aber auch einen Schluss 
auf die Vegetationsdecke des Kammes, d. h. auf seinen ökonomi- 
schen Werth, wie nicht minder auf die Zahmheit oder Wildheit der 
von ihm abrinnenden Gewässer gestatten. Sehr steile Gehänge 
werden felsig und unwirthlich, sanftere werden für die Zwecke der 
Feldwirthschaft oder Viehzucht brauchbar sein. 

Jedermann, der sich mit der Bestimmung der Gefällswinkel 
des Gebirges jemals beschäftigt, hat gewiss auch erfahren, wie 
schwierig, ja sogar gänzlich unausführbar derlei Messungen in der 
Natur sind, und wie vielen Täuschungen das Auge bei dem Ver- 
suche einer approximativen Ermittelung dieser Winkel ausgesetzt ist. 
Ich habe oben auf einige der hierbei vorkommenden Fehlerquellen 
und Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Die vornehmlichste und 
nicht zu bewältigende Quelle von Irrthümern aber liegt in der 
Wahl jener quer über das Kammgehänge zu legenden Linie, deren 
Neigungswinkel gegen den Horizont gemessen werden soll. Denn 
lässt man diese Linie auf dem nächsten Gipfel beginnen, so erhält 
man offenbar einen allzu grossen Winkel, aus dem einfachen 
Grunde, weil der Kamm, auch von den Sätteln weg, von welche;i 
der Fallwinkel ein viel kleinerer ist, gegen das Thal abdacht. Wählt 
man jedoch als Ausgangspunkt jener Linie den nächsten Sattel, 
so wird man eben so ein viel zu geringes Winkelmaass erhalten, 
abgesehen davon, dass die Sättel in der Regel vom Thal aus gar 
nicht sichtbar sind. Im Uebrigen wird man, namentlich im höheren 
Gebirge, kaum je einen Standpunkt finden, aviC ^NA^VjkfötöL »^^^ ^^srräs. 



lj«;4 Orometrucher Theil. 

Kamme zu Thal gehende und senkrecht auf die Thalrichtmig ein- 
fallende Gerade gesehen und ihr Abfallswinkel, ohne Fehler in der 
Projection, gemessen werden könnte. 

Diesen Schwierigkeiten kann jedoch mit Hilfe einer guten 
Karte des Gebirges und nach geschehener Bestimmung der mitt- 
leren Kammhöhe durch ein bestimmtes Rechnungsverfahren toH- 
kommen begegnet werden. Durch die Benützung der mittleren 
Kammhöhe wird das Gefäll der Gehänge auf das allgemeine Höhen- 
maass des Kammes bezogen und das Resultat dadurch von allen 
Zufälligkeiten in den Undulationen der Kammlinie befreit. Zur 
Bestimmung der einzelnen Neigungswinkel werden Thalpunkte von 
bekannter Höhe, welche mehr oder minder gleichmässig auf der 
Thalsohle vertheilt sind, gewählt. Hierauf werden die Höhenunter- 
schiede zwischen der mittleren Kammhöhe und der Höhe jener 
Thalpunkte^ sodann vermittelst der Karte und des Zirkels der 
geringste horizontale Abstand der Thalpunkte von der Kanunlinie 
aufgefunden , worauf sich der betreffende Neigungswinkel durch 

den Ausdruck tang rf = - , wo «f den zu suchenden Winkel, d 

den erwähnten Höhenunterschied und a den horizontalen Abstand 
bedeutet, leicht berechnen lässt. Das Mittel aus den gewonnenen 
Winkelwerthen gibt dann den mittleren Abfallswinkel des behan- 
delten Gebirgskammes auf der bezüglichen Seite. Es ist klar, dass 
vielleicht keiner der nach dieser Methode ermittelten einzelnen 
Winkel einen objectiven Werth besitzt; ihr Durchschnitt wird 
jedoch gewiss das gesuchte mittlere Gefklle des Gehänges richtig 
darstellen, wenn anders die Anzahl der verfügbaren Thalpunkte, 
mit Rücksicht auf die Länge des Kammes, keine allzu geringe ist. 
Nöthigenfalls kann wol auch durch angemessene Interpolation 
eines Thalpunktes die Zahl dieser Einzelwinkel vermehrt werden. 
Der Durchschnitt aus den Abfallswinkeln beider Kammgehänge 
gibt den mittleren Abfallswinkel des Kammes im Ganzen. 

10. Um nun den mitteren Abfallswinkel der Kammgehänge 
für ein ganzes Gebirge aufzufinden, werden wir wie bei den 
Kammhöhen und Schartungen verfahren, d. h. wir werden die für 
die einzelnen Kämme ermittelten Winkel mit den Kammlängen 
multipliciren, und die Summe dieser Producte durch die Summe 
der Kämmlängen dividiren. 

11. Die nach dieser Methode gerechneten Abfallswinkel ein- 
zelner Gebirge sind: 



Mittlere Höhe und mittleres Gefall der Thäler etc. Ig5 



2O0 17' 
230 42' 
250 31' 
26^' 13' 
170 11' 



Für das Oetzthaler Gebirge / aus 76 Einzelwinkeln 
„ die Stubayer Gruppe 1 „ 98 „ 

„ „ Hohen Tauerü / „ 492 „ 

„ „ Zillerthaler Alpen j „ 177 „ 

„ „ Hochschwab- Gruppe f „ 60 „ 

Diese Werthe lassen erkennen: 

1. dass die mittleren Neigungswinkel der Kammgehänge selbst 
im Hochgebirge durchaus nicht so gross sind, als es auf den ersten 
Blick den Anschein hat, und als sie bisher von einigen Seiten, auf 
Grund ungenügender Beobachtungen, angegeben worden sind*); 

2. dass sie bei den grossentheils aus Gneiss und stellenweise 
auch aus Granit aufgebauten Kämmen der Hohen Tauern und der 
Zillerthaler Alpen grösser sind als bei den meist aus Glimmerschie- 
fer gebildeten Oetzthaler und Stubayer Gebirgen, und 

3. dass diese Winkel mit der Höhe des Gebirges rasch 
abnehmen. 

Dies schliesst jedoch Anomalien bei einzelnen Kämmen da 
wie dort nicht aus. So zeigt, im Oetzthaler Gebirge, der Pitzkamm 
westlich ein mittleres Gefälle von 32, und der Matscherkamm 
nördlich von 30 Grad; in den Hohen Tauern fällt der Sulzbach- 
Kamm östlich mit 44, dagegen der ßathhausstock bei Gastein nur 
mit 19, der Pinniser Kann in Stubay östlich mit 37 y^, westlich mit 
mit 31, und in der Hochschwab-Gruppe die Kalkmasse der Zeller- 
^tarritzen im Mittel mit 28 V5 Grad zu Thal ab. 

3. Mittlere Höhe und mittleres Qefilll der Thäler; allgemeine 

Sockelhöhe des Gebirges. 

12. Unter der mittleren Höhe des Thaies verstehen wir 
jene absolute Höhe, die das Thal bekäme, wenn wir, ohne den 
Flächeninhalt des durch die Thalsohle gehenden Längenprofils zu 
ändern, den Schnitt durch die Thalsohle in eine horizontale Linie 
verwandeln. 

Hierzu ist zuerst die Feststellung des Thalursprungs noth wen- 
dig, was in zweifelhaften Fällen nach der oben auf Seite 126 ge- 
gebenen Anleitung leicht geschehen kann. Es muss in dieser Bezie- 
hung correct und consequent vorgegangen werden, weil sonst die 



*) „Neuere Untersuchungeu über die physik. Geographie und Geol. d. Alpen' 
der Gebrüder Sehlagintweit, pag. 134. 



Igß Oromt'triKclior Tlieil. 

Thalhöhen leicht unrichtig bestimmt, dadurch ein wichtiges oro- 
metriscbes Element geschädigt und das Resultat des ganzen Rech- 
nungssystems zweifelhaft wird. 

Es ist von einigen Seiten die Ansicht ausgesprochen 
worden, dass das arithmetische Mittel der Anfangs- und Aus- 
gangshöhe des Thaies die Mittelhöhe desselben hinreichend genau 
ausdrtlcke. Dies ist jedoch nicht richtig, und in den meisten 
Fällen noch um Vieles unrichtiger, als wenn man, aus der höchsten 
und tiefsten Temperatur des Tages durch einfache Durchschnitts- 
rechnung das Tagesmittel bestimmen wollte. Jene Mittelziehung 
wäre nur in denä einzigen Falle anzuwenden, wo die Thal- 
sohle, vom Anfange bis zum Ende, eine regelmässig fallende gerade 
Linie darstellt. Auf diese Art sind jedoch im höheren Gebirge nur 
äusserst wenige Thalfurchen construirt. Nach der oben vorgeführten 
Charakteristik der Querthäler bestehen dieselben meistens aus einer 
Folge von Terrassen, bei denen die zwischenliegenden Thalstufen 
von sehr verschiedener Höhe sind. Es kann also in dem einen Falle 
die Thalsohle sehr lange auf grosser Höhe verharren und erst 
nahe vor der Thalmtindung rasch auf ein tieferes Niveau herabfal- 
len (Krimmler Achenthai, Defereggen-, Gerlos-Thal u. a), oder sie 
kann sich in einem anderen Falle gleich Anfangs tief in den Grund 
eingenagt haben, und dann mit nicht weiter gebrochener Sohle in 
das Hauptthal ausmünden. Im ersten Beispiele würde also das Mittel 

Fig. 49. 




aus der Anfangs- und Ausgangshöhe offenbar weit unter — im zweiten 
Beispiele weit über der wahren Mittelhöhe stehen, was aus dem 
nebenstehenden Diagramme auf den ersten Anblick zu erkennen ist. 

Man wird also eine genaue mittlere Thalhöhe nur dadurch 
erhalten, dass man aus den absoluten Höhen einer entsprechenden, 
gleichmässig über die Thallänge vertheilten Zahl von Thalpunk- 
ten das arithmetische Mittel sucht. 

So habe ich z. B. die Mittelhöhe des Krimmler Aehenthales 
aus 8 Thalpunkten mit 4425, des Gasteiner Thftles aus 10 solohea 



Mittlere Höhe und mittleres Gefall der Thäler etc. Ig7 

Punkten mit 3520, des MöUthales aus 12 Thalpunkten mit 3110 
und die des Oetz-, Fender-, Rofenthales aus 19 Punkten bestimmt. 

13. Anders ist es mit dem mittleren Gefälle der Thä- 
ler, worunter man, wie bei dem Gefälle der Flüsse, den Winkel 
versteht, den die zu einer geraden Linie ausgespannte Verbindung 
von Thalursprung und Thalmtindung mit dem Horizonte einschliesst. 
Dieser Winkel wird ebenfalls logarithmisch durch die Gleichung 

tang 9 = — gefunden, wo rp den zu suchenden Fallwinkel, d den 

Höhenunterschied zwischen dem Ursprungs- und dem Mündungs- 
Punkte und n die Thallänge bedeutet. 

Für manche Zwecke der Urographie und Hydrographie wird 
es wtinschenswerth erscheinen, die Gefälle für einzelne oder flir alle 
einzelnen Theilstrecken des Thaies zu kennen, was nach Ausmitte- 
lung der hierzu nothwendigen Höhendifferenzen und Streckenlängen 
nach der obigen Formel leicht gerechnet werden kann. 

14. Unter dem Sockel des Gebirges verstehe ich jene, 
im » Meeres-Niveau beginnende prismatische Erdmasse von horizon- 
taler Oberfläche j auf welcher die« Gebirgskämme als dreiseitige 
Prismen aufgesetzt sind. Sie hat die horizontale Area des Gebirges 
zur Grundfläche, deren Grösse mittelst der Karte bestimmt wer- 
den kann. Durch die rationelle Ermittelung der Sockelhöhe wird 
die Gebirgsmasse in zwei Körper von bekannten Dimensionen ge- 
theilt, und zwar in den Sockel einerseits, und in die zu einer 
Summe vereinigten Gebirgskämme andererseits. 

Bei Auffindung der absoluten Höhe dieses Sockels werden 
die Höhen der Thäler maassgebend sein, da diese es sind, welche 
die relative Höhe der Kämme gegen die Oberfläche des Sockels 
bedingen. Es müssen zu diesem Ende die Höhen aller jener Thä- 
ler, welche die Kämme rechts und links einschliessen , bekannt 
sein und in die Rechnung eingeführt werden. In keinem Falle 
aber sind die Höhen jener secundären Nebenthäler zu benützen, 
die . in einen Kamm eingreifen, der bei der Bestimmung der Kamm- 
höhe und des Neigungswinkels der Kammgebänge als ein unge- 
theiltes Ganzes angesehen wurde. Dort endlich, wo ein transversal 
gegliedertes Gebirge von einem grossen Längenthaie eingeschlossen 
i&t,, da darf auch die Höhe dieses Längenthaies nicht in die 
Rechnung eintreten, weil dasselbe schon durch die Ausgangshöhen 
der Quertkäler seinen Einfluss auf die Sockelhöhe bereits geltend 
gemacht hat. 



188 OrometriKcher Theil. 

Auch hier wird sofort jede einzelne Thalhöhe nur mit ihrem, 
durch die Thallänge ausgedrückten specifischen Werthe zur Mittelzie- 
hung herangezogen werden dürfen, und man wird sonach die mittlere 
Sockelhöhe des Gebirges dadurch erhalten, dass man die Summe 
der Producte der mittleren Thalhöhen in die dazu gehörigen Thal- 
längen durch die Summe der Thallängen dividirt. Ich halte es 
für überflüssig, dieses Verfahren durch ein Beispiel zu erläutern; 
es gleicht ganz jenem, das bei der Bestimmung der mittleren Kamm- 
höhe und mittleren Schartung eines ganzen Gebirges befolgt wurde. 

15. Auf diese Weise haben sich einige l^ockelhöhen in den 
Ostalpen wie folgt ergeben: 

fllr die Oetzthaler Gebirgsgruppe mit 5122 W. F. 
„ „ Stubayer „ „ 3586 „ 

,, ,, Zillerthaler Alpen „ 3880 „ 

„ „ Hohen Tauem „ 4080 „ 

„ „ Hochschwab-Gruppe „ 2200 „ 

Dieses Verzeichniss zeigt zuvörderst die ungemein mächtige 
Hebung des Oetzthaler Gebirges und eine Basishöhe seiner Kämme, 
wie sie ohne Zweifel im ganzen Gebiete der Alpen nicht wieder 
vorkommt, wenn auch andere Alpentheile sie in der Höhe ihrer 
Kämme und Gipfel weitaus übertreffen. Aber auch in den drei 
folgenden Gruppen ist die Hebung noch immer ansehnlich genug, 
besonders in den Hohen Tauern, denen in vielen Beziehungen die 
Zillerthaler Alpen gerade so zur Seite stehen, wie die Stubayer 
den Oetzthaler Gebirgen. Die Hochschwab-Gruppe endlich oflFenbart 
die bedeutende Abschwächung der hebenden Kräfte gegen den 
östlichen Rand der Alpen. 

Es bedarf wol kaum einer Erwähnung, dass die Sockelhöhe 
des Gebirges jenes orometrische Zahlen-Element ist, welches die 
Energie und Massenhaftigkeit einer Gebirgserhebung am besten 
zu repräsentiren geeignet ist, 

4. Volumina des Sockels und der Kämme; Totalvolumen des 
Gebirges und Höhe des massiven Plateau's. 

16. Es wird nun ein Leichtes sein, die Volumina der beiden 
('oraponenten des Gebirgskörpers — Sockel und Kämme — zu 
bestimmen. Die Einfachheit und Leichtigkeit, mit der dies jetzt 
geschehen kann, zeigt den Nutzen, den die Abscheidung und Hö- 
henbestimmung des Gebirgssockels aus der gesammten Gebirgsmasse 
gewährt. 



VolamlDe des äockeU aud der KSmnie etc. IgQ 

Den Kubikinhalt des Sockels erhält man durch die 
Multiplicatioü der horizontalen Area des Gebirges mit der Sockel- 
höhe. Die horizontale Area aber kann aus der Karte mit Hilfe 
eines Planimeters sehr leicht aufgefunden werden. 

Nun erübrigt noch die Berechnung des kubischen Inhaltes 
der Kämme. Da diese durch die Bestimmung der mittleren 
Karamhöhe iüv das ganze Gebirge, sowie des allgemeinen mittleren 
^Teigungswinkels aller Kammgehänge, auf ein gemeinschaftliches 
gleiches Maass gebracht sind, so können alle Kämme, durch Addition 
ihrer Längen, als ein einziger Kamm, d.h. als ein einziges liegendes 
dreiseitiges Prisma betrachtet werden, dessen Länge bekannt und 
dessen Höhe durch Siibtraction der Sockelhöhe von der mittleren 
Kammhühe erhalten wird. Diesen Unterschied wollen wir die 
relative mittlere Kammhöhe nennen. 

In dem nebenstehenden Diagramm bedeutet A den Öebirgs- 
sockel, B den allgemeinen und dem Sockel aufgesetzten Kamm, 
dessen Länge wir mit S l aus- 
drücken wollen , a die Sockel - 
höhe, b die mittlere Kammhöhe, 
alsoft — a^c die relative mittlere n V, ^ 

Kammhöhe, cp den bekannten 
mittleren Neigungswinkel der ^^' 
Kammgehänge, und drücken wir f^^ 



endlich die horizontale Area des 
ganzen Gebirges mit .F aus, so ist 
der KuhikinhaltdesGebi rgssockel s ^= Fa, 
„ „ der Gebirgs kämme = c X cotgtf X.^ l, 

daher 
der „ des ganzen Gebirges = fit -f c X co^fff X ^ ^ 

und nennen wir diesen letzteren Ausdruck, d. h. das Totalvolumen 
des Gebirges der KUrze wegen V, so wird -p- die Höhe des 
massiven Plateau'a, d. h. jenes Prismas sein, welches entsteht, 
wenn man das Totalvolumeo des Gebirges gleichmässig Über seine 
horizontale Area vertheilt. 

Dieses letzte orometrische Ergebniss zeigt wol am deutlichsten 
die wahre Grösse des jetzt bestehenden Geblrgsmassivs, während 
die mittlere Kammhöhe die allgemeine Höhe der Erhebung, die 
mittlere Schartung (unter sonst gleichen Umständen — Boden- 
mat^al), die Qualität der Erbebung, die relative mittlere Kamm- 



190 



OmmetH»;her Theil. 



höhe, BOwoI die Tieft? der ursprangltchen Zerapaltung der Gehii^- 
m&B8e als auch den Effect der aachgefolgten Erosion and die 
allgemeine Soekelhöbe, endlich die Massenhaftigkeit der Erhebung, 
mit relativea MaaaBen nuszudrtlcken die Eignung hat. 

17. Es möge quo ein VerzeichnisB der für einige Tteile der 
Ostalpen ermittelten Mansse der letztgenannten Art mit ihren nume- 
rischen Prämissen folgen. 





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0-953S7 


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M3t 



Diese Tabelle weist einige merkwürdige EigonthUmlichkeiten 
der hier verzeichneten Gruppen nach. Sie zeigt zwar das Oetzthaler 
Gebirge, sowol in Kamm- als SockelhObe wie auch in der Höhe 
des soliden Plateau's, als das bedeutendste ; dafllr aber ist die 
relative Höbe seiner Kämme unter den vier erstgenannten Gruppen 
am kleinsten, d. h. seine Thäler schneiden am mindesten tief in die 
Gebirgsmasse ein, während bei der Stubayer Gruppe das umge- 
kehrte Verhältniss stattfindet — Thatsachen, die in der grossen 
Höbe der Thalsohlen des Fender-, Gurgler-, Pitz-, Kaunser-, Lang- 
tauferer-, Matscher-, Schnalser- und oberen Passeyerthales im Oetz- 
thaler Gebirge, sowie durch die relativ tiefe Lage des Stubayer-, 
Gschnitzer-, Pflersch-, Ridnaun- und Batschingesthal iu der Stubayer 
Gruppe, ihren praktischen Ausdruck finden. 

18. Das Programm der zur orometrischeD Bearbeitung 
eines Gebirges nach dem hier vorgetragenen Systeme auszu- 
führenden Arbeiten ist demnach folgendes: 

1. Berechnung der mittleren Gipfelhöhen aller Kämme, 

2. „ „ „ Sattelhöhen „ „ 

3. „ „ „ Schartungen „ „ 

4. „ - Kammhöhen _ „ 



VoIumioA Aea Bnckels und der K&mme e 



5. Berechnung der mittleren Abfallswinkel für 
die gewählten Tbalpunkte und ihres Mittels 
fUr den Kamm, 

6. Auamittlung aller einzelnen Kammlängei 

7. Berechnung des mittleren AbfailswinkeU der 

Kämme für das ganze Gebirge, 

8. Berechnung derl 
mittl.Kammböhe I 

9. Berechnung der <*' <>» B"°^« Qebirge, 
mittl. SchartuDg ) 

10. Berechnung der mittleren Thalböhe für je = 

des geeignete Thal, ^ 

11. Ausmittlung aller einzelnen Thallftngen, 

12. Berechnung des mittleren ThaJgefälls aller a 

Thäler und, wennnöthig, der Thal strecke a. 

13. Berechnung der Sockelhöhe des ganzen Öe „ 

birges, 

14. Berechnung der relativen mittleren Kamm ' 

höhe, ; 

15. Berechnung des kubischen Inhaltes des Ge » 

birgssockels, n 

16. Berechnung des kubischen Inhaltes des all ^ 

gemeinen mittleren Gebirgskammes, ^ 

17. Berechnung des Totalvolums des Gebirges, = 

18. „ der absoluten Höhe des soliden s 
Plateau's. I 

Diese Rechnungs-Operationeu haben einige ^ 
Aehnlichkeit mit jenen, welche bei meteorologi | 
sehen Untersuchungen ausgeführt werden; doch s 
unterscheiden sie sich von diesen zu ihrem Vor = 
theil dadurch, dass sie es nicht mit veränderli ^ 
eben Grössen zu thun habeu, und dass ihre Re & 
sultate keine fictiven, nur durch die logische ~ 
Verbindung der Grundeleraente gerechtfertigten 
Werthe besitzen. 

19. Um die Verhältnisse der Kamm- und 
Sockelhöhen der Gebirge auf bildlichem Wege 
zur Anschauung zu bringen, habe ich in einem 
vom „Ausland" in den Nummern 1, 2, 3 und 4 
pro 1869 publicirten Aufsätze „Ober die p\aa\i- 



iff 



192 Orometrischer Theil. 

sehen und hypsometrischen Vorhältnisse der Ostalpen " vor- 
stehende Darstelhmgs weise angewendet, die sieh durch Einschaltung 
einiger anderer wichtiger orometirschen Maasse vielleicht noch ver- 
vollständigen Hesse. 

Die oberen Zahlen beziehen sich hier auf die mittleren 
Kamm-, die unteren auf die Sockelhöhen. 



m. 



OßOGENETISCHEß THE IL. 



äuuklar, AUg. Urographie. Vd 



A. Allgemeines. 

1. Dieser Abschnitt soll sieh damit beschäftigen, zu zeigen, 
auf welche Art die verschiedenen Reliefformen der Erdoberfläche 
zu Stande gekommen sind. 

Mit dieser Frage stehen wir oflFenbar vor einem der höchsten 
und letzten Probleme der physikalischen Geographie. Wie schwierig 
aber die Lösung dieser umfassendsten und verwickeltsten aller Auf- 
gaben ist, das zeigen die abweichenden Ansichten der gewiegtesten 
Geologen aller Länder. Niemand war zugegen , als die Alpen oder 
die Pyrenäen, der Kaukasus oder der Himalaya ihre Glieder aus 
dem Meere emporstreckten; niemand hat die Art ihres Werdens 
belauscht. Sind sie langsam, Jahrtausende oder Jahrhunderttausende 
lang aufgestiegen, etwa wie jetzt noch Süd- Amerika oder Norwegen, 
mit dem Maasse von 2 — 4 F. in Hundert Jahren, aufsteigen, oder 
geschah dies rasch und gewaltsam, d. h. in relativ kurzen Zeit- 
räumen, durch welche allein jene grossen und wunderbar mannig- 
faltigen Störungen in dem natürlichen Schichtenbaue der Erdkruste 
erklärbar scheinen ? Welchen Antheil hatte ferner der Rückzug 
der erkaltenden Erdmasse an der Ausbildung ihres oberflächlichen 
Reliefs? Oder wenn, im Widerspruche mit vielen Ergebnissen 
untadelhafter Induction und mit den Befunden der Spektralanalyse 
— wornach die Sonne sowol als der Jupiter noch immer gas- 
förmige oder flüssige Massen sind — der jemalige Feuerfluss der 
Erde, und mit ihm das plutonische Princip überhaupt geleugnet 
wird — wie lassen sich da die Höhen und Tiefen der Erdober- 
fläche erklären ? Genügt hierzu die Metamarphose der Gesteine 
allein, oder wenn nicht, in welchem Maasse hat sie die anderen 
hebenden • Kräfte unterstützt? Wie endlich, und in welchem Grade 
hat die Erosion, nach allen Richtungen ihrer zerstörenden Thätig- 
keit aufgefasst, an der Modellirung der Erdoberfläche Theil jge- 
nommen ? ' '\^ 



196 Orogenetischer Theil. 

Es ist klar, dass eine Erklärung der hier in Rede stehenden 
Phänomene nur an dem Leitfaden der Naturgesetze gesucht werden 
darf. Aber die ungeheueren Dimensionen, so wie die oft maasslos 
verwickelte Form der Erscheinungen, bringen es leicht dahin, den 
Verstand sowol über die Natur der ihnen zum Grunde liegenden 
Kräfte als auch über die Art ihrer Wirkungen irre zu flihren. Wir 
sind gewohnt, an unbekannte Grössen die unseren Vorstellungen 
geläufigen Maasse anzulegen. Dadurch kommt es, dass dem Einen 
die Annahme irgend einer Ursache unmöglich scheint, die ein 
Anderer, dessen Geist sich mit der Möglichkeit mächtigerer Wir- 
kungen vertraut gemacht hat, als annehmbar und wahrscheinHch 
erachtet. Andererseits sind von Manchen Naturkräfte von ausser- 
ordentlich wirksamer Art desshalb übersehen worden, weil von 
ihren Wirkungen zur Zeit nichts mehr wahrzunehmen ist, oder weil 
dieselben in ihrem Einflüsse auf die Gestaltung der Erdkruste 
schwer abzuschätzen sind, was insbesondere von jenen Störungen 
gilt, die durch den Rückzug der erkaltenden Erdmasse hervor- 
gebracht wurden. Bei Anderen wieder hat irgend eine mit Wärme 
ergriffene Theorie, wie nützlich sie auch in vielen Punkten war, 
alle übrigen Ansichten dermaassen überfluthet, dass sie fiir alles gut 
stand und eine Ausschliesslichkeit in Anspruch nahm, die sich 
gegen jede andere Erklärung und selbst gegen ihre eigenen Wider- 
sprüche mit den Erscheinungen in der Natur verschloss. 

So ist es gekommen, dass über die Entstehung von Hoch und 
Tief, von Berg und Thal, von Land und Gebirgen im Laufe der 
Zeit, je nach dem Stande der Naturwissenschaften und je nach den 
herrschenden Ansichten der Zeit und Einzelner sehr verschiedene 
Lehrmeinungen aufgestellt wurden. So ward aus dem Umstände, 
dass fossile Muscheln auf hohen Bergen gefunden wurden, zunächst 
geschlossen, die Sündfluth habe sie auf jene Höhe emporgetragen. 
Dies geschah im XV. und XVI. Jahrhunderte, als die Geologie 
noch in ihren Windeln lag. Aber auch später noch, im XVII. und 
XVIII. Jahrhunderte, als die Erfahrungen über den Bau der Erd- 
kruste sich bereits ansehnlich vermehrt hatten, wurde von dem 
Streben nicht abgelassen, die Geschichte der Erdbildung mit der 
mosaischen Urkunde in Uebereinstimmung zu bringen. Hierdurch 
gerieth die sogenannte neptunistische Theorie in Aufnahme und 
ward sogar in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, durch 
Buffon und Werner wissenschaftlich begründet, zur herrschenden. 
Ab^r schon früher hatte man zu den unterirdischen Kräften seine 



AUgemeineä. 197 

Zuflucht genonimen; bald sollten es nur die Erdbeben, bald nur 
die Vulkane gewesen sein, durch welche Berge und Thäler ent- 
standen sind. Schon war man auf diesem Wege, und zwar durch 
den Italiener Lazzaro Moro, dahin gelangt, an der Hand der That- 
sachen alle bisher aufgestellten, hypertheoretischen Ansichten zu 
beseitigen, als, wie gesagt, die neptunische Theorie auf längere Zeit 
das wissenschaftliche Feld behauptete. Gleichzeitig machten sich 
aber auch allerlei andere, zum Theil höchst sonderbare und merk- 
würdige Theorien geltend, was besonders bei den eigentlichen 
Geographen geschah, die sich berufen glaubten, im Interesse einer 
Gebirgs-Systematik das Möglichste zu leisten, und „an die Stelle 
der wirklich beobachteten Erscheinungen die Gebilde einer irre- 
geleiteten Einbildungskraft zu setzen"*). Bald hielt man die Erde 
flir einen nach geometrischen Gesetzen organisirten Körper, d. h. 
für einen Kristall, und die Kanten dieses grossen Polyeders sollten 
eben die Gebirge sein (Delametherie) ; für diese letzteren kamen 
die klingenden Bezeichnungen „Ossature du Globe" (Desmarest) und 
„Charpente du Globe" — Gezimmer der Erde — (Buache) in Auf- 
nahme. Alle Gebirge sollten hiernach unter einander im striktesten 
Zusammenhange stehen, dabei von einigen wenigen Punkten radien- 
förmig auslaufen, sich über die Ebenen imd die Meere hindurch 
fortsetzen (chaines de montagnes marines), um in einem anderen 
Continente wieder aufzutauchen und die Verbindung mit einem 
anderen Centralpunkte aufzusuchen (Buache). Nach Anderen sollten 
sich die Gebirgsketten der Erde genau an die Meridiane und Parallel- 
kreise halten (Buffon), oder sie wurden in ein so vollständiges Netz 
von Bergmeridianen und Bergparallelen eingezwängt, „dass sich 
die Lage der einzelnen Punkte auf der Erdoberfläche nach einem 
solchen Netze eben so genau würde eintragen lassen, als nach dem 
künstlichen Netze unserer Karten" **) (Gatterer, Otto, Zimmermann). 
Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde die fast 
vergessene Ansicht von dem Einflüsse der im Innern der Erde 
sitzenden Elräfte auf die Entstehung der Gebirge neuerdings hervor- 
geholt, durch Hutton und Playfair einer wissenschaftlichen Revision 
unterzogen und als plutonische Theorie in die ihr gebührenden 
Rechte wieder eingesetzt. Es hatte nämlich mittlerweile der grosse 
Alpenforscher Horace de Saussure die Geologie der Alpen erschlossen, 
und jene beiden Gelehrten selbst hatten den Bau der schottischen 

*) Allgemeine Länder- und Völkerkunde, von Dr. H. Berghaus, II, 436. 
**) Ibidem, U, 436. 



198 Orogeneüscher Theil. 

Gebirge eingänglich untersucht^ wodurch so viele Thatsachen an 
das Licht gezogen wurden, dass, ihnen gegenüber^ die neptunische 
Theorie, nach ihrem bisherigen Umfange, nicht mehr haltbar wurde. 
Aber erst durch Alexander von Humboldt und Leopold von Buch, 
diese beiden grössten Geologen aller Zeiten, wurde der innere Bau 
der Gebirge in seinem Einflüsse auf ihre Plastik richtig erkannt und 
dargestellt. Durch diese Lehre, ich möchte sie die geognostische 
Urographie nennen, wurde der BegriflF des Gebirges von seiner 
Geognosie abhängig, wodurch alle früher erwähnten, übertriebenen 
Vorstellungen von der Erstreckung, dem Zusammenhange und der 
Richtung der Gebirge von selbst wegfielen. 

2. Wenn also, dieser Theorie gemäss, die Gebirge als Er- 
hebungsmassen angesehen werden müssen, so haben sich dennoch 
in neuerer Zeit, innerhalb dieser Theorie, verschiedene Ansichten 
über die Natur der hebenden Kräfte geltend zu machen gesucht 
So wird z. B. von einigen jetzigen Geologen der jemalige feuer- 
flüssige Zustand des Erdkörpers, so wie in Folge dessen das 
Vorhandensein einer, den plutonischen Eruptionen zum Grunde 
liegenden, hohen Temperatur im Erdinnern bestritten, und dafür, 
zur Erklärung der erwähnten Hebungsvorgänge, die Umwandlung 
der Gesteine auf chemischem Wege in einem Umfange angenommen, 
der beinahe alle kristallinischen Felsarten, selbst die ältesten erup- 
tiven, einschliesslich des Granits und Syenits, zu sedimentären und 
später metaraorphosirten Gesteinen macht. Durch diese Umwand- 
lung sollen die in den Meeren der Vorzeit entstandenen Sedimente 
in ihrem Volumen allmälig sich verändert, und durch ihr Aufstei- 
gen pder Einsinken jene Niveau- Veränderungen auf der Erdober- 
fläche hervorgebracht haben, die sich jetzt als Höhen und Tiefen 
des Erdfesten kundgeben. Wegen der Langsamkeit, mit wel- 
cher alle jene Umwandlungsprocesse imd daher auch alle He- 
bungen und Senkungen vor sich gingen, wird diese Theorie zu- 
weilen die quietistische genannt. Sie hat in Charles Lyell einen 
berühmten Führer und in England ihre meisten Anhänger gefimden, 
obwol es ihr nicht gelungen ist, den grössten Geologen jenes Landes, 
Roderick Murchison, zu ihren Ansichten zu bekehren. Doch will es 
scheinen, als sei diese Lehre theils in Folge der immer grössere Aner- 
kennung und Ausbreitung findenden, mechanischen Wärmetheorie, mit 
deren Hilfe sich die durch den Umsatz der Kräfte hervorgegangene An- 
fangs-Temperatur des Erdkörpers berechnen lässt, theils in Folge der 
Spectral-Analyse, die für die Sonne die Existenz einer noch immer 



, Allg6tneines. 199 

ausserordentlich hohen Wärme unwiderleglich nachweist, in ent- 
schiedenem Rückgange begriflfen. 

Nicht als ob der Metamorphisraus überhaupt geleugnet werden 
dürfte. Umbildungen von Gesteinen haben zu allen Zeiten und an 
allen Orten, in grösserem oder geringerem Umfange und in allen 
möglichen Graden und Arten stattgefunden. Aber Eines ist es, den 
Metamorphismus in der angedeuteten Beschränkung anerkennen, 
und ein Anderes, ihn nicht nur als Argument für die gegenwärtige 
mineralogische Constitution des grössten Theiles der bekannten 
Gesteine, sondern auch als das Princip für alle Bewegungen der 
Erdkruste und aller gestörten Lagen, aller Faltungen, Knickungen, 
Verwerfungen und Uebersttirzungen der Schichten erklären. Schon 
haben einige der früheren Anhänger der metamorphischen Theorie 
einsehen gelernt, dass Angesichts so gewaltiger Zerrüttungen der 
Schichten, wie sie die Geognosie aller höheren Gebirge nachweist, 
der Recurs auf eine andere, lebendiger wirkende Ursache unab- 
weislich sei, und dass die nunmehr erleichterte Annahme eines 
feuerflüssigen Erdinnern mit seinen drastischeren Reactionen gegen 
die dünnere Erdkruste früherer Zeiten, die Thatsachen der Natur 
weit leichter und ungezwungener zu erklären im Stande sei, als die 
zahme und langsame Thätigkeit der Gesteinsmetamorphose. 

3. In seinem Werke „Manual of Geology" hat Dana auch den 
Rückzug der erkaltenden Erdkruste in seinem Einflüsse auf die 
Gestaltung der Erdoberfläche in Betracht gezogen und ist dabei zu 
wichtigen Schlussfolgerungen gekommen. Er hat überzeugend nach- 
gewiesen, wie durch die Verringerung des Erdvolums in Folge der 
Abkühlung ein Druck innerhalb der Erdkruste in horizontaler 
Richtung entstand, der bei fortgesetztem Rückzug, und als die 
Kruste selbst sich ihrer verkleinerten Oberfläche nicht mehr an- 
bequemen konnte, zu Brüchen und Faltungen ode^ zu beiden führen 
musste. Hier hat die Erde stets als ein Ganzes reagirt, wesshalb 
sich die erwähnten Wirkungen über ihre ganze Oberfläche aus- 
breiteten, wenn sie auch in verschiedenen einzelnen Theilen ver- 
schieden waren. War aber irgend ein Stück der Kruste, unter der 
Einwirkung des Druckes, aus seiner früheren Lage gewichen, so 
musste ein Theil desselben, in Folge des ursprünglichen Zuges nach 
abwärts, gegen die Tiefe gezogen und ein anderer Theil in Folge 
der secundären Einwirkung des fortgesetzten Seitendruckes in die 
Höhe gehoben werden. Auf diese Art erfolgte Bruch auf Bruche 
wobei eine Masse über die andere geschoV)^!! 'wwxöie, qÖl^t %'s» ^t^^^^ 



200 Orogenetischer Theil. 

Faltung auf Faltung in parallelen Wellen, oder es ergaben sich 
Brüche und Faltungen zugleich — alle diese EflFecte veränderlich, 
nach der localen Beschaffenheit der Kruste, nach ihrem zeitlichen 
Verhältniss in Beziehung auf Feuchtigkeit und Temperatur und nach 
der Wirkungsweise der bewegenden Kraft selbst*). 

Dana zeigt sofort die Allgemeinheit dieser Wirkungen durch 
die vorherrschend parallele Gliederung fast aller Gebirgssy steine 
der Erde, insbesondere der Apalachen, wie nicht minder die lieber- 
einstimmung der Thatsachen mit der Ursache und macht darauf 
aufmerksam, dass die Biegsamkeit der Gesteine, wie sie bei Fal- 
tungen der Schichten vorausgesetzt werden muss, theils durch die 
Langsamkeit der Bewegung grosser, tafelförmiger Massen, theils 
durch Nässe, Hitze und Dämpfe, welche moleculare Bewegun- 
gen innerhalb des Gesteins ermöglichten, befördert worden sein 
mochte. Im üebrigen hält Dana, wenngleich ein Metamorphiker 
ersten Ranges, den Rückzug der erkaltenden Erdkruste doch nicht 
für das alleinige Princip aller Niveau- Aenderungen der Erdoberfläche. 
Nebst den eigentlichen metamorphischen Einwirkungen lässt er 
auch den Druck tiberliegender horizontaler Massen auf cpmpressible 
nasse Thon- und Sandlager, die Schwere nicht cohärenter mächti- 
ger Schichten in geeigneter Stellung, so wie die Schwere neu sich 
anhäufender Formationen über ausgedehnten Theilen der Erdober- 
fläche, vulkanische Ejectionen, die durch ihre Wärme fortwirken, 
so wie endlich die Bewegungen des feuerflüssigen inneren Erd- 
magma's als Ursachen dieser Art gelten. 

4. Aber abgesehen davon, dass immer nur die Hebungen der 
Erdoberfläche als Ursachen der Gebirgsbildung angesehen werden, 
haben sich vorzüglich Beaumont und Hopkins mit der dynamischen 
Seite dieser Frage beschäftigt. So hat der Erstere, der schon in 
den Jahren 1829 und 1835 den Einfluss der Erdabkühlung auf die 
Entstehung der Gebirge in dem Sinne behauptete, wie er später 
von Dana auf die oben angegebene Weise einlässlicher untersucht 
wurde, — die Richtung der Gebirgserhebungen als von der Zeit, 
in der sie stattfanden, abhängig dargestellt. Hiernach sollten alle 
in einer und derselben geologischen Periode entstandenen Gebirge 
auf der ganzen Erde den Richtungen grösster Kreise folgen, die 
unter sich parallel liegen und den Aequator oder die Parallelkreise 



*) „Manual of Geology'' von J, Daua. „Mouvements of the carths crust etc*^, 
pag. 717, 



Allgemeines. 201 

unter gleichen Winkeln schnitten*). Das Resultat dieser Arbeit, der 
selbstverständlich eine genaue Untersuchung über das relative Alter 
der Gebirge vorangehen musste, war die Aufstellung von 13 Haupt- 
richtungen der Gebirgserhebung. Obgleich diese Theorie der 
geognostischen Orographie nicht wenig genützt hat, so haben doch 
spätere Forschungen sie als unhaltbar nachgewiesen. — Hopkins 
hingegen hat mit Hilfe höherer Rechnung die Gesetze für die Auf- 
spaltung gehobener grösserer Erdmassen unter den dabei ein- 
tretenden allgemeinen Bedingungen zu ermitteln versucht und da- 
durch der Lehre von der Kamm- und Thalbildung einen sehr 
wichtigen Dienst geleistet. 

Indessen aber wurden von den bedeutenderen Geologen 
der Gegenwart und nächsten Vergangenheit, von einem Humboldt, 
V. Buch, Hausmann, Freiesleben, den beiden Escher und Studer, 
Naumann, Cotta, Hauer und Gümbel, Sedgwick, De la Beche, 
Murchison und Lyell, Beaumont, Dufresnoy, Archiac, Sismonda, 
Dana, Rogers, Logan u. v. A. nicht blos die factischen Zu- 
stände des Erdbaues mit grossen Erfolgen untersucht, sondern auch 
die Erklärung desselben in ein System gebracht, das nun in seiner 
Gesammtheit eine Wissenschaft darstellt, die durch die Raschheit 
ihres Aufschwunges ein Unicum in der Geschichte der mensch- 
lichen Entwicklung ist. 

5. Dieser Wissenschaft zufolge sind alle bedeutenderen Hoch- 
formen der Erdoberfläche als Effecte von Hebungen anzusehen, 
deren Ursachen im Innern des Erdkörpers zu suchen sind. Die 
nächste Wirkung einer solchen Ursache war ein Druck, der ent- 
weder vertical von unten nach oben oder seitlich nach der Rich- 
tung der Erdobei'fläche wirkte. 

Die eine wie die andere Aeusserungsform hatte die Dislo- 
* cation einzelner kleinerer oder grösserer Theile der festen Erd- 
kruste zur Folge, wodurch sich ihre Niveau -Verhältnisse änderten. 
War der von unten nach oben gerichtete Druck die Wirkung einer 
Temperaturerhöhung innerhalb eines Theiles der Erdkruste, so er- 
folgte, wegen der geringen Wärmeleitungsfähigkeit des Bodens, die 
Bewegung der Erdoberfläche aufwärts langsam, grosse Zeit- und 
Erdräume umfassend und ohne wesentliche Störung der bestehen- 
den geotektonischen Verhältnisse. Aus der entgegengesetzton 

*) „Recherches sur les r^volutions de la surface du globe**, Annales des 
Sciences naturelles 1826 und „Extrait d'une s^rie des rechercke^ «vvx Vä-«» x^nOvjöc- 
tions du globe", Ibid., 1835. 



202 Orogenetischer Theil. 

Ursache erfolgte eine Senkung , in gleicher Weise auf Zeit und 
Raum vertheilt. Solche Vorgänge werden wegen ihrer langen 
Dauer säculare Hebungen und Senkungen genannt. 

War jedoch der erwähnte Druck von unten nach oben hef- 
tigerer Art, war er nämlich die Wirkung von plutonischen Massen, 
die aus dem Erdinnern sich aufwärts bewegten, so war der Hebungs- 
process nicht blos von kürzerer Dauer, sondern es war selbstver- 
ständlich auch der von dem Drucke ergriffene Theil der Erdober- 
fläche räumlich kleiner, daher der störende Einfluss des Druckes 
grösser. Es konnten hierbei jene plutonischen Massen entweder in 
ihrer Bewegung auf halbem Wege innehalten und sich wieder be- 
ruhigen, oder sie konnten an den Tag hervorbrechen, um hier zu 
erstarren und selbst fortan einen Theil der Erdkruste zu bilden. 
In beiden Fällen mussten, wenn auch in verschiedenem Grade, 
Zerreissungen der von der Hebung direct ergriffenen Krustentheile, 
Zertrümmerungen einzelner Massen, Injectionen des feuerflüssigen 
Erdraagmas in die benachbarten Schichten und überhaupt alle jene 
gewaltsamen Störungen des ursprünglichen Schichtenbaues erfolgen, 
die wir an solchen Stellen oft in erstaunlicher Grossartigkeit und 
Mannigfaltigkeit wahrnehmen. — Aber dieses Eindringen eruptiver 
Massen in die schon bestehende geschlossene Erdkruste musste 
nothwendig auch einen Seitendruck nach allen Richtungen erzeugen, 
wodurch, als secundäre Wirkungen, allerlei Aufstauchungen, Fal- 
tungen und Risse auch in entfernter liegenden Krustentheilen die 
natürliche Folge waren. 

Mittlerweile aber übte die Contraction des Erdkörpers durch 
Abkühlung den oben geschilderten Einfluss auf die Erdkruste ohne 
Unterbrechung aus, und zwar theils selbstständig und ohne die 
Intervention eruptiver Vorgänge, theils indem sie die eruptiven 
Durchbrüche zur Lösung der durch sie in der Erdkruste erzeugten 
Spannungen benützte *). 

'^) Dana hält diesen Rückzug für das einzige, den Wirkungen ange- 
messene Princip aller Niveau-Aenderungen der Erdoberfläche (Manual etc., pag. 
7*20) und leugnet den Effect des Aufsteigens plutonischer Massen in dieser Bich- 
tung. Dem widersprechen jedoch die Ansichten vieler Geologen von Bedeutung, 
insbesondere des grössten neueren Alpenforschers Bernhard Studer, der die Bil- 
dung sowol von Erruptionsketten als auch von vielen Massengebirgeri plutoni- 
schen Vorgängen zuschreibt, so wie auch viele andere unzweideutige Erscheinun- 
gen dieser Art in der Natur, wie z. B. das grosse Porphyr-Plateau bei Bozen, die 
Melaphyrgebirge des Fassathales, die tafelartigen Granitmassen der Cevennen und 
Finnlands, das Plateau von Dekhan, die Basalt-Plateau's in Ab yssinien u. a. m. 



Nebenher traten die metamorphischen Einwirkungen, die 
t'ransportskraft des fliessenden Wassers, die Erosion im weitesten 
Umfange genommen und die Bildungen der Gletscher als weitere 
Factoren der Bodenplastik auf. 

6. Was nun die Form der durch alle diese Agentien hervor- 
gebrachten Unebenheiten der Erdoberfläche anbelangt, so 
haben sich hierüber nachfolgende Gesetze aufstellen lassen : 

1. Eine Hebung kann, je nach der Einwirkung der hebenden 
Kraft, auf einen Punkt, eine Linie oder auf eine grössere 
Area der Erdoberfläche, eine centrale, eine lineare 
oder eine Flächenhebung sein. 

2. War die Hebung rasch oder in ihrem Maasse bedeutend, so 
erfolgte eine Zerreissung oder Zerspaltung des gehobenen 
Bodens, mit oder ohne Durchbruch eruptiver Massen. 

3. Bei einer centralen Hebung ward der Boden vom Cen- 
tralpunkte aus radial zerspalten, d. h. von einem System 
strahlenförmig angeordneter Spalten durchrissen. 

4. Bei einer linearen Hebung folgte die Richtung derselben 
einem grössten Kreise der Erde, und die Spalten öflFneten 
sich in zwei aufeinander senkrecht stehenden Rich- 
tungen, von denen die eine mit der Axe der Hebung parallel 
lief, die andere auf dieser Axe senkrecht stand. 

5. Bei einer Flächenhebung, die in den meisten Fällen eine 
erweiterte Linearhebung war, geschah die Aufsprengung des 
Bodens auf ähnliche Art wie bei der letzteren, nur war das 
Spaltennetz dann reicher entwickelt. 

6. Flächenhebungen hatten jedoch meistens centrale oder lineare 
Hebungen im Gefolge. 

7. Die durch Seitendruck hervorgebrachten Hebungen, gleich- 
viel ob sie sich durch das Aufsteigen oder Zurttcksinken einer 
Spaltenwand, oder durch Faltungen der Erdoberfläche kund- 
gaben, folgten denselben Gesetzen, d. h. die Spalten sowol 
als die Falten lagen in der Richtung grösster Kreise, und 
wenn es bei beiden zu weiteren Brüchen kam, so waren die 
neuen Spalten entweder parallel mit d^r ersten Spalte und 
parallel mit dem Rücken der Falten, oder sie standen senk- 
recht auf die Richtungen derselben. 

8. Die Spalten, die aus einem und demselben Hebungsprincip 
hervorgingen waren geradlinig und standen — die Spalten 
emer centralen Hebung ausgenommen — avx^ e^MccA^x ^<s«^- 



204 Oro^enetUcher Theil. 

recht. Eine gebogene oder diagonale Spalte zeigt daher 
immer die Coneurrenz zweier, verschieden orientirter und 
gleichzeitiger Hebungen bei ihrer Bildung an. 
9. Aus den Spalten entstanden im Laufe der Zeiten allmälig 
die Thäler und aus den zwischen den Spalten stehen ge- 
bliebenen Erdprismen die Gebirgskämme der Gegenwart. 

10. Plutonische Ergüsse von grosser Ausdehnung erzeugten 
massive Decken, die später gelegentlich durch Hebungen oder 
durch Wasser-Erosion zerschnitten wurden. 

11. Metamorphische Processe wirkten meistens durch Vo- 
lumenvergrösserung der betroflfenen Massen; sie traten ent- 
weder selbstständig oder secundär in Folge eruptiver Vorgänge 
auf, und sprachen sich in beiden Fällen durch Flächen- 
hebung und Seitendruck aus. Doch konnten diese Wirkungen 
nur local und ohne grossen Einfluss auf die Gestaltung der 
Erdoberfläche gewesen sein. 

12. Die vulkanische Thätigkeit der Erde machte sich theils 
durch Erschütterungen des Bodens und die damit häufig ver- 
bundenen Einstürze gehobener Bodentheile, durch Löcher, 
Risse und Verwerfungen, theils durch die Bildung vulkanischer 
Aufschüttungs- und Erhebungskegel, durch Lavaströme und 
Auflagerung vulkanischer Sedimente geltend. 

13. Die transportirende Kraft des Wassers erzeugt die 
Dünenhügel an den Küsten, die Barren und Deltas an den 
Flussmündungen, die Sandbänke, Auen und Inseln der Flüsse, 
die Schwemmkegel und Murbrüche in den Gebirgsthälem 
u. dergl. m. 

14. Die Erosion im weiteren Sinne entfaltet ihre lang- 
same, dafür aber unablässige Thätigkeit hauptsächlich in zwei 
Richtungen, und zwar durch die Verwitterung und durch 
die Wasserspülung. Jene verringert die festen Massen der 
Erde in ihrem Volumen durch Zersetzung, diese nagt Runsen 
und Mulden, Racheln und Schlünde, Schluchten und Thäler 
in die Erdoberfläche ein, so dass die verbundene Thätigkeit 
beider nicht nur den grössten Antheil an der Herstellung der 
gegenwärtigen Gestalt der Gebirgskämme sowie der Hügel 
und Berge des Flachlandes, sondern auch an der hydro- 
graphischen Organisation des gesammten Landes hat. 

15. Die plastische Bedeutimg der Gletscher endlich liegt 
einerseits in den Gebilden von Schnee und Eis, aus denen sie 



Entstehung von Land und Gebirgen. 205 

bestehen, und andererseits in den eigenthümlichen Schutt - 
Anhäufungen, welche durch die den Gletschern innewohnende 
Mechanik bedingt sind. 



B. Entstehung von Land und Gebirgen. 

I. Hebungen. 

7. Wie in den vorstehenden Absätzen bereits angedeutet 
wurde, unterscheiden wir fünf Ursachen von Hebungen des Bodens, 
u. z. von wirklichen und nicht blos relativen Bodenerhebungen, 
welche letzteren oft genug auch dadurch entstanden sind, dass 
durch irgend eine fremde Kraft das umliegende oder benachbarte 
Erdreich fortgeschaflft wurde. Diese Ursachen sind: 1. Das Auf- 
steigen plutonischer Massen, 2. der Rückzug der erkaltenden Erd- 
kruste, 3. die vulkanischen Vorgänge, 4. die metamorphischen 
Processe und 5. die säcularen Hebungen durch Temperatur- 
Erhöhung eines Theiles der Erdkruste. 

Es wird wol keiner Erwähnung bedürfen, dass nur bei 
wenigen Bodenerhebungen eine der genannten Ursachen das Feld 
ihrer Thätigkeit allein und ausschliesslich beherrschte. So waren 
die säcularen Hebungen wie nicht minder die plutonischen, 
und gewiss auch die vulkanischen Eruptionen, . von mehr oder 
minder ausgedehnten metamorphischen Processen begleitet. Eben 
so haben sich die letzteren, wenn dabei eine Volumzunahme der 
in der Metamorphose begriflfenen Gesteine stattfand (was jedoch 
nicht immer der Fall war), gewöhnlich durch langdauernde Hebun- 
gen ausgesprochen. Aber eben wegen dieser Complication der 
Ursachen wird es in vielen Fällen sehr schwer sein, den Antheil 
zu bestimmen, der einer jeden einzeln zugeschrieben werden darf. 
Der Naturforscher befindet sich hier ungefähr in der Lage eines 
Historikers, der ein wichtiges geschichtliches Factum aus einer 
Zeit erklären soll, die seine Aufgabe mit keiner von einem Augen- 
zeugen geschriebenen Urkunde unterstützt, und über welches ihm 
nur die Kenntniss einer Summe bedingender, vieldeutiger Umstände 
zur Verfügung steht. Wie hier der Geschichtsschreiber nach den 
Gesetzen historischer Wahrscheinlichkeit aus dem Gewordenen auf 
die Art des Werdens zurückschliessen wird, ebenso wird der Geologe 
in den schwierigen Fällen, wie sie ihm hier vorliegen, nach den ihm 
bekannten Naturgesetzen in das Dunkel der Vorzeit einzwjdsvssj^^sö. 



206 OrogenetUelier TheU. 

Sachen. Und wie dort ein und dasselbe historische Factum von die- 
sem Historiker so^ und von jenem anders interpretirt ist, weil beide 
die relativen Werthe der bedingenden Verhältnisse ungleich taxirten 
und dieselben in ihren Schlussfolgerungen ungleich verbanden, ebenso 
ist auch in geologischen Dingen, wo die Induction noch schwieriger 
und gefährlicher, eine und dieselbe Thatsache oft sehr verschieden 
aufgefasst und erklärt worden. — Die Complication der bei den 
Erhebungen des Bodens thätig gewesenen Ursachen macht daher 
auch die Classification dieser Erhebungen nach einzelnen Ursachen 
unmöglich. 

8. Entstehung einzelner Berge. Einzelne isolirt stehende 
Berge, wenn sie nicht Ueberreste zerstörter Gebirge sind, deren 
Trümmer von der Erosion fortgeschafft wurden (Schlossberg bei 
Graz, Mönchs- und Capuzinerberg bei Salzburg u. a.), sind dann 
meist Resultate älterer oder neuerer Eruptionen, wobei verschiedene 
Bildungsformen zu unterscheiden sind. 

Die eine dieser Formen stellt breite Kuppen, Buckeln, Dome 
oder Glocken dar und besteht aus jüngeren Eruptivmassen (Basalt 
oder Trachyt), die in zähflüssigem Zustande aus dem Erdinnern 
hervorgedrungen und dann rasch erstarrt sind. Hierher gehören 
die euganeischen Hügeln bei Padua, die zahlreichen Basaltkuppen 
im nördlichen Böhmen und in Siebenbürgen, die Basalt- und 
Phonolithkuppen der Rhön und des Vogelsgebirges, ferner einige 
Granit- Inseln im sächsischen Erzgebirge, die Granit-Berge im Fichtel- 
gebirge, am Kolywan-See im Altai, die Syenit-Berge der schottischen 
Inseln, der Kaiserstuhl im Badischen u. s. f. Die Structur der 
älteren Gebilde dieser Art ist die massige, die der jüngeren theih 
die massige, theils die concentrisch schalige, oder es ist das Gesteip 
wie bei den Basaltbergen oft säulenförmig angeordnet ; in den mei- 
sten Fällen erscheint die Masse von Gängen durchzogen, die entweder 
aus jüngeren Varietäten desselben Gesteines oder auch aus anderen 
eruptiven Gesteinen bestehen. 

Eine zweite Form ist die der vulkanischen Aufschüttungskegel, 
bei welcher, durch die Feuerthätigkeit des Vulkans, allerlei vulka- 
nische und auch nicht vulkanische Stoffe aus dem Erdinnern empor- 
gehoben und in Gestalt eines Kegels um den allmälig aufsteigenden 
Kraterrand aufgehäuft wurden. Solche Berge sind mehr oder minder 
deutlich stratificirt und es fallen die Schichten auf allen Seiten vom 
Krater weg. Dieser Entstehungsweise gehören selbst die höchsten 
Vulkane der Anden und Mexicos an; sie bestehen durchweg aus 



Entstehung von Land und Gebirgen. 207 

einem Haufwerk von traehytischen öeßteinen, die bei der Zerstö- 
rung der früheren Hochflächen ohne die Mitwirkung von Lava zu 
Stande gekommen sind. Dieselbe Genesis muss wol auch den 
meisten Ringwällen und sog. E rhebungskegeln zugeschrieben 
werden. 

Die gewaltigsten Ringwälle sind auf den Sunda-Insehi anzu- 
treffen; sie haben mitunter einen Durchmesser bis zu einer g. Meile 
und sind in einzelnen Exemplaren noch vollkommen geschlossen; 
zu diesen letzteren gehört der Ring des Tengger-Gebirges auf Java, 
der des Bator-Gebirges auf Bali und der des Rindjani aufLombok*); 
andere theilweise durchbrocnene oder zerrissene Ringwälle sind: 
die des Salak und Panggerango **), des Klut- Ardjuno, Ijang und 
Raun-Idjen***), sämmtlich auf Java. Abgesehen von der sehr un- 
gleichen Höhe dieser Ringwälle untereinander sind sie auch in sich sehr 
ungleich hoch, so dass selbst die ganz geschlossenen Gebirgskämmen 
mit hohen Gipfeln neben tiefen Sätteln gleichen So trägt der grosse 
Ringwall auf Lombok den 13370 F. hohen Krater des Rindjani 
neben einem kaum 8500 F. hohen Sattel. Ueberhaupt stehen hier 
die thätigsten Vulkane auf den Ringwällen selbst; sie fehlen aber 
auch im Innern nicht, doch hat der grosse Ring des Bator- Ge- 
birges auf Bali keinen Eruptionskegel innerhalb des Walles aufzu- 
weisen. 

Wenn nun schon diese durchaus vulkanischen Ringwälle wegen 

ihrer ungewöhnlichen Dimensionen billig einen Zweifel rechtfertigen, 
ob sie auch wirklich alte Aufschüttungskegel seien, die in Folge 
von Einstürzen auf ihre heutige Gestalt reducirt wurden, und viel- 
leicht die Ansicht zulassen, dass sie aus der Verkettung einer Zahl 
im Kreise gestellter Eruptionskegel hervorgingen, deren Unterlage 
durch ^einen eigenthtimlichen Mechanismus centraler Erhebung" f) 
aufwärts gedrängt wurde, so dürfte diese letztere Ansicht bei jenen 
Ringwällen, welche erweislich aus neptunischen Sedimenten zusam- 
mengesetzt sind, keinem Hindernisse begegnen. Gebilde dieser Art 
sind z« B. der gewaltige Erhebungskegel des Elbrus im Kaukasus ff), 

*) «Der Indische Archipel" von ZoUinger in „Peterm. 6. Mitth.", 1858, 
pag. 56. 

**) Naumann „Lehrbuch der Geografie", pag. 71. 
***) „Der Indische Archipel" von ZoUinger In „Petei'm. G. Mitth.«, 1858. 
pag. 56. 

+) Naumann : „Lehrbuch der Geognosie", pag. 71. 
ff) „Journey in the Caucasus etc." by D. W. Freshfield, in den „Journals of 
the R. Geogr. Soc, of London", Band 39, pag. 50. 



208 Oro^noÜBchor ThoiL 

dann die Erhebungsthälor von Pyrmont und Driburg in Westphalen 
u. a. ra. Doch haben sich auch bei kleineren BingwftUen, welche 
ganz aus vulkanischen Stoffen bestehen, Verhältnisse nachweisen 
lassen, welche den Schluss gestatten, dass sie erst durch Hebung 
ihre gegenwärtige Gestalt erlangt haben, ein Schluss, der noch 
weiter durch die damit verbundene radiale Zerspaltung der geho- 
benen Masse, wie sie die Theorie bei centralen Hebungen vor- 
schreibt, unterstützt wird. 

9. Entstehung der Gebirgsketten. Die Entstehung der Gebirgs- 
ketten durch Hebung kann auf verschiedene Weise erklärt werden; 
man unterscheidet: 

1. Eruptive Ketten, wie: der Bölixnerwald , der Thüringer 
Wald, das Lausitzer Gebirge, der Ural, die Ketten des Mont 
Tarare und des V^lay-Gebirges in Frankreich u. v. a. m., 
weichte durch linear angeordnete Eruptionen plutonischer Massen 
gebildet worden sind. Wie Studer meint, mögen manche dieser 
Ketten einst mächtige Gänge gewesen sein, die durch die 
Erosion ihres Nebengesteins entblösst wurden. 

2. Spaltungsk%tten, hervorgegangen aus der oben erwähnten 
parallelen Zerspaltung des Bodens gelegentlich einer linearen 
Hebung. Die Ketten dieser Art offenbaren keinerlei Zusam- 
menhang zwischen der Richtung ihres Streichens und ihrer 
Structur, d. h. die Schichten des Gebirges werden von den 
Thalspalten unter allen möglichen Winkeln geschnitten. Die 
Thäler sind hier meist sehr tief, die Gehänge auf beiden Seiten 
steil und die Gestalt der Kämme von dem Materiale derselben 
und von der Einwirkung der Erosion abhängig. 

3. Die kristallinischen Centralmassen. Unter diesem 
Ausdruck versteht man die im Inneren grösserer Gebirgs- 
Systeme auftretenden Kämme aus Gneiss oder aus kristalli- 
nischen Massengesteinen. Die Schichten solcher Gneisse (Cen- 
tralgneiss), welche sich immer auch petrographisch von ande- 
ren Gneiss-Arten unterscheiden, stellen entweder aufrechte oder 
verkehrte Fächer dar, und zeigen die Parallelstructur im 
Grossen in vollkommenster Ausbildung. Diese Centralmassen 
geben demnach das Bild typhonischer Stöcke, denen sowol 
die angrenzenden kristallinischen Schiefer, als auch die weiter 
nach aussen folgenden neptunischen Gebilde so aufgelagert 
sind, dass sie von ihnen allenthalben wegfallen, wodurch sie 
als die den tektonischen Verhältnissen des Gebirges zum Grunde 



Entstehting von Land und Gebirgen. 



209 



liegende Bedingung erscheinen. Oflfenbar haben dieselben durch 
ihr gewaltsames Eindrängen in den ursprünglichen Schichten- 
bau des Gebirges auf die nebenliegenden Massen jenen 
Seitendruck ausgeübt, der nicht blos die Dislocation derselben 
nach Aussen hin und locale Zertrümmerungen, sondern auch 
die Erhebung ihrer Schichten sowie noch alle anderen Stö- 
rungen hervorgerufen, die in den Umgebungen solcher Central - 

Fig. 52. 




massen gewöhnlich in grossartigem Maasse vorkommen. Der" 
Holzschnitt zeigt das einfachste Bild einer Centralmasse, ohne 
die auf den Gneiss gewöhnlich folgenden kristallinischen Schiefer. 
Es ist ein langer, und noch immer nicht entschiedener. Streit 
über diese räthselhaften Gebilde geführt worden, ein Streit, 
der, durch die Complication der Umständp an manchen Orten, 
immer neue Nahrung erhalten hat. So wurden von B. Studer 
einige Fälle zur Kenntniss gebracht, in welchen der centrale 
Gneiss, da, wo seine Masse sich auskeilt, von den ihn ein- 
klemmenden jüngeren Schiefern, Kalken und Dolomiten unter- 
teuft wird. Gewiss kann dieses Lagerungsverhältniss nur die Folge 

Fig. 53. 



. \ \ \ V ^ ^ ^ ^MnS}w fl^Jimm, j/m^mi I > t ' I / ' / 

\ \ \ . \ \ \ \ ^MS\"\-^r^ — TTtI hmml/ii ' ' i t / .' i / 



k&lkiLBöl. ' 



'Mkiü>a: 



eines von zwei entgegengesetzten Richtungen her wirkenden Sei- 
tendruckes sein, worauf auch Studer ausdrücklich hinweist. 
Nun, von einem Theile der Geologen werden diese kristal- 
linischen Centralmassen für Sedimentschichten erklärt, die 
durch spätere metamorphische Processe auf den höchsten 
Grad der Veränderung gebracht und in Centralgneiss ver- 
wandelt wurden, wobei die mitunterlaufene Volumenver- 
grösserung jenen Seitendruck und jene translatorische Bewe- 
gung hervorgebracht, durch welche die Schichten aufgestellt 
und alle anderen Schichtenstörungen bewirkt wurden. Studer 



öouklar, AUg Urographie. 



\V 



210 Orog^enetischer Tlieil. 

enthebt sich des Ausspruches einer bestimmten Ansicht über 
die Entstehung dieser Ceutraigneisse, dagegen sagt Naumann 
bei Besprechung derselben: ^Vielmehr gewinnt es den An- 
schein, als ob die ganze Kette der alpinischen Sedimentge- 
steine durch das Dazwischentreten dieses Centralgneisses wie 
durch einen Keil auseinander getrieben wurde, und dass da- 
durch auch jene Unterschiebungen der von diesem Gneisse 
ganz verschiedenen Gneissbildung entstanden sind, von wel- 
chem zu Ende des vorhergehenden Paragraphen die Rede 
war. Wenn, aber diese Ansicht richtig ist, so könnte der Cen- 
tral-Gneiss der Alpen wol nur für eine eruptive Bildung er- 
klärt werden" *). In meiner Monographie der Hohen Tauern 
habe ich in Cap. XLIV den Versuch gewagt, die hier in 
Rede stehenden Gebilde als Theile der ursprünglichen Erstar- 
rungskruste des Erdkörpers darzustellen. 
4. Verwerfungsketten. Mit diesem Namen bezeichne ich 
jene Gebirgskämme, deren Entstehung auf die translato- 
rische Wirkung eines Seitendruckes, sei es in Folge der Bil- 
dung einer kristallinischen Centralmasse, oder in Folge der 
Erdabkühlung nach geschehener Zerspaltung des Bodens, 
zurückgeführt werden kann. Das zwischen zwei Spalten lie- 
gende Erdprisma wurde hierbei senkrecht auf die Richtung 
des Druckes verdreht, wodurch eine der Kanten des Prismas 
gehoben, die andere zum Einsinken genöthigt wurde, und 
Verwerfungen wie auch Ueberschiebungen in grossartigstem 

Fig. 54. 




Maassstabe eintreten mussten. Bei Ketten dieser Art wird da- 
her immer ein inniger Zusammenhang der Gebirgsstructur 
mit dem Streichen der Ketten hervortreten. — Nach dieser Art 
dürfte wol die Entstehung der meisten, den Central-Alpen vor- 
liegenden, parallelen Kalkketten vor sich gegangen sein. 

Aber der Vorgang war nicht immer so einfach, als er in 
dem obigen Diagramm dargestellt ist. Zuweilen wirkte der 
Seitendruck, wie in dem Beispiele beim Centralgneisse, von 



*) „Lehrbuch der Geoguosie", I, 941. 



Entstehung von Land und Gtebirgen . 211 

zwei Seiten gegen einander, und legte die rechts und links 
von der Spalte gehobenen Erdschollen zu einem umgekehr- 
ten Fächer zusammen, wie etwa bei einem aufgeschlagenen 
Buche, wenn man es von beiden Seiten her schliesst uhd es 
in aufrechter Stellung erhält. Dass es dabei an Zertrümme- 
rungen einzelner Krustentheile, an secundären Biegungen, 
Faltungen und Knickungen der Schichten, sowie an partiel- 
len Einstürzen und gegenseitigem Einkeilen der zusammen- 
gepressten Massen nicht fehlte, ist erklärlich. In anderen Fällen 
wurden durch den Druck beide Ränder des Prismas, beson- 
ders wenn es eine gewisse Breite hatte, aufwärts gestaut und 
zwischen ihnen, mit oder ohne neuen Bruch, ein negatives 
Hochthal gebildet. Auch geschah es nicht selten, dass eine 
der Spaltenwände zugleich gehoben und gefaltet wurde, wo- 
durch jene vielfältigen oft in die Höhe laufenden Schichten- 
windungen entstanden, die mit Recht unsere volle Bewunde- 
rung verdienen. 

Es ist ferner klar, dass in jenen Fällen^ wo keine kristal- 
linische Centralmasse vorkommt, der Seitendruck einer ande- 
ren Ursache zugeschrieben werden muss, und hier scheint 
es mir, dass der aus der Erkaltung der Erdkruste stammende 
Seitendruck ohne Bedenken als das Princip der Gebirgs-Erhe- 
bung angenommen werden kann. Die so entstandenen Ketten 
stellen sich meist als einseitige Neigungsketten dar, mit 

Fig. 55. 




steilen Abfällen auf der gehobenen und sanfteren auf der ein- 
gesunkenen Seite, mit gelegentlichen Ueberschiebungen auf 
die angrenzende Erdscholle oder unter Abbiegung des ver 
worfenen Randes der letzteren. Hierher scheinen mir die Ket- 
ten des deutschen Jura, insbesondere die Rauhe Alb, meh- 
rere Ketten des Schweizer Jura, worunter namentlich die 
Berge bei Barsch wyl unfern Solothum*), die Vogesen, grosse 
Theile des Apennin u. a. m. zu gehören. Das Profil Fig. 55 
stellt die Vogesen bei Pfalzburg dar. 



*) Siehe C. Vogt: „Lehrbuch der Geologie", pag. 426 und 427. 



212 Orogenetischer Theil. 

Aber auch ausgedehnte metamorphische Processe, wie z. B. 
die Dolomitisirung grosser Kalkgebiete, können in Folge des 
durch die Volumvcrgrösserung bewirkten Seitendrucks ähnliche 
Erscheinungen hervorgerufen haben. 
5. Gewölbketten sind jene Gebirgsformen , die durch Um- 
biegung oder Faltung eines Theiles der Erdrinde, ebenfalls 
in Folge eines mit Macht und in weitem Umfange eingrei- 
fenden Seitendrucks entstanden. Die Structur dieser Ketten 
zeigt im Querschnitte die Form eines Gewölbes, d. h. die 
Schichten laufen mit der Oberfläche des Kammes parallel, sind 
also mit Beziehung auf den Rücken des Kammes antiklinal, 
und das Streichen des letzteren fällt mit dem Streichen der 
Schicliten genau zusammen. Das gewaltigste Beispiel von 
Gewölbketten liefert der Schweizer Jura, der aus einer Zahl 
parallel neben einander liegender, in der Hauptsache von 
Nordost in Südwest streichender Ketten dieser Art besteht, 
und einen Raum von 40 Meilen Länge auf 10 Meilen Breite 
bedeckt. Die Juraketten sind häufig von engen Querthäleni 
(hier Combes genannt) durchbrochen und die Kämme an vielen 
Orten der Länge nach aufgesprengt, was oft ausgedehnte Ent- 
blössungen tief gelegener Schichtensysteme zur Folge hatte. 
Die Faltung hat, so weit sie aus den Entblössungen erkennbar, 
alle Formationsglieder der Trias und des Jura betroffen, so 
dass in den , nach dem Querschnitt auf einander folgenden, 
Thiilern , die Aufspaltung der Gewölbe erst bis zum Oxford- 
mergel, dann bis zum Lias und endlich bis zum Muschelkalk 
hinabgreift. Es wird so ziemlich allgemein angenommen, das 
ein von den Alpen ausgegangener Seitendruck die Bildung 
der Juraketten zur Folge hatte, für welche Ansicht man darin 
eine Bekräftigung findet, dass die den Alpen zugekehrten 
Kämme jenes Gebirges an Höhe die bedeutendsten sind. Wer 
sich jedoch die Verwirrung in den Gewölbketten des Jura bei 
Basel etwas näher betrachtet und den Umstand in Erwägung 
zieht, dass in dem fünf Meilen breiten Zwischenräume, der 
die Alpen vom Jura trennt, keine Spur jener Gewölbketten 
angetroffen wird, der mag doch vielleicht auf die Frage ver- 
fallen, ob nicht ein aus einer anderen Quelle stammender 
Seitendruck die Auffaltung des Bodens in die heutigen Jura- 
ketten bewirkt haben mochte. 

Für die Ap«*ilachen und die Alleghanies in Nord-Amerika 



Entstehung von Land und Gebirgen. 213 

wird der Rückzug der erkaltenden Erdkruste rundweg als die 
Ursache der ähnlich gestalteten Kettenbildung jener Gebirge 
angegeben. Ja es ist hier die Krümmung der Schichten stellen- 
weise noch viel stärker als beim Jura, so dass bei manchen 
Kämmen sogar eine isokline Repetition der Schichten zum 
Vorschein kam Ein anderes, kaum minder grossartiges Bei- 
spiel von Gebirgsfaltungen zeigen die aus den Gebilden der 
Uebergangsformation bestehenden Gebirge der Bretagne, welche 
aus 8 — 9 parallelen Gewölbketten bestehen. 

Gewölbe, Krümmungen und Faltungen der Schichten gehören 
übrigens fast in allen sedimentären Gebirgen zu den sehr 
gewöhnlichen Erscheinungen, und kommen demnach auch mit 
den Verwerfungsketten vereint in allen Graden der Ent- 
wicklung vor, was wol als Beweis gelten kann, wie allgemein 
dynamische Vorgänge dieser Art bei der Bildung der Relief- 
verhältnisse der Erde zu allen Zeiten mitgewirkt haben. Die 
Beantwortung der Frage endlich , wie es möglich war, dass 
mächtige Schichtensysteme aus Kalk, Sandstein und Schiefer, 
unter der Action eines Seitendruckes sich krümmen und in 
Falten legen konnten, ohne bei der gegenwärtigen Starrheit 
dieser Gesteine in kleine Stücke zu zersplittern, diese Antwort 
gehört der Geologie an, welche zu diesem Ende auch nur mit 
Hypothesen dienen kann. Einige über diesen Punkt von Dana 
ausgesprochene Sätze sind oben Seite 200 angeführt worden. 

10. Entstehung der Kettenzonen, Massengebirge, Kettengebirge, 
Tafelländer und Continente. Die für die Bildung der Gebirgsketten 
in Anspruch genommenen Principien werden auöh für die Ent- 
stehung ausgedehnter Gebirgsysteme anzunehmen sein. Doch wird 
es hier nothwendig erscheinen, nicht nur die Wirkungssphären dieser 
Ursachen auf grössere Räume auszudehnen, sondern auch eine 
Combination von Wirkungen desselben Princips an mehreren Orten 
oder auch mehrerer dieser Principien innerhalb eines und desselben 
Gebirgssystems anzuerkennen. Die Complication der hier zu beur- 
theilenden Erscheinungen geht sogar noch weiter, indem sich gleich- 
artige Wirkungen oft an einem und demselben Orte pach grossen 
Zeit-Intervallen wiederholt haben, oder indem verschiedene Wirkungen 
an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten aufgetreten sind. 
So besteht z. B. das Gebirgssystem der Alpen aus zwei Theilen, 
von denen der westliche von Süd in Nord, der östliche von West- 
südwest in Ostnordost streicht, wobei die iiixieTeiTi. \^.^^QrQÄ^ '^^^.^^'^ 



214 Orog^enetischer Theil. 

Tbeile eine Zahl kristallinischer Centralmassen mit transversaler 
Gliederung, die äusseren Regionen aber eine Folge paralleler Ver- 
werfungsketten, theils mit coneordanter, theils mit discordanter 
Lagerung aufweisen. Aber auch die Centralmassen sind ungleich 
alt, und zum Uebei*flu8se sind später noch mehrere andere eruptive 
Durchbräche (Porphyr, Melaphyr und Trachyt) hinzugetreten. Ebenso 
bildet der Apennin in seinem nördlichen Abschnitte eine sedimen- 
täre Verwerfungskette, in den Abruzzen ein System paralleler 
Spaltungsketten und in Calabrien eine centrale Qneissmasse u. s. f. 

Diese Wahrnehmung scheint auf den ersten Blick die oben 
gegebene Definition eines Gebirgssystems wieder aufzulösen. Wenn 
nur die verschiedene Bildungsweise der Gebirgselemente die pla- 
stische Zusammengehörigkeit derselben nicht beeinträchtigt, so hat 
diese letztere einen tieferen Grund, der, wie Studer bemerkt, die 
Vereinigung aller Theile zu einem Ganzen , nicht mehr als eine 
zubillige erscheinen lässt. 

11. Die Bildung der Kettenzonen wird somit auf dieselbe 
Weise wie die oben geschilderte Entstehung einer Verwerfungs- 
oder einer Gewölbkette vor sich gegangen sein, nur hat hier der 
Seitendruck in einem Maasse und einer Ausdehnung gewirkt, wodurch 
eine ganze Folge von Parallelketten zur Ausbildung kam. So sind 
der Jura, die Weserketten, die Berge der Bretagne, die Apalachen, 
Alleghanies u. s. f., Zonen von Gewölbketten — die nördlichen 
und südlichen Kalkalpen hingegen Zonen von Verwerfungsketten. 
Wie jedoch oben bereits angedeutet, ist es, bei Gebirgen von solcher 
Ausdehnung, nicht zu erwarten, dass irgend eines derselben den 
betreffenden Typus in reiner Form zur Darstellung bringe. So gibt 
es im Jura häufig auch Verwerfungsketten neben plateau-artig aus- 
gebreiteten, horizontal geschichteten und ungefalteten Massen. In 
vielen Fällen sind die oberen Theile der Gewölbe weggesprengt, 
die Trümmer durch Erosion entfernt und dadurch ebene Hoch- 
flächen mit repetirenden Schichtenfolgen zum Vorschein gekommen. 
Ebenso erscheinen in den Verwerfungsketten der Nord- und Süd- 
Alpen, allerlei Schichtenfaltungen und Gewölbketten mit breiten 
Mulden, die durch jüngere Formationen oft zu ebenen Plateaux 
ausgefbllt wurden, in zahlloser Menge und buntester Abwechslung. 
So ist z. B. der Wiener Wald nichts anderes als ein Gewölbsystem, 
das an mehreren Stellen der Länge nach und über quer aufgesprengt 
ist und, am Grunde der Spalten und Mulden, die nicht minder ge- 
krümmten Schichten des Werfher Schiefers zeig^. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 215 

12. Die Entstehung der Massengebirge ist ebenfalls oben, 
wo von der Bildung einzelner Berge durch plutonische oder vul- 
kanische Eruptionen die Rede war, theil weise bereits erklärt 
worden, nur waren hier alle Verhältnisse um so vieles grösser, als 
die räumliche Ausdehnung der Massengebirge jene der einzelnen 
Berge übertrifift. Aber auch in den Massengebirgen selbst sind aus- 
gedehnte Gradationen des Umfangs und der Höhe wahrzunehmen, 
was dann wieder den Schluss auf verschiedene Bildungsweisen zu- 
lässt. Noch andere Prämissen zu einem solchen Schlüsse werden 
sich uns aus den geotektonischen Verhältnissen ergeben .^ Hierdurch 
werden wir dahin gelangen, nachstehende drei Hauptformen von 
Massengebirgen zu unterscheiden: 

a) Vulkanische Eruptionen haben meist nur kleinere Massen- 
gebirge zu bilden vermocht, die blos dort eine grössere Aus- 
dehnung gewinnen, wo viele, nahe beieinanderliegjende vul- 
kanische Eruptionskegel, ihre basaltischen und trachytischen 
Lavamassen in eine allgemeine Decke zusammenschütten 
konnten, wie dies auf dem Plateau der Auvergne, im Völay- 
gebirge und besonders in Island der Fall war. Derlei Massen- 
gebirge documentiren ihre Bildungsweise durch die noch 
bestehenden, wenngleich oft erloschenen Eruptionskegel, welche 
bekanntlich in der Auverge den Namen Puys führen, so wie 
durch die von den Kratern derselben ausgehenden Lavaströme. 
Die Schichten der von den Eruptionen durchbrochenen Sedi- 
mente sind in den meisten Fällen ungestört geblieben, was 
sich dort erkennen lässt, wo ein tiefes Thal in das Gebirge 
einschneidet. 
h) Plutonische Massen haben sich bei ihrem Durchbruche an 
den Tag auf sehr verschiedene Weisen angeordnet. In einigen 
Fällen, und vielleicht sind das die der Zeit nach ältesten, 
haben sie die überliegenden Theile der Erdkruste wahrschein- 
lich an vielen Orten zugleich siebartig durchbrochen und sich 
über denselben zu einer ausgedehnten, mehr oder minder 
mächtigen, geschlossenen, plateauartigen Decke verbunden. 
Hierher gehören die Hochflächen in Oberösterreich nördlich 
der Donau, bis nach Böhmen und Mähren sich ausbreitend; 
das System der galicischen Parameras in Spanien, das süd- 
russische Steppenplateau, alle diese aus Granit zusammenge- 
setzt ; das aus Syenit gebaute Hochland von Dekhan, vor allem 
aber die Ungeheuern, im Mittel IbOOO — \^^^^ ^wä^ VOvä^^^'^'^ 



216 Orog^euetischer Theil. 

Tagreisen breiten, oben nur schwach undulirten Hochflächen 
zwischen Indien und Ostturkestan, die ebenfalls aus Syenit 
bestehen. Zu dieser Classe eruptiver Gebilde müssen noch 
gezählt werden die bis zur absoluten Höhe von 10000 Fuss auf- 
steigenden, viele Meilen langen und breiten Baaaltplateaux 
von Wadela, Dalanta und Ambala Sieda bei Magdala im 
südwestlichen Theile Habessiniens, wenn der Basalt auch nicht 
eigentlich zu den plutonischen Massen gehört. In den meisten 
Fällen haben spätere Hebungen und Erschütterungen, unter- 
stützt von der Erosion, tiefe Furchen, die den Gewässern jetzt 
als Rinnsale dienen, in diese Decken gerissen oder es haben, 
spätere Eruptionen neuere Kuppen und Kämme den Tafel- 
massen aufgesetzt. 

In anderen Gegenden wurden diese eruptiven Gebilde von 
den Bewegungen des Bodens so heftig ergriflfen und zerbro- 
chen, dass sie jetzt in den wildesten Gestalten in das Luftmeer 
aufragen, und einen Anblick der Zerstörung und Zerrissenheit 
darbieten, wie er selbst in den gequältesten Sedimentforma- 
tionen nicht angetroffen wird. Von dieser Art ist z. B. das 
Granitgebirge der Sinaitischen Halbinsel. Im Uebrigen zeichnen 
sich alle feldspathreichen Durchbruchgesteine durch grossartige 
oberflächige Auflockerung, und in Folge dessen durch das 
Auftreten riesiger Trümmermassen, der sogenannten Felsen- 
meere oder Teufelsmühlen, aus, die aus regellos ge- 
häuften, oft ganz ungangbaren, kubischen oder parallelpipe- 
dischen Felsblöcken und anders geformtem Trümmerwerk von 
jeder Grösse bestehen. 
c) Die dritte Form von Massengebirgen ist jene, wo die plu- 
tonische Eruption zwar die Oberfläche der überliegenden 
Schichten erreicht hat, jedoch nicht mächtig genug war, um 
sich über diese deckenartig zu ergiesson, sondern als ein 
ty phonischer Stock zwischen ihnen stecken blieb. In die- 
sem Falle hat er die durchbrochenen Schichten theils gehoben 
und aufgerichtet, sie auf die mannigfaltigste Weise und oft 
auf grosse Strecken hinaus metamorphosirt, theils gewaltsam 
auf die Seite geschoben, bis auf mehrere Meilen hinaus zer- 
brochen, und in Verwerfungs- oder Faltungsketten zusammen- 
und über einander geschoben. Alles, was früher über die Bildung 
kristallinischer Centralmassen, der Verwerfungs- und Gewölb- 
Ketten gesagt worden, ist hier zu einem Gesammtbilde zu ver- 



Entstehung von Land und Gebirgen. 217 

binden. In allen Fällen scheint ein Aufsteigen des ganzen, 
im Umkreise des Systems liegenden Terrains an der Erhebung 
und normalen Zerspaltung des Bodens mitgewirkt zu haben. 
Auch zeigt die discordante Auflagerung jüngerer Schichten 
an den Rändern des Gebirges, dass die Hebung selbst in 
mehreren Reprisen statt fand, und das zuweilen sogar eine 
retrograde Bewegung, d. h. ein gelegentliches, wenn auch im 
Maasse nicht bedeutendes. Einsinken des Systems mitunterlief. 
Zu den Gebirgen dieser Art gehören die Pyrenäen, die Voge- 
sen, der Schwarzwald, der Harz, das Riesengebirge u. a. ni. 

In einzelnen Fällen ist die eruptive Masse, vielleicht wegen 
ihrer allzu grossen Ausdehnung, in untergreifender Lagerung, 
inmitten des Gebirgskörpers stecken geblieben, oder sie hat 
diesen, nur an wenigen Stellen bis zur Höhe aufsteigend durch- 
drungen. Die überliegenden neptunischen Schichten sind dann 
in horizontaler Lage emporgehoben und dabei in grosse pris- 
matische Stücke zerbrochen worden, an deren Sockel und in 
den von den Thälern gebildeten Durchschnitten die eruptive 
Masse überall zu Tag tritt. Diese Gestalt hat das grosse 
Porphyr- Terrain bei Bozen in Süd-Tirol, wo das eruptive Gestein 
hie und da zu hohen Kämmen emporgestiegen (Raschötz, Lat- 
temar u. a.), der Hauptsache nach aber mit seiner Oberfläche 
das Niveau von circa 4000 F. einhält, östlich der Etsch die 
prachtvollen Gestalten der Dolomit- Alpen trägt, aber auch in 
weitem Umfange, durch Zertümmmerung der sedimentären 
Decke und FortschafFung der Trümmer durch die Erosion, 
entblösst ist. Ein ähnliches Verhältniss ofifenbart sich im öst- 
lichen Habessinien, wo die eruptive Masse aus Granit besteht 
und vom Sandstein bedeckt wird, der durch die Thäler theils 
in plateau-artige, theils in thurmähnliche, oft schwer ersteigliche 
Theilc (welche letzteren hier Amba's heissen und häufig als 
feste Punkte benützt sind) von nahezu gleicher Höhe zer- 
schnitten ist. 

In noch anderen Fällen von Massen-Erhebungen endlich sind 
die plutonischen Magmen nirgends zum Durchbruch gekom- 
men; die Lagerungs Verhältnisse des gehobenen Landes aber 
erscheinen gestört und der Boden mehr oder minder regel- 
mässig zerspalten. Die hierdurch entstandenen Ketten sind 
Spaltungsketten, deren Richtung mit der Structur des Ge- 
birges in keinem Zusammenhange steVvt, \^'\^ ^^"sSXäx ^söA. 



218 • Orogenetiacher Theil. 

geradlinig, tief, und schneiden sich unter rechten Winkeln. 
Von dieser Art sind: das tinnländische Plateau, die Ardennen, 
die rheinischen Sandstein- und Schiefergebirge, die Wald- 
karpathen u. v. a. m. Je nach der Tiefe, mit der der erste 
Spaltenwurf in den Boden eingriff, so wie „von der Erwei- 
terung dieser Spalten durch die Erosion hängt es ab, ob das 
Land sich als eine von Schluchten durchzogene Hochfläche oder 
als eine Niederung mit aufgesetzten Bergmassen darstelle"*). 

Wenn wir sofort die Thätigkeit der geschilderten Störungs- 
Ursachen des natürlichen Schichtenbaues der Erdrinde auf 
ein ausgebreitetes und in die Länge gezogenes Hochland bezie- 
hen und uns dabei die Entstehung eruptiver Centralmassen, 
so wie das latent gebliebene Aufsteigen plutonischer Magmen 
innerhalb dieses Hochlandes vervielfältigt und zu verschie- 
denen Zeiten wiederholt denken, so gewinnen wir eine Vorstel- 
lung jener von Studer als Tafel massen bezeichneten Gebirgs- 
Systeme, wie sie uns in den Alpen, in den skandinavischen 
Gebirgen, in den nordamerikanischen Hochländern, in den 
Plateaux von Anahuac, Peru u. Bolivia, im Bolortagh, im 
Himalaya u. s. w. vorliegen. Auf einigen dieser Tafelmassen 
haben sich zu den alten plutonischen Bildungen neuere und 
neueste vulkanische Ausbrüche gesellt, und dadurch nicht nur 
die Ursachen des gegenwärtigen Bodenreliefs, sondern auch 
den Reichthum plastischer Formen gesteigert. 

So besteht z. B. das," von dem Vulkan Vilcanota bis zum 
Llullayacu, über 150 g. Meilen lange, im Parallel von Potosi 
50 Meilen breite, sonst unregelmässig geformte Plateau von 
Bolivia aus einer im Mittel 12000 F. hohen Gebirgsmasse^ die 
der Hauptsache nach aus den Gesteinen der Uebergangs- und 
im südlichen Theile auch aus denen der Kreide-Formation 
gebildet, und nur an ihren westlichen Gehängen von einem 
10 — 12 Meilen breiten Bande geschichteten Porphyrs ein- 
geschlossen ist. Hier erhebt sich aus dem Porphyr eine Reihe 
hoher vulkanischer Trachytkegel, die, wie der Gualatieri, Pa- 
rinacota und Pomarape, zu den höchsten Bergen des Welt- 
theils gehören, während im Osten, längs dem Titicaca-See, 
eine mächtige, durch eine langgestreckte centrale Gneissmasse 



*) Studer : „Lehrbuch der ' physikalischen Geographie und Geognosie", 
IL, 221. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 219 

gebildete Gebirgskette von Nord in Süd streicht und im 
Nevado de Sorata so wie im Ilimani nur um weniges unter 
der Höhe von 20000 F. zurückbleibt. Der südliche Theil 
des Hochlandes ist von hohen Gebirgen und von noch höheren 
plateau-artigen Bergformen, unter denen der Despoblado, be- 
deckt, der nördliche aber ist vorherrschend eben und von 
der breiten Diluvialebene des Desaguadero eingenommen, die 
eine solche Ausdehnung hat, dass in der Provinz Oruro ver- 
schiedene Gebirgsgruppen, in der eigentlichen Ebene keine 
Unterbrechung hervorrufen*) und dass der 180 g. Q. Meilen 
grosse, in der absoluten Höhe von 12042 P. F. liegende Ti- 
ticaca-See darauf Platz gefunden. — Eine ähnliche Bewandt- 
niss hat es mit den Anden selbst dort, wo sie eine einfache 
Kette zu bilden scheinen. So ist z. B. in dem Durchschnitte 
der chilenischen Cordilleren nach dem Parallel von Copiapo, 
der höchste Theil des Gebirges eine langgestreckte Tafel- 
masse, auf welcher, innerhalb einer 12 g. Meilen breiten 
Querlinie kein Punkt unter das Niveau von 12000, und 20 Meilen 
weit keiner unter das von 10000 P. F. herabsinkt. Das west- 
liche Randgebirge besteht aus demselben Porphyr wie in Boli- 
via, und aus diesem steigt der 18000—20000 F. hohe Trachyt- 
Dom des Vulkans von Copiapö auf; hierauf folgen östlich 
Kreideschichten, welche stellenweise von jüngeren Schiefern 
bedeckt sind; einer jener Kreidekämme trägt den 18000 F. 
hohen Vulkan Cerro Bonete ; noch weiter gegen Osten kommen 
dann wieder granitische Eruptivmassen vor. 

Der Himalaya (ohne den Mustagh [Karäkoram] und ohne den 
Küen-lün) bildet in der Hauptsache eine im Mittel 40 g. Meilen 
breite Syenitmasse, an deren Rändern keine älteren Gesteine 
als eocene Thonschiefer und Nummulitenkalke in die Höhe 
steigen. Nur inmitten des Systems, d. i. am Oberlaufe des 
Setledsch und am Lingti (Nebenfluss des Indus) kommen 
stark entwickelte Einschaltungen von Urthon- und Talk- 
schiefer, von Jura- und Kreidegebilden vor. Aus dem Syenit 
aber erhebt sich eine Zahl granitischer Centralmassen, hie 
und da in runden, jedoch meist in langgezogenen und ver- 
zweigten Inseln, welche die ohnehin schon sehr hohen Kämme 



*) „Geographie und Statistik der Republik Bolivia" von B. Reck, in ^Petettxv. 
ögr. Mitth.", 1867, 39. 



220 Orogenetificher TLeil. 

um ein Bedeutendes überragen und alle höchsten Gipfel der 
Erde: den Mount Everest, Kantschindschinga, Dhawalagiri, 
Nanga Parbat, «Dschawahir, Tsehumalari u. a. m. enthalten. 
Welche Höhe aber die allgemeine Tafelraasse des Gebirges 
besitzt, zeigt sich nördlich von Kaschmir am Deosai -Plateau, 
auf welchem 15 g. Meilen lang kein Punkt unter die Höhe 
von 12000 F. herabsinkt, und ergibt sich aus der Beschreibung 
des berühmten Botanikers James D. Hooker, der auf dem 
fast 19000 F. hohen Donkiah-Pass in Sikkim stehend, das 
nördlich der Hauptkette gelegene Becken des Arunflusses 
überblickte, und es als ein hügeliges Hochland von 15000 F. 
mittlerer Höhe beschreibt*). 

Das Alpensystem stellt eine gekrümrate Tafelzone dar, deren 
Reliefverhältnisse plastisch und dynamisch von einer grossen 
Zahl kristallinischer Centralmassen bedingt sind, deren ich 
zwischen Genua und dem Wechsel einige 30 zähle. Sie be- 
stehen theils aus Granit und Protogin, theils aus Gneiss, un- 
gerechnet die Durchbrüche von Porphyr und Melaphyr in 
Südtirol, die durch Hebung und metamorphische Einflüsse 
als Mitfactoren der alpinischen Plastik auftreten. Es ist hierbei 
gewiss auffallend, dass die Axen dieser Centralmassen meistens 
nicht in der Streichrichtung des Gebirges selbst liegen, „ein 
Grund mehr, die Entstehung der Centralmassen von derjenigen 
der Tafelzone zu unterscheiden" **). Mit diesen Centralmassen 
und mit den späteren Hebungen des ganzen Systems, steht 
aber auch die Thalbildung und die Aufrichtung der nörd- 
lichen und südlichen Verwerfungsketten im innigsten Zu- 
sammenhange. Nirgends innerhalb der Central-Alpen und der 



*) „This broad belt of lofty country north of the snowy Himalaya, is the 
Dhigcham province of Tibet, and skirts the frontier of Sikkim, Bhotan and Nepal. 
It gives rise to all the Himalayan rivers and its mean elevation is probably 
15000 feet : its general appearance, as seen from greater height is that of a much 
less mountainous country than the snowy and wet Himalayan regions; this is 
because its mean elevation is so enormous, that ranges of 20000 to 22000 feet 
appear low and insignificant upon it. The absence of forest and other obstruc- 
tions to the view, the breadth of the Valleys, and the undulating character of 
the lower ranges, that traverse its surface, give it a comparatively level appea- 
rance and suggest the term „plains" to the Tibetan, wheu comparing his country 
with the complicated ridges of the deep Sikkim Valleys . . . „Himalayan Journals" 
von J. D. Hooker. II. 174. 

**) Studer: „Lehrbuch etc.", II, 233. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 22 1 

von den Centralmassen abhängigen kristallinischen Schiefer, 
sehen wir die Eichtung der Thalspalten im Widerspruche mit 
den von den Centralmassen selbst ausgegangenen Hebungs- 
Impulsen, und nur in den äusseren Kalkketten offenbart sich 
eine Summirung des von ihnen ausgeübten Seitendruckes 
zu einer Gesammtkraft, mit allerorts ziemlich homologen 
Wirkungen. 

13. Die Entstehung langgezogener Kettengebirge kann 
durch die Aneinanderreihung jener Ursachen erklärt werden, denen 
eine kurze Gebirgskette ihr Dasein verdankt. So ist z. B. der 
nördliche und mittlere Ural durch die linear angeordnete Combi- 
nation einer Zahl von Granit-, Grünstein- und Porphyr-Eruptionen 
entstanden. Ebenso scheinen die Westghats, der Hindukusch und 
die Elwendkette in Kurdistan durch eine zusammenhängende Reihe 
granitischer, und die Anden in Amerika durch eine Kette porphy- 
rischer Durchbrüche emporgehoben zu sein*). Bei allen diesen 
Bildungen möchte ich an das dynamische Gesetz erinnern, dass 
jeder Durchbruch dieser Art, d. h. jede nach einer Seite stark 
verlängerte Eruption, der Richtung eines grössten Kreises folgte 
und geradlinig war, und dass demnach jede Veränderung im Strei- 
chen der gehobenen Kette einen neuen und abgesonderten Hebungs- 
voTgang voraussetzt. 

14. Wir kommen nun zur Entstehung ausgedehnter 
Tafelländer und zur Erweiterung des Begriffes der Bodenhe- 
bung bis an seine äussersten Grenzen — zur Entstehung der 
Continente. Weder dort und noch weniger hier werden die bis- 
her genannten Hebungsprincipien, die ihre Wirkungen, wie mäch- 
tig sie auch waren, doch immer nur auf beschränkte Theile der 
Erdoberfläche geltend machten, zu einer befriedigenden Erklärung 
genügen. Jetzt ist es an der Zeit, die säkularen Hebungen und 
Senkungen des Bodens zu Hilfe zu rufen, was um so weniger An- 
stand hat, als wir mit Bestimmtheit wissen, dass fast alle Theile 
des festen Landes, zuweilen unter mehrfachem Wechsel, unter 
Wasser lagen und wieder aus demselben auftauchten, und als es 
eine nachgewiesene Sache ist, dass noch in der Gegenwart grosse 
Landstrecken schon seit Jahrhunderten continuirlich in Hebung 
oder Senkung begriffen sind. 



*) Dieser Porphyr bildet einen Theil der Plateaux und des Gebirgsmassivs 
überhaupt, ia^ also von den Trachyt-Formen der Vulcane wol zu untersclieiden . 



222 Orogenetischer Theil. 

Derlei Niveau-Schwankungen grösserer Theile der Erdober- 
fläche können, wie wir wissen, entweder aus Temperatur-Verände- 
rungen im Erdinnern, oder, bei geringerem Umfange, aus metamor- 
phischen Processen entspringen. Aus den Bewegungen der Wärme 
innerhalb der Insolations-Schichte ist es bekannt, dass die Fort- 
pflanzung der Wärme im Boden auf eine Tiefe von ungefähr 25 F. 
ein halbes Jahr benöthigt. Nehmen wir nun die Dicke der Erd- 
kruste mit 400.000 F. an und denken wir uns die Ursache einer 
Temperatur-Aenderung an der Unterfläche der festen Kruste auf- 
tretend, so wird es eines Zeitraumes von 8000 Jahren bedürfeD, 
bis jene höhere oder geringere Wärme an der Erdoberfläche an- 
langt und ihre ausdehnende oder zusammenziehende Einwirkung 
auf die Erdkruste einstellt. Dies wenige mag uns über die Dauer 
solcher Vorgänge belehren. Was aber den Umfang der aus den 
Tiefen der Erde herrührenden Wirkungen anbelangt, das kann uns 
das grosse Erdbeben von Lissabon 1755 zeigen, welches gleich- 
zeitig eine Area von nicht weniger als 700.000 Quad.-Meilen mit 
seinen Erschütterungen heimsuchte. 

Rückt ferner der Ursprungssitz einer Temperatur-Erhöhung 
näher an die Erdoberfläche, ist das Maass dieser Temperatur sehr 
gross und wird ihre Wirkung durch das Aufsteigen eruptiver Mas- 
sen in die oberen Erdschichten oder bis an die Erdoberfläche an 
vielen Punkten noch mehr befördert, so wird das Aufsteigen grös- 
serer Landstrecken um mehrere Tausend Fuss, blos durch Volum- 
Vergrösserung des erwärmten Bodens, zu den leicht begreiflichen 
Dingen gehören. 

Ist endlich die in neuester Zeit aufgetauchte Schmick'sche 
Theorie von der periodischen grösseren Ansammlung des Meer- 
wassers in jener Hemisphäre, die zur Zeit des Perihels der Sonne 
zugekehrt ist richtig, so ergibt sich schon daraus eine periodische 
relative Erhebung oder Senkung der Continente um einige Hun- 
dert Fuss. 

2. Entstehung der hohlen Bodenformen. 

15. Die hohlen Terrainformen erscheinen entweder als rela- 
tiv enge G ebirgsthäler, oder als breite, flache Strombecken 
oder als continentale Binnenräume. Untergeordnet treten sie 
als vielfach gestaltete Vertiefungen (Karstlöcher , Karrenfelder 
u. s. w.) auf. 

16. Die diesen Formen zum Grunde liegenden Ursachen sind 



« Entstehung von Land und Gebirgen. 223 

im Verlaufe der vorliegenden Arbeit bereits angedeutet worden ; 
im Nachstehenden soll davon umständlicher die Rede sein. 

Entstehung der Thäler. Die Eintheilung der Thäler nach ihrer 
Entstehungsweise ist im 1. Abschnitte summarisch bereits mitge- 
theilt worden; wir haben dort 1. S^altenthäler, 2. Verwerfungs- 
thäler, 3. Sattelthäler, 4. Einsturzthäler, 5. negative Thäler und 
6. Erosionsthäler unterschieden 

I. Entstehung der Spaltenthäler. Die Spalten thäler sind aus 
jenen Rissen entstanden, von welchen der Boden bei seiner Erhebung, 
in Folge der Vergrösserung seiner Oberfläche, durchzogen werden 
musste. Wie Beaumont und Hopkins durch Rechnung nachgewiesen 
haben, waren die Spalten bei einer centralen Hebung radial, bei 
einer linearen oder Flächenhebung in zwei' Systemen angeordnet, 
von welchen das eine mit der Axe der Hebung parallel lief, das 
andere auf dieser Richtung senkrecht stand. Da die Richtung dieser 
Linien der primitiven Aufspaltung des Bodens von der Lage der 
Hebungsaxe und nicht von der Schichtung des Gesteines abhängig 
war, so folgt, dass die Spalten mit den Structurflächen des Ge- 
birges in keinem Zusammenhange stehen und sie demnach unter 
allen möglichen Winkeln durchschneiden. 

Dieser Umstand allein ist hinreichend, um die Ansicht der- 
jenigen zu widerlegen , die alle Thalbildung lediglich der Wasser- 
Erosion zuschreiben. Der Streit über diesen Punkt ist übrigens so 
alt als die Geologie selbst. Bezüglich der Einwirkung des fliessenden 
Wassers auf eine geschichtete Unterlage kann der Grundsatz fest- 
gehalten werden, dass die Erosion in allen Fällen der Richtung 
jener Schichte folgen wird, die ihr den geringsten Widerstand ent- 
gegenstellt. Die Thalbildung durch Erosion wird demnach von der 
Schichtung abhängig sein. Aber nicht diese Betrachtung allein wird 
uns die Ueberzeugung aufnöthigen, dass es für die Thalbildung 
noch eine andere Ursache gab als die Wasserspülung. Wenn wii 
nämlich die Richtungen der Längen- und Querthäler eines Gebirges 
genau so angeordnet finden, wie sie, deti Gesetzen der Dynamik 
gemäss, bei einem Erhebungsmassiv auftreten müssen, so werden 
wir wol zu dem Schlüsse berechtigt, dass jene Thäler nichts 
anderes seien als der durch Erosionen jeder Art y eränderte primi- 
tive Spaltenwurf. 

Betrachten wir uns ferner die oft ausserordentliche Tiefe der 
selbst durch die festesten Gesteine gebrochenen Thalspalten des 
Hochgebirges, so wie ihre nicht selten viele Meilen messenden 



224 Oro^^enetischer Theil. 

Längen, betrachten wir uns nicht minder das tiefe Eingreifen solcher 
Spalten, sowol im Innern des Gebirges als auch bei ihrem Aus- 
tritte aus demselben, in den Boden, Eingriffe, die jetzt mit Wasser 
gefüllt einer Zahl von Seen die Entstehung gaben , was durch 
Erosion niemals hätte entstehen können, weil die Erosion dort auf- 
hört, wo die Bewegung des Wassers ein Ende findet — ziehen wir 
weiters den Umstand zu Rath, dass es lange und tiefe Spalten ohne 
Ausgang gibt, wie bei dem westlichen Arme des Comer-Sees, der 
bis in das Tiefland hinausreicht und durch Erosion in keinem Falle 
gebildet worden sein kann — überlegen wir uns endlich den Schutss, 
welchen die von den Gewässern herabgeführten und in den Thal- 
gründen oft massenhaft aufgelagerten Geröllmassen, der Unterlage 
gegen ein weiteres ergiebiges Einnagen der Flussbetten gewähren, 
so können wir unmöglich der Wasser-Erosion, welche Bedeutung 
wir ihr auch sonst einräumen , das alleinige Zustandebringen der 
Hauptthäler des Gebirges zuschreiben. 

Ich habe in meiner Monographie der Hohen Trauern, in dem 
Capitel über die Hebungen des Tauerngebietes pag. 340, das Detai' 
der Gebirgsgliederung, mit Rücksicht auf die darin vorkommenden, 
und durch die centralen Gneissstöcke sich kundgebenden Hebungen 
einer aufmerksamen Untersuchung unterzogen, und die Kämmung 
und Thalung (sit venia verbo) dieses ausgedehnten Alpenab- 
schnittes durch ein vereinfachtes typisches Bild versinnlicht. Diese 
Untersuchung hat gezeigt: 1. dass die Aufspaltung des Gebirges 
genau den bekannten Gesetzen entspricht, 2. dass die Axen späterer 
Hebungen mit den geognostischen Axen der centralen Gneissmassen 
nicht immer zusammenfallen , wenn dies auch meistens der Fall 
ist, 3. dass die der Hauptaxe nächstgelegene longitudinale Haupt- 
spalte zuweilen in dieser selbst ihre Lage hat, wodurch das Gebirge 
zwei, Seite an Seite dicht beisammen Hegende, einander gegenseitig 
übergreifende und durch ein tiefes Längenthal getrennte Haupt- 
kämme aufweist, wie dies z. B. westlich der Dreiherrnspitze beob- 
achtet werden kann, von welchem Gipfel angefangen, der übrige 
Theil des Tauernkammes bis Luttach und der nebenliegende Ziller- 
thaler-Hauptkamm nur zwei Hälften eines der Länge nach gespal- 
tenen Massivs sind. Dasselbe findet auch weiter östlich bei der 
centralen Gneissraasse des Hochalpenspitzes statt , die durch das 
Malteinthal in zwei fast gleich hohe Parallelkämme zerspalten 
worden ist; 4. dass zwar die Präexistenz der centralen Gneissstöcke 
in den meisten Fällen einen bestimmenden Einfluss auf die Richtung 



Entstehung von Land und Gebirgen. 225 

späterer Hebungen ausübte, was sich aus der, jenen Gneiss-Centren 
im Q-anzen adäquaten „Kämmung und Thalung*^ des Gebirges leicht 
erkennen lässt, dass aber die letzte grosse und allgemeine Erhe- 
bung des Alpengiirtels am Schlüsse der Miocen-Zeit über alle diese 
Einzelverhältnisse mächtig hinwegschritt; 5. endlich, dass die Er- 
hebung der einzelnen kristallinischen Centralmassen in einigen 
Fällen gleichzeitig vor sich gegangen zu sein scheint, was sich aus 
der mittleren Richtung jener Kämme und Thäler , die unter der 
Einwirkung zweier Hebungen standen, deutlich zu erkennen gibt 
In solchen Fällen ist die Thalrichtung eine resultirende zweier 
Kräfte, deren Intensitäten durch den Umfang und die Höhe der 
beiden Hebungsmassen repräsentirt sind. 

II. Entstehung der Verwerfnngstliäler. Die Entstehung der 
Verwerfungs thäler ist dem Seitendrucke zuzuschreiben, der den 
Boden in mächtige longitudinale Schollen zerbrach, diese senkrecht 
auf ihre Längenausdehnung fortschob, eine ihrer Kanten mehr oder 
minder hoch aufrichtete, die andere Kante aber in die Tiefe drängte, 
die nebenliegende und eben so gedrehte Scholle bei fortgesetztem 
Seitendrucke über die andere schob, und so jene grossartigen Ver- 
werfungen des Gebirgsbaues bewirkte, die den Verwerfungsthälern 
das Entstehen gab. Das Verwerfungsthal ist — siehe das Diagramm — 
der Hohlraum A zwischen den über- 
schobenen Schollen B und C, — Was *^* 

hierüber bei der Bildung der Ver- 
werfungskämme gesagt wurde, hat auch 
für die Verwerfungsthäler Geltung. So 
ist dort erwähnt, dass jener Seiten- 
druck bald aus plutonischen oder vulkanischen Vorgängen, bald aus 
dem Rückzug der erkaltenden Erdkruste oder auch aus metamor- 
phischen Bodenanschwellungen entsprungen sein kann. 

Die Verwerfungsthäler sind vornehmlich in den sedimentären 
Regionen der Gebirge zu suchen, wo sie als Längenthäler auftreten, 
die durch querliegende Spaltenthäler verbunden sind. Solche Spalten- 
thäler, deren Entstehung ebenfalls unter keiner Voraussetzung den 
Wirkungen der Erosion zugeschrieben werden kann, bilden dann, 
je nach der Tiefe, in welche sie hinabreichen, jene totalen, sub- 
totalen oder geblendeten Gebirgsdurchbrüche, von denen im ersten 
Abschnitte umständlich die Rede war. 

Typisch ausgebildete Verwerfungsthäler werden daher auf der 
einen Seite von den Schichtflächen, auf der anderen von den 

Sonklar, Allg. Orographie. \^ 




226 Orogenetischer Theil. 

Schichtenköpfen der Gebirgskämme, also hier meistens von steileren, 
dort meistens von sanfteren Gehängen eingeschlossen sein. Bei stark 
gestörten Lagerungsverhältnissen ist jedoch von vorneherein nicht 
anzunehmen, dass dieser Typus tiberall der herrschende sein werde. 
Hie und da sind grössere Massen in ihrer ursprünglichen Lage, 
d. h. unaufgerichtet oder ungehoben, stehen geblieben und auf allen 
Seiten schroff abgebrochen (Schnee-Alpe, ßax, Schiern), wodurch 
derlei Stöcke allen umliegenden Thälern schroffe Seiten zukehren; 
oder sie sind auf beiden Seiten aufgebogen und dann abgerissen, 
welches Verhältniss ebenfalls zu steilen Thalhängen auf dieser wie 
auf jener Seite geführt hat; endlich kommen zwischen den Ver- 
werfungsketten auch einzelne oder mehrere Gewölbketten vor, wo- 
durch jenes typische Verhältniss nicht minder gestört wird u. s. w. 

IIL Entstehung der Sattelthäler. Sattelthäler sind die 
zwischen zwei Gewölbketten liegenden Mulden, so wie auch die 
durch das Aufsprengen jener entlang ihrer Axen entstandenen 
Spalten. Bei jenen fallen die Schichten in den Thalgrund zusammen, 
sind also synklinal, bei diesen fallen sie vom Thale beiderseits 
weg — antiklinal. Im letzteren Falle hat die Erosion die Trümmer 
des zersprengten Gewölbes entfernt und dadurch die tieferen 
Schichten des Gebirges entblösst; die Thalwände sind steil auf bei- 
den Seiten und umschliessen den Thalgrund oft kess eiförmig. 

Wo bei der Hebung die Gewölbketten transversal zerrissen 
wurden, da entstanden tiefe und enge Durchbrüche, wahrhafte 
Spaltenthäler (Combes), die den Gewässern als Ausflussöffnungen 
dienen. Eine solche Combe ist z.B. die Schlucht bei Mödling u. a. m. 

IV. Entstehung der Einsturzthäler. Einsturzthäler werden 
jene runden oder ovalen, kesseiförmigen Vertiefungen im Gebirge 
genannt, deren Entstehung, auf Grund ihrer plastischen und geo- 
tektonischen Verhältnisse, dem Einstürze der Gebirgsmassen zu- 
geschrieben werden muss. Im ersten Abschnitte, wo von den for- 
mellen Merkmalen der Thal er die Rede war, wurden die Einsturz- 
thäler bereits als Circus- oder Kesselthäler beschrieben. 

B. Studer, der diese Thäler mit gewohnter Meisterschaft be- 
schreibt, unterscheidet zunächst die Kesselthäler vulkanischen, 
dann jene nicht vulkanischen Ursprungs*). 

Zu den Einsturzthälern vulkanischer Gegenden rechnet er 
die Calderen und die ßingwälle, wie auch die sogenannten Maare, 



*) „Lehrbnch der physik. Geographie und Geologie", I, 387. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 227 

deren Form im Allgemeinen oben ebenfalls schon beschrieben 
wurde. 

Als Typus der Calderen gilt bekanntlich die grosse Caldera 
auf Palma, welche übrigens von Carl Fritsch für ein Werk der 
Erosion gehalten wird*). Das Innere des zwei volle Meilen im 
Durchmesser haltenden Ungeheuern Kessels ist von zahllosen Bächen 
und Schluchten durchzogen, welche in das Grundgebirge der Canaren, 
Diabasen und Gabbragesteine neben trachy tischen Massen, ein- 
geschnitten sind, während die steilen, fast 4000 Fuss hohen, bunt- 
gefärbten Abstürze der Caldera aus basaltischen und jüngeren 
vidkanischen Schichtencomplexen bestehen. — Die Analogie dieser 
Bildung mit anderen, welche erweislich durch Einstürze entstanden 
sind, gestattet jedoch eine andere und, wie es scheint, richtigere 
Deutung. Nur um weniges kleiner und ähnlich gestaltet sind die 
Kesseln von Tejeda und Terajana, beide auf Gran Canaria, beide 
circa 6000 Klafter (IY2 Meile) lang, jener 3600 Klafter breit, dieser 
nur um weniges schmäler; die übrigen Calderen auf den canarischen 
Inseln (die von Taoro am Pic de Teyde und bei Villa Hermosa 
auf Gomera), so wie jene des Val del Bove am Aetna, dann die 
Cirques am Mont Dore und am Plomb de Cantal in Frankreich 
sind oben bereits genannt worden. 

Ring wälle oder die von kreisförmig gestalteten Hochformen 
gebildeten Einhegungen erloschener oder noch thätiger Vulkane, 
zeigen in ihren Dimensionen alle Uebergänge von meilengrossen 
Durchmessern bis zur Weite von wenigen Hundert Fuss, wie sie 
eben viele der heutigen Krater noch besitzen. Hier muss nun 
zwischen alten und neuen, grossen und kleinen Ringwällen unter- 
schieden werden, und man hat sie nach dem, was oben (Seite 104) 
über die Form der Vulkane gesagt wurde, theils als Erhebungs-, 
theils als Eruptionskegel bezeichnet. 

Der Eruptionskegel ist, besonders wenn er von einem Erhe- 
bungskegel umgeben ist, fast ausnahmslos ein Aufschüttungskegel 
d. h. ein Product der aus dem Krater hervorgestossenen vulkani- 
nischen Stoflfe. Der Erhebungskegel, von Leopold v. Buch so genannt, 
umgibt den Eruptionskegel und ist diejenige Form, für welche 
eigentlich der Name Ring wall aufgenommen wurde. Diese Ring- 
wälle also sind in den meisten Fällen nichts Anderes als ältere und 
grössere Aufschüttuogskegel, die durch spätere Eruptionen breiter 

*) „Reisebilder aus den canarischen Inseln" in „Peterm. Geogr. Mitth.**, 
Ergänzungsheft pro 1867. 



228 Orogenetischer Theil. 

ausgehöhlt und in vielen Fällen theil weise zerstört oder verschüttet 
wurden. Sie bestehen demnach nicht minder aus vulkanischen Stoflfen, 
sind stratificirt und ihre Schichten liegen parallel zur Oberfläche 
des Kegels. Dennoch gibt es Fälle, wo diese Ringe in ihrer Structur 
nicht ganz mit den Eruptionskegeln tlbereinstimmen. An manchen 
Stellen zeigen sich an ihren inneren Wänden marine Sedimente in 
weit grösserer Höhe als tiberall in der Umgebung, und die höher 
liegenden Lavaschichten fallen nach aussen unter so hohen Winkeln 
ab, dass sich die Lava unmöglich in dieser Neigung erhalten haben 
konnte. Dies beweist, dass in solchen Fällen wirklich eine Hebung 
der alten Unterlage des Vulkans stattgeiunden haben müsse. Jene 
Sedimente sind dabei so vielfach von trachytischen Gängen durch- 
flochten, dass sich schon daraus auf eine ansehnliche Volum- 
Vergrösserung und demnach auf ein Aufsteigen des Bodens schliessen 
lässt, für welches die constante Einwirkung einer hohen Temperatur, 
ihre radiale Aufspaltung und mitunterlaufene metamorphische Pro- 
cesse, die in den nächsten Umgebungen des Eruptions-Canals sicher- 
lich am bedeutendsten waren, noch weiter zu sprechen scheinen. 
Wenn sich demnach auch die anfängliche Ansicht L. v. Buchs, 
nach welcher diese ßingwälle durch die Erhebung des im Umkreise 
des Kraters liegenden Bodens entstanden seien, für die meisten 
Fälle als unrichtig herausstellte, so ist die absolute Negation jener 
Ansicht nicht minder unrichtig. 

Welche Veränderungen diese Ringwälle im Laufe der Zeiten 
durch die nachgefolgten Eruptionen erlitten haben^ ist nicht schwer 
zu ermessen. Ueber der eingesunkenen Lavafüllung der alten Kratere 
haben sich die neueren Eruptionskegel, u. z. oft zwei oder mehrere 
innerhalb eines und desselben Ringwalles, gebildet, wobei der letztere 
nicht selten theilweise durch Einsturz und durch seitliche Eruption 
zerstört oder unter den neueren Auswurfsstoffen begraben wurde. 
So war z. B. der Vesuv zu Strabo's Zeiten ein vollkommener Ringwall, 
ohne einen inneren Eruptionskegel ; aber schon der erste erneuerte 
Ausbruch, durch welchen Herculanum und Pompeji (79 n. Ch.) 
verschüttet wurden, zerstörte einen Theil des Ringwalls, indem sich 
der neue Kegel nahe dem südwestlichen Rande desselben hoch 
über ihn erhob und sich mit ihm vereinigte*). Wie mächtig aber die 
durch die Eruption bewirkten Erschütterungen und in deren Folge 
die Formveränderungen der Vulkane sind, das lehren die vor- 



) Siehe Cotta's „Geologische Bilder**, pag. 28. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 229 

gekommenen gewaltigen Einstürze der Kraterwände; so sank 
zu Anfang des XV. Jahrhunderts der Capae Urcu in den Anden? 
der bis dahin höher als der Chimborazo gewesen sein soll, derart 
in sich selbst zusammen, dass er 5000 — 6000 F. an Höhe einbüsste; 
eben so stürzten 1815 die Wände desTambora auf Sumbava 5000 F. 
tief vom Rande abwärts in den Krater hinab. Noch grösser war 
1698 die Zerstörung des Carguairazo bei Quito und ähnliche Vor- 
kommnisse, wiewol in weit geringerem Maasstabe, haben, sich 1444 
und 1702 beim Aetna und 1822 beim Vesuv, welcher durch die 
Eruption dieses Jahres mit einem Male 210 F. seiner Höhe verlor, 
zugetragen. 

In wie weit die früher schon erwähnten und beschriebenen 
grossen Ringwälle der Sunda-Inseln (Seite 123) als ältere Aufschüt- 
tungskegel angesehen werden können, ist bereits angedeutet wor- 
den. Bei den Durchmessern dieser jedenfalls vulkanischen Bildungen, 
scheinen sie eher als Ringgebirge classificirt werden zu dürfen. 
— Andere Ringwälle sind die der Roccamonfina bei Teano unfern 
Neapel; er ist auf seiner südlichen Seite zerstört; ferner das Al- 
baner Gebirge bei Rom mit einem Krater-See, Vulcano auf den 
liparischen Inseln, die Insel Santorin im griechischen Meere und 
Barren Island im Golf von Bengalen. Die letztgenannte Insel bildet 
einen kreisrunden Bergring , und der Krater, aus welchem sich der 
neuere Eruptionskegel erhebt, ist vom Meere ausgefüllt. 

Ueber die Einsturzthäler nicht vulkanischen Ursprungs, 
sagt Studer : „Die leeren Räume, deren Entstehung in vulkanischen 
Gegenden sich durch den Erguss von Lava und das Austreten von 
Dämpfen erklären lässt, mögen anderwärts durch die Gebirgsbildung 
selbst erzeugt worden sein" *). Die Art und Weise wie dies geschah, 
kann wol nicht überall dieselbe gewesen sein. So gleichen z. B. die 
Oules oder Cirques der Pyrenäen, insbesondere die berühmten 
Cirques de Gavarnie und von Troumouse, wirklichen Einstürzen in 
vollster Form. Hier hat es den Anschein, als habe sich der Granit 
wie eine Blase erhoben und sei dann in sich selbst zusammen- 
gestürzt. In den meisten Fällen aber wird für die Entstehung solcher 
Thäler ein weit allgemeiner giltiges Princip anzunehmen sein, und 
dies Princip scheint mir in dem Zuge der Schwere zu liegen, der 
die durch die Zerspaltung des Gebirges bei seiner Erhebung 
aufgestiegenen Felsprismen unmöglich lange in dieser Gestalt 
belassen konnte. Denken wir uns die durch die Abkühlung hervor- 



*) „Lehrbuch etc.**, I, pag. 389. 




330 Oro^netiscber llieil. 

gebrachte Zerkltiflung dee Gesteines, den Einßuss der in alter Zeit 
sicherlich häufiger und mÄchtiger vorgekommenen Erschütterungen 
und eine dem Einsturz gUnstige Lage der Schichten hinzu, so et^bt 
sich uns eine Serie von Umständen, der wir alle die vorgenannten 
Einstürze des Gebirges aus nicht vulkanischen Ursachen ohne Be- 
denken zuschreiben dürfen. Dass es der Erosion gelingen konnte, 
alle durch solche Einstürze in den Thalspalten aufgehäuften Gebirgs- 
Trtlmmer fortzuachaßFen, wird keinen Einwand gegen diese Ansicht 
bilden, wenn wir sehen, dass es eben dieser Erosion möglich war, 
die Bruchstttcke aufgesprengter Gewölbketten und die abgebroche- 
jjj nen und gewiss noch weit 

. — —— ^ _ grösseren Trümmer von 

Verwerfungs- Ketten oft bis 
auf die letzte Spur zu zer- 
stören. In der nebenste- 
_ _ I henden Zeichnung sind die 
L Einsturz und die spätere Erosion von den ursprüngli- 
chen PriBmen entfernten Theile durch Punkte angedeutet. 

Auf diese Weise wird sich, wie mir scheint, die Entstehung 
aowol der oben erwähnten Circusthäler, als auch die der 
breiten Thalböden oder Thalbecken, wie nicht minder das 
Uebrigbleiben einzelner, aus der Kammlinie schroff aufspringender 
Felszähne, z. B. des Mont Cervin (Matterhorn) bei Zermatt un- 
gezwungen erklären lassen *)- 

Studer führt fiir jede dieser Detailformen eine Zahl von Bei- 
spielen aus den mittleren und westlichen Alpen an. Als Circus- 
thäler nennt er die Plaine aux Isles am Diablerets, den Adelboden am 
FuBs des Strubels, die Tschingel- Alp, die Thalanfänge bei Breuil, 
Macugnaga, Antrona piana und Dever, und hebt besonders den 
grossartigen Kessel der Berarde im Oisans- Gebirge hervor; als 
Becken der besprochenen Art bezeichnet er den Circus von Schams 
im Hinter- Rheinthal, den Thalbo'den von Engelberg in Unterwaiden, 
den Grund von Hasli und noch mehrere andere im Jura; und als 
durch Einsturz erweiterte Thäler erwähnt er das Engadin, das Thal 
von Bergeil, das Gastern- und Ammertenthal. 

Dieses Verzeichniss kann aus den Ostalpen ansehnlich ver- 
grössert werden; als Kessel- oder Circusthäler bezeichne ich: 
das herrliche, grösstentheils mit Eis verkleidete Amphitheater des 



•) Stnder: „Lehrbuch et«.", I, 391 und, „Aoaland" JJIr. 8, p«g. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 231 

oberen Pasterzengletschers, die Thalschlüsse des Hüttwinkel- und 
Seitenwinkelthales in ßauris, die von ausserordentlich schroffen 
Felswänden umschlossenen Kesselthäler des Oedenwinkel Gletschers 
im Stubach- und des Prettauer Gletschers im Krimmler Achenthaie, 
den schönen Gletscher-Circus bei Waxegg im Zillerthale, das ßoth- 
gildenthal an der östlichen Seite des Hafnerspitzes im Lungau 
u.a.m.; als Thalbecken und breitere Thäler, die durch Ein- 
sturz der Spaltenwände entstanden: das Becken bei Ampezzo, das 
durch die Vereinigung mehrerer Thalspalten gebildete Becken von 
Sterzing und vielleicht auch jenes von Mayrhofen im Zillerthale, 
wo sich (der einzige Fall in den Alpen) nicht weniger als vier 
primitive Hauptspalten an einem Punkte vereinigen, das untere 
Gasteinerthal mit seinen Erweiterungen am Nassfeld, bei Böckstein 
und Hofgastein, die Becken von Oetz und Lengenfeld im Oetz- 
thale u. V. a. m. Auch hier gibt es ausgebreitete Firnmulden und 
andere von senkrechten Felswänden eingeschlossene Hochkaare, 
brüchige, sturzdrohende Felsgrate und einzelne kühn aufsteigende, 
isolirte Felszähne, deren Entstehung dem Einstürze der angrenzen- 
den Bergmassen zuzuschreiben ist, in Menge. 

Durch die beschriebenen Einstürze lässt sich endlich auch 
die von Studer, auf Seite 390 I. seines Lehrbuchs der physikali- 
schen Geographie und Geologie, geschilderte Thalform deuten, 
die darin besteht, dass das Thal im Querschnitt aus zwei ganz ver- 
schiedenen Thälern zu bestehen scheint, und zwar aus einem älteren 
und oberen, das zum Theil den Erosionscharakter trägt, und einem 
jüngeren, tiefer liegenden Einsturzthal; die Seiten wände des letz- 
teren erheben sich vertical und durchschneiden alle Schichtenlagen 
des Gebirges bis an eine obere Kante, über welcher ein weniger 
steiler Abhang nach den obersten Rücken und Gräten ansteigt, und 
auf welchem stehend man das tiefere Einsturzthal ganz übersehen 
und sich nur durch einen flachen Thalgrund von dem jenseitigen 
Abhänge getrennt glauben kann. Die nächst vorhergegangene Zeich- 
nung zeigt diese Verhältnisse vollständig und offenbart gerade jenen 
Kammtypus, wie er dem Gneiss- und Urschiefergebirge eigen ist. 
Ich möchte nun die Entstehung der oberen Thalhälfte, welcher von 
Studer der Erosionscharakter beigemessen wird, erst recht durch 
den Einsturz erklären, da die oberen Theile der beiden Spalten- 
wände gewiss mehr als die unteren den Einwirkungen der Schwere, 
der Zerklüftung durch Abkühlung und Rückzug und den Erschüt- 
terungen durch Erdbeben ausgesetzt waren. Sind doch solche Ein- 



232 Orogenetißcher TheiL 

stürze in grossem Maassstabe selbst noch in historischer Zeit vorge- 
kommen, wie z. B. der Abbruch eines über eine halbe Meile langen 
Theiles der südlichen Wand des Dobratsch in Kärnthen, der durch 
das sogenannte Erdbeben von Basel (25. Januar 1348) veranlasst 
wurde, das Gailthal bei Arnoldstein verschüttete und einer Zahl von 
Dörfern, Weilern und Schlössern den Untergang brachte. 

V. Entstehung der negativen Thäler. Von der Entstehung der 
negativen Thäler ist oben, wo von der geologischen Eintheilung 
der Thäler die Rede war, das Nöthige bereits zur Erwähnung ge- 
kommen; so viel mag jedoch noch bemerkt werden, dass ausser 
dem dort genannten oberrheinischen Becken zwischen Basel und 
Mainz, noch das Donauthal zwischen Regensburg und Wien, das 
gesammte Mainthal, das untere Rhonebecken u. v. a. m. in diese 
Classe von Thälem gehören. 

VI. Entstehung der Erosionsthäler. Die sechste und letzte 
Gattung von Thälem sind die Erosionsthäler, worunter man 
bekanntlich diejenigen versteht, die ihre Entstehung den nagenden 
Kräften der Atmosphäre und des fliessenden Wassers verdanken. 
Um jedoch diese Bildungsart der Thäler richtig aufzufassen, wird 
es nothwendig sein, vorerst alle die Mittel und Wege zu kennen, 
durch welche die erodirenden Kräfte überhaupt dahin gelangen, 
Theile des Erdfesten aus ihrem Zusammenhange zu bringen und 
die Deplacirung dieser abgelösten Theile zu bewirken. Den Inbe- 
griff aller dieser Vorgänge bringen wir durch das Wort Erosion 
zum Ausdruck, wobei wir bemerken, dass, nach gewöhnlicher Auf- 
fassung, unter Erosion nur der Effect der Wasserspülung ver- 
standen wird. 

3. Von der Erosion. 

17. Die Erosion ist übrigens nicht blos für die Thalbildung 
im Speciellen wichtig. Im Gange dieser Abhandlung ist von ihr 
so vielmal die Rede gewesen, dass schon daraus zu entnehmen war, 
welche wichtige Rolle ihr in dem Haushalte der Natur zukommt, 
Denn sie ist es, welche nicht allein die festen Bildungen der Erd- 
rinde fortwährend benagt und zersetzt und die plastische so gut 
wie die hydrographische Organisation der Erdoberfläche herstellen 
hilft, sondern die auch hauptsächlich das für neue Sedimentbildungen 
erforderliche Material liefert und der demnach fast alle neptunischen 
Formationen das Dasein verdanken. Ueberall in der Natur ist die 



Entstehung von Land und Gebirgen. 233 

Zerstörung des Bestehenden zugleich die Bedingung für das Werden 
des Künftigen. 

Die Hauptfactoren der Erosion im weiteren Verstände sind 
die Atmosphäre und das Wasser. Beide arbeiten auf verschiedene 
Weise an der Zerstörung der Gesteine und führen theils ihren Zer- 
fall, theils direct eine Verminderung ihres Volumens herbei. Der 
Wind und die Transportkraft des fliessenden Wassers, und hie und 
da auch die Schwere, übernehmen sofort die Dislokation der aus 
der Verbindung gebrachten Theile des Erdfesten in tiefer liegende 
Gegenden, und der Frost so wie die Schwere werden alsAuxiliar- 
mächte an dem Werke der Zerstörung theilnehmen — der Frost, 
indem er durch das Absprengen von Gesteinsstücken die Angriflfs- 
flächen für die nagenden Kräfte der Atmosphäre vergrössert, und 
die Schwere, indem sie unmittelbar, d. h. durch den Einsturz, die 
Cohärenz der Massen an geeigneten Orten überwindet. 

Auch Gletscher, Blitzschläge u. dgl. arbeiten, wiewol nur 
local und in beschränktem Maasse, der Erosion in die Hände. 

Aber alle diese Aeusserungen der Erosionsthätigkeit, wie gering 
auch meistens ihre Wirkungen an einem gegebenen Orte und in 
einer gegebenen Zeit erscheinen mögen, sie werden bedeutend durch 
ihre Allgemeinheit über der ganzen Erdoberfläche und durch ihre 
unabänderliche Continuität, wodurch sie sich eben zu jenen Erfolgen 
Summiren, von denen oben Erwähnung geschehen. 

A. Atmosphärische Erosion. 

18. Verwitterimg der Gesteine. Unter der Verwitterung der 
Gesteine versteht man die allmälige Zersetzung derselben unter der 
Einwirkung der in der Atmosphäre enthaltenen Stoffe. Sie ge- 
schieht dadurch, dass die Elemente des Gesteins, durch Aufnahme 
von Sauerstoff, Kohlensäure und Wasser, Verbindungen bilden, die 
theils in Pulverform entstehen, theils auflösHch sind, wodurch vor- 
erst gewöhnlich eine Entfärbung des Gesteins, dann eine Auf- 
lockerung seiner Consistenz und endlich sein Zerfall herbeigeführt 
wird. Licht, Wärme, Temperaturwechsel und die „nimmer ruhende 
Contact-Elektricität*^ (Senft) sind die wesentlichsten Beförderungs- 
mittel der Verwitterung. 

Die wichtigsten chemischen Processe, die bei der Verwitterung 
vor sich gehen, sind folgende: 

1. Der Feldspath, namentlich der Orthoklas, verwandelt sich 

durch Aufnahme von Sauerstoff und Kohlensäure in pulver- 



234 Orogenetischer Theil. 

förmiges Kaolin, in ein im Wasser auflösliches zweifach kiesel- 
saures Kali und in rothes Eisenoxydhydrat. — Der Oligoklas 
verändert sich auf ähnliche Weise, indem er sich in Kaolin, 
dann in lösliche, doppeltkieselsaure Salze von Kali und Kalk- 
Erde umsetzt. 

2. Beim Schwefelkies, der fast in allen Gesteinen vorkommt, 
treten der Sauerstoff und das Wasser der Luft zum Eisen und 
zum Schwefel und verändern jenes in Eisenoxydul, dieses in 
Schwefelsäure, die dann eine im Wasser lösliche Verbindung 
(schwefelsaures Eisenoxydul) liefern, während ein Theil der 
gebildeten Schwefelsäure frei wird. 

3. Kohlensaure Kalkerde oder der gemeine Kalkspath, Marmor 
etc. verbindet sich, unter der Intervention des Wassers, mit 
der Kohlensäure der Luft zu doppeltkohlensaurer Kalkerde, 
die im Wasser löslich ist, sich jedoch, unter der Berührung 
mit der Luft, alsbald in Kohlensäure und unlösliche, pulver- 
fbrmige, einfachkohlensaure Kalkerde zersetzt 

4. Dolomit wird durch die Kohlensäure der meteorischen Wässer 
langsam aufgelöst, hierbei der kohlensaure Kalk wie vorerwähnt 
verwandelt, das Magnesia-Carbonat aber als Bitterspathpulver 
abgesetzt. 

5. Bei Mineralien, welche kieselsaures und kohlensaures Eisen- 
Oxydul enthalten, wie Hornblende, Magnesiaglimmer, 
Augit, Serpentin, Spatheisenstein, wird das kohlensaure 
Eisenoxydul zuerst in doppeltkohlensaures Eisen oxydulhydrat 
und dann bei der Berührung mit der Luft in Eisenoxydhydrat 
umgewandelt; diefies ist ein lederbraunes oder ockergelbes 
Pulver. 

6. Der Kaliglimmer zersetzt sich, abgesehen von seiner me- 
chanischen Aufblätterung, nur dann, wenn er Eisenoxydul 
und Kalk erde enthält; jenes verändert sich zuerst in Eisen- 
oxydhydrat, während die Kohlensäure die alkalischen Erden 
auslaugt. Der oben bereits erwähnte dunkle Magnesiaglimmer 
hingegen verwittert, seines reichen Eisengehaltes wegen, unter 
allen Umständen weit rascher und zerfällt in Thon, Kalkerde 
und Eisenoxydhydrat. 

7. Der Gyps ist im Wasser löslich, und zwar: ein Theil Gyps 
in 200 Theilen Wasser. 

8. Die Thonerde saugt begierig Wasser an sich, bläht sich 
dadurch auf, verliert die Consistenz und zerfallt. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 235 

9. Chlorit verwittert lÄngsam und nur in Folge seines Gehaltes 

an Eisenoxydul. 
10, Serpentin im normalen Zustande ist der Verwitterung unzu- 
gänglich; enthält er Schwefelkies, was jedoch oft der Fall, 
so zersetzt sich dieser, wobei die frei werdende Schwefelsäure 
mit der Magnesia des Serpentins zu löslichem Bittersalz zu- 
sammentritt. 

19. Aus diesen wenigen Sätzen, welche die Veränderungen 
der die Gesteine hauptsächlich zusammensetzenden Mineralien unter 
dem Einflüsse der atmosphärischen Stoffe in Kürze aufzählen, 
ist der Gang der Verwitterung für die wichtigeren Gesteins- Com- 
plexe der Erdrinde leicht abzuleiten, und wir werden diese Vor- 
gänge hier übersichtlich andeuten. 

Zunächst verändert das Gestein oberflächlich die Farbe, wenn 
sich die Farbe der neu entstandenen Verbindungen von der des 
unzersetzten Gesteins unterscheidet; dann treten feine Ritzen auf, 
durch welche der Verwitterungsprocess allmälig gegen das Innere 
des Gesteins vorschreitet. Die Producte dieser Processe sammeln 
sich als Verwitterungsrinde auf der Aussenseite an und werden von 
hier durch den Regen fortgewaschen. Nach und nach erweitern 
sich jene Ritzen zu einem Netze sichtbarer Spalten und Vertiefungen, 
und ist die Verwitterung tief genug eingedrungen und auch intensiv 
weit genug vorgeschritten, so zerfilllt endlich das Gestein in eine 
erdige oder grusartige Masse. 

Am raschesten werden die kalkerde- und kalkerdesilicathal- 
tigen Gesteine von der Verwitterung zerstört; gemengte Felsarten 
verwittern leichter als einfache, weil die Elemente der ersteren bei 
Temperaturänderungen sich ungleich ausdehnen oder zusammen- 
ziehen, was an sich schon eine Quelle innerer Auflockerung ist; eben 
so verwittern körnige Gesteine leichter als dichte, imgeschichtete 
leichter als geschichtete, und diese dann leichter, wenn die Schichten 
aufgestellt, als wenn sie söhlig sind. 

1. Granit und Gneiss verwittern durch die Zersetzung des 
Feldspaths. Je reicher beide Felsarten an Feldspath sind, 
desto rascher werden sie zersetzt. Auch ein grösserer Eisen- 
gehalt des Glimmers wirkt förderlich auf die Verwitterung. 
Beim Gneiss tritt, wenn seine Schichten aufgerichtet sind, die 
Aufspaltung seiner Structurblätter durch den Frost als ein die 
Zerstörung des Gesteins beschleunigendes Moment hinzu, 
welches übrigens auch beim Granit wirksam ist, wenn sich 



236 Orogenetificher TheiL 

derselbe mehr oder minder stark zerklüftet zeigt. Auf diese 
Art entstehen die sogenannten Teufelsmtlhlen. 

2. Der Syenit verwittert dann etwas leichter, wenn seine Horn- 
blende Eisenoxydul und Thonerde enthält. 

3. Der Glimmerschiefer und Urthons chiefer zersetzt sich 
mit Hilfe des in seinem Glimmer enthaltenen Eisenoxyduls 
und wird, wie der Gneiss, bei aufrechter Schichten Stellung 
durch den Frost hart mitgenommen; nur sind die Spreng- 
stücke wegen der vollkommeneren Schieferung meistens kleiner. 

4. Beim Porphyr verwittern zuerst die eingewachsenen Feld- 
spathkristalle ; fehlen diese, so ergreift die Zersetzung die 
Grundmasse in den Umgebungen der Quarzkömer, wodurch 
diese herausfallen. 

6. Der Melaphyr verwittert durch die Zersetzung der in dem 
Oligoklas und in der Hornblende der Grundmasse enthal- 
tenen Kalkerde und des in der Hornblende und im Magnet- 
Eisen vorkommenden Eisenoxyduls. 

6. Der Basalt verwittert ebenfalls in Folge seines reichen 
Eisengehaltes. 

7. Die Verwitterung des Trachytes geschieht durch die Zer- 
setzung des darin enthaltenen Sanidins (eine Feldspath-Art), 
und insbesondere des Magnet-Eisens, und geht um so rascher 
vor sich, je poröser und rauher das Gestein ist. 

8. Der Kalkstein wird in reichlichstem Maasse, auf die oben 
erklärte Weise , durch die Kohlensäure der meteorischen 
Wässer zerstört. Dies gibt den Schlüssel zur Erklärung der 
Kalksinter- und Travertin -Ablagerungen, der tie- 
fen spaltartigenThaleinschnitte, der Höhlen- und 
Katabothren-Bildungen im Kalkgebirge. 

9. Die Zersetzung des Dolomites ist oben bereits erklärt 
worden, doch ist sie bei reinem und compactem Dolomit nur 
langsam; rascher geht sie bei sehr porösem, bei kalkerderei- 
chen und eisenkieshaltigen Varietäten vor sich. 

10. Der G y p s, obwol nie als selbstständiges Formationsglied, 
dafür aber desto häufiger untergeordnet auftretend, ist ein- 
fach im Wasser löslich. Hierdurch entstehen die sogenannten 
Gypsorgeln, und , wenn die Auflösung grösserer Gyps- 
massen im Innern des Gebirges erfolgt und die ttberliegen- 
den Kalkschichten in den dadurch enstandenen Hohlraum 
hinabsinken, die sogenannten Kalkschlote. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 237 

11. Die Verwitterung des Mergels und Schieferthones 
geschieht mechanisch, wie bei der Thonerde angegeben. 

12. Die Verwitterung des Quarzites geht höchst langsam vor 
sich und erfolgt nur dann etwas schneller, wenn das Öestein 
ein körniges Gefüge hat, so dass in die Fugen das Wasser 
eindringen und frieren kann, oder wenn der Quarz mit etwas 
Thon, Eisenoxydul, Glimmer u. dgl. gemengt ist. 

13. Die Verwitterung des Quarzsandsteines, der B r e c- 
c i e n und Conglomerate erfolgt leichter oder schwerer 
je nach der Beschaffenheit des Bindemittels; ist dieses mer- 
gelig, so wird sie am schnellsten, ist es kieselig, so wird sie 
am langsamsten vor sich gehen. 

20. Hydroclieinische Erosion. Unter diesem Ausdrucke werden 
jene auflösenden und zersetzenden Wirkungen verstanden, die das 
Wasser als solches, u. z. das meteorische so gut als das fliessende, 
bei beiden von dem directen Einflüsse der Bewegung abgesehen, 
auf die Gesteine ausübt. 

Die hydrochemische Action des Wassers ist in den vorher- 
gehenden Sätzen überall, wo die Mitwirkung desselben zur Ver- 
witterung gefordert wurde, bereits grösstentheils zur Erwähnung 
gekommen. Dennoch bleibt noch Manches zu bemerken übrig. 

Die chemische Erosion des fliessenden Wassers, bei welcher 
nicht zugleich die Anwesenheit des Sauerstoffes nothwendig ist, 
wird in vielen Fällen eine relativ sehr grosse sein können, weil 
die fortwährende Erneuerung des Wassers seine auflösende oder 
chemische Thätigkeit immer auf gleicher Höhe erhält. Dies wird 
insbesondere bei dem Einflüsse der unter die Erdoberfläche sin- 
kenden meteorischen Wässer auf Kalk- und Gypslager der Fall 
sein. Sie werden hier, nicht blos durch ihre verhältnissmässige 
Menge, sondern auch durch ihren reicheren Gehalt an Kohlen- 
säure, die sie aus der Vegetationsdecke nutgenommen, sehr nachdrück- 
lich zu wirken im Stande sein. Belege hieflir sind die erwähnten 
Kalkschlote, Gypsorgeln Höhlen und Katabothren, so wie die oft 
Ungeheuern Anhäufungen von Kalksinter in den Tropfsteinhöhlen 
so wie von Tuff- und Travertinbildungen an jenen Stellen der Erd- 
oberfläche, wo derlei Wässer an den Tag treten. Von noch weit 
grösserer Bedeutung sind in dieser Hinsicht die im Erdinnern cir- 
culirenden Wasseradern, welche, von einer hohen Temperatur und 
einer langen Dauer der Einwirkung unterstützt, jene Veränderun- 
gen zu Stande brachten, die in der Lehre von dem Metamorphis- 



238 Orogenetischer Theil. 

mus der Gesteine nachgewiesen und erklärt werden. Ebenso kön- 
nen auch ruhig stehende Wasserbedeckungen einen grossartigen 
metamorphischen Einfiuss ausüben, wie er z. B. aus der Dolomiti- 
sirung mächtiger Kalkgebirge, wenn das Meer kohlensaure Mag- 
nesia enthielt*), zu entnehmen ist. 

Wir werden demnach allen Wässern der genannten Art die 
früher beschriebenen Zerstörungen des Kalksteins, Dolomites, Mer- 
gels und Gypses, der Thonschiefer, Schieferthone, Sandsteine, Brec- 
cien und Conglomerate in demselben oder gesteigerten Maasse zu- 
schreiben, wie der Verwitterung, und dabei selbstverständlich alle 
jene Einwirkungen ausschliessen, flir welche der Sauerstoff der 
Atmosphäre noth wendig ist. 

21. Wie gross die Wirkungen der chemischen und hydro- 
chemischen Action der Atmosphäre seit dem Zeitpunkte sind, an 
welchem die verschiedenen Theile der Erdoberfläche denselben 
unterworfen wurden — wer könnte das beurtheilen! Ihr Maass 
lässt sich im Allgemeinen nur etwa dort bestimmen, wo festere 
Gang- oder Lagermassen dem Gebirge eingeschaltet sind und wo die- 
selben wegen ihres grösseren Widerstandes gegen die zerstörenden 
Einflüsse der Atmosphäre, jetzt stock- oder wandartig über die 
Oberfläche des Gebirges emporragen. Eine solche Einschaltang 
ist der sogenannte Pfahl, d. i. ein am westlichen Gehänge des 
Böhmerwaldes, von Cham bis zur Grossen Mühl, 15 Meilen weit 
sich erstreckender, den Granit und Gneiss durchsetzender Quarz- 
gang, der stellenweise eine Höhe von 100 F. hat. Um diese Höhe 
musste demnach das Gebirge seit der Entstehung dieses Quarz- 
ganges von der Erosion abgetragen worden sein. Ein anderer 
8 Meilen langer und ebenso continuirlicher Quarzgang liegt auf 
der böhmischen Seite desselben Gebirges, beginnt bei Tachau und 
endet bei Fürth. Beide Gänge bilden prächtige, wildzackige, zer- 
rissene Felsmauern, welche so weit das Auge reicht fortziehen und 
durch ihre weisse Farbe in der dunkel gefärbten Landschaft her- 
vortreten. Aehnliche Erscheinungen kommen in anderen Ge- 
genden Böhmens, in »Schottland, Irland und auf den Hebriden, wo 
sie aus Melaphyr bestehen, dann in der Pfalz und in Frankreich 
auf dem Plateau von Morvan vor; hier bestehen sie ebenfalls aus 
Quarz und erreichen eine Höhe von 30—45 F. über dem Boden. 



*) Naumann: ^^Lehrbtrch der Geognosie'*, I, ?71, nnd Zirkei: „L^rbnch der 
P«tr«graphie*, I, 247. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 239 

Noch eindringlicher offenbaren sich die Wirkungen beider Erosions- 
Arten bei den im 1. Abschnitte beschriebenen Stein Wäldern von 
Adersbach und Dittersbach in Böhmen, sowie an den Säulenbildun- 
gen und Felszähnen des Bielaer Grrundes, von denen B. von Cotta 
in seinen geologischen Bildern einige sehr instructive Abbildungen 
geliefert hat. 

Im grössten Maassstabe aber müssen uns diese Wirkungen in 
den ausgedehnten Denudationen tieferer Schichten und in der 
Fortschaffung jener enormen Trümmermassen, wie sie durch die 
Aufsprengung des Bodens gelegenheitlich seiner Erhebung und 
durch den Einsturz der Grebirgsmassen entstanden sind, erscheinen. 
So finden sich südlich von Innsbruck, oberhalb des Dorfes Navis, 
auf den aus Grl immerschiefer und Urthonschiefer zusammengesetzten 
Kämmen, die das Sillthal östlich einschliessen, in grosser Höhe 
vereinzelte Parthien von Kalksteinen der rhätischen Formation in 
normaler Auflagerung. Dieser Kalkstein bedeckte einst zusammen- 
hängend jene Regionen des Gebirges, erscheint unfern davon in 
der Waldrastspitze mehrere Tausend Fuss mächtig, ist jedoch zur 
Zeit in dem fast 2 Meilen breiten Zwischenräume bis auf die 
letzte Spur verschwunden. Derlei inselförmige, trümmerartig auf- 
tretende Reste jüngerer Formationen auf älteren, in Gebirgen von 
stark gestörtem Schichtenbaue — Reste, deren Isolirung nur durch 
Entblössung erklärt werden kann — gehören übrigens nicht zu den 
seltenen Dingen. 

B. Erosion des fliessendfen Wassers. 

22. Hydrodynamisclie Erosion. Die Wasser-Erosion auf mecha- 
nischem Wege oder die Wasserspülung besteht in der durch 
das Wasser mechanisch bewirkten Trennung fester Stoffe aus 
ihrem bisherigen Verbände und in dem Transport dieser Stoffe 
nach tiefer liegenden Gegenden. 

Beide Verrichtungen der Wasserspülung sind in ihrem Maasse 
abhängig von der Stosskraft des fliessenden Wassers; diese aber 
ist eine Function der Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit des 
Wassers ist bedingt durch den Neigungswinkel der Wasserober- 
fläche gegen den Horizont und durch den Widerstand, den das 
Flussbett der Bewegung des Wassers entgegensetzt. Es wird da- 
her, bei gleicher Wassermenge, derjenige Fluss rascher fliessen, 
dessen Neigung gegen den Horizont eine grössere ist, oder welcher 
in einem glatteren Rinnsale sich bewegt. Ein und derselbe Fbia«. 



240 Oro^netischer Theil. 

aber wird bei hohem Wasserstaude eine grössere G-eschwindigkeit 
annehmen, als bei tiefem, weil in dem ersteren Falle der Wid«^ 
stand des Flussbettes gegen die Bewegung des Wassers ein relatir 
geringerer ist. 

Die Stosskräfte bei verschiedenen Geschwindigkeiten verbalten 
sich wie die sechsten Potenzen dieser Geschwindigkeiten. 
Wenn also ein Fluss bei niederem Wasserstande eine Geschwin- 
digkeit besitzt , die ihn fähig macht , einen runden Stein von 
1 Kubik-Ccntimenter körperlichen Inhaltes von der Stelle zu be- 
wegen, so wird derselbe Fluss bei hohem Wasserstande und dop- 
pelter Geschwindigkeit einen runden Stein von 64 Kubik-Centi- 
menter Inhalt fortzuschaffen im Stande sein. 

Man erkennt hieraus leicht, dass die Fallthätigkeit der Ge- 
wässer im Gebirge, wo die Neigungswinkel ihrer Betten in der 
Regel weit grösser sind als in der Ebene, auch eine ungleich grös- 
sere sein muss. 

23. Entstehung der Schnttkegel tind Schlammströme. Die nächst- 
liegende Thätigkeit der Flüsse im Gebirge wird sich auf die 
Herabführung eines Theiles jenes Schuttes erstrecken, der von der 
Erosion über die Berghänge ausgebreitet wird. Diese Abfuhr muss 
bei starken Regengüssen grössere Dimensionen annehmen, und kann 
in besonderen Fällen zur Bildung von Schuttkegeln, gewaltigen 
Schlammströmen und ausgedehnten Vermuhrungen der unteren 
Thalflächen führen. So brach am 5. August 1798, in Folge eines 
heftigen Gewitterregens , ein mächtiger Schlammstrom aus dem 
Mühlbachthale in Pinzgau in das Salzathal hervor, zerstörte hier 
theil weise die Dörfer Mühlbach und Niedernsill und breitete einen 
Schuttkegel über den niederen Thalgrund aus, dessen körperlicher 
Inhalt mit 648 Millionen Kubikfuss berechnet wurde*). Noch grös- 
sere Verheerungen verursachte im Juni 1852 der Ausbruch des 
durch anhaltende heftige Regen übermässig geschwellten Grauner 
Sees im Nauderser Querthale, wodurch ebenfalls die Dörfer Burgeis, 
Schleiss und Laatsch zum Theil zerstört und die Thalfläche bei 
Glurns, der Glurnser Boden genannt, bis Laatsch hinab unter einer 
stellenweise 10 — 12 F. hohen Schuttdecke begraben wurde**). Die 
Alpenthäler sind übrigens voll von grausigen Erinnerungen der- 



*) „Die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" von C. v. Sonklar, pag. 51. 
**) „Die Alluvialgebilde des Etschthales" von Fr. Simony, in den Sitzun^- 
berichten der k. k. Akad. d. W., Maiheft pro 1857. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 241 

artiger Ereignisse, was durch die Zahl und die nicht selten ausser- 
ordentliche Grösse der in allen bedeutenderen Thälern vorkom- 
menden Schuttkegel nur zu begreiflich ist. 

24. Entstehung der Karrenfelder und Erdpyramiden. Friedlicher 
als die so eben beschriebenen Erscheinungen ist die Bildung der 
sogenannten S c h rat ten oder Karrenfelder auf schwach geneigten 
ebenen Hängen des Kalkgebirges durch die vereinigte Arbeit der 
chemischen und mechanischen Erosion des Wassers. Karrenfelder 
bilden sich dort am leichtesten , wo die Schichten in der Richtung 
des abfliessenden Wassers streichen, welches mit Hilfe der mit- 
geführten Kohlensäure, in die der Zerstörung zugänglicheren Kalk- 
blätter erst schwache, dann immer mehr sich erweiternde Rillen 
einnagt, die sich endlich bis zu fuss- oder klafterbreiten, oft dicht 
neben einander hinlaufenden, durch dünne Scheidewände getrennten 
Canälen gestalten. Sie kommen in vielen Kalkgebirgen , in der 
Schweiz, bei Toulon, in Sicilien, Croatien und auch im Dachstein- 
gebirge in Ober-Oesterreich vor, von welch letzterem Vorkommen 
Professor Fr. Simony im Jahrbuche des Oest. Alpenvereins pro 
1871 eine hübsche Abbildung veröflFentlicht hat. Auch die sogenannten 
Erdpyramiden gehören zu den mechanischen Wirkungen des 
fliessenden Wassers. 

25. Entstehung der Erosionsthäler. (Portsetzung.) Am wichtigsten 

aber erscheint die Wasserspülung in ihrem, durch eine unermesslich 
lange Dauer vergrösserten , Einfluss auf die Bildung eben jener 
Thäler — der Erosionsthäler, — von welcher in diesen Absätzen 
eigentlich die Rede sein soll. Am einfachsten tritt diese Art von 
Wasserthätigkeit bei den Rache In oder Regenrissen auf, deren 
Entstehung durch J. G. Kohl, in seinem Reisewerke über Süd-Russ- 
land, so anschaulich beschrieben wurde. Von den Russen werden 
derlei Regenrisse Ruitwina's oder Woipolotsch genannt. Sie bilden 
sich überall dort, wo irgend ein Gewässer über ein aus ange- 
schwemmtem Erdreich gebildetes Plateau hinläuft und dann über den 
Rand desselben, der etwa vom Meeresufer gebildet wird, steil ab- 
stürzt. Hier wo die Fallthätigkeit des Wassers eine grosse ist, wird 
es sich nach und nach immer mehr in den Körper des Plateau's ein- 
nagen, dadurch die Stelle seines Absturzes fortwährend nach rück- 
wärts verschieben*) und auf diese Art mit der Zeit eine tiefe und 
oft stundenlange Schlucht einreissen. Andere kleine, beständige oder 

*) Das Zurückweichen der Absturzstelle wurde für das Jahr mit einem 

Schritt beobachtet. 

Sonklar, Allg. Orographie. \^ 



24% OrogenetUcher Theil. 

temporäre Wasserläufe, die sich von der Seite her in diese Schluclit 
ergiessen, werden gleichartige Nebenschluchten erzeugen, und das- 
selbe werden, unter immerwährender Vergrösserung der älteren 
Risse, auch die Wasserläufe der dritten und vierten Ordnung 
thun, wodurch zuletzt ein System von Wasserrissen entsteht, das 
einem Baume sammt seinen Aesten gleicht. Nebenher aber wird die 
Erosion fort und fort die Ränder diesef Risse benagen, die Gefälle 
derselben vermindern und so endlich nach Jahrtausenden ein voll- 
. .ändiges Thalsystem, wie es in Flachländern eben angetroffen wird, 
zu Stande bringen. 

Auf diesen Vorgang kann in der That alle Thalbildung im 
Hügellande und der grösste Theil derselben im Niedergebifge ohne 
Bedenken zurückgeführt werden. Auch erklärt sich durch Erosionen 
dieser Art, das langsame Zurückweichen der Wasserfälle, wie es 
z. B. beim Niagarafalle beobachtet wurde. 

umfangreicher müssen sich die Wirkungen der Wasserspttlufig 
dort gestalten , wo ein stärkeres Geftlll die Stosskraft des Wassiers 
erhöht und wo es dann grössere und kleinere Geschiebe und Roll- 
steine mit sich führt, die auf das Rinnsal mit der nagendeli 
Friction unzähliger Feilen wirken. Leicht kann man bei jedem 
grösseren Bach im Hochgebirge, wenn sein Wasserstand etwas 
grösser ist als der gewöhnliche, dtö'ch das Rauscheil des Wassers 
hindurch, das dumpfe Getöse der transportirten und an den Fels- 
vorsprüngen des Bettes anprallenden Steine vernehmen. Der Effekt 
dieser Kräfte muss ein verhältnissmässig rasches Eintiefen des Rinn- 
sals in den Boden sein, das natürlich dort noch rascher vor sich 
geht, wo die petrogräphische Natur des Gesteins den zerstörenden 
Einfluss des Wassers begünstigt. Die Alpen haben eine Zahl aus- 
gezeichneter Erosionsschltinde aufzuweisen: die finstere Schlucht 
bei Meiringen , die bei der Brollabrücke im Verzasca-Thale u. a. in 
den Mittel- Alpen. In den östlichen Alpen verdient, unter vielen 
anderen, das Bett der Goritnica bei der Flitsöher-Klause im Gör- 
zischen Erwähnung; über den Schlund ist hier ein einfacher 
gemauerter Brückenbogen gespannt, und ein Stein, den ich vom 
Geländer del* Brücke weg in den Abgrund fallen liess, brauchte 4^2 
Secunden Zeit bis er den Spiegel des Baches erreichte , was eine 
Tiefe von 314 F. ergibt. Man kennt auch Beispiele von auffallend 
raschen Bildungen solcher Erosionsfarchen ; der 1. Abschnitt hat 
einige derselben genannt. 

Die merkwürdigsten und unbestreitbarsten Erosionswirkungen 



Entstehung von Land und Gebirgen. 243 

des fliessenden Wassers sind jedoch die bereits erwähnten Canon's 
in Nord-Amerika , die mit Rücksicht auf ihre Verzweigungen ganz 
den früher erwähnten Regenrissen in Russland gleichen. Auch hier 
ging die Erosion offenbar von der Tiefe aus und schritt, in unge- 
zählten Jahrtausenden, allmälig nach rückwärts bis auf die Höhe 
des Tafellandes fort. Die totale Fallhöhe des grossen Canons des 
Colorado beträgt nahe an 7000 F., daher der mittlere Fallwinkel 
des Flusses in dieser Strecke circa 15 Minuten, was dem Gefälle 
der grossen alpinen Längenthäler nahe kommt. 

Aber ungeachtet einer so erstaunlichen Erosions Wirkung, wie 
sie in den Canons vorliegt, wäre sich wol davor zu hüten, alle 
tiefen und spaltartigen Thäler im Gebirge ebenfalls als Effecte der 
Wasserspülung anzusehen. Wenn man auch von dem weit gerin- 
geren Alter der meisten Hochgebirge im Vergleiche mit dem Hoch- 
lande von Colorado absieht, so ist z. B. die Bildung der Haupt- 
thäler des Alpenlandes doch noch etwas anderes als die Ausnagung 
der Canons. 

26. Es sind in früherer Zeit, als die neptunische Theorie noch 
im vollen Schwünge war, und selbst auch von einigen neueren 
Geologen und Topographen, über die Wirkungen der Wasserspülung 
sehr kunstvolle und sinnreiche Systeme aufgestellt worden*), die 
im Detail viel Richtiges enthalten im Ganzen aber zu viel beweisen 
wollen. Diese Theorien setzen meistens grosse, alles Land über- 
fluthende Wasserbedeckungen voraus, von denen man nicht einsieht, 
woher sie gekommen sein mögen, oder wenn Meere darunter ge- 
meint sind, von denen man nicht leicht begreift, auf welche Art 
sie bei einiger Tiefe die ihnen zugeschriebenen Erosionswirkungen 
auszuüben vermochten. Man weiss jetzt, dass das Meer, selbst bei 
den heftigsten Stürmen, wenige Hundert Fuss unter der Oberfläche 
sich in vollkommener Ruhe befindet, dass starke Strömungen selten 
bis in grössere Tiefen reichen, und dass das Meer die Unebenheiten 
seines Grundes, so viel es ihm möglich, auszuebnen sucht. Aber 
auch die gewöhnliche Wassererosion ist, wie mir scheint, in ihrer 
Bedeutung überschätzt worden, indem man ihr die gesammte Thal- 
bildung, selbst in jenen Gebirgen, die ihre Entstehung nachweislich 
einer Bodenerhebung verdanken, also die Bildung aller grossen 
Längen- und Querthäler, zuschreiben will. Gegen diese Ansicht 
lassen sich nachstehende Einwände erheben: 



*) Siehe z. B. das ^Handbuch der Terrainformenlehre** von Ignaz Cybuiz, 
k. k. Artillerie-HHuptmann, Wien 1862. 



244 Oro^netischer Theil. 

1. Es kann nicht geleugnet werden , dass der Boden gelegen- 
heitlich seiner Erhebung von Spalten zerrissen wurde ; wenn 
nun die Thäler lediglich als Erosionen angesehen werden, 
wohin sind jene primitiven Spalten gekommen? 

2. Die Richtung aller grossen Längen- und Querthäler ßlllt bei 
den durch Hebung entstandenen Gebirgen mit den Richtungen 
der primitiven Spalten, wie sie von der Theorie ermittelt 
worden sind, zusammen. 

3. Wenn nun auch die Querthäler mit der Richtung des Wasser- 
abflusses von dem ursprünglichen Hebungskörper im All- 
gemeinen tibereinstimmen, also durch Auswaschung entstanden 
sein konnten , so kann doch die Bildung der Längenthäler 
nimmermehr auf diese Weise erklärt werden — der Längen- 
thäler, welche die Richtung des Wasserablaufs von dem ur- 
sprünglichen compacten Bergbuckel oft viele Meilen lang 
quer durchsetzen, und von denen im Sedimentärterrain 
gewöhnlich zwei oder mehrere dicht neben einander liegen, 
während innerhalb des centralen Gebirges diese Längenthäler 
oft auf grossen Strecken gänzlich fehlen. 

4. Die Synklinale Schichtenstellung in solchen Thälem zeigt nicht 
minder evident einen Ursprung an, der von der Erosion ganz 
unabhängig ist. 

5. Aber auch bei den grossen primitiven Querthälem, welche von 
den Structurflächen des Gebirges nicht selten rechtwinklig oder 
unter grossen Winkeln geschnitten werden, ist bei der gewöhn- 
lichen Regelmässigkeit ihres Verlaufes eine Erosionsbildung 
nicht vorauszusetzen, wenn auch anerkannt werden muss, dass 
viele der primitiven Spalten durch die Wasserspülung tiefer 
gelegt, erweitert und umgestaltet worden sind. 

6. Die in den Querthälern vorkommenden Seen, deren Grund 
nicht selten viele Hundert Fuss unter die Höhe ihrer, nicht 
etwa durch einen Einsturz erhöhten, Ausflussöflfnung hinabgreift, 
beweisen auf das klarste, dass hier Spalten vorliegen, die an 
manchen Stellen tiefer in den Sockel des Gebirges einschnitten 
als an anderen, was seinen Grund in den örtlich verschiedenen 
Cohäsionsverhältnissen der von der Spalte durchfurchten Fels- 
massen gehabt haben mochte. Diese tieferen Stellen in den 
Spalten konnten doch unmöglich durch die Erosion ausgenagt 
worden sein, da hier, vor dem thalabwärts erhöhten Grunde 
der Thalfurche, jede Erosion aufhören, die Seebildung beginnen 



Entstehung von Land und Gebirgen. 245 

und demnach eher eine Auffüllung der Spalte durch Gerolle 
eintreten musste. 

7. Ein eben so scharfes Argument gegen jene ausschliesslich 
hydrodynamische Theorie der Thalbildung liegt in der Existenz 
jener blinden Thal er, wie sie bei dem westlichen Arme des 
Lago di Como, am Lago di Lugano und besonders bei den 
grossen und langen Kesselthälern des Karstlandes, in Krain, 
Croatien und Bosnien vorkommen. 

8. In sehr vielen Thälern zeigt der im Thalgrunde aufgelagerte 
und bis auf unbekannte Tiefen hinab reichende Felsschutt, 
den die Stosskraft des Wassers nicht zu durchnagen oder nur 
sehr langsam fortzuschaffen vermag, dafts einst häufig auf- 
tretende, mehr oder minder beträchtliche Unterschiede in der 
Tiefe stattfanden, bis zu welcher eine und dieselbe Spalte in 
den verschiedenen Theilen ihrer Länge die Sockelmasse des 
Gebirges durchschnitt. Wäre die Erosion die alleinige Ursache 
der Thalbildung, so würde der Bach oder der Fluss wol 
überall über den Felsgrund dahinfliessen , weil er an jeder 
Stelle den Grund dann erst annagen kann, wenn er sein Bett 
unterhalb tiefer eingeschnitten und freien Abfluss hat. Eine 
Ausnahme von dieser Regel kommt nur an jenen Stellen vor, 
wo etwa ein Bergsturz jüngeren Alters , oder ein mächtiger, 
aus einem Seitentbale hervorgebrochener Schuttkegel, eine 
Stauung der Gewässer und eine secundäre Ablagerung von 
Bergschutt bewirkt hat. 

9. Endlich verdient noch erwähnt zu werden, dass es im Ge- 
birge eben nicht selten Stellen und Lagen gibt, wo ein und 
dasselbe Gewässer sich zwei Abflusswege zugleich geöffnet 
haben müsste, wenn die Thalbildung ausschliesslich den Weg 
der Erosion gegangen wäre. Dies anzunehmen wäre jedoch 
gewiss nicht statthaft. In solchen Fällen muss wol mindestens 
eines der beiden Thäler auf eine andere Art zu Stande ge- 
kommen sein. So z. B. stand der Salza, ehe noch der Durch- 
bruch bei Werfen gebildet war, der ganz bequeme Abfluss 
durch das Saalachthal über Saalfelden und Lofer zur Ver- 
fügung, und dasselbe kann auch für die Fersina bei Pergin e 
gesagt werden. Ebenso konnte sich die Enns gewiss viel 
leichter den Abfluss durch das Liesing-Paltenthal über Rotten- 
mann eröffnen, als es ihr möglich war , die fast zwei Meilen 
lange Thalkehle des Gesäuses durch das Gebirge auszuikaj^x;^. 



246 Orogenetischer Theil. 

Am merkwürdigsten aber ist in dieser Beziehung das Höhlen- 
steiner Thal , dessen Mündung gar auf der Höhe des Tob- 
lacher Feldes liegt n. s. w. 

27. Mit diesen Sätzen soll blos der Einfluss der Erosion auf 
die Thalbildung im höheren Gebirge auf sein natürliches Maass ein- 
geschränkt werden. 

Fliesst das Wasser über einen steilen Abhang herab, so wird 
es derjenigen Schichte zu folgen geneigt sein, die der Erosion den 
geringsten Widerstand entgegensetzt; es wird sich also sein 
Rinnsal in diese Schichte eingraben, dasselbe immer mehr ein- 
tiefen und dadurch die Einwirkung anderer Erosionskräfte auf die 
Ufer des Rinnsals befördern. Verwitterung, Einstürze, Frost werden 
jetzt vermehrte Angriffsflächen vorfinden und mit vereinten Kräften 
die Erweiterung des beginnenden Thaies herbeiführen. Hierdurch 
wird ein, immer grössere Räume umfassender Zug sowol der per- 
manenten Wasserläufe als auch der meteorischen Wässer gegen 
jenes grössere Rinnsal eintreten, und so wird, durch die verbundene 
Thätigkeit der chemischen , hydrochemischen und mechanischen 
Erosion, nach und nach ein kleines Thalsystem entstehen, das mit 
seinen Armen theils bis auf den Kamm, theils bis auf die seit- 
lichen Wasserscheiden zurückgreift. Auf dem Kamme selbst wird 
die mechanische Erosion des Wassers so ziemlich gleich Null sein. 
Dieser kann in erster Instanz wol nur durch den Einsturz und 
durch die Verwitterung sammt ihren unterstützenden Kräften (Frost, 
Blitzschläge, Stürme) seine Form empfangen. Die Wasserspülung 
aber wird die Kammgehänge durchfurchen und gestalten. Sie wird 
hier auf die beschriebene Weise alle die unzähligen Seitenthäler, 
Rinnen, Tobel und Runsen ausnagen und dadurch alle die tausend- 
gestaltigen, mehr oder minder steil niederstreichenden Gehäng- 
wölbungen und Felsrippen, mit ihrem unermesslichen Formendetail 
erzeugen, wie es eben im Gebirge überall wahrzunehmen ist. Auf 
die Modellirung der Kämme aber wird sie nur mittelbar dadurch 
Einfluss nehmen, dass sie fort und fort durch Unter wiihlung des 
Grundes bald diesen, bald jenen Theil des Gehängt- s zum Einsturz 
bringt und auf diesem Wege Wirkungen erzielt, die mit der Zeit 
zu beträchtlichen Summen anwachsen. 

Dana hat eine Beschreibung über die Vorgänge bei der durch 
Erosion stattfindenden Thalbilduug gegeben *), nach welcher die 

*) „Manual of Geology". Abschnitt: „Dynamial Geology", pag. 636. 



Fig. 57. 




-^^^ 



Entstehung von Land und Gebirgen. 247 

Thalfurche auf die in dem nebenstehenden Holzschnitte verbild- 
lichten Weise entstehen soll. Die Linien am, an, ao und op deuten 
die aufeinander folgenden Stadien in den Fortschritten der Erosion 
an, und bei dem letzten 
nennt er a6 den Abschnitt 
der Wasserfälle, hp den 
Abschnitt der Katarakte 
(torrent portion) und^c den 
Flussabschnitt (river por- 
tion). Doch ist hier nicht 
leicht einzusehen, wie aus dem convexen Thalprofil am, das con- 
cave ao oder ap sich herausbildet. Auch hat dieses Profil in den 
hohen Kämmen der Granit-, Gneiss- und Urschiefer-Gebirge in der 
Regel eine ganz andere Form (siehe Fig. 27, 28). Der von Dana 
geschilderte Vorgang hat \ sonach keinen Anspruch auf allgemeine 
Giltigkeit. 

28. Bei der Erosionsthätigkeit des fliessenden Wassers sind 
noch einige secundäre Erscheinungen von Wichtigkeit zu beachten. 

Wenn ein Fluss sich krümmt, so wird das Wasser, dem Träg- 
heitsgesetze gemäss, mit seiner vollen Geschwindigkeit und Stoss- 
kraft das concave Ufer treffen und hier nicht nur ein steiles Ge- 
stade erzeugen, sondern auch seinen Thal weg näher an dieses Ufer 
verlegen. Am convexen Ufer aber werden Geschwindigkeit und 
Stosskraft massigen sein ; der Fluss wird in Folge dessen einen 
Theil der mitgeführten erdigen Stoffe auf dieser Seite ablagern und 
das Ufer demnach flach und sandig werden. Dadurch ergeben sich 
die Begriffe Stoss- und Leeseite des Flusses. Die von der 
Stossseite reflectirte Strömung wird sofort, wenn ihre Geschwindig- 
keit nicht ganz unbedeutend ist, in einiger Entfernung an das andere 
Ufer prallen und hier dieselben Erscheinungen hervorrufen, woraus 
sich vielleicht der Zickzacklauf der Bäche im Gebirge 
und das coulissenartige Uebereinand ergreifen der Thalhänge er- 
klären lässt. 

29. Entstehung der Ufer- und Berg-Terrassen. In Folge der Erosion, 
durch welche die Flüsse ihre Strombetten allmälig tiefer legen, 
kommt die Bildung der im morphologischen Theüe dieser Arbeit 
bereits erwähnten Ufer- und Berg -Ter rasten zu Stande. Ich 
möchte mit dem ersteren Namen die nur wenig über das jetzige 
Flussbett erhöhten, mit dem letzteren Worte aber die hoch an den 
Thalwänden hinlaufenden Terrassen verstehen; eine Höhengrenze 



248 Orogenetiscber Tbeil. 

zwischen beiden kann freilich nicht gezogen werden. Die einen wie 
die anderen sind demnach als ältere Thalsohlen anzusehen, in 
welche sich der Fluss sein gegenwärtiges tieferes Bett eingegraben 
hat. Den jetzigen oder tiefstliegenden Thalgrund nennt Dana, wenn 
er eine gewisse Breite hat, die Flussebene (flood-plaine) *), und 
hält ihre Breite abhängig theils von der allgemeinen Configu- 
ration des Landes, theils von der Möglichkeit, die dem Flusse 
gegeben ist, von der einen Thalwand zur anderen zu oscilliren. 
So hat die Flussebene des Sacramento eine Breite von 10 g. M., 
und noch breiter ist die des Mittel-Rhein bei Strassburg oder die 
der Donau in der kleinen und grossen ungarischen Tiefebene. Im 
Gebirge sind die Flussebenen gewöhnlich schmal. Die Höhe der Ufer- 
Terrassen übersteigt selbstverständlich die des höchsten Wasser- 
standes, und zuweilen liegen zwei oder mehrere solcher Uferterrassen 
nahe neben- und übereinander. So kommen am Genfersee, bei 
Bern und Aarau deren drei (15, 30, 45 Meter), ^ in Italien an der 
Stura bei Borge Dalmazzo (64 , 45, 63 Meter) und am Oglio (5, 
15—80 Meter) ebenfalls drei, an der Adda zwei (9 — 30 Meter), am 
Po und am Tessin (10, 25, 45, 60, 75, 80 Meter) sogar sechs 
solche Uferterrassen vor. Die hier unter den Klammern beigefügten 
Zahlen geben die Höhen dieser Terrassen über das jetzige Fluss- 
bett an. 

Die höchsten bisher beobachteten Bergterrassen sind vielleicht 
die bei Leh im oberen Industhale ; sie bestehen aus diluvialen 
Ablagerungen, erheben sich 1500 — 2000 F. über die Flussebene 
des Indus, sind beinahe ganz horizontal und dringen unter strenger 
Einhaltung gleichen Niveaus in alle Nebenthäler ein **). Die Berg- 
terrassen im Drauthale und bei Innsbruck sind aus neogenen Ge- 
bilden zusammengesetzt, liegen 500 — 600 F. über der Thalsohle 
und fallen gegen diese mit steilen Rändern ab. 

30. Serpentinen der Flüsse. Im Unterlaufe der Flüsse ist bei 
der Trägheit der Wasserbewegung die Erosion meist nicht mehr 
im Stande, den Widerstand, den einzelne, fester agglomerirte Theile 
des Bodens der Laufrichtung des Flusses entgegensetzen, zu über- 
winden und zu beseitigen. Der Fluss wird dadurch genöthigt, diese 
Hindernisse zu umgehen, wodurch dann jene Krümmungen ent- 
stehen, welche man Serpentinen oder Mäanderkrümmungen 

*) ^Manual etc.", pag. 641. 
**) „Notes on the PangoDg Lake of Ladakh" von Capt Godwin-Austen, in 
den „Journals of the R. Geogr. Soc. of London", Band 37, pag. 343. 



Entstehung von Land und Gebirgen. 249 

nennt. Ausserordentlich reich an solchen Serpentinen ist die Theiss, 
deren Lauf länge nur in der Strecke zwischen Szolnok und Szegedin, 
durch die Regulirung derselben in den letzten Jahren, um nicht 
weniger als 16'/^ Meilen abgekürzt werden konnte. Starke Mäan- 
drirungen zeigt auch die Donau im Wiener Becken, dann die Save 
und die Weser, Und was selbst grosse Ströme in diesem Fache zu 
leisten im Stande sind, das lässt die Wolga und insbesondere der 
Mississippi erkennen. Bei dem grossen Buge, den die Wolga bei 
Samara macht, kommt man nach einer Fahrt von nahe an 30 Meilen 
nur um 4 Meilen weiter, als man ohne jenen Bug gekommen wäre. 
Die gewöhnliche Begleitung von MäanderkrQmmungen sind ausge- 
dehnte Versumpfungen der Flussufer. 

31. Gehalt der Flüsse an festen Stoffen. Interessant endlich ist 
die Kenntniss der Menge fester Stoffe, welche den Flüssen 
von der Erosion geliefert und von ihnen in das Meer getragen 
wird. Durch die Beziehung dieser Menge auf das Stromgebiet ge- 
winnen wir eine Vorstellung von dem Maasse der Erdabtragung 
durch die Erosion in einer bestimmten Zeit; die Menge dieser 
Stoffe überhaupt aber gewährt uns die Einsicht in den Umfang des 
Materials, welches theils zu den Versandungen und den Deltaan- 
sätzen der Flussmündungen, theils zu den am Meeresgrunde fort- 
während in Neubildung begriflfenen unorganischen Sedimenten ver- 
wendet wird. So hat man gefunden , dass der mittlere jährliche 
Schlammgehalt des Indus an seiner Mündung 0*25 Procent und 
im Jahre nicht weniger als 5258 Millionen W. Kubikfuss beträgt, 
was einem festen Erd Würfel von 1739 F. Seite gleichkommt. Ver- 
theilt man diesen Betrag auf das Stromgebiet, so zeigt sich, dass 
die Erosion dasselbe schon in weniger als 200 Jahren durch- 
schnittlich um 1 F. erniedrigt *). Weit geringer ist der Gehalt des 
Ganges an festen Stoffen, deren Menge sich im Jahre nur auf 
1368-677400 Kubikfuss beläuft und eine Abtragung des Stromge- 
bietes andeutet, die erst in 1751 Jahren 1 F. beträgt. Noch ge- 
ringer endlich ist die Schlammführung des Mississippi, welche 
sich für das Jahr mit 3702-758000 Kubikfuss, und die Zeit, die die 
Erosion hiernach benöthigt, um sein Stromgebiet um 1 F. zu er- 
niedrigen, auf 9000 Jahre berechnet. Bei anderen Flüssen hat man 



*) „On the lower portion of the River Indus" von Colonel Tremenhere. 
„Jonmals of the R. Geogr. See", Band 37. — Ich glaube, da^s die hier mitgetheil- 
ten Bestimmungen mit Vorsicht aufzunehmen seien. Die Zahlen sind unverhält- 
nissmä^sig gross. 



250- Orogenetischer TheU. 

den Schlammgehalt des Wassers wie folgt ermittelt: beim 
Hoangho mit 0-50, bei der Tiber mit 0*40, beim Rhein mit 
0*35 und beim Nil mit 0-16 eines Procents. 

32. Erosionen des Meeres. Zu den für die Gestaltung der 
Küsten wichtigen Erosions-Erscheinungen gehören diejenigen, die 
durch das Meer hervorgerufen werden. Bei der Anwesenheit 
verschiedener Salze im Meerwasser besitzt dasselbe überhaupt 
eine grössere erodirende Kraft als das süsse Wasser, wozu 
sich die mechanischen Wirkungen des Meeres gesellen, die 
es in Folge seiner Wellenbewegung, seiner Strömungen, der Ebbe 
und Fluth, im höchsten Grade aber bei Stürmen und Sturm- 
äuthen äussert, und die zu jenen grossen Veränderungen und 
Zerstörungen der Küsten führen, von, denen im 1 Abschnitte bei 
der Küstenbildung die Rede war. Die Einbrüche des Meeres in 
das Land und die Einstürze felsiger Küstentheile sind solche Wir- 
kungen. 

33. Pjordenbildung. Denselben Einflüssen möchte ich, beson- 
ders für jene Küsten, gegen welche eine starke Strömung unab- 
lässig ihre Wässer zutreibt, die Ausbildung der sogenannten 
Fjorde, d. i. jener schluchtartigen, steilwandigen, tief in das Land 
eingreifenden und oft vielverzweigten Meeresarme , wie sie in Nur- 
wegen in typischer Vollkommenheit vorkommen, zuschreiben. Ich 
thue dies jedoch nur wie gesagt mit Rücksicht auf ihre Ausbildung, 
nicht aber auf ihre ursprüngliche Bildung, da ich. sie, 
nach allen ihren Merkmalen, für nichts Anderes als für dynamische 
Thal er, d. h. für primitive Spalten halte, die bei der Hebung des 
Gebirges entweder gleich anfangs bis unter das Meeresniveau 
hinabgriffen, daher von vornherein mit Wasser erftlllt waren, oder 
aber erst durch ein nachmaliges Sinken des Landes unter deo 
Meeresspiegel tauchten. In dem einen wie in dem anderen Falle 
ist es die Aufgabe des Meeres geworden, sie mit seinen mächtigen 
erodirenden Kräften zu reinigen und ihnen vollends jene Form zu 
geben, die sie heut zu Tage besitzen. Oskar Peschel hat in seinen 
„Geographischen Problepien", mit denen er sich als einen der 
ersten raisonnir enden Geographen der Gegenwart auswies, die Frage 
der Fjordenbildung mit Geist behandelt und nachgewiesen, dass 
sie sich nur auf die kälteren Zonen der Erde (etwa bis zur Iso- 
therme von 8^ R. herab) beschränken. Nachdem er sie nun in 
dem ersten Theile seines Aufsatzes „die Fjordenbildungen" längere 
Zeit für klimatische Erscheinungen gehalten, kommt er in d^ 



Entstehung von Land und Gebirgen. 251 

letzten, später geschriebenen Absätzen ebenfalls zu dem Schlüsse, 
dass die Fjorde Spalten seien, die durch die Zertrümmerung der 
Küste, bei Gelegenheit ihrer Erhebung, in das Gebirge eingesprengt 
wurden. Auf diese Art wird es klar, weshalb Fjorde nur an steilen 
und gebirgigen Küsten angetroffen werden, weil nur an solchen 
die Bedingungen zur Fjordenbildung (Hebung und Zerspaltung 
des Bodens) sich einstellen konnten. Auch Peschel hat hiermit 
die Behauptung Robert Brownes (des berühmten Botanikers, wenn 
ich nicht irre) zurückgewiesen, der die Entstehung der Fjorde 
lediglich den erodirenden Einwirkungen der Gletscher zu- 
schreibt *), 

C. Erosionen durch Wind, Lawinen, Gletscher und Wassereis. 

34. Erosion durch den Wind. Die Erosion durch den Wind darf 
keineswegs gering angeschlagen werden. Eigentlich wirkt der Wind 
doch nur als Transportmittel flir die Fortschaffung der durch die 
Verwitterung verkleinerten Theile des Erdfesten. Durch den Wind 
werden diese Theile als Staub von den Bergen herab in die Tiefe 
getragen. Gewiss rührt ein nicht unbeträchtlicher Bruchtheil der 
gewöhnlichen Pflanzenerde der Ebenen von dem Staube her, 
welcher ihr im Laufe der Zeit durch den Wind zugeweht wird. 
Der Wind ist es ferner, der die höheren Lagen der Gebirge, die 
Kämme, Gipfel und Felsen, ihrer Erde, und damit der Haupt- 
bedingung für pflanzliche Besiedlung beraubt. Die Bora hat den 
Karst auf dieselbe Art, nachdem er einmal seiner schützenden 
Walddecke entkleidet war, zu einer traurigen , menschenleeren 
Wüste gemacht, und eben so ist der Mistral mit den Ber- 
gen der Provence verfahren. Der Wind ist es nicht minder, 
der als herrschender Nordostpassat den Sand der Sahara fortwäh- 
rend gegen Südwesten treibt, dadurch, wie Barth erzählt, weite 
und gesegnete Landstriche in Timbuctu dem grossen Sandmeere 
bleibend einverleibt hat, und der immerfort den Meeresgrund längs 
der Küste von Sahel derart mit Sand auf?tillt, dass man stunden- 
weit in das Meer hinauswaten kann. Aehnliche Sandbewegungen 
kommen auch in der Gobi und auf dem Plateau von Iran vor, 
wo die ehemaligen Hauptsitze der persischen Cultur, Persepolis und 



*) nOn the formation of Fjords, Canons, Benches, Prairies and Intermittent 
Rivers" von Rob. Brown, in den „Journals of the R. Geogr. Soc. of Londo^i", 
Band 39, 121. 



252 OrogenetiHcher Theil. 

Susa, längst in Wüsten umgewandelt sind. Bekannt ist es endlich, 
dass grosse Sandwehen den Lauf des Amudarja, der sich früher 
in den Kaspi-See ergoss, nach dem Aral-See ablenkte. 

Erosion durch Lawinen. Im Hochgebirge werden durch 
Lawinen nicht selten Erd- und Öteinraassen in die Thäler herab- 
geworfen und nebenher, durch den Druck des vor der stürzenden 
Lawine einhergehenden Windes, grosse Verheemngen angerichtet. 

Erosion dnreh Gletscher. Ueber die erodirende Action der 
Gletscher sind sehr abweichende Ansichten geäussert worden. Ga- 
staldi lässt tiefe Seebecken durch die Gletscher ausnagen und 
Robert Brown hält, wie oben erwähnt, auch die Fjorde für Wir- 
kungen der Gletscherfriction, während ^on anderen diese Wirkungen 
nur als gering veranschlagt werden. 

Die Gletscher-Erosion entwickelt ihre Thätigkeit in zwei Rich- 
tungen: einmal, indem der Gletscher als Vehikel für den Transport 
der im höheren Gebirge abgebröckelten Felsfragmente nach tieferen 
Gegenden dient, und zweitens indem er thatsächlich auf den Boden 
den er bedeckt erodirend einwirkt. 

Der auf das Firnfeld oder auf den eigentlichen Gletscher 
herabfallende Bergschutt, aus Felsstücken jeder Grösse, vom Sand- 
korn bis zu dem Umfange eines Hauses bestehend, wird in Folge 
der cigenthümlichen Bewegung des Eises, langsam zu Thal ge- 
tragen, bis er über die Endabdachung der Eiszunge herabfällt und 
sich hier als Endmoräne ansammelt. Viele dieser Gesteinstrümmer 
fallen mittlerweile durch Spalten oder längs dem im Sommer klaf- 
fenden Uferrande unter den Gletscher hinab, und werden hier unter 
dem Ungeheuern Drucke des Eiskörpers zermalmt oder zu einem 
feinen Schlich zerrieben, den die unter dem Eise fliessenden Ge- 
wässer fortführen. Tritt nun der Gletscher in ein flacheres und 
schwachgeneigtes Thal heraus, so sammeln sich jene Gesteins- 
Trümmer so wie der erwähnte Schlich zu einer ungeschichteten 
Masse an, die den Thalgrund unmittelbar bedeckt und vom Gletscher 
bedeckt ist und den Namen Grün dmoräne führt. Bei temporären 
Vergrösserungen des Gletschers, schreitet die Eismasse über die 
Grundmoräne hinweg und lässt sie unangetastet unter sich liegen. 
Da nun die Gletscher zur Zeit des Diluviums eine weit grössere 
Entwickelung erreichten als jetzt, so werden sowol alte End- als 
auch Grundmoränen an Orten angetroflfen, die jetzt reich bebaut 
und bevölkert sind. 

Durch die Reibung des Gletschers mit dem Felsbette in dem